Die Jugendrebellion in Frankreich 1968 war Vorlage für viele Proteste in der ganzen Welt, bis nach Thailand. Nun sehen wir wieder Proteste einer neuen Generation. Was wurde aus den Protesten von 1968, was ist von denen in diesem Jahr zu erwarten?
1968 war weniger eine einheitliche Bewegung als ein gleichzeitiger Aufbruch mit lokal sehr verschiedenen Motiven. In den USA waren es Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung, in Westdeutschland die Notstandsgesetze und das Schweigen der NS-Generation, in Paris der Konflikt um die Universität, der in einen Generalstreik von Millionen Arbeitern mündete. Dazu kamen Prag, Mexiko-Stadt und Tokio. Gemeinsam waren der Antiautoritarismus, der Antiimperialismus und der Generationenbruch.
Die Grünen entstanden 1980 daraus, manche sagen nur zum Teil. Sie waren ein Bündnis aus 68ern, Anti-AKW-Bewegung, Friedensbewegung, Ökologen und auch Konservativen, mit Pazifismus als einem der Gründungsmythen.
Kosovo 1999: Der Bruch
Der Sonderparteitag in Bielefeld am 13. Mai 1999 war der symbolische Wendepunkt. Außenminister Joschka Fischer unterstützte den NATO-Einsatz ohne UN-Mandat und wurde dafür von vielen Parteimitgliedern heftig kritisiert. Fischer wurde auf dem Parteitag mit einem Farbbeutel getroffen, am Ende stimmte aber die Mehrheit der Delegierten für seinen Kurs, viele Parteimitglieder verließen die Partei. Seine Rechtfertigung lautete sinngemäß, „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ gehörten bei ihm zusammen. Heute weiß man, dass schon zu diesem Zeitpunkt der Krieg gegen den Kosovo auf Lügen aufgebaut war, was sogar eine Dokumentation des ÖRR eindringlich aufzeigte.
Erstmals führte eine Regierung mit grüner Beteiligung Deutschland in einen Angriffs-Krieg, trotz des Geistes des Grundgesetzes, das sogar die Vorbereitung eines Angriffskrieges verbot. Später folgten Afghanistan und die heutige Aufrüstungsdebatte.
Unterstützer der Grünen sagen: Es ging um einen echten Konflikt zwischen zwei grünen Prinzipien, Menschenrechtsschutz gegen Antimilitarismus, und die Partei hat diese Abwägung offen ausgetragen. Aber sie verweigern die Einsicht, dass die Informationen, auf denen alles beruhte, gefälscht waren.
Frankreich 2026
Die Protestwelle begann im Herbst 2026. Studierende und Gewerkschaften gingen gegen marode Schulen, überfüllte Klassen, zu lange Schultage und häufigen Unterrichtsausfall auf die Straße, während der Haushalt zusätzliche 1,2 Milliarden Euro für Bildung vorsieht. Die Gewalt wird auch auf die Polizeireaktion zurückgeführt, eine Soziologin spricht von einer „verzweifelten Jugend“.
Bei den Zahlen gehen die Angaben weit auseinander. Zum 17. Oktober nannte das Innenministerium 160.000 Demonstrierende, die Organisatoren laut WSWS 800.000, bei mehr als 2.000 Festnahmen an einem Tag.
Wo die Parallele plausibel ist:
- Polizeigewalt als Brandbeschleuniger
- Zusammenfließen von Jugend und Gewerkschaften
- Ausweitung auf Energiepreise und Lebenshaltungskosten
Der entscheidende Unterschied: 1968 hatte einen Gegenentwurf, nämlich Antiautoritarismus, Antiimperialismus und neue Lebensformen. Die heutigen Forderungen, so zumindest die Mehrheitsmeinung der Analysten, sind materiell und institutionell: Lehrer, Gebäude, Geld. Das macht die Bewegung konkreter, aber auch leichter durch Zugeständnisse zu befrieden. Und damit zeigt sich, erklären Analysten, dass die Jugend durch TikTok und Internet erfolgreich in die die Konsumgesellschaft eingeglieder wurde.
Was könnte daraus entstehen?
Drei Pfade sind denkbar:
- Befriedung durch Zugeständnisse, wie bei früheren französischen Schülerprotesten. Die Bewegung verläuft sich, und es bleibt wenig Strukturelles. Die wahrscheinlichste Aussicht, angesichts der vorwiegend materiellen Forderungen. Aber gleichzeitig die immer schwerer durch die Regierung erfüllbare Forderung angesichts immer geringer werdenden Möglichkeiten der Ausbeutung von kolonialen Erben.
- Kanalisierung in bestehende Parteien, etwa die Linke um Mélenchon oder am anderen Ende der Rassemblement National. Beide haben bei Jungwählern Zulauf, und gerade die Arbeit im Parlament könnte dann auch dort den Radikalismus schleifen.
- Eine neue Formation, wie sie 1980 mit den Grünen entstand. Dafür fehlt bisher das verbindende Thema. Ohne ein solches Thema, das über Schulbudgets hinausgeht, wird aus Protest keine Partei.
Bewegungen, die erfolgreich in die Institutionen einziehen, werden von ihnen geformt. Ob das bei der heutigen französischen Jugend ebenso läuft, lässt sich nach wenigen Wochen Protest seriös nicht sagen. Aber die Geschichte spricht dafür, dass es so sein wird, solange keine Katastrophe eintritt, welche vollkommen neue Voraussetzungen schafft.
Bild: Screenshot einer Dokumentation über die Proteste
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