Rom und Paris: Zwei Inszenierungen europäischer Russland-Politik

15. Juli 2026von 5,3 Minuten Lesezeit

Italiens Mitte-Links-Bündnis steht wegen Meinungsverschiedenheiten in der Russland-Frage vor einer Krise und Frankreich demonstriert bei Macrons letzter Parade zum Bastille-Tag die europäische Stechschritt-Einheit mit der Ukraine. Eine Einordnung in die EU-Politik

Am 8. Juli trat das italienische Oppositionsbündnis „Campo Largo“ – Partito Democratico (PD), Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) und Alleanza Verdi e Sinistra (AVS) – in Neapel gemeinsam gegen Giorgia Meloni an. Statt Einigkeit demonstrierte die Kundgebung Risse: M5S-Chef Giuseppe Conte behauptete, im Westen werde eine russische Bedrohung künstlich aufgebaut, um die europäische Aufrüstung zu rechtfertigen – Russland sei derzeit keine unmittelbare Gefahr für Europa. Er berief sich dabei auf Äußerungen des NATO-Kommandeurs Alexus Grynkewich gegenüber der Financial Times.

Streit in Melonis Regierung um die „Russlandfrage“

Die Reaktion aus dem PD folgte prompt: EU-Abgeordneter Giorgio Gori erklärte Contes Position für unvereinbar mit der Parteilinie – just an dem Tag, an dem die PD-Fraktion im EU-Parlament für einen Ukraine-Bericht stimmte, der Russland einen „illegalen, unprovozierten Angriffskrieg“ vorwirft, während M5S dagegen votierte, gemeinsam mit der rechten Lega und dem Rechtsaußen-Abgeordneten Roberto Vannacci. PD-Chefin Elly Schlein soll intern eingestanden haben, Conte habe sich im falschen Moment und auf ungeschickte Weise geäußert.

Es zeigt sich, dass EU-weit die Rechte das klassische Anti-Kriegsthema der Linken fest besetzt hat. Das dürfte eine weitere Erosion der Stimmen für sie mit sich bringen.

Was die Meldungen nicht sagen

Die meisten Berichte präsentieren den Streit als moralisches Problem Contes – als „Putinismus“, wie es die kürzlich aus dem PD ausgetretene Pina Picierno formuliert. Kaum thematisiert wird, dass Contes Position – Kritik an der geplanten Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 5 Prozent des BIP bis 2035 – auch von den Grünen-Linken-Politikern Angelo Bonelli und Nicola Fratoianni geteilt wird, die von einer breiteren, rüstungskritischen Strömung innerhalb des Bündnisses sprechen. Auch unerwähnt bleibt, dass Conte sich nicht auf eigene Quellen, sondern auf eine Äußerung des amtierenden NATO-Militärausschussvorsitzenden stützte – die Auseinandersetzung dreht sich also weniger um Fakten als um deren politisch legitime Deutung.

Was man fragen sollte

Warum wird eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit von Aufrüstung in der medialen Aufbereitung fast durchgängig als Bruch mit „euro-atlantischer Verantwortung“ gerahmt, statt als legitime sicherheitspolitische Kontroverse?

Und wieso fällt auf, dass ausgerechnet jene PD-Flügel, die von Bonelli als „beste Verbündete Melonis“ bezeichnet werden, am lautesten die Bruchlinie befeuern? Eine geplante zweite Kundgebung in Padua wurde nach dem Napoli-Eklat bereits umgestaltet – ein Hinweis, dass es dem Bündnis weniger um inhaltliche Klärung als um Schadensbegrenzung vor der Kamera geht.

Was unerwähnt bleibt

Bezeichnend ist, wer von der Kontroverse profitiert: Der rechtsextreme Vannacci reklamierte Conte postwendend als politischen Verbündeten in der Sache, während Meloni von einem zerstrittenen Oppositionslager profitiert, ohne selbst zu einer Position gedrängt zu werden. Die eigentliche Machtfrage – wer eine Koalition ohne gemeinsames Programm führen soll – bleibt in der Berichterstattung sekundär gegenüber der moralisch aufgeladenen Russland-Debatte, obwohl Beobachter wie der Philosoph Massimo Cacciari genau darin, nicht in Contes Einzeläußerung, das strukturelle Problem des Bündnisses sehen.

Macrons letzte Parade: Einheit als Inszenierung

Am 14. Juli 2026 ließ Frankreich zu Emmanuel Macrons letztem Nationalfeiertag als Präsident die bislang größte Militärparade der V. Republik aufmarschieren: rund 6.800 Soldaten, knapp 130 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 200 Pferde der Republikanischen Garde zogen unter dem Motto „Europas strategisches Erwachen“ über die Champs-Élysées. Rund 500 Soldaten der „Koalition der Willigen“ eröffneten den Umzug, 25 ukrainische Soldaten marschierten im alten sowjetischen Stechschritt mit, der von kritischen Sozial-Media-Nutzern mit der Parade der Nazis in Paris verglichen wurde, zwei ukrainische Co-Piloten flogen an Bord französischer Mirage-2000B-Jets.

Rund 30 Staats- und Regierungschefs verfolgten die Parade, darunter Wolodymyr Selenskyj, der mit Ovationen empfangen wurde. Bereits am Vortag hatten die Staaten der „Koalition der Willigen“ bei einem Treffen in den Invalides Pläne für eine gemeinsame Raketenabwehr, gesteigerte Rüstungsproduktion und Übungen für eine mögliche Nachkriegs-Truppenpräsenz in der Ukraine vereinbart.

Gegenwind für Macron

In Bulgarien kam die Stechschritt-Geschichte nicht gut an. Überraschung für Macron an diesem Tag war die Ankündigung des bulgarischen Premierministers, dass sein Land die Koalition der Freiwilligen verlässt!  

„Wir gehören nicht mehr zu einer Koalition, die sich verpflichtet, ihren finanziellen und militärischen Rückhalt für die Ukraine aufrechtzuerhalten! Die Lösung für diesen Konflikt liegt nicht in einer Verlängerung des militärischen Weges, sondern in einer starken diplomatischen Mission, die der Eskalation ein Ende setzt!“

Was die Meldungen nicht sagen

Die Berichterstattung feiert Symbolik und Rekordzahlen, bettet die Parade aber kaum in den innenfranzösischen Kontext ein: Premierminister François Bayrou hatte für 2026 Einsparungen von rund 44 Milliarden Euro angekündigt – bei eingefrorenen Renten und Sozialleistungen sowie zur Debatte stehenden Feiertagsstreichungen. Einzig der Verteidigungshaushalt sollte nach Bayrous eigenen Worten deutlich steigen (ZDF). Frankreichs Mitte-Rechts-Regierung verfügt weiterhin über keine parlamentarische Mehrheit; ein Sturz im Streit um den Haushalt im Herbst gilt als reales Szenario. Diese strukturelle Fragilität taucht in den internationalen Beiträgen zur Parade praktisch nicht auf.

Was man fragen sollte

Wie verträgt sich der Anspruch auf „strategische Autonomie“ mit einer Parade, deren militärischer Kern – die „Koalition der Willigen“ – faktisch unter britisch-französischer Führung im engen Gleichklang mit der NATO operiert?

Auffallend ist zudem, dass die Rekordgröße der Parade – 6.800 gegenüber 5.810 Soldaten im Vorjahr – in eine Zeit fällt, in der das Land sich selbst als am Rand der Schuldenkrise beschreibt.

Das Unerwähnte

Die Parade wird durchgängig als Botschaft an Moskau und Washington gedeutet, seltener als innenpolitisches Ablenkungsmanöver eines scheidenden Präsidenten, dessen Regierung im Herbst über einen Sparhaushalt stürzen könnte. Die militärische Geste ersetzt keine politische Mehrheit – und die Frage, wer die angekündigten Investitionen in Raketenabwehr und Rüstungsproduktion angesichts der Haushaltslage finanzieren soll, bleibt in der Feierlichkeit des 14. Juli auffallend unbeantwortet.

Bild: Screenshot von Artikel der Washington Post

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4 Kommentare

  1. Jan 16. Juli 2026 um 1:26 Uhr - Antworten

    Die Staaten werden alle ins Kriegsgeschrei einstimmen, wenn die Ölversorgung weiter knapp bleibt und auf die Märkte durchschlägt. Krieg ist eine Möglichkeit, die Unzufriedenen ruhig zu halten.

  2. Dr. Rolf Lindner 16. Juli 2026 um 0:48 Uhr - Antworten

    Die sich so nennende „Koalition der Willigen“, die man mit gutem Willen noch als die Böswilligen bezeichnen könnte, besteht aus Staaten, die durch horrende innenpolitische Probleme gekennzeichnet sind. Um ihre Phantasmen auch nur annähernd Wirllickeit werden zu lassen, müssten sie die Einwanderung von Handaufhaltern und Kriminellen nicht nur beenden, sondern mit deren Ausweisung sofort beginnen, sie müssten die nachwuchsfeindliche Familienpolitik umkehren, die Deindustrialisierung infolge der Klimaparanoia stoppen und den Schwuchteduttträgern den Eisenhut schmackhaft machen. Das wären Maßnahmen, um eine Kriegstüchtigkeit in vielleicht 20 Jahren zu erreichen. Das, was sie in dieser Sache derzeitig unternehmen, ist, Menschen, die diese Maßnahmen fordern, zu bespitzeln, zu verfolgen und mundtot zu machen. Da gesellt sich zur Klimaparanoia passend die Kriegsschizophrenie.

  3. cwsuisse 15. Juli 2026 um 20:56 Uhr - Antworten

    Die Umwidmung des französischen Nationalfeiertags zu einem „Ukraine-Tag“ mit Teilnahme ukrainischer Soldaten an der Parade zeigt in Verbindung mit den Sprüchen von Frau van der Leyen über die „überlegene Intelligenz des ukrainischen Volkes“, dass wir möglicherweise an der Schwelle eine von der „ukrainischen Herrenrasse“ geleiteten Europas stehen. Weitere Indizien dafür sind die endlosen Auftritte europäischer Politiker in Kiew, immer verbunden mit der Übergabe großer geldgefüllter Rollkoffer. Warum schleifen wir nicht die ganzen EU-Regierungen und überlassen die Regierungsgeschäfte den drogensüchtigen Oligarchen aus der Ukraine?

  4. Der Zivilist 15. Juli 2026 um 16:45 Uhr - Antworten

    Vielleicht faseln die böswilligen EU Politiker deshalb so viel von Werten, weil sie völlig die Peilung verloren haben, wofür sie eigentlich da sind. Merz‘ Amtseid beinhaltet, Schaden vom deutschen Volke abwenden zu wollen.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

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