Recht gehabt – aber nie rehabilitiert

28. Juni 2026von 7,9 Minuten Lesezeit

Wie der Westen jene bestrafte, die vor seinen Kriegen warnten – und warum diese Menschen bis heute keine Entschuldigung erhielten. Statt Menschen, welche zurecht vor Fehlentscheidungen der Politik gewarnt hatten, Orden und Jobs zu verleihen, geraten sie, einmal geschmäht, für immer als Loser in Vergessenheit.

Schauen wir uns in diesem Artikel einige Beispiele an, wie Medien und Politik Menschen gnadenlos verlacht, gedemütigt, geschmäht, haben, ja ihre Existenz vernichteten, obwohl sie von Anfang an Recht mit ihren Warnungen gehabt hatten.

Irak 2003: Die Leute, die Recht hatten, wurden gefeuert

Es war einer der folgenreichsten Irrtümer der modernen Geschichte: Im März 2003 marschierten die USA und ihre Verbündeten in den Irak ein, mit der zentralen Begründung, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen. Diese Behauptung erwies sich als falsch. Doch während die Kriegsbefürworter, die diesen Irrtum propagiert hatten, weitgehend ohne Konsequenzen blieben, wurden jene, die frühzeitig gewarnt hatten, marginalisiert, belächelt oder direkt aus ihren Jobs entfernt. Eine systematische Rehabilitation dieser Menschen fand nie statt.

Hans Blix, der schwedische Chef der UN-Waffeninspekteure (UNMOVIC), führte zwischen November 2002 und März 2003 über 700 Inspektionen an 500 Standorten im Irak durch. Sein Befund vor dem UN-Sicherheitsrat war eindeutig: Kein Beweis für aktive Massenvernichtungswaffenprogramme. Washington und London drängten auf Krieg – und zwangen Blix, seine Arbeit abzubrechen. Newt Gingrich warf ihm damals vor, er sei „entschlossen, Saddam Hussein Zeit zu kaufen und Ausreden für ihn zu erfinden“. Als 2004 feststand, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab, hatte Blix längst seinen Posten verlassen.

Eine offizielle Entschuldigung des Westens an ihn ist bis heute ausgeblieben.

Noch drastischer war der Fall von Scott Ritter, dem früheren US-Marineoffizier und UN-Chefinspektor für Irak (1991–1998). Ritter war kein Friedensaktivist, sondern ein Hardliner mit direkter Feldkenntnis. Vor dem Krieg erklärte er öffentlich, der Irak sei „im Wesentlichen entwaffñet“ und könne keine relevante Bedrohung mehr darstellen. Dafür wurde er in den US-Medien als Verräter und irakischer Handlanger hingestellt. Im Jahr 2001 wurden gegen ihn – kurz nach Beginn seiner öffentlichen Irak-Kritik – Verfahren wegen des Verdachts auf Kontaktanbahnung zu Minderjährigen (der von einem Polizisten gespielt wurde) im Internet eingeleitet. Ob diese zeitlich auffälligen Ermittlungen politisch motiviert waren, blieb ungeklärt. Die Iraq Survey Group bestätigte 2004 Ritters Einschätzung hinsichtlich der Situation im Irak jedoch vollständig.

Phil Donahue, eine Ikone des amerikanischen Fernsehens mit über 20 Emmy-Preisen, kehrte 2002 nach langjähriger Abstinenz ins TV zurück – mit einer Primetime-Sendung bei MSNBC, die zur meistgesehenen Sendung des Senders wurde. Im Februar 2003, drei Wochen vor Kriegsbeginn, wurde er gefeuert. Ein internes NBC-Memo, das später geleakt wurde, erklärt offen, Donahue sei ein „schwieriges öffentliches Gesicht für NBC in Kriegszeiten“, weil er „antikrieglichen Stimmen ein Zuhause biete, während die Konkurrenz bei jeder Gelegenheit die Flagge schwenkt“. Dass Donahue die beste Einschaltquote im Sender hatte, änderte nichts. Er durfte fortan nie wieder eine reguläre TV-Sendung moderieren. Donahue starb 2024 im Alter von 88 Jahren, ohne je eine Entschuldigung erhalten zu haben.

Journalisten, die korrekt berichteten, wurden systematisch kleingehalten. Die Reporter Jonathan Landay und Warren Strobel bei Knight Ridder schrieben Monate vor dem Einmarsch kritische Artikel, die die Geheimdienstgrundlage des Krieges in Frage stellten – und bekamen dafür kaum öffentliche Aufmerksamkeit, weil Knight Ridder keine Zeitung in New York oder Washington zur Veröffentlichung bewegen konnte. Walter Pincus von der Washington Post schrieb kurz vor Kriegsbeginn, dass die US-Geheimdienste dem Kongress keine konkreten Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen vorlegen konnten – sein Artikel landete auf Seite 17. Die berühmten Kriegsbefürworter schrieben die Titelseiten.

Afghanistan: Die „Afghanistan Papers“ zeigen das Ausmaß der Lüge

Als US-Präsident George W. Bush im Oktober 2001 die Invasion Afghanistans befahl, warnten erfahrene Diplomaten, Entwicklungshelfer und Historiker vor denselben Fehlern, die bereits den Sowjets den Rücken gebrochen hatten. Die Warnung war so alt wie das Land selbst: Afghanistan – seit dem 19. Jahrhundert als „Gräberfeld der Imperien“ bekannt – hatte jeden Besatzer verschlissen. In der Atmosphäre nach dem 11. September 2001 galt jedoch jede öffentliche Skepsis als nahezu unpatriotisch.

Die systematische Lüge über den Fortschritt des Krieges dokumentierte die Washington Post 2019 mit den „Afghanistan Papers: vertrauliche Interviews mit über 600 Beteiligten, geführt von der amerikanischen Kontrollbehörde SIGAR.

Darin erinnert sich ein hochrangiger Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates, dass es unter Obama „unmöglich war, gute Metriken zu erstellen“. „Die Zahlen wurden für die gesamte Dauer des Krieges manipuliert.“ Die Berichte, die intern Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Krieges äußerten, blieben bis zuletzt unter Verschluss. Wer nach außen kommunizierte, was intern bekannt war, riskierte seine Karriere. Eine formelle Anerkennung der Kassandren – jener, die früh auf das Scheitern hingewiesen hatten – ist nie erfolgt.

In Deutschland gab es vor dem Afghanistankrieg einen ARD-Korrespondenten, der eindringlich vor dem Afghanistankrieg gewarnt hatte. Er wurde daraufhin geächtet, erhielt keine Aufträge mehr, verbitterte, gab daraufhin Interviews für russische und iranische Medien, weil er als „Verbrannter“ in Deutschland galt. Dies rechnete man dann als Beweis, das er „schon immer“ zugunsten „der Gegner“ Deutschlands gearbeitet hätte. Als seine Warnungen sich als richtig erwiesen, und Deutschland nach 20 Jahren Krieg geschlagen aus Afghanistan vertrieben wurde, erhielt auch er keine Rehabilitation. Als Grund nannte man seine „tiefe Verankerung in der Szene der Verschwörungstheoretiker„.

Libyen 2011: Der Mann, der Recht hatte, wurde überstimmt

Die NATO-Intervention in Libyen 2011 wurde als Musterbeispiel humanitärer Schutzverantwortung („Responsibility to Protect“) gefeiert. Das Land ist seither ein Zerstörter Staat, in dem rivalisierende Milizen, der Islamische Staat und ausländische Milizengruppen die Kontrolle kämpfen.

US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte die Intervention offen abgelehnt. Auf einer Anhörung im März 2011 sagte er vor dem Senat: „Es gibt viel loses Gerede, ehrlich gesagt, über einige dieser militärischen Optionen. Eine Flugverbotszone beginnt mit einem Angriff auf Libyen.“ Neben Gates lehnten Vizpräsident Biden, Generalstabschef Michael Mullen und mehrere Sicherheitsberater eine militärische Beteiligung ab. Überstimmt wurden sie von Hillary Clinton, Samantha Power und Susan Rice. Als das Chaos über Libyen hereinbrach, bat Clinton in Interviews um Nachsicht – eine formelle Anerkennung jener, die Recht gehabt hatten, gab es nicht.

Gaddafi selbst hatte übrigens in einer berüchtigten Rede im März 2011 davor gewarnt, dass sein Sturz Europa „mit Migranten überschwemmen“ würde. Das wurde als Propaganda abgetan. Die Migrationsroute über das zerfallene Libyen wurde zehn Jahre lang zur humanitären Katastrophe im Mittelmeer.

Ein System ohne Rückspiegel

Das Muster wiederholt sich mit beunruhigender Regelmäßigkeit. Jene, die Kriege befürwortet hatten, blieben auf ihren Posten, schrieben Memoiren und moderierten Talk Shows.

Eine Studie der Medienorganisation FAIR ergab, dass in den acht Monaten vor dem Irak-Krieg 64 Prozent der Gäste in den großen US-Netzwerken kriegsbefürwortend waren; nur 10 Prozent der Gäste waren Stimmen gegen den Krieg– bei amerikanischen Gästen verschlechterte sich das Verhältnis auf 25 zu 1.

Die New York Times entschuldigte sich 2004 in einem Redaktionskommentar für ihre Kriegsberichterstattung und räumte ein, dass ihre Artikel „nicht so rigoros waren, wie sie hätten sein müssen“. Chefin des Skandals, Judith Miller, die mit falschen Geheimdienstinformationen von Ahmed Chalabi die Titelseitenmeldungen der Times gefüllt hatte, verlor später ihren Job – aber erst nachdem der Schaden angerichtet war.

Die Journalisten, die von Anfang an korrekt berichtet hatten, erhielten ihre Titelseiten nicht zurück.

Der Medienwissenschaftler Howard Kurtz schrieb rückblickend für CNN, die Irak-Berichterstattung sei „das größte Versagen der modernen Mediengeschichte. Ein gravierendes Detail: Als Präsident Bush im März 2004 auf einer Gala für Washingtoner Journalisten Fotos von sich zeigte, wie er im Oval Office nach Massenvernichtungswaffen sucht, lachten die anwesenden Reporter. Amerikanische Soldaten und irakische Zivilisten starben zu diesem Zeitpunkt jeden Tag.

Die Kosten fehlender Rechenschaftspflicht

Das Fehlen institutioneller Rehabilitation hat konkrete Folgen: Es sendet das Signal, dass kritisches Denken riskant und Konformismus belohnend ist. Die Ergebnisse der Kriege – der Irak als Nistätte des Islamischen Staates, Afghanistan unter erneuter Taliban-Herrschaft, Libyen als gescheiterter Staat – wurden als bedauerliche Ausrutscher gerahmt, nicht als Konsequenz eines Systems, das Warnung bestraft und Propaganda belohnt.

Hans Blix erhielt den schwedischen Olof-Palme-Friedenspreis – von einem Komitee in Stockholm, nicht von Washington oder London. Scott Ritter wurde später wegen Vergehen verurteilt, die nichts mit seiner Irak-Analyse zu tun haben; seine Analyse war dennoch korrekt. Phil Donahue moderierte nie mehr eine reguläre Sendung. Walter Pincus’ Artikel blieben auf Seite 17. Christoph Hörstel verbitterte und bleibt als „Verschwörungstheoretiker“ verbannt, trotz seiner korrekten Berichterstattung von 1985 bis 1999, insbesondere über Afghanistan. Das sind nur einige Beispiele. Man sollte ein Buch darüber schreiben, denn es waren viel mehr Menschen, die es wagten, gegen den Strom zu schwimmen. Aber nun werden es, eben dank dieser Tatsache, dass es keine Rehabilitation gibt, immer weniger.

Und es betraf nicht nur Kriege

Dieses Vorgehen, der persönlichen Schmähungen und dem Drängen von „Quertreibern“ aus Medien und Politik gilt auch für andere Kriege, Krisen, Bereiche. Aber das hier aufzurollen, würde den Rahmen sprengen.

Die Frage, ob diese Menschen je rehabilitiert werden, ist im Kern eine Frage darüber, ob westliche Demokratien die Kapazität zur institutionellen Selbstkritik besitzen. Bisher lautet die Antwort: nein.

Die Kriegsarchitekten, die Falschinformationen verbreiteten, wurden nicht zur Verantwortung gezogen. Die Kassandren, die Recht hatten, wurden vergessen.

Bild: Screenshot aus berühmten Clinton-Interview über die brutale Ermordung Gaddafis

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7 Kommentare

  1. Tabascoman 28. Juni 2026 um 15:16 Uhr - Antworten

    Auch viele, viele sehr Menschen denen die zahlreichen Unstimmigkeiten von 911 von vorn herein auffiel, verloren sofort ihre berufliche Position. Bush opferte 3000 seiner Landsleute als Vorwand, damit er beliebige Kriege starten konnte.

    • audiatur et altera pars 29. Juni 2026 um 9:55 Uhr - Antworten

      Wären dem so (viele, viele auffällig Verlorene gewesen), so gäbe es heute so gut wie keine Statiker und Architekten oder Weltphysiker mehr. Entsprechende Fakultäter müssten einpacken. Fragte man sie, sagten sie ohne Wimpernzucken: „Bei einer Verschwörung müssten sich so viele Menschen verschwören – eine Sprengung ist unmöglich.“
      That’s the way you make my day.

  2. Waldgaengerin 28. Juni 2026 um 12:21 Uhr - Antworten

    Kann ja auch nicht so sein!

    „Die“ wollen die Menschen über ihre gekauften Medien manipulieren – und wenn dann einer dazwischen funkt, weil er meint, irgend etwas Wahres berichten zu müssen, welches dem offiziell erwünschen Narrativ widerspricht, muß der halt weg. Medial mundtot machen geht ja noch, das kenne ich auch.

    Schlimmer ist, wenn diejenigen Leute das nicht überleben.

    Die weitergehende Frage bzw. Feststellung ist natürlich, daß so „Demokratie“ nie funktionieren kann, denn die Massen bleiben ewig dumm. Weil sie manipuliert werden. Die Frage, ob die Massen das zulassen, kann man dabei getrost außen vor lassen. Auch ich habe bis zum zarten Alter von ca 42 nicht gewußt daß es eine andere Realität jenseits der mainstram-Medien gibt.

  3. Der alte Marxist 28. Juni 2026 um 11:59 Uhr - Antworten

    Die Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein waren keineswegs „einer der folgenreichsten Irrtümer der modernen Geschichte“. Es war schlicht und einfach ein vorgeschobener Kriegsgrund (wie so oft). So konnte man Panik erzeugen und – unterstützt durch Medienpropaganda – vor allem in den USA Zustimmung zum Krieg bekommen. Es ist natürlich nicht um Massenvernichtungswaffen gegangen, sondern einfach um Öl. Noch heute sind Exxon und Shell die größten Erdölförderer im Irak.

  4. Jan 28. Juni 2026 um 10:37 Uhr - Antworten

    „Fehlentscheidungen der Politik“

    Der Autor unterliegt einem Irrtum. Es handelt sich um Entscheidungen der Politik, nicht um Fehlentscheidungen. Das Vergehen der Genannten war, das magere Feigenblatt zu decouvrieren, das den Wählern WIR SIND SO DEMOKRATISCH DU RRÄÄCHTSS ermöglicht.

    Vielleicht kann man das als Redakteur nicht so schreiben: Der Irrtum ist der, dass wir einen Rechtsstaat hätten. Denn auch in einem nichtdemokratischen Rechtsstaat würden sich genannte Entscheidungen verbieten.

    Die Autoren werden bestraft, weil sie indirekt den Glauben, wir lebten in einem Rechtsstaat, beschädigen und damit die herrschende Gewalt delegitimieren.

    Persönlich halte ich Rechtssysteme, in denen Richter direkt gewählt werden für bedenkenswert.

    Das betrifft ebenso die internationale Ebene. Das Internationale Recht ist nicht durchsetzbar. Es schafft nur eine innenpolitische Referenz, die Druck aufbaut. Die Staaten wehren sich dagegen durch Gummiparagraphen, die Kritik verbieten, in Österreich zB die Novelle des Spionagegesetzes.

    Es entsteht auch kein innenpolitischer Druck, weil der Bevölkerung das Leid der Anderen egal ist. Der ist das eigene Leid egal, die lassen sich tot und krank spritzen und ihre Kinder verstümmeln und halten das für alternativlos! Wie sollen sie da zu ihrem PM gehen und sagen, wenn T. die Kinder in die Luft sprengt, dann empfängste ihn zumindest mit saurer Miene. Das machen die nicht, nie!

  5. Jakob 28. Juni 2026 um 10:30 Uhr - Antworten

    Und über wen durfte ich in den 7 Klassen gymnasialen Geschichtsunterricht die „Fakten“ lernen?
    Über alle „der, die Grosse“ welche Kriege führten, Länder eroberten, Völker versklavten und Menschen ermordeten.
    Es gab sicher auch durch diese Jahrhunderte Mahner von denen jedoch keine Daten überliefert sind.
    Es ist eben – leider – das Kali-Yuga.

  6. Hausmann_Alexander 28. Juni 2026 um 10:12 Uhr - Antworten

    Als Erntehelfer war ich Mobbing eines Polenclans ausgesetzt, welcher starke Parallelen zum obigen Artikel hat.

    Es waren Drogenabhängige und welche, die über Frauen bestimmen wollten.

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