Der dritte und letzte Teil des Faktenchecks stellt die Frage, die in Österreich viel zu selten gestellt wird: Wofür wird in Kronstorf gerechnet, und was bedeutet das für ein Land – neutral oder nicht –, wenn Rechenzentren im Krieg zum Ziel werden?
Am 19. Oktober zerstörte ein ballistischer Raketenangriff in Kiew das Rechenzentrum des Anbieters Datagroup. Wiederherstellung und weiterer Betrieb seien „unmöglich“, erklärte das Unternehmen. Eine Tote, acht Verletzte, Wohnhäuser, Bildungseinrichtungen und eine Metrostation beschädigt. Seit März trifft der Iran Rechenzentren von Amazon im Nahen Osten – einige Kundendaten sind dort endgültig verloren. In Teil I dieser Serie ging es darum, welche Rechenzentren Österreich braucht, in Teil II darum, was von den versprochenen Arbeitsplätzen und der Wertschöpfung tatsächlich im Land bleibt. Offen blieb eine der wichtigsten Fragen.
Wofür wird gerechnet?
Google arbeitet auch für das Militär:
- 2025 erhielt der Konzern vom US-Verteidigungsministerium einen KI-Auftrag über bis zu 200 Millionen Dollar.
- Am 1. Mai 2026 vereinbarte das Pentagon mit sieben Konzernen, darunter Google, KI in seinen geheimen Netzen einzusetzen – laut der US-Nachrichtenagentur AP, um Kriege zu führen.
- Für die deutsche Bundeswehr baut Google eine vom Internet abgeschottete Cloud – Teil einer Bundeswehr-Cloud, auf der künftig Daten bis zur Stufe „Geheim“ verarbeitet werden sollen, also Informationen, deren Bekanntwerden die Sicherheit Deutschlands gefährden kann.
Und in Kronstorf? Google nennt keine Kunden, nur „KI- und Cloud-Services“. Besichtigen kann man das Rechenzentrum nicht – „aus Sicherheitsgründen“. Google behandelt die Anlage also selbst als Sicherheitsobjekt. Nur Österreich tut es offenbar nicht. Auch anderswo schweigt man: In Leopoldsdorf bei Wien antwortete der Country-Manager des Entwicklers CloudHQ auf die Frage, wer dort künftig rechnen wird: „Das darf ich nicht sagen.“ Bei einer ORF-Diskussion vor Ort ging es am 22. Oktober einmal mehr um Lärm, Abwärme und Abstände zu den Wohnhäusern. Welche Unternehmen den Campus nutzen werden, blieb laut ORF auch diesmal offen, und nach Militär oder Neutralität fragte, soweit berichtet, niemand – nicht einmal der ORF selbst.
Ob Kronstorf oder Leopoldsdorf: Was dort gerechnet wird, entscheiden Betreiber und Kunden – und über die spricht man nicht. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Sprachprogramme wie ChatGPT, die Steuerung von Robotern und Drohnen, die Auswertung von Kamerabildern – oder militärische Zielplanung. Wie nah das ist, zeigt Süddeutschland: Dort laufen beim Rüstungsunternehmen Helsing in einer geheimen Fabrik Tausende KI-gesteuerte Kampfdrohnen vom Band, die bereits in der Ukraine im Einsatz sind. Die KI, die solche Waffen steuert, wird in Rechenzentren trainiert.
Ein Konzern, der unter anderem für das Pentagon und die deutsche Bundeswehr arbeitet, errichtet im neutralen Österreich die laut Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner größte Einzelinvestition in der Geschichte Oberösterreichs. Wofür, muss er niemandem sagen. Gefragt hat, soweit bekannt, niemand.
Ein Ziel – und ein neutrales Land
Kiew ist kein Einzelfall. Eine Auswertung von NBC News zählt mindestens 27 Angriffe, die Rechenzentren trafen: im Nahen Osten die von Amazon, in der Ukraine mehrere in Kiew, in Russland die von Yandex – und im Iran das einer Universität, getroffen bei Luftschlägen der USA und Israels. Die iranischen Revolutionsgarden haben die Cloud-Infrastruktur von Google, Microsoft und Oracle in Israel und am Golf schon im März auf eine Zielliste gesetzt. Die Folgen reichen weit über das Gebäude hinaus: In den Emiraten kam es nach den Treffern bei Großbanken zu Ausfällen.
Kronstorf lässt sich weder verstecken noch schützen. Während Helsing den Standort seiner Fabrik in Süddeutschland geheim hält, liegt Kronstorf offen da: 50 Hektar, so groß wie rund 70 Fußballfelder, mit Hallen und Dieselgeneratoren für den Notstrom. Auch Kiew hat eine Luftabwehr – die ballistischen Raketen auf das Rechenzentrum tauchen in der Abschussbilanz der ukrainischen Luftwaffe nicht auf. Gegen Hyperschallwaffen gebe es kein verlässliches Abwehrsystem, sagte schon 2019 John Hyten, damals Kommandeur des US Strategic Command. Und selbst der Iron Dome wirke „nur sehr begrenzt“, sagt General i.R. Günther Greindl. Österreich beteiligt sich an der europäischen Luftverteidigungsinitiative Sky Shield. Wer darauf setzt – zum Schutz von Kronstorf oder generell –, sollte endlich die rosarote Brille abnehmen.
Wenn sich ein solches Rechenzentrum nicht schützen lässt, dürfte es erst gar nicht zum Ziel werden. Genau das unterscheidet kleine von großen: Auf ein kleines Rechenzentrum, das die Daten heimischer Betriebe und Gemeinden sichert, schießt niemand – wozu auch? Auf die Cloud eines US-Konzerns, der für Militärkunden rechnet, zielt im Krieg wohl das modernste Geschoss. Sind die Daten eines Landes auf viele kleine Rechenzentren verteilt, bleibt alles erhalten. Liegen sie in einer einzigen Riesenanlage, fällt womöglich alles auf einmal aus.
Dass es anders geht, zeigt die LINZ AG: Sie ist zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt und betreibt ein eigenes Rechenzentrum. Stattdessen holt man in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit einen US-Konzern ins Land, der für das Militär einer Kriegspartei arbeitet, keine Kunden nennt und dem US-Recht unterliegt.
Für ein neutrales Land kommt etwas hinzu. Das Neutralitätsgesetz verpflichtet Österreich, die „Errichtung militärischer Stützpunkte fremder Staaten auf seinem Gebiete“ nicht zuzulassen. Ein Rechenzentrum ist kein Stützpunkt. Aber was ist es, wenn eine fremde Armee dort rechnen lässt? Eine Anlage, die wirksam zu militärischen Handlungen beiträgt, kann nach herrschender Auffassung als Ganzes zum militärischen Ziel werden, sagt der Völkerrechtler León Castellanos-Jankiewicz vom Asser-Institut in Den Haag zu The Intercept. Das ist dieselbe Logik, die auch für den Brennerkorridor gilt, über den NATO-Nachschub durch Österreich rollt: Wer Teil einer militärischen Logistikkette ist, wird im Konfliktfall zum Ziel. Wer die Neutralität ohnehin für überholt hält, muss trotzdem erklären, warum sich Österreich ein solches Risiko leistet, und wer sie ernst nimmt, hätte längst fragen müssen.
Für Österreich sind Hyperscaler eine Zielscheibe, neutral oder nicht neutral, und das mitten im eigenen Land. Den Nutzen haben jene, die dort rechnen lassen. Das Risiko liegt bei Österreich – und zuerst bei denen, die daneben wohnen.
Genehmigt, weil das Gesetz nicht fragt
Geprüft wird all das nirgends. Rechtskräftig ist laut Land seit September, dass Kronstorf auch im Vollausbau ohne Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) auskommt. Gewerberechtlich genehmigt ist aber erst ein Teil. Über die Rechenhallen 2 und 3 verhandelt die Bezirkshauptmannschaft Linz-Land laut Kundmachung am 16. November – im Gewerbeverfahren, wieder ohne UVP. In Leopoldsdorf muss sich der Betreiber immerhin einer Umweltverträglichkeitsprüfung stellen. In Kronstorf hat man die UVP schlichtweg vom Tisch gewischt. Das spart Zeit – und unangenehme Fragen.
Dort zählt nur, was die Gewerbeordnung vorsieht:
- Gefahren für Leben, Gesundheit und Eigentum der Nachbarn
- Beeinträchtigung des Verkehrs
- Belästigung durch Lärm, Geruch, Rauch, Staub und Erschütterungen
Zum Thema Lärm und Erschütterungen durch Rechenzentren enthält das neue Buch im TKP Verlag über Windkraft eigene Abschnitte, Windräder verursachen ähnlichen Infraschall wie Rechenzentren: Die Windkraft-Lüge. Was Windräder in Wahrheit anrichten
Wofür gerechnet wird, für wen und ob Kronstorf damit zum militärischen Ziel wird, steht in keiner Auflage. Dabei schützt die Gewerbeordnung ausdrücklich Leben und Gesundheit. Wenn eine Anlage im Konfliktfall zu einem erstrangigen militärischen Ziel werden kann – gefährdet sie dann nicht genau das? Gefragt hat danach offenbar niemand. Aus der Bevölkerung dürfen bei dieser Verhandlung nur die Nachbarn mitreden: Wer Einwendungen hat, muss sie spätestens bei der Verhandlung erheben, sonst verliert er seine Parteistellung.
Die Last tragen damit die Anrainer. Die Beamten der Bezirkshauptmannschaft prüfen, was das Gesetz verlangt – fragen könnten sie mehr. Die Verantwortung aber tragen jene, die das Projekt politisch wollen und die Gesetze dafür machen:
- Die Landesregierung hat 2020 befunden, dass es keine Umweltverträglichkeitsprüfung braucht, hat den US-Konzern Google ins Land geholt und feiert das Projekt in höchsten Tönen.
- Die Bundesregierung ist für Neutralität und Landesverteidigung zuständig. Und sie schreibt gerade das UVP-Gesetz neu, mit einem eigenen Tatbestand für Rechenzentren ab 100 Megawatt. Erfasst wird laut Entwurf ausdrücklich nur die Neuerrichtung, eine Übergangsregel für bestehende Anlagen wie Kronstorf fehlt. Geprüft werden soll zudem wieder nur die Umwelt. Nach Zweck, Kunden, Datenzugriff, militärischer Nutzung und Neutralität fragt auch dieser Entwurf nicht. Bis 1. November kann jeder Stellungnahmen abgeben.
- Der Nationalrat könnte das ändern. Dass er das vorhat, ist bisher nicht bekannt.
Wer hält den Schlüssel?
Bleibt die Frage, wer an die Daten kommt. US-Konzerne müssen Daten auf Anordnung an US-Behörden herausgeben – auch wenn sie in Europa liegen, wie Teil I gezeigt hat. Wer weiß, worum es geht, schützt sich:
- Eine Verarbeitung in externen Cloud-Diensten komme für das Militär nicht infrage, sagt das österreichische Bundesheer.
- Die Schweizer Armee hat Palantir fünfmal abgelehnt.
- Ein Vizeadmiral der deutschen Bundeswehr nennt es „unvorstellbar“, Mitarbeitern der Industrie Zugriff auf den nationalen Datenbestand zu geben.
Und die Daten von Bürgern, Gemeinden und Firmen? Gescannte Chats aus der EU landen bei einer US-Organisation, die sie mit Software von Palantir auswertet. Davon wussten laut TKP weder befragte Abgeordnete noch Experten.
„Wer die Rechenzentren kontrolliert, kontrolliert die Datenlage“, schreibt TKP-Herausgeber Peter F. Mayer. Was das heißen kann, lässt sich erahnen: Gesichtserkennung bei der Polizei, Kameras an Zufahrten, die digitale Brieftasche, der digitale Euro – jeder Baustein hat für sich einen Zweck. Mit genug Rechenleistung lässt sich daraus ein Bild von jedem Menschen machen – wer wann wo war und was er bezahlt hat. In China ist das Alltag. Zuständig für das Ganze ist in Österreich niemand.
Was bleibt
Die Bürgerinitiative vor Ort fordert einen Stopp der weiteren Ausbaustufe. Der Grüne Verein für Grundrechte und Informationsfreiheit (GGI) geht in einer Presseaussendung weiter: sofortiger Baustopp für alle Hyperscale-Rechenzentren, bis geklärt ist, wem und wozu sie dienen – in der Pflicht seien Behörden und Gesetzgeber.
Für den militärischen Teil zieht Obfrau Elisabeth Thaler eine klare Grenze: „Es muss hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass in Österreich auf einem Hyperscale-Rechenzentrum für welches Militär auch immer gerechnet wird. Für ausländisches Militär nirgends, für das eigene weder auf einem amerikanischen Rechenzentrum noch auf einer Anlage, die offen herumsteht.“ Für ein neutrales Land ist das Pflicht, für jedes andere ein Gebot der Sicherheit.
Was Bürger und Bürgerinitiativen in ihrer Freizeit zusammentragen, liegt Landesregierung, Bundesregierung und Nationalrat seit Monaten offen vor. Bekannt ist trotzdem nicht, dass einer von ihnen eingeschritten wäre.
Das Fazit dieser Serie? „Daten sind das neue Gold“, sagte Achleitner beim Spatenstich. Was die Politik hier vergoldet, hält keiner Prüfung stand: nicht der Bedarf, nicht die Datensouveränität, nicht die Arbeitsplätze, nicht die Wertschöpfung und nicht die Sicherheit. Hyperscaler sind für Österreich eine Fehlentscheidung – im Ganzen. Noch lässt sich die Notbremse ziehen.
Nochmal der Hinweis auf Literatur zu gesundheitlichen Schäden durch Rechenzentren und Windrädern: Die Windkraft-Lüge. Was Windräder in Wahrheit anrichten Dr. Peter F. Mayer, Torsten Engelbrecht. TKP Verlag, 1. Auflage 2026. Paperback ISBN 978-3-9506363-0-7.
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Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Andreas S., aufmerksamer Bürger, unabhängiger Autor und Rechercheur*
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1 Kommentar
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