
Iraner schreibt Snooker-Geschichte bei WM
Der Iraner Hossein Vafaei schafft es als erster Iraner in das Viertelfinale der Weltmeisterschaft. Dabei schlug er in einer Nervenschlacht den Weltranglistenersten Judd Trump aus England.
In einem dramatischen Achtelfinale im Crucible Theatre in Sheffield besiegte der 31-jährige Vafaei den Weltranglistenersten Judd Trump mit 13:12 im Entscheidungsframe. Dem iranischen Außenseiter gelang dabei eine beeindruckende Aufholjagd, Trump hatte bereits 12:12 geführt, Vafaei kämpfte sich zurück, führte 11:10 lag dann aber wieder 12:11 zurück. Mit schwierigstem Spiel glich er aus und konnte dann sogar den Entscheidungspunkt machen. Die britischen Snooker-Fans feierten Vafaei mit Standing Ovations.
Judd Trump, einer der großen britischen Stars und Nummer Eins der Welt wurde geschlagen. „Ich respektiere ihn sehr, sowohl am Tisch als auch daneben“, sagte Vafaei über Trump. „Heute habe ich besser gespielt und mental besser gesteuert. Ich habe mir gesagt: Wenn es mein Turnier ist, dann passiert es. Ich habe viel an meiner Mentalität gearbeitet und wollte ruhiger bleiben. Manchmal ist es besser, den Mund zu halten und das Spiel sprechen zu lassen.“
Für Vafaei, den ersten und bisher einzigen professionellen Snookerspieler aus dem Iran, hat der Erfolg eine besondere Dimension. Der gebürtige Abadaner spielt seit 2012 auf der Profitour und hat sich trotz widriger Umstände in den letzten Jahren immer weiter in der Weltspitze etabliert. Der Vorstoß ins Viertelfinale auf der größten Bühne geschieht auch politisch zu brisanter Zeit. „Es ist sehr schwer, in dieser Zeit Iraner zu sein. Es fühlt sich an, als würde man zehn Menschen auf den Schultern tragen“, hatte Vafaei bereits vor dem Turnier gesagt. „Ich kämpfe für mein Land und für meine Familie. Ich gebe alles.“ Er hofft, dass seine Erfolge den Menschen im Iran ein wenig Freude und Stolz schenken: „Wenn ich gut spiele und sie mich sehen können, ist das ein stolzer Moment für sie.“
Snooker hat im Iran eine leidenschaftliche Fangemeinde, wird in Clubs und Cafés gespielt, doch professionelle Strukturen, Turniere und Ausrüstung fehlen weitgehend – wie in den meisten Ländern außerhalb Großbritanniens und Chinas. Vafaei ist Pionier, Autodidakt und Vorbild für die Community. Durch seine Auftritte auf der großen Bühne wächst das Interesse an der Sportart in seiner Heimat – trotz politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen.
Iran und Snooker erzählt auch über Politik. Es waren britische BP-Arbeiter, die während der Zeit des Schahs das Snooker-Spiel nach Persien gebracht hatten. Somit ist es eine direkte Folge britischer Präsenz in der iranischen Ölindustrie. Nach der Islamischen Revolution 1979 wurde Billard (und damit auch Snooker) im Iran verboten. Die neue islamische Führung stufte die Sportart als „haram“ ein, da sie stark mit Glücksspiel, westlichem Lebensstil und Orten der Unmoral assoziiert wurde. Tausende Billardhallen wurden geschlossen oder verfielen.
Etwa 20 Jahre dauerte es, dann wurde das Spiel wieder erlaubt. Reformkräfte setzten sich durch und der Klerus gab Snooker wieder frei. 2001 wurde das Verbot aufgehoben, Vafaei hatte so die Möglichkeit, zum Snooker-Star zu werden. Ein Grund war auch, dass Billard ins Programm der Asienspiele aufgenommen worden war. Die Regierung wollte iranischen Sportlern die internationale Teilnahme ermöglichen.
Schnell erlebte Snooker einen neuen Boom im Iran. Innerhalb kurzer Zeit entstanden landesweit wieder Tausende Clubs. Hossein Vafaei, der 1994 in Abadan zur Welt gekommen war, erwischte diesen Boom als Kind und brachte sich das Spiel auf Weltklasseniveau bei. Er bleibt bescheiden und fokussiert. Doch der Einzug ins Viertelfinale ist ein sportlicher Meilenstein, für ihn und auch für den Iran. Im Viertelfinale warten nun der junge Chinese Wu. Die Briten erleben ein chinesisch-iranisches Viertelfinale – und das in „ihrem“ Spiel, das aber zunehmend von China dominiert wird – und nun auch von einem Iraner.
Bild Mehrizi720, Hossein Vafaei 2024 Cazoo World Snooker Championship, CC BY-SA 4.0
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Bravo Hossein Vafaei!