Überraschende Rückkehr großer Meereisflächen in der Grönlandsee

17. August 2026von 3,6 Minuten Lesezeit

Eine aktuelle Studie in Polar Science dokumentiert mit hochauflösenden Sentinel-1-SAR-Daten eine bemerkenswerte Entwicklung in der Grönlandsee nahe dem West Jan Mayen Ridge: Nach Jahren mit sehr geringer Meereisausdehnung kam es 2023 und 2024 zu einer abrupt großen Eisbedeckung.

Im Januar 2024 erreichte die Ausdehnung mit 20.308 km² den Höchstwert der gesamten Untersuchungsperiode 2017–2024 – das entspricht 39,5 Prozent des Untersuchungsgebiets. Die Autoren Furkan Yilgan und Ingibjörg Jónsdóttir haben mit hochauflösenden Sentinel-1-SAR-Satellitendaten die Meereis-Ausdehnung am West-Jan-Mayen-Rücken in der Grönlandsee über acht Jahre (2017–2024) Monat für Monat vermessen. Das Ergebnis ist bemerkenswert – und passt denkbar schlecht zu den üblichen Schlagzeilen.

Die zentralen Zahlen aus der Studie: „Monitoring changes in sea-ice extent near West Jan Mayen Ridge in the Greenland Sea using Sentinel-1 SAR remote sensing data“ (Überwachung von Veränderungen der Meereisausdehnung in der Nähe des West-Jan-Mayen-Rückens in der Grönlandsee mithilfe von Sentinel-1-SAR-Fernerkundungsdaten):

  • Größte jemals gemessene Eisausdehnung: 20.308 km² im Januar 2024 – das entspricht 39,5 % der gesamten Untersuchungsfläche.
  • Die Januar-Eisfläche 2024 war 6,4-mal größer als noch 2017 (damals 312 km²).
  • Im Jahresmittel 2023 war die Eisbedeckung mit 2.403,6 km² eine Größenordnung größer als in den mageren Jahren 2018/2019 (2019: nur 287,6 km²).

Mit anderen Worten: Nach zwei Jahrzehnten, in denen die Odden-Eiszunge praktisch verschwunden war, zeigt die Region plötzlich wieder Eisausdehnungen, die „stark an ein Wiederauftreten von Odden erinnern“, wie es die Autoren selbst formulieren.

Das hatte übrigens schon im Jahr 2023 eine Forschungsreise mit der „Polarstern“, einem Forschungseisbrecher des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI), ergeben. Völlig überrascht stießen die Forscher auf eine vollständige Veränderung der Eislandschaft, so damals AWI-Chefin Boetius: „Das Eis sieht so anders aus, dass wir einen Teil der Expedition damit zugebracht haben, herauszufinden, was hier los ist.“

Das Problem mit der einfachen Erzählung

Die Studie räumt mit einer liebgewonnenen Vereinfachung auf: Die Eisausdehnung lässt sich nicht auf einen einzigen Treiber zurückführen.

  • Die Meeresoberflächentemperatur (SST) in der Region zeigt zwar einen abnehmenden Trend von 2017 bis 2024 – aber eben nur langsam und nahezu linear, während das Eis abrupt am Ende des Zeitraums explodiert.

  • Die Lufttemperatur im März 2023 war zwar die niedrigste der acht Jahre (−6,2 °C), erklärt aber nicht das Januar-2024-Maximum.
  • Entscheidend: Die Autoren schlussfolgern, dass das Eis 2023/24 nicht lokal gebildet, sondern advehiert wurde – also über die Jan-Mayen-Strömung vom Ostgrönlandstrom und durch die Framstraße herantransportiert wurde.

Das heißt: Die Rückkehr der Odden-Eiszunge ist das Ergebnis mehrerer interagierender Faktoren – Süßwasserzufluss, Schichtung, Windmuster, Framstraße-Export – und nicht einfach die Kehrseite einer simplen Temperaturkurve.

Berichte dazu?

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, warum diese Studie kein Aufmacher-Thema wird: Sie widerspricht dem dominanten Narrativ der linearen, unumkehrbaren Arktis-Schmelze. Wer täglich „Eis geht zurück, alles schlimmer“ titelt, hat für eine Studie, die das größte Meereis-Wachstum seit Jahrzehnten in einer Schlüsselregion dokumentiert, schlicht keinen Platz.

Dabei wäre genau das der Stoff, aus dem ehrliche Klimaberichterstattung gemacht sein müsste: Klima ist nicht linear, sondern hochgradig variabel. Dass die Natur sich nicht an die Prognosemodelle der IPCC-Szenarien hält, ist unbequem – aber genau das zeigt die Datenlage hier.

Die Autoren selbst bleiben vorsichtig und sprechen von „möglichen zukünftigen Szenarien“, in denen die Odden-Bildung wieder häufiger auftreten könnte – begünstigt durch anhaltenden Süßwassereintrag aus der Arktis und episodische Kältewinter.

Schlussfolgerungen

Natürlich ist eine einzelne Studie kein Beweis dafür, dass „die Erderwärmung vorbei“ ist – so ehrlich muss man bleiben. Aber sie ist ein weiterer Beleg dafür, dass:

  1. Regionale Dynamiken dem globalen Trend oft widersprechen,
  2. Satellitendaten mit hoher Auflösung (Sentinel-1 mit 10 m) ein präziseres Bild liefern als die groben passiven Mikrowellendaten, auf denen viele Katastrophenmeldungen beruhen,
  3. und dass die Erzählung von der monokausalen Erwärmung wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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