Xiaomi SkyNomad: Vom Smartphone-Riesen zum rollenden Wohnzimmer mit Zeltfunktion

18. August 2026von 5,9 Minuten Lesezeit

Der chinesische Technikkonzern, bekannt für Smartphones mit Leica-Optik, bringt mit dem SkyNomad N90 einen großen SUV mit enormer Reichweite auf den Markt, das Wohnwagen- und Camping-Funktionen integriert.

Der chinesische Konzern, der hierzulande vor allem für seine Smartphones mit Leica-Optik bekannt ist, baut seit 2024 Autos – und legt mit der neuen Baureihe SkyNomad einen Frontalangriff auf ein Segment hin, das etablierte Hersteller sträflich verschlafen haben: das Auto als Wohnraum. Der SkyNomad N90 ist das erste Modell der neuen SkyNomad-Serie und Xiaomis erstes Extended-Range-Electric-Vehicle (EREV). Das über 5,28 Meter lange, rund 2,80 Tonnen schwere Full-Size-SUV bietet fünf oder sieben Sitze, drehbare Vordersitze (180 Grad im Stand), Zero-Gravity-Sitze in der zweiten Reihe, einen verschiebbaren Mittelarmlehnen-„Bar-Counter“, Kühlschrank und große Panoramadächer. Xiaomi beschreibt den Innenraum als wandelbar: „Studio für einen, Café für zwei, Lounge für drei oder Spielplatz für die ganze Familie.“

Die Leica-Connection: Warum Xiaomi in der Kamera-Liga spielt

Wer Xiaomi bislang nur als „günstigen Handy-Hersteller“ abgespeichert hat, verkennt die Realität. Die Kooperation mit Leica hat den Konzern fotografisch in die absolute Oberklasse katapultiert. Das aktuelle Flaggschiff, das Leica Leitzphone powered by Xiaomi (technisch auf Basis des Xiaomi 17 Ultra), ist kein Marketing-Gimmick, sondern ein ernstzunehmendes Kamerawerkzeug.

Die Eckdaten sprechen für sich:

  • Hauptkamera: 23-mm-Äquivalent, 1-Zoll-Sensor, 50 MP, Blende f/1,67 mit optischer Bildstabilisierung
  • Teleobjektiv: 75–100 mm äquivalent, 200 MP (!), 1/1,4-Zoll-Sensor, mechanischer optischer Zoom (3,2x–4,3x)
  • Ultraweitwinkel: 14 mm äquivalent, 50 MP, 115° Sichtfeld
  • Frontkamera: 50 MP mit Autofokus

Dazu kommt ein Detail, das den Unterschied zur üblichen „Co-Branding“-Farce markiert: Leica hat die Kamera-App eigenständig designt und einen Essential Mode implementiert, der den Bildlook legendärer Analogkameras – konkret der Leica M9 und der Leica M3 – nicht als nachträglichen Filter, sondern bereits in der Bildverarbeitung bei der Aufnahme simuliert. Leica hat dafür nach eigenen Angaben Aufnahmen beider M-Kameras analysiert, um den Stil möglichst realitätsnah zu übertragen. Das Ergebnis sind Schwarz-Weiß-Bilder mit Filmkörnung, die man auf den ersten Blick nicht von einer echten M3 unterscheiden würde.

Aber zurück zum Xiaomi SkyNomad:

Der SkyNomad N90: Ein Haus, das man bewegen kann

Dieselbe Denkweise – „was wäre, wenn wir die Kategorie neu erfinden“ – treibt Xiaomi jetzt in der Automobilsparte an. Im Juli 2026 stellte CEO Lei Jun die neue Baureihe SkyNomad vor, und das Top-Modell N90 ist das vielleicht radikalste Familienfahrzeug, das je von einem Technologiekonzern gezeichnet wurde.

Lei Juns eigene Formulierung: „Ein Haus, das man bewegen kann.“ Das ist keine Marketingsprech-Übertreibung, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung des Konzepts.

Camping- und Wohnwagenfunktionen: Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal

Der entscheidende Punkt für alle, die Freiheit und Autarkie schätzen: Der N90 ist nicht nur ein Auto, sondern ein vollwertiger Mini-Camper. Die Details:

  • Ebene Liegefläche: Die zweite und dritte Sitzreihe lassen sich zu einer komplett flachen Fläche umbauen, auf die eine passgenaue Matratze passt – der N90 wird zum Schlafzimmer.
  • Camping Edition mit Aufstelldach: Die offiziell als „Fahrzeug für Kultur- und Freizeitdienste“ eingestufte Variante bringt ein Aufstelldach mit Dachbett-Plattform, seitliche Staukästen, eine Schnittstelle für Vorzelte, einen abnehmbaren Tisch und optional sogar einen Projektor mit.
  • 220-Volt-Ausgang (V2L): Campinggeräte, Kühlboxen, Beleuchtung – alles lässt sich direkt aus der Fahrzeugbatterie betreiben. Dank Range-Extender geht der Strom auch nach Tagen im Gelände nicht aus.
  • Kühlschrank an Bord: kein Nachrüst-Zubehör, sondern ab Werk integriert.
  • Wattiefe bis 750 mm: Dazu zwei Wat-Radare und die Fähigkeit, im Notfall kurz aufzuschwimmen – für ein Familien-SUV eine bemerkenswerte Geländetauglichkeit.

Das Aufstelldach darf aus Sicherheitsgründen nur im Stand abseits öffentlicher Straßen geöffnet werden – eine sinnvolle Einschränkung, die den Charakter als stationäres Campingfahrzeug unterstreicht.

Xiaomi bietet für die Wochenendnutzung ferner ein Campingset mit nach hinten ausklappbarem Zelt an – siehe Bild oben.

Das Wohnzimmer-Konzept: Drehsitze, Kücheninsel, Kino

Der Innenraum ist als „SUV-Karosserie, MPV-Kabine“ konzipiert. Im Stand verwandelt sich der N90 laut Xiaomi in „ein Studio für einen, ein Café für zwei, ein Wohnzimmer für drei oder einen Spielplatz für die ganze Familie“. Konkret:

  • 180-Grad-Drehsitze vorn: Beide Vordersitze rotieren zur zweiten Reihe – mit einsteckbarem Standtisch entsteht eine Vis-à-vis-Lounge.
  • Wandernde Mittelkonsole: Die Armlehne gleitet auf Schienen und wird zur Kücheninsel oder Bartheke.
  • Zero-Gravity-Sitze in Reihe zwei mit elektrischen Beinauflagen.
  • Ausklappbarer 21,4-Zoll-Monitor aus dem Dach für die Fondpassagiere.
  • 25 Lautsprecher und geteilte Panorama-Glasdächer.

Die Kunlun-Plattform wurde laut Xiaomi nicht um Karosserie und Antrieb herum entwickelt, sondern vom Innenraum aus gedacht – Ziel ist ein durchgehend flacher Kabinenboden von der ersten Reihe bis in den Laderaum. Genau das macht die flexiblen Sitz-, Schlaf- und Arbeitskonzepte erst möglich.

Technik: Range-Extender statt Reichweitenangst

Wir haben das grundlegende Konzept der chinesischen Hbrid Technologie anhand des BYD hier detailliert dargestellt. Der Lademodus: Die Batterie fällt unter einen definierten Ladezustand und der 1,5 Liter Benzinmotor springt an, fungiert als Generator und lädt die Batterie. Man fährt jedoch weiterhin rein elektrisch! Der Verbrenner wirkt nicht auf die Räder und den Antrieb. Er läuft im optimalen Bereich mit konstanter Drehzahl, dem höchsten Wirkungsgrad und produziert Strom mit dem geringsten Benzinverbrauch. Und das unabhängig davon wie man gerade fährt, steht, anfährt, beschleunigt oder bremst.

Antriebsseitig setzt Xiaomi auf ein EREV-Konzept (Extended-Range Electric Vehicle), also einen seriellen Plug-in-Hybrid:

Kenngröße Wert (N90 Max)
Batterie 76 kWh
Rein elektrische Reichweite bis 464 km (CLTC)
Gesamtreichweite bis 1.705 km (CLTC)
Range-Extender 1,5-l-Turbobenziner (Dongan), 112 kW
Generatorverbrauch 5,7–6,26 l/100 km
Systemleistung 310 kW (422 PS)
0–100 km/h 5,9 s
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
Länge / Breite / Höhe 5.285 / 1.998 / 1.825 mm
Radstand 3.080 mm
Kofferraum bis 1.831 Liter

Der Benziner treibt ausschließlich einen Generator an, der die Batterie speist – angetrieben wird immer elektrisch. Das ist konzeptionell der pragmatischste Weg, die Schwächen der reinen Batterie-Infrastruktur zu umgehen, ohne auf Elektromobilität zu verzichten. Die Batterie lässt sich zudem am Schnelllader in 18 Minuten von 20 auf 80 Prozent nachladen.

Die Assistenzsysteme arbeiten mit Lidar, das Bordsystem mit Chips von Qualcomm und Nvidia, die Konnektivität umfasst Dual-5G und Wi-Fi 7. Der Sprachassistent XiaoAi steuert Sitzpositionen, Licht und Klima je nach Nutzungsszenario.

Die Details dokumentieren chinaelektro.de ausführlich, ebenso auto-motor-und-sport und autohaus.de.

Preis: Der eigentliche Hammer

Der Vorverkauf startete bei 299.900 Yuan – umgerechnet rund 39.000 Euro für die N90-Max-Variante. Der kleinere N70 Max beginnt bei etwa 36.000 Euro. Zum Vergleich: Ein Tesla Model Y L oder ein Li Auto L9 kostet deutlich mehr, ohne auch nur ansatzweise dieses Raumkonzept zu bieten.

Man muss kein China-Fan sein, um zu erkennen, dass hier ein Preis-Leistungs-Verhältnis geboten wird, das die etablierte Konkurrenz schlicht nicht abbilden kann. Die europäischen Hersteller diskutieren derweil Arbeitsplatzabbau und Zölle, statt ein vergleichbares Produkt zu entwickeln.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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10 Kommentare

  1. Andreas N. 18. August 2026 um 21:51 Uhr - Antworten

    Danke für diesen objektiven Bericht! Wer sich die Mühe macht die zahllosen neuen chin. Marken zu inspizieren weiß, daß diese autos mit hervorragendem preis/Leistungsverhältnis glänzen. Vergleichbare Deutsche kosten 2 – 3x soviel und erreichen nicht den elektronischen Standard.
    Die range extender Funktion funktioniert sensationell unauffällig und die Power des elektroantriebs

    • Andreas N. 18. August 2026 um 21:58 Uhr - Antworten

      steht permanent zur Verfügung. Die 220v Entnahmefunktion ist überhaupt genial: wasserkocher, kaffeemaschine, Licht, Werkzeug- alles jederzeit und an jedem Ort verfügbar – serienmäßig. Tesla zieht in den USA demnächst nach, MG und teilweise BYD können das bereits. Die chinesischen Marken nicht ernst zu nehmen ist ein großer Fehler und mit den Preisen wollen sie ganz klar zunächst Marktanteile erobern.

  2. peru3232 18. August 2026 um 12:48 Uhr - Antworten

    Also für mich wäre der sogar fast perfekt :-) Leider aber wird er hierzulande wie üblich nur mit erheblichen Strafsteuern erwerbbar sein, was es schlußendlich dann doch wieder viel zu teuer machen wird…

  3. Charles M. 18. August 2026 um 12:33 Uhr - Antworten

    Schnickschnack,
    ich bleibe bei meinem Allrad Sprinter, so muss Wohnmobil…

  4. Jurgen 18. August 2026 um 12:12 Uhr - Antworten

    Kopfschüttel… in dem Artikel wird wohl mal wieder unterschlagen, dass es in Europa eine andere große Industrie rund um Wohnwägen und Wohnmobile gibt. Dieses Manko in China versucht man jetzt wohl mit einer weiteren Billiglösung auszugleichen… Nein Danke!

    • Der Zivilist 19. August 2026 um 6:01 Uhr - Antworten

      Wenn sie recreational vehicles in China interessieren, bitte entsprechend googeln, hier geht es um einen PKW

      • Jurgen 19. August 2026 um 9:52 Uhr

        Und? Sowas gab es hierzulande schon in den 80/90ern…

    • LmaA 19. August 2026 um 9:58 Uhr - Antworten

      @jürgen
      Was verstehen Sie unter Billiglösung?

  5. Der Zivilist 18. August 2026 um 11:36 Uhr - Antworten

    Bei chinaelektro.de spielen die Insassen übrigens UNO, da kann man mal sehen, die USA haben doch noch was beizutragen zum Glück der Menschheit !

    https://www.chinaelektro.de/wp-content/uploads/2026/08/xiaomi-skynomad-n90-spielen-am-tisch.png

    https://de.wikipedia.org/wiki/Uno_(Kartenspiel)

  6. Der Zivilist 18. August 2026 um 11:30 Uhr - Antworten

    Und wieder macht Xiaomi Schlagzeilen, mit einem Auto. Ja, da kommt VW nicht mit, mit noch einem Golf, diesmal E. Der Unterschied liegt im Kopf !

    Wenn schon Auto, dann kann es ja gleich die Wohnung ersetzen, auf 5,28 m mit 2,8 to ist das technisch möglich, für eine Person. Kann man aber nicht hochstapeln, wie in chinesischen Städten. Aber die Welt spaltet sich eh auf, in dichte Megastädte und leeres Land. Und es gibt verdammt viel leeres Land, das auf Werbe Fotos verdammt gut ausschaut. Durch China läßt sich eine Linie von Nordost nach Südwest ziehen, die das Land flächenmäßig halbiert, im dicht besiedelten Westen leben 80% der Chinesen, dabei erreicht die Bevölkerungsdichte gerade mal die von D.

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