
Digitale Totalüberwachung: Flock-Kameras, Drohnen und die Kontrolle des Widerstands
Ein aktueller Bericht aus den USA zeigt, wie weit die totale Überwachungsgesellschaft bereits fortgeschritten ist: Regierungsnahe Überwachungszentren kontrollieren Social-Media-Accounts von Gegnern der Flock-Sicherheitskameras. Das Unternehmen hat ein KI-gestütztes Überwachungsnetz für Auto-Kennzeichen aufgebaut.
Gegner der Kameras führen Aktionen gegen die Kameras durch und stehen unter scharfer Beobachtung. Es sollte nicht überraschen: Die gleichen Behörden, die ein flächendeckendes Überwachungsnetz aufbauen, beobachten nun systematisch den Widerstand dagegen. Die Dokumente, die 404 Media über öffentliche Anfragen erhielt, sprechen von „umfangreichem und anhaltendem Gerede“ in sozialen Netzwerken über Methoden, Flock-Kameras zu zerstören oder zu deaktivieren, sowie über Geräte, mit denen man die Standorte der Kameras identifizieren kann.
Volle Bewegungsprofile
Fusion Centers in Colorado, Wisconsin, Florida und anderswo verbreiten diese Bulletins landesweit. Sie warnen lokale Polizeibehörden vor bevorstehenden „DeFlock“-Aktionen – darunter eine nationale Aktionswoche vom 16. bis 22. August 2026 – und raten ausdrücklich dazu, die Patrouillen rund um automatische Kennzeichenleser (ALPR) zu verstärken.
Flock Safety, ein Unternehmen aus Atlanta, hat in den vergangenen Jahren ein Netzwerk von KI-gestützten Kennzeichenlesern aufgebaut. Aktuell stehen über 100.000 bis 120.000 dieser Kameras in mehr als 5.000 Gemeinden und bei Tausenden Polizeibehörden.
Sie scannen nach eigenen Angaben rund 20 Milliarden Kennzeichen pro Monat – im Durchschnitt wird jedes zugelassene Fahrzeug in den USA hunderte Male im Jahr erfasst. Die Systeme speichern nicht nur das Nummernschild, sondern oft auch Marke, Modell, Farbe, Dellen und sogar Aufkleber. Die Daten fließen in eine cloudbasierte Datenbank, die über Jurisdiktionen hinweg durchsuchbar ist – häufig ohne richterliche Anordnung.
Vermarktet wurde dies zuerst als Instrument gegen Kriminalität. In der Praxis kann damit ein lückenloses Bewegungsprofil unbescholtener Bürger erstellt werden. Polizeibeamte können mit wenigen Klicks nachvollziehen, wo jemand war, wen er getroffen hat und welche Routinen er pflegt.
Gegner wie die Electronic Frontier Foundation (EFF) dokumentieren, dass das System bereits für die Verfolgung von Demonstranten, die Identifizierung von Besuchern von Waffenmessen und – besonders brisant – für die Jagd auf Personen genutzt wurde, die in anderen Bundesstaaten Abtreibungen in Anspruch genommen haben.
Die Liste der Skandale ist lang. Eine Untersuchung der Washington Post fand Dutzende Fälle, in denen Beamte die Kameras missbrauchten, um (Ex-)Partnerinnen, deren neue Bekanntschaften oder Familienmitglieder zu stalken. In einem Fall suchte ein Polizist aus Milwaukee systematisch nach dem Kennzeichen seiner Bekanntschaft. In Texas verfolgten Sheriffs eine Frau, die verdächtigt wurde, eine Abtreibung vorgenommen zu haben.
Und die Daten bleiben nicht bei der Polizei. Trotz lokaler Verbote und Versprechen von Flock, keine Daten für Einwanderungszwecke freizugeben, griffen ICE und Border Patrol wiederholt auf lokale Flock-Datenbanken zu. Teilweise geschah dies über sogenannte „nationale Lookup“-Einstellungen, die Städte nicht einmal kannten. Einzelne entdeckten Tausende unerlaubte Abfragen.
Mehr als 50 Kommunen in 20 Bundesstaaten haben daraufhin Verträge gekündigt, Kameras deaktiviert oder abgelehnt. In manchen Orten wurden die Linsen kurzerhand mit Müllsäcken oder Farbe abgedeckt.
Flock reagierte jüngst mit „neuen Sicherheitsmaßnahmen“: empfohlene Speicherdauer von 30 auf sieben Tage, Pflicht zur Angabe von Fallnummern und Tools zur Erkennung missbräuchlicher Suchen. Kritiker sehen darin vor allem PR: Das Kernproblem – die anlasslose, flächendeckende und vernetzte Massenüberwachung – bleibe unangetastet. „Es gibt so etwas wie Massenüberwachung mit Leitplanken nicht“, formuliert es ein Experte.
Der nächste Schritt: Drohnen und KI-Totalüberwachung
Die Flock-Kameras sind nur der Anfang. Hunderte Polizeibehörden bereiten den Einsatz autonomer, KI-gesteuerter Überwachungsdrohnen vor. Über 1.000 Behörden verfügen bereits über Genehmigungen für „Drone-as-First-Responder“-Programme. Die Drohnen können Fahrzeuge stadtweit verfolgen, durch Fenster filmen und den Alltag aus der Luft aufzeichnen – oft unbemerkt. Flock selbst bietet bereits solche Systeme an und integriert sie mit den Kennzeichenlesern.
In den USA wächst aber auch der Widerstand: Die DeFlock-Bewegung kartiert Kameras, organisiert Aufklärungsveranstaltungen und fordert Vertragsauflösungen. Ab dem 16. August läuft eine nationale Aktionswoche. Und schnell wird die Bewegung für den Staat selbst zum Sicherheitsrisiko.
Die EU hinkt hier hinterher. Die immer wieder angegriffene DSGVO verlangt eine klare Rechtsgrundlage und Datenminimierung; das Bundesverfassungsgericht hat anlasslose, flächendeckende Kennzeichenerfassung bereits 2008 stark eingeschränkt. Ähnliche Urteile gibt es in Österreich. Flock-Kameras sind aktuell nicht legal. Der EU-AI-Act verbietet zudem weitgehend Echtzeit-Fernidentifizierung im öffentlichen Raum. Dennoch wächst auch hier der Druck auf mehr Videoüberwachung und automatisierte Systeme. Man darf davon ausgehen, dass auch in Europa ein Push in diese Richtung unternommen werden wird.
Bild KI
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Tierpässe und Drohnen-Überwachung wird weltweit ausgerollt
Digitale Überwachung wird zur neuen Form der Staatsmacht
Globales Netzwerk für Überwachung von Palantir
Alles richtig, aber wer redet über die permanente Überwachung unter der Haut mittels Schall, Licht und Mobilfunk? Man könnte den Eindruck haben, dass hier wieder aufgebauscht wird, um von dem abzulenken, was Healthcare 4.0 genannt wird, gleichbedeutet ist mit Warfare 4.0 und VIEL WEITER geht. Schon mal was vom digitalen Zwilling in Echtzeit gehört?
Sabrina Wallace (Psinergy), letztes Video: „thinking bout future behavior“ (YT-Video)