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Politik

Brasilien nach dem ersten Wahlgang: keine echte Alternative

2 Kommentare 7. Oktober 2026 4 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Die beiden Kandidaten  – der Sohn des früheren Präsidenten und der amtierende Präsident – liegen fast gleichauf. Beide verkörpern keine echte „autonomistische“ oder multipolare Alternative

Im ersten Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahl am 4. Oktober 2026 lag Flávio Bolsonaro (PL), Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, mit rund 47 Prozent der gültigen Stimmen (etwa 56 Millionen) vor Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva (PT) mit etwa 45 Prozent (rund 53,8 Millionen). Eine Stichwahl ist für den 25. oder 28. Oktober angesetzt. Die Partei PL legte im Kongress und bei Gouverneurswahlen deutlich zu, während die PT Verluste hinnehmen musste – TKP berichtete.

Zwei Analysen von den brasilianischen Autoren Lucas Leiroz und Raphael Machado ordnen das Ergebnis und dessen Bedeutung für Brasilien und den globalen Süden ein. Beide kommen zu einer ernüchternden Einschätzung: Weder Lula noch Flávio Bolsonaro verkörpern eine echte „autonomistische“ oder multipolare Alternative.

Lucas Leiroz: Beide Kandidaten sind in unterschiedlicher Weise „Westernists“

Leiroz widerspricht der verbreiteten These, die Wahl stelle einen Gegensatz zwischen einer „autonomistischen“ Tradition (Lula) und einer „westernistischen“ (Flávio Bolsonaro) dar. Flávio stehe klar für eine Ausrichtung an den USA und Israel sowie eine kritische Haltung gegenüber den BRICS. Lula hingegen sei kein Multipolarist, sondern ein geschickter Operator des Multilateralismus der Obama-Ära gewesen. Er sei 2022 vom demokratischen Establishment der USA unterstützt worden.

In seiner dritten Amtszeit habe er die venezolanischen Wahlen nicht anerkannt, Venezuelas BRICS-Beitritt blockiert, das Mercosur-China-Abkommen zugunsten eines für Südamerika nachteiligen EU-Mercosur-Vertrags zurückgestellt und enge Beziehungen zu Frankreich unter Macron gepflegt.

Leiroz sieht die brasilianische Politik der Sechsten Republik (seit 1988) als eine Art „permanente Farbrevolution“: Auf der einen Seite eine offen pro-US-amerikanische und pro-israelische liberale Rechte, auf der anderen eine institutionalisierte liberale Linke, die mit den US-Demokraten und der EU verbunden sei.

Brasilien-USA-Beziehungen folgten der Logik der jeweiligen Regierungsparteien in beiden Ländern. International ändere sich mit dem Wahlergebnis wenig: Brasilien bleibe eine absteigende Mittelmacht, politisch dem Westen untergeordnet, mit begrenztem Spielraum für multilaterale Kontakte zu eurasischen Mächten. Entscheidend sei die innenpolitische Ebene – die Auseinandersetzung um die Macht des Obersten Gerichtshofs und die Institutionen der Sechsten Republik.

Raphael Machado: Lulas Widersprüche holen ihn ein

Machado beschreibt das Ergebnis als schwere Niederlage Lulas und seiner Partei PT. Selbst ein Sieg in der Stichwahl würde lediglich eine Agonie verlängern. Die PT habe sich von einer Partei der unteren Schichten zu einer der progressiven Mittelschicht und der urbanen Zentren entwickelt, während kleinere und mittlere Städte sowie Teile der Bevölkerung Bolsonarismus zugewandt seien.

Wirtschaftlich habe die Regierung mehr als 30 Steuern und Abgaben eingeführt oder erhöht, die vor allem Mittel- und Arbeiterschicht belasteten. Die geschaffenen Jobs seien überwiegend prekär; Sozialleistungen seien vor allem an untere, als „parasitär“ empfundene Schichten gegangen, während zugleich Finanzsektoren profitiert hätten.

Besonders kritisch sieht Machado die öffentliche Sicherheit: Ein Viertel der brasilianischen Bevölkerung lebe in von Drogenbanden kontrollierten Gebieten. Gleichzeitig sei die Regierung repressiv gegen politisch inkorrekte Meinungen im Internet vorgegangen und habe sich eng mit dem Obersten Gerichtshof verbündet.

In der Außenpolitik seien Widersprüche eklatant: Verurteilung Nicaraguas, Veto gegen Venezuelas BRICS-Beitritt, EU-Mercosur-Abkommen und Zusammenarbeit brasilianischer Nachrichtendienste mit europäischen Partnern. Beide Seiten – Lula und Bolsonaro – spielten mit beiden geopolitischen Lagern; die Diskurse divergierten stärker als die Praxis.

Bedeutung für den globalen Süden

Beide Autoren relativieren die Erwartung, die brasilianische Wahl sei ein entscheidender Wendepunkt für Multipolarität oder den globalen Süden. Brasilien bleibe in einem System gefangen, das echte Souveränität erschwere.

Ein Sieg Flávios würde vorübergehend wei bei Argentinien eine engere Anbindung an die USA und Israel bedeuten, ein Lula-Sieg eine stärkere Orientierung an Europa und die US-Demokraten – solange die jeweiligen Partner an der Macht seien. Eine substanzielle Neuausrichtung Richtung BRICS und echte Autonomie sei von keinem der beiden Kandidaten zu erwarten. Die eigentliche Auseinandersetzung finde im Innern statt: um Institutionen, Justizmacht und die Tragfähigkeit des politischen Systems der Sechsten Republik.

Die Stichwahl wird zeigen, ob Flávio Bolsonaro seinen Vorsprung ausbauen kann. Unabhängig vom Ausgang bleiben die strukturellen Begrenzungen brasilianischer Außenpolitik laut den beiden Analysen bestehen.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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2 Kommentare

  1. maxstirner
    Antworten

    Also dasselbe Bild wie im Rest der US-Kolonien

  2. Jurgen
    Antworten

    Tanz der Polit-Marionetten um die Likes im Wahlzettel…

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