Weiße Mäntel im Fadenkreuz: Washingtons Krieg gegen Kubas Ärzte

11. Juli 2026von 6,3 Minuten Lesezeit

Ärzte und Pfleger sind für Kuba in der Außenpolitik, was Soldaten und Bomben für die USA sind. Allerdings versuchen sie zu helfen, zu heilen, statt zu „schützen“ und „Frieden durch Bomben“ zu erreichen. Nun greifen die USA im Blockadekrieg gegen Kuba die Ärzte im Ausland an, weil sie oft eben auch Devisen nach Hause schicken. Das ist den USA in ihrem Krieg gegen das Land ein Dorn im Auge, und es zwingt kleine Staaten implizit die Gesundheitsversorgung der Ärmsten aufzugeben.

Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf Zölle, Iran und die Ukraine richtet, führt die Trump-Administration im Stillen einen weiteren Blockade- und Wirtschaftskrieg – gegen eine der letzten funktionierenden Devisenquellen Kubas: seine Auslandsärzte. Das Wall Street Journal berichtete Anfang Juli, Washington habe es nun gezielt auf jenes Programm abgesehen, über das Havanna Ärzte und Pflegekräfte gegen Bezahlung in mehr als 50 Länder entsendet.

Hilfe statt Bomben

Rund 24.000 kubanische Mediziner sind derzeit weltweit im Einsatz, von karibischen Kleinstaaten bis nach Süditalien. Das Programm brachte Kuba 2024 schätzungsweise 5,3 Milliarden US-Dollar ein – nach Angaben des Ökonomen Ricardo Torres von der American University rund die Hälfte aller Exporteinnahmen der Insel. Seit 1963, als die erste Mission ins damals neu unabhängige Algerien ging, bezeichnete Fidel Castro dieses Personal als „Armee weißer Mäntel“.

Washingtons Vorgehen ist unverblümt: US-Außenminister Marco Rubio bereiste im März die Karibik und drohte Regierungschefs mit Einreiseverboten, sollten sie weiter mit Havanna kooperieren. In Jamaika sagte er, Kubas Regierung „zahle den Ärzten nichts„, nehme ihnen die Pässe ab – „im Grunde Zwangsarbeit“. Wobei sich erstaunlicherweise viele Ärzte Kubas fest im Ausland angesiedelt haben.

Die Verleumdung durch die USA: „Zwangsarbeit“

Natürlich ist die Behauptung genauso falsch wie die Babys aus den Inkubatoren Kuwaits, oder die Massenvernichtungswaffen des Irans.

Freiwilligkeit und Eigenmotivation der Mediziner

Ein zentrales Merkmal von Sklaven- oder Zwangsarbeit ist die physische oder rechtliche Erpressung zur Arbeitsaufnahme. Kubanische Ärzte betonen in Interviews regelmäßig, dass sie sich völlig freiwillig für die Auslandseinsätze melden. Die Teilnahme bietet ihnen die Möglichkeit, wertvolle internationale Berufserfahrung zu sammeln, in krisenerprobten medizinischen Bereichen zu arbeiten und ein deutlich höheres Einkommen als in Kuba selbst zu erzielen, selbst nach Abzug der staatlichen Anteile.

Das Prinzip des Solidaritätsbeitrags

Kritiker bemängeln, dass die kubanische Regierung einen Großteil der von den Gastländern gezahlten Gelder einbehält. Aus kubanischer Sicht handelt es sich hierbei jedoch um einen gesellschaftlichen Solidaritätsbeitrag. Da die Ausbildung zum Arzt in Kuba komplett kostenlos ist, finanzieren die im Ausland erwirtschafteten Devisen direkt das heimische, für alle Bürger kostenfreie Gesundheitssystem sowie Schulen und soziale Infrastruktur. Viele Ärzte verteidigen diese Praxis aktiv als ihren Beitrag zur Unterstützung ihres von Sanktionen betroffenen Heimatlandes. In Länder wie z.B. Thailand müssen sich Ärzte verpflichten für ein paar Jahre im staatlichen Gesundheitssystem für niedrigere Löhne zu arbeiten, um einen Beitrag für die nächste Generation von Medizinstudenten zu leisten. Das wäre demnach auch „Sklaverei„.

Rückhalt und Verteidigung durch die Gastländer

Die Staats- und Regierungschefs der Empfängerländer weisen den Vorwurf der Zwangsarbeit vehement zurück. Regierungen in der Karibik (CARICOM) sowie politische Akteure in europäischen Regionen wie Kalabrien (Italien) betonen, dass die Kooperationen auf völkerrechtlichen Verträgen basieren, die lokalen Arbeitsgesetze respektieren und essenziell für die Versorgung der ärmsten Bevölkerungsschichten sind. Führende Politiker erklärten öffentlich, dass sie den kubanischen Ärzten reguläre Arbeitsbedingungen garantieren und sich nicht dem Druck Washingtons beugen wollen.

Direkte Bezahlung und vertragliche Flexibilität

Die Behauptung, Kuba „zahle den Ärzten nichts“, wird durch alternative Vertragsmodelle widerlegt. In Regionen wie Kalabrien werden die Gehälter der kubanischen Mediziner direkt auf deren italienische Bankkonten überwiesen. Die Ärzte entscheiden danach selbstständig und ohne staatlichen Einzug im Gastland, einen Teil ihres Einkommens an den kubanischen Staat zurückzuüberweisen. Dies widerspricht der Definition von staatlich erzwungener Lohnunterschlagung.

Erfolgreiche Ansiedlung und Migration im Ausland

Dass sich, wie im Ausgangstext erwähnt, viele kubanische Ärzte nach Ablauf ihrer Missionen fest im Ausland niederlassen, spricht ebenfalls gegen das Bild hermetisch abgeriegelter Sklavenlager. Die Mediziner nutzen die Missionen oft als Sprungbrett für die internationale Migration. Viele Gastländer (wie unlängst Jamaika nach dem Auslaufen des bilateralen Abkommens) bieten den Ärzten explizit an, dauerhaft zu bleiben und reguläre, individuelle Arbeitsverträge auf dem lokalen Arbeitsmarkt abzuschließen.

Krieg gegen Kuba und Sekundärkrieg gegen die Ärmsten der Armen

Bereits im August 2025 hatte das State Department Visa von Regierungsvertretern in Brasilien, Grenada und mehreren afrikanischen Ländern widerrufen, die an dem Programm festhielten; im März 2026 billigte der Kongress ein Gesetz, das Sanktionen gegen Staaten mit kubanischem Gesundheitspersonal ermöglicht.

Die Wirkung zeigt sich bereits: Guatemala begann im April, seine 412 kubanischen Fachkräfte abzuziehen, die Bahamas stoppten die Anwerbung, und der neu gewählte honduranische Präsident Nasry Asfura – ein Trump-Verbündeter – schickte über 150 Mediziner nach Hause. Auch Guyana, Paraguay und St. Vincent und die Grenadinen beendeten oder überarbeiteten ihre Abkommen.

Was man fragen sollte

Wer profitiert tatsächlich von diesem Rückzug? Nicht die Patienten. In St. Lucia, wo kubanische Ärzte seit über 40 Jahren Teil des Gesundheitssystems sind, warnte Premierminister Philip Pierre, das System würde ohne sie „quasi zusammenbrechen“. In Honduras dokumentierten lokale Medien tränenreiche Verabschiedungen von Patienten, die kostenlose Augenoperationen im Rahmen der „Operation Wunder“ erhalten hatten – laut CODEPINK wurden dort über die Jahre 30 Millionen Konsultationen und 80.000 Augenoperationen durchgeführt.

Bezeichnend ist auch der Zeitpunkt: Das Vorgehen begann wenige Wochen nach Trumps Amtsantritt und reiht sich ein in eine bereits jahrzehntelange Kette von Maßnahmen – Treibstoffblockaden, Sanktionen gegen Funktionäre, Beschränkungen bei Geldüberweisungen aus der Diaspora. Ein US-Regierungsprogramm aus der Bush-Ära, das „Cuban Medical Professional Parole Program“, zielte explizit darauf ab, kubanische Ärzte im Ausland zur Desertion zu bewegen. Wenn es Washington tatsächlich um Arbeitsrechte ginge, wäre zu erwarten gewesen, dass man auf eine Reform des Bezahlmodells drängt – nicht auf die vollständige Beendigung der Missionen.

Der blinde Fleck

Was in der Berichterstattung meist fehlt, ist die geopolitische Logik hinter dem Vorgehen. William LeoGrande, Politikwissenschaftler an der American University, bringt es auf den Punkt: „Die Länder, die diese Verträge aufgekündigt haben, haben Angst. Sie fürchten Vergeltung durch die USA“ – ein Muster, das er als typisch für Trumps Zwangsdiplomatie beschreibt: Entweder ihr handelt nach unseren Vorgaben, oder es gibt Konsequenzen.

Gonsalves, Premierminister von St. Vincent und den Grenadinen, brachte die tatsächliche Abwägung auf den Punkt, als er erklärte, er verliere lieber sein eigenes Visum, als 60 arme Menschen sterben zu lassen – ein Satz, der zeigt, wie unmittelbar hier über Menschenleben verhandelt wird, während in Washington von „Menschenhandel“ die Rede ist.

Der eigentliche blinde Fleck: Kubas Ärzteprogramm ist zugleich Softpower-Instrument, Deviseneinnahme und – nach eigener Lesart Havannas – Ausdruck internationalistischer Solidarität. Alle drei Dimensionen greifen ineinander, und genau das macht das Programm für Washington so unbequem. Es liefert den lebenden Beweis, dass ein blockiertes Land mit elf Millionen Einwohnern in der Lage ist, medizinische Grundversorgung dorthin zu bringen, wo westliche Gesundheitssysteme oder private Anbieter es nicht wirtschaftlich für lohnend halten.

Bild: Wikipedia

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