Links, rechts, anti-system: Drei Reaktionen auf Starmers Rücktritt

23. Juni 2026von 5,3 Minuten Lesezeit

Wie reagiert die britische Öffentlichkeit auf den nächsten Kurz-Zeit-Premierminister. Unterschiedlich. Und trotzdem trauert ihm niemand nach. Drei Stimmen zum Abgang Starmers: Aus dem linken Guardian, der rechten Reform UK und der Fundamentalopposition.

Nach etwa zwei Jahren ist Keir Starmer wieder Geschichte. Politisch wird sich aber kaum etwa ändern. Selbst über die Gründe für Starmers massive Erfolglosigkeit nicht einig. Hier sind drei höchst Stimmen aus Großbritannien, die den Abschied von Starmer diskutieren.

Zunächst britische Journalist Kit Knightley vom Off-Guardian. Die Publikation steht für eine knallharte Opposition sowohl gegen „links“ als auch „rechts“, gegen das US-Empire ebenso wie gegen die „multipolare Weltordnung“:

Da geht unser sechster „Leader“ in zehn Jahren, und herein kommt der siebte.

Ich weiß, dass einige Kreise – sowohl rechts als auch links – das Ganze zum Heiligen Gral hochstilisieren werden…Aber ich kann mich nicht dazu bringen, mich für etwas zu interessieren, das bestenfalls eine reine PR-Nummer ist.

Die einzige echte Veränderung ist, dass ich das Wort „Sir“ in Zukunft wahrscheinlich deutlich seltener kursiv setzen werde.

Wie immer, wenn es einen Führungswechsel gibt, werden die Leute sofort über „Vermächtnis“ reden. Aber Starmer hat keines. Er war einfach nur irgendwie da.

Der Prozess, der schon vor ihm begonnen hatte, lief während seiner Zeit weiter und wird auch nach ihm weiterlaufen.

Er hat nichts getan. Er hatte nie die Macht, etwas zu tun, und hat es auch nie versucht. Das Online Safety Act und das Social-Media-Verbot werden wahrscheinlich das sein, woran man sich bei ihm am ehesten erinnert – aber auch die wären gekommen, ganz egal, ob er existiert hätte oder nicht.

Das sind eigentlich MPs und Politiker weltweit: „Jungen mit Krämermentalität, die sich gern dabei fotografieren lassen, wie sie in Whitehall in ihre Daimler ein- und aussteigen“, wie es bei News Benders heißt.

Sie sind Kühlerfiguren und Radkappen. Gut für die Markenwirkung und um die unschönen Stellen zu verdecken. Aber sie fahren dorthin, wo der Motor sie hinfährt, drehen sich in die Richtung, in die die Räder zeigen – und das Auto fährt auch ohne sie völlig problemlos.

Starmer war von Anfang an eine bizarre Wahl als Labour-Vorsitzender – oder eigentlich als Leader überhaupt. Völlig ohne Ausstrahlung oder Charisma, mit einem Ritterschlag und aussehend wie eine Wurst in einem schlecht sitzenden Polyesteranzug.

Sein Nachfolger wird Andy Burnham. Klar wird es eine „Führungs“-Wahl geben, und der eunuchenhaft dreinblickende Wes Streeting wird sich ins Zeug legen – aber er wird verlieren. Burnham ist eindeutig der designierte Mann. (Aktualisierung: Zwischen dem Schreiben und der Veröffentlichung dieses Textes hat Streeting angekündigt, nicht für den Vorsitz zu kandidieren. Burnham tritt also unangefochten an.)

Burnham ist ebenfalls eine seelenlose Leere, aber er hat einen nordenglischen Akzent und keinen Ritterschlag. Deshalb werden die Leute vielleicht etwas länger brauchen, bis sie merken, dass er eigentlich auch nicht für den kleinen Mann auf der Straße da ist.

In seiner Siegesrede nach der Nachwahl letzte Woche hat Burnham eine „neue Art von Politik“ gefordert.

Wer das kennt, weiß: Das war genau der Satz, mit dem Corbyn 2015 die Führungswahl gewonnen hat. Der Unterschied ist nur, dass Corbyn es ernst gemeint hat.

Deshalb sitzt er jetzt in der politischen Wildnis, während all die Leute, die er bei den Führungswahlen demütigte, entweder im Kabinett sitzen oder kurz davor sind, Premierminister zu werden.

Das ist es, was man für Aufrichtigkeit bekommt.

Spoiler: Burnhams „neue Art von Politik“ wird unserer alten Politik sehr ähnlich sein… nur mit nordenglischem Akzent.

Dann der linke Kommentator Owen Jones von The Guardian: Er schreibt im linksliberalen Leitmagazin, dass die Vorstellung falsch sei, Starmer sei ein „decent man“ gewesen, der einfach nur Pech gehabt habe. Stattdessen sei er ein prinzipienloser Opportunist gewesen:

„Nein. Das war kein anständiger Mann, der von den Umständen besiegt wurde, kein Mann der Pflicht und Integrität, der einfach nur im falschen Job war, kein prinzipientreuer Führer, der von den Ereignissen überrollt wurde. Das war ein prinzipienloser Politiker, der Versprechen mit derselben Begeisterung gebrochen hat, mit der er Freebies von reichen Spendern eingesteckt hat.“

Jones sieht – ganz in der Tradition des antizionistischen Guardian – die Gründe für Starmer im Gaza-Krieg und seiner „rechten“ Migrationspolitik:

„Als Premierminister klang er wie Enoch Powell, als er erklärte, die Einwanderung habe ‚unkalkulierbaren Schaden‘ angerichtet und riskiere, Großbritannien in eine ‚Insel von Fremden‘ zu verwandeln.“

Jones wirft Starmer vor, die Labour-Partei autoritär nach rechts gedreht und linke Kritiker ausgeschlossen zu haben. Sein Vermächtnis sei ein „„trostlose, verrufene Regierungszeit“. Er warnt:

„Die Gefahr ist, dass seine trostlose und unrühmliche Amtszeit die Grundlage für die hartrechte Agenda von Nigel Farage gelegt hat.“

Ganz in der Logik der zeitgenössischen linken Meinungsmacher des Westens argumentiert Jones, dass jedes Eingeständnis von gesellschaftlichen Problemen durch die Zuwanderung die rechte Opposition stärkt. Starmer hätte gewonnen, hätte er die Grenzen noch weiter geöffnet und wäre er schärfer gegen Israel vorgegangen.

Und dann ist da noch Nigel Farage von Reform UK, der Oppositionsführer, Brexit-Mann und vielleicht baldige Premierminister. Er reagierte auf  den Rücktritt Starmers mit einer klaren Forderung nach sofortigen Neuwahlen. Er sieht in Andy Burnham keinen echten Neuanfang, sondern nur eine weitere austauschbare Figur des Establishments:

„Ich habe genug vom Warten. Großbritannien braucht Veränderung – echte Veränderung, nicht einen weiteren abgewirtschafteten Berufspolitiker, der vom Uniparty-Establishment in Position geschoben wird. Wenn Labour glaubt, es könne einfach einen weiteren professionellen Politiker ins Amt schieben, dann irrt es sich gewaltig.“

Farage betont, dass Burnham kein demokratisches Mandat habe, da er nicht einmal bei der letzten Unterhauswahl kandidiert habe. Es sei „lächerlich zu behaupten, dass Andy Burnham irgendeine Art von sinnvollem Mandat habe, das Land zu führen“. Großbritannien sei ein „gebrochenes“ Land:

„Großbritannien ist kaputt. Sechs Premierminister in sieben Jahren sollten einen davon überzeugen.“

Die ständigen Führungswechsel ohne Neuwahlen hätten die Bevölkerung zutiefst frustriert. Ohne Neuwahlen werde sich grundsätzlich nichts ändern – egal ob Starmer oder Burnham im Amt sei.


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5 Kommentare

  1. therMOnukular 24. Juni 2026 um 4:01 Uhr - Antworten

    Nimmer lang und die Briten wählen Count Binface.
    (Und das völlig zurecht, einfach mal ein paar Interviews anhören und Hirn & Seele durchlüften…;))

  2. Varus 23. Juni 2026 um 19:25 Uhr - Antworten

    Burnham ist ebenfalls eine seelenlose Leere, aber er hat einen nordenglischen Akzent und keinen Ritterschlag. Deshalb werden die Leute vielleicht etwas länger brauchen, bis sie merken, dass er eigentlich auch nicht für den kleinen Mann auf der Straße da ist.

    Wenn die „Bio-Briten“ trotz bekannter Arroganz so langsam checken, dann geschieht denen recht, wenn sie von anderen Völkern für „kulturell minderwertig“ gehalten werden (hoffentlich verdreht es niemand mehr). Immer noch höflich formuliert – eigentlich noch doof, bekloppt, dekadent und suizidal.
    Ein mulmiges Gefühl, dass die Meisten bisheriger angelsächsischen Bevölkerung Anfang des 5. Jahrhunderts aus einem Gebiet gekommen sind, wo es heute nicht besser läuft.

  3. Waldgaengerin 23. Juni 2026 um 17:31 Uhr - Antworten

    Farage ist auch so einer von der kontrollierten Opposition.
    Die Leute, die angeblich so frustriert sind, sollten langsam mal checken, daß sich durch Wahlen nichts ändert. Aber Denken war noch nie das hervorragende Merkmal der manipulierten Massen. Das ist in allen Ländern gleich.

    • Varus 23. Juni 2026 um 19:36 Uhr - Antworten

      Über den brachte Böses Medium am 20.06: „ „Weißes Britannien“: Farage übernimmt die Denkweise seiner Gegner“. Einige seiner Ideen: „… sicherstellen, dass Schüler eine „ausbalancierte und patriotische Bildung“ erhalten, und jede Schule verpflichten, „den Union Jack zu flaggen“ und an auffälliger Stelle ein Bild des Königs aufzuhängen … den Stolz auf Britanniens Streitkräfte wiederherstellen. …“

      Stolz auf Soldateska, die seit Jahrhunderten auf dem gesamten Planeten wütet? Wie der Anblick des Count Charlie of Climate Dingsbums den schwächelnden Schülern beim Lernen helfen soll, wurde auch im Artikel gefragt.

      • Waldgaengerin 23. Juni 2026 um 20:41 Uhr

        Er muß ein bisschen auf national machen, sonst wird er nicht gewählt. Denn es gibt eine weitere Partei die „noch weiter“ (vermeintlich) rechts steht.
        schaebelsblog hat was über Farage.

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