Fluchtpunkt HarmonyOS: Warum Europäer neidisch nach Shenzhen blicken

16. August 2026von 3,1 Minuten Lesezeit

Ein Kommentar über digitale Käfige, verpasste Chancen und die Frage, warum Europa seine eigene Abhängigkeit lieber verwaltet als beendet. Wie können Europäer dem Datenimperialismus der USA entkommen?

Es gibt einen bestimmten Moment der Resignation, den vermutlich jeder europäische Nutzer kennt: Man aktualisiert ein Smartphone, und plötzlich verschwinden Funktionen, ändern sich Nutzungsbedingungen oder wird ein Dienst „aus regulatorischen Gründen“ in der eigenen Region abgeschaltet. Die Entscheidung darüber fällt nicht in Berlin, Wien oder Paris, sondern in Kalifornien oder Redmond. Wer in diesem Moment nach einer Alternative sucht, stellt schnell fest: Es gibt praktisch keine. Android, iOS, Windows – das war es. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick nach China, wo mit HarmonyOS in seiner neuesten Ausbaustufe, HarmonyOS NEXT, genau das entstanden ist, wovon europäische Nutzer nur träumen können: ein Betriebssystem, das komplett außerhalb der Reichweite der angloamerikanischen Plattformkonzerne liegt.

Ein Kernel ohne fremden Kill-Switch

Bis vor Kurzem war auch HarmonyOS technisch eng mit dem Android Open Source Project verbunden und konnte Android-Apps ausführen. Mit der aktuellen Version hat Huawei diese Nabelschnur endgültig gekappt: Die AOSP-Kompatibilitätsschicht wurde entfernt, Android-Apps laufen nicht mehr, alles läuft nativ auf einem selbst entwickelten Mikrokernel. Bis Mitte 2026 waren nach Unternehmensangaben mehr als 66 Millionen Geräte mit dem nativen System aktiv, begleitet von über 380.000 Apps. Das ist, gemessen an den Ökosystemen von Google und Apple, immer noch klein – aber es ist real, es wächst, und es ist vollständig unabhängig von einer Infrastruktur, auf die Washington im Zweifel Zugriff hat.

Genau das ist der Punkt, der in westlicher Berichterstattung meist unter „Marktfragmentierung“ verbucht wird, während er aus chinesischer Sicht die eigentliche Pointe ist: ein System ohne fremden Kill-Switch. Wer die eigene Software-Infrastruktur nicht kontrolliert, überlässt einem anderen Staat de facto ein Druckmittel – sei es in Form von Datenzugriff, Fernabschaltung oder plötzlicher Lizenzentzug. Für ein Land, das sich seit Jahrzehnten mit Exportkontrollen und Sanktionen konfrontiert sieht, ist die Motivation nachvollziehbar.

Die eigene Wunde: Europas Cloud-Abhängigkeit

Was Europäer frustriert, ist weniger HarmonyOS selbst als der Kontrast zur eigenen Lage. Während China konsequent an technologischer Souveränität arbeitet, diskutiert Europa das Problem seit Jahren, ohne es zu lösen. Nach Branchenschätzungen werden rund 92 Prozent der europäischen Cloud-Infrastruktur von US-Anbietern wie AWS, Microsoft Azure und Google Cloud kontrolliert. Der US CLOUD Act erlaubt es amerikanischen Behörden, von US-Unternehmen Nutzerdaten herauszuverlangen – unabhängig davon, ob die Server physisch in Frankfurt, Paris oder Dublin stehen. Ein europäisches Rechenzentrum schützt also nicht automatisch vor einem amerikanischen Gerichtsbeschluss, solange der Betreiber ein US-Konzern bleibt.

Immerhin regt sich Widerstand: Im Juni 2026 forderte eine Allianz aus dreizehn europäischen Cloud-Anbietern, EU-Abgeordneten und zivilgesellschaftlichen Organisationen in einem offenen Brief eine deutliche Reduzierung der Abhängigkeit von US-Technologie. Laut einem Handelsblatt-Bericht will die EU-Kommission künftig europäische Cloud- und KI-Anbieter bei öffentlichen Aufträgen bevorzugen. Das sind Absichtserklärungen, keine vollzogenen Tatsachen – und genau darin liegt der Unterschied zu Shenzhen: Dort wurde ein eigenes Betriebssystem gebaut und ausgeliefert. Hier wird ein offener Brief unterschrieben.

Warum nicht mit China?

Warum ist es nicht möglich, gemeinsam mit China ein offenes System aufzubauen. China ist bereits auf dem Weg dahin durch seine KI-Modelle. Warum wagt niemand in Europa, diesen Weg zu beschreiten?

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15 Kommentare

  1. Gabriele 17. August 2026 um 8:20 Uhr - Antworten

    Ein „offenes“ System zusammen mit China…. man darf lächeln….
    Die China-Liebe scheint dzt. keine Grenzen mehr zu kennen – auch überall sichtbar im Netz mit Tutorials wie „Wie werde ich chinesisch…“.

  2. triple-delta 17. August 2026 um 8:02 Uhr - Antworten

    Die Antwort auf die Fragen im letzten Absatz lautet Klassenkampf.
    China ist auf dem Weg in den Sozialismus, dessen Grundlagen sie bis 2049 festig haben wollen. Damit ist jede substantielle Zusammenarbeit von kapitalistischen Staaten mit China unmöglich. Dazu muss man aber endlich verstehen, dass der Kapitalimus eine Gesellschaftsordnung und nicht nur eine Wirtschaftsweise ist.

    • Kriegsgegner 17. August 2026 um 9:12 Uhr - Antworten

      Es hat nichts mit Kapitalismus oder Sozialismus zu tun. Das ist trägheitsmomentbedingtes Festhalten an überholten Denkweisen und Narrativen.
      In Wahrheit geht es um geistige und wirtschaftliche Korruption, bestenfalls irrationale Unterwürfigkeit, Verlust der Fähigkeit zum logischen Denken und des gesunden Egoismus.
      Die anderen sind immer die Bösen, bestenfalls die Unterentwickelten. Kriegführung deshalb immer im Namen des Guten.
      Wir sind immer und überall und in alle Ewigkeit die Besseren und moralisch Überlegenen.
      Ewige Treue dem Nonsens, bis in den Tod und nach ihm.
      Im Grunde genommen eine Neuauflage des ewig Gestrigen oder – wenn wir es wollen, bzw. die „Beimnamennennung“ zulassen, der niemals endenden „Auserwälten Volk“ – Rethorik. Nur dass es diesmal eben der sogenannte „Westen“ ist.

  3. cwsuisse 16. August 2026 um 18:45 Uhr - Antworten

    Microsoft nervt extrem, fast ein Grund nach China zu ziehen (leider unmöglich). Die EU-Politiker verharren in sklavischer Abhängigkeit von den Leuten, die uns die Pipelines gesprengt und die De-Industrialisierung eingebrockt haben. Vielleicht entscheidet Trump eines Tages Europa auszuradieren. Dann ist das Leid wenigstens vorbei.

    • K Kaefer 16. August 2026 um 22:53 Uhr - Antworten

      Trump ist bekanntlich nur ein – wenn auch egozentrischer und narzistischer – Hampelmann der die Order der Zionisten ausführt. Dass in Europa von den diversen bekannten Kommitee-Ebenen wieder mal ein Krieg ausgerufen wurde pfeifen die Spatzen von den Dächern. Wessen Handy-Betriebssystem dann auf den Geräten läuft dürfte keine Rolle mehr spielen. Dass MS extrem nervt dürfte der Hauptgrund dass jeder der kann zu Linux wechselt.

  4. Der alte Marxist 16. August 2026 um 17:46 Uhr - Antworten

    Also ich arbeite seit Jahren primär mit Linux (genau gesagt MX Linux). Das hab ich auf einem USB-Stick installiert – und zwar als persistente Installation, d.h. ich kann Programme und Updates installieren und speichern. Die Windows-Installation auf der Festplatte bleibt dabei erhalten. Leider hab ich eine MS Access Datenbank, auf die ich nicht verzichten möchte. Wenn ich richtig informiert bin, soll es auch schon Huawei-Notebooks geben, die mit Linux laufen. Das ist sicher interessant.

    Außerdem habe ich einen Raspberry PI 4 – der ist am Fernseh-Apparat angeschlossen und dient als Abspielgerät für Medien.

    Demnächst wird ein entgoogeltes Android-Handy dazu kommen – Fairphone, Murena oder Volla. Leider ist es etwas schwierig zu ermitteln, welche Apps damit laufen oder nicht laufen. Online Banking ist vermutlich damit nicht möglich. Aber das kann man ja mit dem Standard-Android Handy machen.

    Cloud-Dienste interessieren mich sowieso nicht.

    • Christine 16. August 2026 um 19:17 Uhr - Antworten

      Online-Banking am besten vom Rechner (Browser) und mit echtem zweitem Faktor (Chip-TAN).

      Hier gibt es eine Liste der Banking-Apps, die mit iodéOS funzen. https://community.iode.tech/t/apps-compatible-with-iodeos/808
      Kann sich mit jedem App-Update ändern. Die Banken haben keinerlei Interesse daran, trackingfreie oder gar freie Apps zu liefern.

      Machbar wäre das alles. Als Beispiel nenne ich Threema. Die bieten ihre App auch als Threema Libre (FOSS) an, sogar auf Wunsch über deren eigenes Repo. Geht alles, wenn man als Anbieter nur will. Ein eigenes Repo (das man in F-Droid einbindet) ist genauso sicher wie ein Google Play Store. Und unsicherer ist ein custom ROM allermeist auch nicht – wer sowas auf seinem Smartphone laufen lässt, hat meist das neueste verfügbare Update – während der Standard-Android-MirdochegalNutzer häufig eine hornalte Version drauf hat, die seit Jahren kein Sicherheitsupdate mehr gesehen hat.

      Das mit der Sicherheit ist also eine reine Schutzbehauptung, die durch nichts begründet ist. Pure Faulheit kombiniert mit Kosteneinsparung seitens der Anbieter. Und vermutlich Kickbacks für den Datenverkauf.

      • Der alte Marxist 17. August 2026 um 10:06 Uhr

        Wenn die Bank nicht will, dann nützen alle möglichen Alternativen leider nichts. Dann gibt es eben Google-Zwang. Meine Bank hat z.B. weder Chip-Tan noch Card-Tan. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Online-Banking mit irgend einem Google befreiten Android-Drivat funktioniert, ist vermutlich sehr gering. Card-Tan gibt es bei einigen österr. Banken. Aber die Bank wechseln ist auch ein ziemlicher Zeitaufwand.

      • Christine 17. August 2026 um 12:54 Uhr

        Hallo alter Marxist, häufig geht es halt dann doch, wenn man nachbohrt. Es gibt ja noch reichlich Kunden, die gar kein Smartphone haben – denen muss man auch was anbieten. Manchmal (bei der DKB hab ich es gemacht) muss man erst gegen Gebühr eine girocard bestellen.

        Die Banken promoten sehr aufdringlich ihre App, aber letzten Endes gibt es eigentlich fast immer eine alternative Lösung. Nur halt vermutlich nicht für null Euro. Das ist aber eingedenk der Weisheit, dass es keinen free lunch gibt, in Ordnung: Wenn ich nicht für die Bankdienstleistung zahlen muss, dann zahle ich mit meinen Daten.

  5. Jan 16. August 2026 um 16:26 Uhr - Antworten

    Wie hat man in München das Behördenlinux abgedreht, das den rechtlichen Vorgaben entsprochen hätte? Durch Kickbacks an Amtsträger, was man damals so gehört hat.

  6. Christine 16. August 2026 um 15:15 Uhr - Antworten

    Ich hatte jahrelang kein Smartphone, hab dann vor zweieinhalb Jahren eines gekauft und sofort mit custom ROM ausgestattet (erst CalyxOS, dann iodéOS). Das geht gut, so lange man nicht sein komplettes Leben auf dem Smartphone haben will – was ich nicht tue. Es dient mir und nicht ich dem Smartphone.

    Wer aber Banking oder Fluganbieter-Apps usw. darauf „braucht“, kommt schon mit einem AOSP-ROM an die Grenzen. Das HarmonyOS wird noch mehr Probleme hinsichtlich Kompatibilität haben.

    Und: Dann bin ich zwar nicht mehr auf Google angewiesen, aber halt von den Chinesen abhängig.

    • Jochen Mitschka 16. August 2026 um 16:34 Uhr - Antworten

      Was es braucht wäre eine gemeinsame Alternative, eine mit offenem Code, der dann entsprechend europäischen, chinesischen, iranischen, russischen und afrikanischen Bedürfnissen abgewandelt werden kann, aber eben mit dem gleichen offenen Kern.

      • Der alte Marxist 16. August 2026 um 18:11 Uhr

        Der Android-Code ist offen. Bloß gibt es gewisse Funktionen, die nur in der Google-Version vorhanden sind. Das Problem sind hier etwa die Banking-Apps, die solche Funktionen nutzen. Daher bräuchte man ein Regulativ, dass die Anbieter verpflichtet, die offene Version zu nutzen. Oder deren Einsicht. Aber das kann man vermutlich vergessen.

    • Gabriele 17. August 2026 um 9:55 Uhr - Antworten

      E-Banking geht auch völlig ohne Smartphone mit normalem Handy und TAN-Codes. Man sollte halt nur wissen wie und wo (und es dann auch wollen bzw. verlangen – aber das wäre den meisten Schafen ja schon zu „anstrengend“).

      • Christine 17. August 2026 um 10:06 Uhr

        Keine Sorge, ich mache Chip-TAN am Rechner. TAN per SMS sind extrem unsicher, würde ich nicht machen (die meisten Banken bieten es aus dieses Mal tatsächlich gutem Grund nicht mehr an).

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