
Präsidentenwahlen in Frankreich: RN-Bardella führt und Macrons Kandidat stürzt ab
Die neue Odoxa-Umfrage zeigt eine tektonische Verschiebung der französischen Politik. Der 30-jährige Rassemblement-National-Chef Jordan Bardella führt mit 32 Prozent, der einstige Macron-Kronprinz Philippe stürzt auf 17 Prozent ab, und der Linke Mélenchon meldet sich mit 16 Prozent zurück.
Bardella: Der Prinz, der König werden will
Jordan Bardella, 30 Jahre alt, Parteivorsitzender des Rassemblement National, führt nicht nur das erste Wahlgang-Feld mit komfortablem Abstand an — 15 Prozentpunkte vor dem Zweitplatzierten. Er führt auch das Beliebtheitsranking aller politischen Persönlichkeiten Frankreichs an:
- Bardella: 37 % Zustimmung
- Marine Le Pen: 33 %
- Édouard Philippe: 30 %
Bei den RN-Anhängern liegt Bardella mit 95 Prozent Zustimmung sogar knapp vor Le Pen (93 Prozent). Das ist bemerkenswert für einen 30-Jährigen, der in einer Partei operiert, die jahrzehntelang von einer Familie dominiert wurde. Der Kronprinz hat die Königin überholt — zumindest in den Sympathiewerten.
Die große Unbekannte: Wer wird tatsächlich für den RN antreten? Marine Le Pen wurde im März 2025 wegen Veruntreuung von EU-Geldern zu einer fünfjährigen Wählbarkeitssperre verurteilt — mit sofortiger Wirkung. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Le Pen im Zentrum eines „betrügerischen Systems“ stand, mit dem ihre Partei €2,9 Millionen an EU-Parlamentsgeldern abgezweigt hat.
Die Berufungsverhandlung läuft. Das Urteil wird für 7. Juli 2026 erwartet. Einen Tag, der Frankreichs politische Landschaft entweder zementiert oder sprengt.
Sollte die Wählbarkeitssperre bestätigt werden — und danach sieht es aus, denn die Beweislage war im Erstprozess erdrückend — wird Bardella antreten. Und alle Umfragen deuten darauf hin, dass er bessere Chancen hat als Le Pen. Das ist keine Kleinigkeit. Jahrelang hieß es, Le Pens größte Schwäche sei sie selbst — zu polarisierend, zu sehr belastet durch den Familiennamen.
Philippe: Der Kronprinz, der sich selbst demontiert
Édouard Philippe war der Plan A des Macron-Lagers. Ex-Premierminister, Bürgermeister von Le Havre, Gründer der Partei Horizons, ein Mann der kühlen, technokratischen Mitte. Die BBC titelte noch im Mai: „Ex-PM Philippe als früher Favorit, um die Populisten zu schlagen.“ Die Idee: Philippe als der einzige, der in der Stichwahl einen RN-Kandidaten blockieren kann.
Dieser Plan liegt jetzt in Trümmern.
Der Absturz von 21 auf 17 Prozent in zwei Monaten hat mehrere Ursachen. Die gravierendste: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder, Günstlingswirtschaft und illegaler Interessenwahrnehmung. Die französische Finanzstaatsanwaltschaft (PNF) hat am 7. Mai ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ein Untersuchungsrichter ist eingesetzt.
Der Vorwurf, detailliert dokumentiert von France Info und Les Echos, ist so einfach wie vernichtend:
- Im Juli 2020 vergab die Stadt Le Havre einen Vertrag über das „Cité Numérique“ (Digitales Zentrum) an den Verein LH French Tech — als einzigen Bewerber
- Der Verein wurde im selben Monat gegründet, in dem der Vertrag vergeben wurde
- Vorsitzende des Vereins: Stéphanie de Bazelaire, Philippes Stellvertreterin, zuständig für Innovation und Digitales
- Vertragswert: €2,15 Millionen über mehrere Jahre
- Philippe unterschrieb den Vertrag persönlich als Präsident der Communauté Urbaine
Eine Whistleblowerin — ehemalige stellvertretende Generaldirektorin der Communauté Urbaine — hatte die Vorgänge bereits im September 2023 dem PNF gemeldet. Sie sprach von einem „absolut offensichtlichen“ Interessenkonflikt: Der Bürgermeister und seine Stellvertreterin kontrollierten beträchtliche Summen für Aktivitäten, die sich mit ihren kommunalen Funktionen überschnitten. Hausdurchsuchungen folgten im April 2024. Im Juni 2025 reichte die Whistleblowerin eine formelle Klage mit Nebenklage ein. Im Januar 2025 erhielt sie den offiziellen Whistleblower-Status — den Philippe bis heute bestreitet.
Philippes Verteidigungslinie: Er habe von der Eröffnung des Verfahrens „aus der Presse erfahren“ und werde „sehr gelassen alle Fragen der Justiz beantworten.“ Das mag zutreffen oder nicht — politisch ist der Schaden bereits eingetreten. Ein Präsidentschaftskandidat, gegen den ein Untersuchungsrichter wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder ermittelt, ist ein Kandidat mit angezogener Handbremse.
Odoxa konstatiert trocken: Philippe leide unter einer „Kombination aus rechtlichen Schwierigkeiten und einem relativen Mangel an politischer Sichtbarkeit.“
Mélenchon als Störfaktor – Die Linke radikalisiert sich
Während die Mitte zerbröselt, gewinnt auf der Linken Mélenchon an Fahrt. Er dominiert inzwischen wieder die linken Sympathisanten und könnte das Rennen weiter fragmentieren.
Die vielleicht bemerkenswerteste Bewegung in dieser Umfrage ist der Wiederaufstieg von Jean-Luc Mélenchon. Der 74-jährige Führer von La France Insoumise (LFI) ist der meist-abgelehnte Politiker Frankreichs — 69 Prozent der Befragten geben an, ihn abzulehnen. Und trotzdem steigt er auf 16 Prozent.
Mélenchon hat im April seine Kandidatur offiziell erklärt. Seitdem hat er sechs Prozentpunkte bei linken Sympathisanten zugelegt und ist wieder deren bevorzugte politische Figur — vor Raphaël Glucksmann, der ihn sechs Monate zuvor mit großem Abstand anführte.
Macron: Der Präsident, den keiner mehr will
Die Umfrage enthält noch eine Zahl, die wie ein Abgesang für den Macronismus wirkt:
- 23 Prozent halten Macron für einen guten Präsidenten
- 76 Prozent sagen, er sei es nicht
Premierminister Sébastien Lecornu steht kaum besser da: 31 Prozent Zustimmung, 68 Prozent Ablehnung.
Das ist das politische Vakuum, in das Bardella stößt. Ein Präsident, den drei Viertel des Landes ablehnen. Ein Premierminister, den zwei Drittel ablehnen. Eine ehemalige Regierungspartei, die in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Und ein designierter Nachfolger — Philippe —, der unter Korruptionsermittlungen implodiert.
Die französische Präsidentschaftswahl 2027 wird, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, eine Abstrafung des Macronismus sein. Die Frage ist nur, wer die Abstrafung vollzieht .
Was bedeutet das für Frankreich — und für Europa?
Ein Präsident Jordan Bardella wäre eine Zäsur, die den Brexit und Trumps Rückkehr ins Weiße Haus in den Schatten stellt. Frankreich ist eine Atommacht mit Vetorecht im UN-Sicherheitsrat, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone und das politische Schwergewicht der EU. Ein RN-Präsident würde:
- Die EU-Kommission in eine existenzielle Krise stürzen
- Die NATO-Mitgliedschaft Frankreichs infrage stellen
- Die Ukraine-Politik des Westens fundamental verändern
- Die deutsch-französische Achse zerbrechen lassen
Ob das gut oder schlecht ist, hängt vom Standpunkt ab. Dass es kommt, wird mit jeder Umfrage wahrscheinlicher.
Folgt man der Argumentation von Emmanuel Todd, so könnte das wie hier berichtet der deutschen und nordischen Kriegsbegeisterung einen Riegel vorschieben und Europa vor einem neuerlichen Krieg gegen Russland schützen. Denn, so seine Beobachtung, sind die katholischen Länder — Italien, Spanien, Teile Frankreichs — in der aktuellen Kriegsfrage deutlich moderater. Sie haben weniger Interesse daran, die Welt in Schutt und Asche zu legen, weil sie die Welt nie vollständig entwertet haben.
Frankreich leidet massiv unter der EU und den Folgen jahrzehntelanger falscher Politik: No-go-Zonen, explodierende Staatsverschuldung, Deindustrialisierung und eine EU, die nationale Interessen systematisch missachtet. Die Bauernproteste, die Gelbwesten-Bewegung und die jüngsten Wahlerfolge des RN waren bereits deutliche Warnschüsse. Nun zeigen die Umfragen: Der Widerstand wächst und organisiert sich politisch.
Die Mainstream-Medien in Deutschland und Europa werden diese Entwicklung weiterhin als „Rechtsruck“ oder „Gefahr für die Demokratie“ brandmarken. Dabei ist es genau umgekehrt: Es ist der verzweifelte Versuch einer Nation, seine Demokratie und seine Identität vor der schleichenden Entmachtung durch supranationale Eliten zu retten.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
„Frankreich leidet massiv …“
Frankreich leidet massiv vor allem unter dem Verlust seiner Kolonialherrschaft in den rohstoffreichen Ländern Westafrikas. Genaugenommen „leidet“ natürlich Frankreichs herrschende (Kapitalisten-)Klasse darunter, die ihr „Leiden“ auf die werktätige Bevölkerung abwälzt. Wieviel davon durch die wahlwerbenden Parteien nach der Wahl abgemildert werden wird, sei dahingestellt. Erfahrungsgemäß sehr wenig …