Die moderne Universität gilt gemeinhin als freier Raum des uneigennützigen Forschens, des kritischen Denkens und der individuellen Verantwortung, abgeschottet von Politik und Markt. Die US-Milliardärs-„Philantropen“ haben sie korrumpiert und zum Herrschaftswerkzeug gemacht.
Selbst ihre Kritiker behandeln Abweichungen von diesem Ideal meist als bedauerliche Ausnahmen, nicht als Ausdruck der Institution selbst. Susanne Dodillet, Dozentin für Pädagogik und Ideenhistorikerin an der Universität Stockholm, setzt an einem nüchterneren Punkt an: Die Universität als Ganzes funktioniert als Propaganda-Instrument und als Apparat der Governance. Sie ist kein autonomer Bereich, sondern sowohl Objekt als auch Instrument der Steuerung und der Schlussstein der technokratischen Expertengesellschaft, in der wir leben.
Vom humanistischen Anspruch zur Messbarkeit
Am 10. und 11. Oktober 2026 hielt Dodillet auf dem vierten Omniwar-Symposium von David A. Hughes den Vortrag „From Humanist Reflection to Social-Scientific Governance: The Corruption of the Modern University“.
Der Text stützt sich auf ihr 2026 bei Celanders erschienenes Buch Historien om det moderna universitetet. Från humanistisk reflektion till samhällsvetenskaplig styrning. Anhand des schwedischen Falls zeichnet sie nach, wie die Universität im 20. Jahrhundert von einem Ort humanistischer Reflexion zu einem Apparat sozialwissenschaftlicher Steuerung umgebaut wurde.
Die Rolle der amerikanischen Forschungsphilanthropie
Der entscheidende Impuls kam von der amerikanischen Forschungsphilanthropie. Deren großangelegte Investitionen bauten eine empirische Sozialwissenschaft auf, die darauf angelegt war, die Gesellschaft messbar und steuerbar zu machen – ein Instrument sozialer Kontrolle. Sobald soziale Fragen zu Objekten der Messung umdefiniert werden, hören sie auf, moralische und politische Angelegenheiten zu sein, und werden zu technischen Problemen.
Diejenigen, die für die Kartierung bezahlen, definieren zugleich die zu kartierenden Probleme und die Richtung, in die sie gelöst werden sollen. Der Wohlfahrtsstaat, der auf diesen Strukturen aufgebaut wurde, kümmert sich um die Menschen – und entwaffnet zugleich ihren Widerstand gegen die Konzentration von Macht.
Strukturelle Korruption und Digitalisierung
Möglich gemacht hat dies nicht eine einzelne Disziplin, sondern die Institution als Ganzes. Nichts verbirgt einen Steuerungsapparat besser als der gute Ruf der freien, wahrheitssuchenden Wissenschaft. Darin liegt die strukturelle – nicht bloß anekdotische – Korruption der modernen Universität: Nicht die Qualität des Denkens, sondern die Interessen der Geldgeber entscheiden, welche Fragen gestellt werden und welche Antworten Autorität gewinnen.
Heute nimmt die Ausweitung der Steuerbarkeit neue Formen an. Die Informationserhebung intensiviert sich durch Digitalisierung und immer dichtere Überwachung. Die Universität bleibt der Entwickler, der diese Technologien realisiert – und neu ausgestattete Forschungszentren präsentieren sie als Wissenschaft und öffentlichen Nutzen, den alle willkommen heißen sollen.
Dodillets frühere Diagnosen
Dodillet hat diese Diagnose bereits früher formuliert. In einem Interview mit NewsVoice im Mai 2025 beschrieb sie die Universitäten als zunehmend propagandistische Instrumente in den Händen der wirtschaftlichen Elite. Reformen hätten die schwedische Bildungslandschaft von einem lebendigen, vielfältigen Bildungskontext in eine bürokratisierte, gleichgeschaltete Indoktrinationsanstalt verwandelt.
Mächtige Interessen erzeugen den Schein von Konsens – etwa in der Klimaforschung –, indem sie Forschungsmittel einseitig verteilen.
Nicht verbessern – Illusion der autonomen Wissenschaft aufgeben
Ihr Zugang ist radikal kritisch: Sie will die bestehende Ordnung nicht verbessern, sondern problematisieren und Alternativen erinnern. Genau das macht die Analyse so unbequem. Sie zeigt, dass die Universität nicht „auch“ oder „gelegentlich“ von außen beeinflusst wird, sondern dass ihre Funktion als Steuerungsinstrument in ihrer modernen Form angelegt ist.
Der humanistische Anspruch der Reflexion wurde systematisch durch die sozialwissenschaftliche Logik der Messbarkeit und Steuerbarkeit ersetzt – und die Institution selbst liefert die Legitimation dafür.
Für eine Gesellschaft, deren Führungsschichten die Bevölkerung längst als zu managende Größe behandeln, ist das keine Nebensächlichkeit. Wenn die Orte, an denen freies Denken institutionalisiert sein sollte, strukturell darauf ausgelegt sind, Fragen zu technischen Problemen zu machen und die Antworten derjenigen zu bevorzugen, die zahlen, dann ist der öffentliche Diskurs kein offener Streit mehr, sondern eine verwaltete Inszenierung.
Die Gürtel anlegen heißt hier auch: die Illusion der autonomen Wissenschaft aufgeben und die Mechanismen der Steuerung erkennen.
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© Foto: Universität Wien
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2 Kommentare
Die „Freiheit“ der Uni (Wien) zeigte sich am besten in der Coronazeit mit dem Impfzwang!
Das Studium ist weitgehend zum Sektierertum verkommen. Heute ist jeder Schreiner oder Sanitärinstallateur einem Abdolventen der Gesellschafts- und Sozialwissensschaften haushoch überlegen.
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