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Politik

„Wir müssen wieder kriegstüchtig werden“, oder: Wie war das in Afghanistan?

0 Kommentare 8. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Da wir wieder so viel von „wir müssen wieder kriegsfähig werden“, oder „wer Frieden will, muss sich für den Krieg rüsten“ hören, lohnt sich ein Rückblick auf einen der letzten Kriege, an dem Deutschland ganz offiziell teilnahm. Wie war das eigentlich damals mit dem Afghanistankrieg?

Die Pläne für den Afghanistankrieg lagen in der Schublade und warteten auf den Einsatz. Dann kam 9/11, die afghanische Regierung wollte ein formales Auslieferungsbegehren mit Beweisen, und die USA „verteidigte“ sich. Dank Grünen war Deutschland dabei. Soweit die Kurzversion der Kritiker. Aber was passierte eigentlich nach der Invasion in den 20 Jahren der Besatzung?

Zwanzig Jahre lang beschrieben westliche Regierungen ihren Militäreinsatz am Hindukusch mit Wörtern wie „Sicherheitsübergang“ und „Kapazitätsaufbau“. Auf dem Höhepunkt der Truppenpräsenz standen 2010 rund 100.000 US-Soldaten und insgesamt etwa 150.000 internationale Soldaten im Land. Begleitet wurde die militärische Präsenz von einem eigenen Vokabular – und einem eigenen Finanzsystem, dessen Wirkung sich erst im Nachhinein wirklich bemessen lässt.

Ein Land, zwischen Verbündeten aufgeteilt

Die NATO trat nicht als einheitliche Besatzungsmacht auf, sondern verteilte Afghanistan faktisch unter den beteiligten Staaten. Die USA und Großbritannien übernahmen den Süden rund um Helmand – ausgerechnet jene Provinz, die über Jahre bis zu 60 Prozent des afghanischen Opiums lieferte und als weltweit größte Mohnanbauregion galt. Selbst der Einsatz von zehntausenden Soldaten reichte dort über Jahre nicht aus, um Gebiete dauerhaft zu halten – für die Rückeroberung zweier Distrikte allein waren 2010 rund 19.000 Marines nötig.

Die übrigen Provinzen wurden unter den restlichen NATO-Partnern aufgeteilt und mit „Provincial Reconstruction Teams“ (PRTs) bestockt. Offiziell sollten diese zivil-militärischen Einheiten die Autorität der Kabuler Zentralregierung stärken und Sicherheit sowie Wiederaufbau fördern. In der Praxis kam eine eigene Analyse des US-Militärs selbst zu einem anderen Befund: Zahlreiche Provinzgouverneure und Polizeichefs, mit denen die PRTs kooperierten, waren altgediente Warlords und Milizkommandeure, deren Loyalität der Zentralregierung keineswegs galt – und die Unterstützung durch die PRTs erleichterte es diesen Machthabern gerade, sich von Kabul weiter zu emanzipieren.

Der damalige afghanische Präsident Hamid Karzai fasste das Ergebnis Jahre später selbst in einem Wort zusammen: Er bezeichnete die PRTs als „Parallelstrukturen“, die den Aufbau afghanischer Lokalregierungen eher behinderten als beförderten. Auch Hilfsorganisationen warfen den PRTs vor, die Grenze zwischen Kombattanten und Helfern zu verwischen; eine Untersuchung für die Jahre 2010/2011 fand tatsächlich mehr Sicherheitsvorfälle gegen NGOs in Provinzen mit PRT-Präsenz.

Geld als Waffensystem

Das wichtigste Finanzierungsinstrument der PRTs war das „Commander’s Emergency Response Program“ (CERP), über das Feldkommandeure direkt Bargeld für lokale Projekte ausgaben – von Schulen über Straßen bis zu Zahlungen an bewaffnete Gruppen. Die US-Armee selbst nannte ihr Handbuch dazu unverblümt Money as a Weapons System – Geld als nichttödliche Waffe zur Aufstandsbekämpfung. Die jährlichen CERP-Mittel wuchsen von 200 Millionen US-Dollar 2007 auf eine Milliarde 2010. Das Ergebnis blieb hinter dem Anspruch zurück: Der US-Rechnungshof (GAO) mahnte wiederholt fehlende Kontrolle und Vetting an, und eine spätere Untersuchung des Kongresses stellte fest, dass die Gelder „strukturelle Mängel und Missbrauch“ aufwiesen und teils sogar Gewalt eher beförderten als eindämmten, weil bewaffnete Gruppen Anreize hatten, geförderte Projekte anzugreifen, um die Bevölkerung von der Regierung zu entfremden.

Was von der Bevölkerung übrig blieb

Während Milliarden in Sicherheits- und PRT-Budgets flossen, blieb von echtem „Kapazitätsaufbau“ für die afghanische Bevölkerung wenig übrig. Schon 2021, kurz vor dem chaotischen Abzug, warnte das UN-Entwicklungsprogramm, dass bis zu 97 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze rutschen könnten – ausgehend von einer bereits damals auf 72 Prozent geschätzten Basisarmutsrate. Nach der Übernahme durch die Taliban meldete das UNDP für 2022 rund 34 Millionen Afghanen unterhalb der Armutsgrenze – gegenüber rund 19 Millionen im letzten vollen Jahr der westlich gestützten Regierung 2020. Bei einer geschätzten Bevölkerung von 40 Millionen entspricht das einer Armutsquote von rund 85 Prozent.

Die bittere Pointe

Besonders aufschlussreich ist ein letzter Vergleich: Zwei Jahrzehnte lang scheiterten NATO und afghanische Regierung daran, den Mohnanbau im Süden einzudämmen – 2017 stieg die afghanische Opiumproduktion laut UNODC sogar um 87 Prozent auf geschätzte 9.000 Tonnen. Nach der Rückkehr der Taliban an die Macht und einem religiös begründeten Anbauverbot ging die Anbaufläche dagegen binnen eines einzigen Jahres um rund 80 Prozent zurück, besonders drastisch ausgerechnet in Helmand. Was die westliche Militärpräsenz mit ihrem PRT- und CERP-Apparat nicht schaffte, gelang einem einzigen Erlass – auf Kosten Hunderttausender landloser Landarbeiter, die von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen verloren.

Am Ende zweier Jahrzehnte „Sicherheitsübergang“ steht damit ein Befund, der sich schwer schönreden lässt: ein Netz aus Warlords, das sich mit westlicher Unterstützung von der Zentralregierung emanzipierte, ein milliardenschweres Bargeldprogramm mit dokumentiert schwacher Kontrolle, und eine Bevölkerung, deren Armutsrate am Ende höher lag als an praktisch jedem anderen Punkt der jüngeren afghanischen Geschichte.

Und Deutschland mittendrin dabei, wie mir ein ehemaliger Offizier aus seiner Zeit in Afghanistan berichtete, durch die er selbst zum Kriegsgegner wurde.

Der „Erfolg“ des „Verteidigungs„-Krieges

Ein zerbombtes Land, ausgeblutet, zerstört. Jahrtausende von Entwicklungsgeschichte vernichtet. So hat der jahrzehntelange Krieg in Afghanistan zum Beispiel die jahrtausendealten Bewässerungsanlagen des Landes schwer beschädigt und in weiten Teilen zerstört. Es handelt sich dabei um das sogenannte Karez-System (auch als Qanat bekannt), eine geniale unterirdische Tunneltechnologie, die seit über 2.000 bis 3.000 Jahren genutzt wurde, um Wasser mittels Schwerkraft verdunstungsgeschützt aus den Bergen in trockene landwirtschaftliche Gebiete zu leiten. Um nur ein Beispiel zu nennen. Als die deutsche Bundesregierung stolz vom Brunnenbau berichtete, vergaß sie die Zerstörung dieser Bewässerungsanlagen zu erwähnen.

Recherchen und interne Regierungsdokumente zeigten, dass die tatsächlichen Kosten noch höher lagen als bekannt gegeben und sich auf deutlich über 18,5 Milliarden Euro summierten. Der Einsatz gilt damit als die mit Abstand teuerste und verlustreichste Auslandsmission in der Geschichte der Bundeswehr. Wobei viele Kosten immer noch unberücksichtigt bleiben, wie reguläre Gehälter, geheime Ausgaben, Langzeitkosten, z.B. für die Veteranen des Krieges. Das kling wenig, wenn man die Ausgaben mit dem derzeit laufenden Stellvertreterkrieg in der Ukraine gegen Russland vergleicht. Aber das Ergebnis zeigt auf, was mit „Mädchenschulen bauen“ oder „Brunnen bohren“ in Wirklichkeit gemeint ist.

Zusammenfassung

Der Krieg gegen Afghanistan war ein 20-jähriges Desaster. Der Krieg gegen Russland in der Ukraine wird aber alles in den Schatten stellen, was Deutschland nach dem 2. Weltkrieg erlebt hat. In beiden Fällen wird man am Ende feststellen, dass nur eine kleine Minderheit aus dem Krieg Vorteile ziehen konnte, aber die große Masse auf allen Seiten der Front litt und die Zeche bezahlen muss.

Bild: Screenshot von Video zum Afghanistankrieg

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