
Vom Silber zum Kupfer: Wie China die letzte Kostenbremse der Solarindustrie löst
Chinas Solarhersteller LONGi will noch dieses Jahr silberfreie Zellen in Serie fertigen. Der Schritt ist mehr als eine technische Randnotiz – er zeigt, wie endgültig sich die Kostenführerschaft in der Solarindustrie von Japan nach China verschoben hat, und was das für die globale Energiewende bedeutet. Was Deutschland mit der Magnetschwebebahn erlebte, Finnland mit dem Mobiltelefon, erlebt nun Japan mit Solarzellen.
Ein Land, das seine eigene Erfindung verlor
Die Geschichte des Solarmoduls beginnt nicht in China, sondern in Japan. Bereits vor rund 60 Jahren stellte der japanische Elektronikkonzern Sharp erste funktionsfähige Solarzellen her, die zunächst in Raumfahrtsatelliten und später in den ersten solarbetriebenen Taschenrechnern zum Einsatz kamen. Über Jahrzehnte hinweg galt Japan als technologischer Taktgeber der Photovoltaik. Anfang der 2000er-Jahre stammte nahezu die Hälfte aller weltweit produzierten Solarmodule aus japanischen Fabriken.
Heute ist dieser Marktanteil marginal. Innerhalb von etwa fünfzehn Jahren verlor Japan die Führung in einem Sektor, den es selbst begründet hatte – nicht durch geopolitische Verwerfungen oder Handelsembargos, sondern schlicht durch den Preis. China unterstützte die Wissenschaft und baute mit staatlicher Industriepolitik, günstigem Strom und enormen Produktionskapazitäten eine Kostenstruktur auf, mit der japanische Hersteller nicht mithalten konnten. Sharp zog sich aus dem Massengeschäft zurück, andere japanische Anbieter folgten. Heute stammen nach Branchenschätzungen acht bis neun von zehn weltweit verbauten Solarmodulen aus chinesischer Produktion.
Der nächste Zug: Silber raus, Kupfer rein
In diesem bereits entschiedenen Wettbewerb hat der chinesische Solarkonzern LONGi Green Energy Anfang 2026 einen weiteren, technisch anspruchsvollen Schritt eingeleitet. LONGi teilte am 5. Januar 2026 in einer Investorenmitteilung mit, ab dem zweiten Quartal 2026 mit der Serienfertigung von Solarzellen zu beginnen, die statt Silber überwiegend unedle Metalle – insbesondere Kupfer – für die stromleitenden Kontaktbahnen nutzen, wie u.a. pv magazine berichtete. Das Unternehmen erklärte, bereits mit dem Aufbau der dafür nötigen Produktionskapazitäten begonnen zu haben.
Silber ist nach Silizium der teuerste Bestandteil einer Solarzelle. Die feinen Leiterbahnen, die den erzeugten Strom aus der Zelle abführen, bestehen traditionell aus Silberpaste. Nach Angaben von LONGi machte Silber zeitweise rund 17 Prozent der Kosten pro Watt Modulleistung aus – ein Anteil, der mit dem drastischen Anstieg des Silberpreises immer schwerer zu tragen war. Der Silberpreis kletterte Ende 2025 auf einen Rekordwert von rund 84 US-Dollar je Feinunze, wie Berichte von pv magazine Australia festhalten.
Der Verzicht auf Silber galt lange als technisch kaum lösbar. Kupfer oxidiert an Luft, diffundiert bei den in der Fertigung üblichen Temperaturen in das Silizium und kann die Zelle dauerhaft schädigen. Die Branche hatte über Jahrzehnte hinweg wiederholt versucht, Kupfer einzusetzen, kehrte aber jedes Mal zu Silber zurück. Zwei Entwicklungen haben diesen Zustand nun verändert: Zum einen sind Fertigungsverfahren gereift, die Kupfer mit dünnen Schutz- und Barriereschichten versehen und so das Oxidations- und Diffusionsproblem eindämmen. Zum anderen begünstigt die sogenannte Back-Contact-Zellarchitektur, auf die LONGi setzt, den Umstieg: Weil sich die leitenden Strukturen überwiegend auf der Rückseite der Zelle befinden, entfallen optische Einschränkungen, die bei den verbreiteten TOPCon-Zellen den Materialwechsel erschweren.
Kein Einzelfall – ein Branchentrend
LONGi ist dabei nicht allein. Auch der Wettbewerber Jinko Solar hat angekündigt, in diesem Jahr großflächig auf kupferbasierte Module umzusteigen, während der Hersteller Aiko bereits silberfreie Zellen mit einer Anfangskapazität von 6,5 Gigawatt in Serie produziert, wie das Fachportal list.solar berichtete. Analysten von BloombergNEF gehen davon aus, dass der Silberverbrauch der Solarindustrie trotz eines Zubauwachstums von rund 15 Prozent im Jahr 2025 leicht zurückgehen wird – ein erstes Anzeichen dafür, dass sich die Substitution bereits in den globalen Verbrauchszahlen niederschlägt.
Der Hintergrund ist ökonomisch brisant: Solarmodule zählen zu den weltweit größten industriellen Verbrauchern von Silber. Mit dem weiteren Ausbau der Photovoltaik wächst auch die Nachfrage nach dem Edelmetall – bei begrenztem Angebot. Eine Verknappung würde die Kosten jener Hersteller in die Höhe treiben, die weiterhin auf Silber angewiesen sind. Wer frühzeitig auf Kupfer umstellt, entkoppelt sich von dieser Preisdynamik und sichert sich einen strukturellen Kostenvorteil gegenüber Konkurrenten, die technisch nicht mithalten können.
Offene Fragen: Zuverlässigkeit und Skalierung
Vollständig gelöst ist das technische Problem allerdings nicht. Fachleute verweisen darauf, dass kupferbasierte Zellen anfälliger für Oxidation und Materialwanderung bleiben und daher aufwendigere Barriereschichten, Sinterprozesse sowie Langzeittests unter Feuchtigkeits- und Hitzebelastung erfordern. Auch die Zertifizierung nach internationalen Normen (IEC, UL) muss für die neuen Zellstrukturen erst neu durchlaufen werden, was Zeit kostet und die Bankfähigkeit – also die Akzeptanz bei Projektfinanzierern – zunächst offenlässt. Wie das Fachportal Solar Power World im März 2026 berichtete, bleibt insbesondere die Frage der Langzeitzuverlässigkeit im Feld ungeklärt – nicht ob, sondern wie schnell und wie zuverlässig sich Kupferzellen durchsetzen, sei die entscheidende offene Frage der Branche.
Die geopolitische Dimension
Der technische Fortschritt ist eingebettet in eine größere Verschiebung: den weltweiten Umstieg von fossilen Energieträgern auf Solarenergie. Da die überwältigende Mehrheit der dafür benötigten Module aus chinesischer Fertigung stammt, wächst mit jedem installierten Gigawatt auch die Abhängigkeit anderer Staaten von chinesischen Lieferketten – selbst dann, wenn die Module am Ende auf Dächern oder Feldern außerhalb Chinas montiert werden. Diese Konzentration ist keine neue Entwicklung, sie wurde vor Jahren aus reinen Kostenerwägungen in Kauf genommen. Der jüngste Vorstoß bei der Zellmetallisierung vertieft sie jedoch weiter: Wer die teuerste Komponente eines Moduls durch eine günstigere ersetzt und dabei technologisch führend bleibt, vergrößert seinen Kostenvorsprung gegenüber Wettbewerbern in anderen Regionen – und macht ihn schwerer aufholbar.
Japans Abstieg vom Erfinder zum Randakteur der Solarindustrie war in erster Linie eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit, nicht der Technologie an sich. Der aktuelle Schritt Chinas zeigt, dass dieselbe Logik – Kostenführerschaft als entscheidender Faktor – nun auf die nächste technische Ebene übertragen wird. Ob und wie schnell andere Länder oder Hersteller außerhalb Chinas bei der Kupfer-Metallisierung aufschließen können, dürfte darüber mitentscheiden, wie stark sich die bereits bestehende Konzentration der globalen Solarlieferketten in den kommenden Jahren weiter verfestigt.
Bild: Wikipedia
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Silber war auch drin, um 20 Jahre Lebensdauer zu gewährleisten. Ohne wird es wohl kürzer werden… zur Gewinnmaximierung der Unternehmen?
Komisch nur, dass der immense deutsche Anteil an der Solarmodul Entwicklungshistorie nicht erwähnt wird im Artikel.
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[nih.gov]
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