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Politik

Junge Wähler misstrauen der Regierung, Brüssel stuft Deutschland als „bedroht“ ein

8 Kommentare 6. November 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Zwei Meldungen vom 5. und 6. November berühren dasselbe Thema: Wie viel Vertrauen haben die Bürger in das, was Berlin und Brüssel tun? Rebelliert die Jugend wie 1968? Was ist der Unterschied zur früher?

Der ARD-DeutschlandTREND vom November (Infratest dimap, 1.297 Wahlberechtigte, 2. bis 4. November) fragte, welcher Partei man am ehesten zutraut, sich für junge Menschen einzusetzen. Bei den 18- bis 34-Jährigen liegen die Linke mit 29 und die AfD mit 21 Prozent vorn. Die Grünen kommen auf 12, die Union auf 5 und die SPD auf 3 Prozent. In der Gesamtbevölkerung liegen Grüne und AfD mit je 18 Prozent vorn, vor den Linken mit 15. Die Regierungsparteien punkten vor allem bei den über 65-Jährigen.

Nun war das so im Prinzip schon immer so. Als die Grünen auf der 1968-Protest-Welle in die Parlamente geschwemmt wurden, war das auf Grund ähnlicher Voraussetzungen. Hinzu kam noch der Kampf gegen die Generation, welche für viele Junge für den Krieg verantwortlich waren, und nun die Zukunft bestimmen wollten.

Das Muster zieht sich heute durch viele Sachfragen. Beim bezahlbaren Wohnraum nennen 32 Prozent der Jüngeren die Linke und 19 Prozent die AfD. Bei der sozialen Gerechtigkeit führt die Linke mit 32 Prozent, vor der SPD (17) und der AfD (14). Hier hat die Linke offensichtlich die Rolle der SPD übernommen, die in den Augen der Jungen mitverantwortlich für die wirtschaftliche Situation ist. In jedem abgefragten Feld traut außerdem rund ein Fünftel überhaupt keiner Partei etwas zu. Nach dpa-Bericht auf web.de überrascht vor allem dieses Bild.

Hinzu kommt das erschütterte Aufstiegsversprechen. 72 Prozent der 18- bis 34-Jährigen sagen, ihre Generation habe es schwerer, Wohlstand aufzubauen (alle Altersgruppen: 58 Prozent). Dies ist natürlich eine Folge der Tatsache, dass der Nachkriegsboom in Verbindung mit dem Aufbau Deutschlands als Bastion gegen den Kommunismus ganz andere Möglichkeiten für die damalige Generation bot, als heute ein gesättigter Markt und globaler Wettbewerb. Dass Fleiß und Leistung zum Wohlstand führen, bejaht die Gesamtbevölkerung knapp mit 54 Prozent. Die Jüngeren sehen es mehrheitlich anders: 55 Prozent stimmen nicht zu. Das deckt sich mit der Jugendstudie 2026 von Potsdam und Konstanz, die einen Höchststand bei psychischer Belastung und wachsende Polarisierung ausweist. Forscher warnen laut Tagesspiegel, die politische Mitte schmelze dahin.

Die Straße

Dieses Gefühl sucht sich ein Ventil. Die Initiative „Gen Z regelt“ rief für den 31. Oktober in rund 30 Städten zu Protesten auf. Laut t-online lagen vorab etwa 145.000 Online-Zusagen vor, als Vorbild dienten Schülerproteste in Frankreich. Die Forderungen reichen von Geld für Schulen über bezahlbares Leben bis zum Nein zur Wehrpflicht. In Berlin demonstrierten laut dpa Tausende friedlich.

Die Bewegung ist umstritten. Die Bundesschülerkonferenz solidarisierte sich mit den Anliegen, warnte aber vor Vereinnahmung. Mehrere Landesschülervertretungen distanzierten sich und unterstützen stattdessen eine eigene Demo am 20. November. Der bisherige Bundessprecher zog sich zurück. Wer genau hinter der Initiative steckt, ist laut Berliner Zeitung nicht öffentlich bekannt. Die Junge Union Berlin Mitte forderte Amtshilfe der Bundeswehr gegen die Proteste.

Die Bevölkerung sieht das gelassener. 73 Prozent haben Verständnis für die Anliegen, 22 Prozent nicht. 82 Prozent meinen, die Politik berücksichtige junge Menschen schlecht. Die Grenzen sind aber klar: 89 Prozent halten angemeldete Demos für gerechtfertigt, 95 Prozent lehnen Gewalt ab, und je rund zwei Drittel lehnen Straßenblockaden und Besetzungen ab.

Bei der Wehrpflicht sind die Zahlen weniger eindeutig. Seit Januar gilt: Alle Männer ab Jahrgang 2008 werden gemustert und füllen einen Fragebogen aus, der Wehrdienst selbst bleibt freiwillig. 64 Prozent halten das für richtig. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es nur 48 Prozent, 42 Prozent halten es für falsch.

Migrationsdruck: Berlin bleibt auf der Liste

Am 6. November startete die EU-Kommission den zweiten jährlichen Migrationsmanagementzyklus. Laut Mitteilung der Kommissionsvertretung gelten Deutschland und 14 weitere Staaten als „von Migrationsdruck bedroht“. Die anderen sind Belgien, Tschechien, Estland, Irland, Frankreich, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Polen, Rumänien, Slowenien und Finnland. Als Gründe nennt die Kommission für die Gruppe insgesamt viele illegale Einreisen, Sekundärmigration, Asylanträge, den vorübergehenden Schutz für Ukraine-Flüchtlinge oder die Gefahr einer Instrumentalisierung von Migration. Die Staaten bekommen vorrangigen Zugang zum EU-Unterstützungsinstrumentarium, ihre Lage wird überwacht.

Parallel schlägt die Kommission einen Solidaritätspool für 2027 vor. Der Vorschlag ist nach den Regeln des Pakts nicht öffentlich. Der Rat muss die Größe festlegen und regeln, wer welchen Anteil trägt. Erst nach dem Ratsbeschluss werden die Beiträge öffentlich und rechtsverbindlich. Innenkommissar Brunner sagt, die illegale Migration gehe „weiterhin deutlich zurück“.

Neu ist die Einstufung nicht. Schon im November 2025 stand Deutschland auf dieser Liste, und die Bundesregierung folgerte daraus, 2026 keine Migranten aus anderen Staaten übernehmen zu müssen. Innenminister Dobrindt sagte dem ZDF, Deutschland könne sich frühere Aufnahmen anrechnen lassen. Eine Analyse bei beck-aktuell zitiert die Einschätzung, die Kommission halte Deutschland für ausreichend belastet, nicht für überlastet. Damals standen Griechenland, Zypern, Spanien und Italien in der Kategorie des erheblichen Drucks.

Offen ist, ob Deutschland 2027 wieder entlastet wird oder beitragen muss. Die Größe des Pools bleibt bis zum Ratsbeschluss geheim. Eine Reaktion der Bundesregierung auf die diesjährige Einstufung ist noch nicht öffentlich verfügbar.

Zusammenfassung

Die 1968-er Bewegung war viel stärker ideologisch motiviert und betont. Gegen Aufrüstung, Vietnamkrieg, alte Nazis in den Bürokratien, soziale und internationale Gerechtigkeit. Heute geht es in erster Linie um Internetzugang, ordentliches Einkommen, Aufstiegschancen und Zukunftsangst (z.B. Klima). Das ist ein fundamentaler Unterschied. Daraus ergibt sich ein Unterschied im Umgang mit diesen Bewegungen:

1968 wurden sie eingebunden. Und Beobachter konnten erstaunt feststellen, wie schnell es gelang, den ersten Revolutionären die Turnschuhe auszuziehen. Zuerst wurde die Rotation abgeschafft, dann etablierte sich die Führungselite, und mit dem Kosovo-Krieg war der Umstieg von der Antikriegspartei auf „Frieden durch Bomben“-Partei gelungen.

2026 wird es schwieriger. Die wirtschaftlichen Rahmenvoraussetzungen wurden durch Merz und seine historische Verschuldung zwecks Aufrüstung drastisch eingeschränkt. Hinzu kommen Krieg gegen Russland und die Sanktionen. Und die globale Wettbewerbssituation hat sich durch verpasste Gelegenheiten ebenfalls aufgelöst. Es gibt Staaten, wie Singapur, die können sich auch heute noch auch ohne Rohstoffe im Wettbewerb stellen. Aber die historische Chance einer Kombination von russischen Rohstoffen und Arbeitskräften und deutschem Ingenieurskapital wurde bewusst und absichtlich vernichtet. Weshalb die neue Welle der Unzufriedenheit der Jugend wesentlich stärker und länger destruktiv wirken wird. Denn hinzu kommt noch der Druck durch Migration.

Bild: Screenshot von Video über Jugendbefragung

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8 Kommentare

  1. therMOnukular
    Antworten

    Habe ich etwas verpasst/falsch interpretiert, oder gab es bei diesen Befragungen keine Möglichkeit, mit „Keine“ (der Parteien) zu antworten?

    Jede Umfrage, die darauf verzichtet, ist nicht repräsentativ. Es ist vielmehr dasselbe Spiel, wenn „Qualitätsmedien“ abfragen, welchem der gelisteten „Qualitätsmedien“ man am meisten vertraut. Das allgemeine Misstrauen wird dadurch unter den Teppich gekehrt.

    1. Hello
      Antworten

      Genau das ist der entscheidende Punkt. Haben die Befragten und -Innen, die niemanden vertrauen, das auch ausdrücken können, oder wurden sie übergangen, oder „gezwungen“, wenigstens irgendeine Partei, der sie noch am ehesten ein bisschen zustimmen, zu nennen?

      So wie bei den Wahlen die Nicht-Wähler und Ungültig-Wähler und natürlich -Innen keine Beachtung finden.

      Etwas anderes: geht eigentlich nur mir dieses „vor so und soviel Minuten oder Stunden“ auf die Nerven? Warum musste die Datum- und Zeitangabe geändert werden? Was wurde dadruch besser?

  2. MDGerlach
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    Ich habe mal versucht zu verstehen wer die Grünen wählt und was die an der Partei findwn,ebenso auch das gleiche bei den Linken…die haben bis heute nichts gutes auf die Reihe bekommen…

  3. 1150
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    mir gefällt das wort aufstiegsversprechen ganz besonders –

    1. 1150
      Antworten

      genau so wie das wort generationenvertrag –

      1. Konrad Kugler

        Was ist am Generationenvertrag falsch?

        Die Jungen ziehen Kinder auf, die sie dann als Alte verhalten. Völlig rational.

      2. 1150

        genau nachdenken

  4. Bernhard
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    Sehr gute Analyse!

    Deutschland wird – ähnlich wie Österreich – in erster Linie bedroht durch eine Politik von Darstellern, die sich bis jetzt noch nie wirklich in Frage stellen mussten. Als Angehörige der Babyboomer – über die Wählerschaft – quasi von Geburt an immer auf Seiten der Mehrheit gestalten sie Politik nach ihren Wünschen. Über ihre Einflüsterer natürlich. Theoretisch gegen den Faschismus, für alles Gute bzw. was gut klingt, aber praktisch wird sehr oft keine zweite Meinung geduldet. Und das ist ganz sicher zu Lasten der Zukunft anderer.

    Die Jugend von heute ist auch nicht einfach. Aber auch, weil sie es nicht einfach hat. Es erwarten sie Sozialabgaben bis über 50 Prozent. Und ein möglicher Krieg, den diese insgesamt doch sehr selbstgerechte und saturierte Generation auf dem Gewissen haben wird, die tendenziell vielleicht um die 30 Prozent ihrer Leistung zu ihrem wohl verdienten Ruhestand beigetragen hat.

    Ein Krieg, der eine Kriegserklärung an die Zukunft in Europa bedeutet.

    Aber Bewegung – ohne Marschbefehl und Kadavergehorsam – ist, sowohl bei den Babyboomern als auch bei der Generation Z, immer möglich.

    Ist sogar gesund für beide Seiten. Geistig und körperlich.

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