Das gallische Dorf Amerikas: Kuba und sein 65-jähriger Widerstand

10. Juni 2026von 8,9 Minuten Lesezeit

Es gibt eine Karikatur, die man sich vorstellen könnte, ohne sie je gesehen zu haben: Eine winzige Karibikinsel, von Kriegsschiffen umzingelt, die Faust geballt, umgeben von einem riesigen Kontinent, der sich wegduckt. Asterix lässt grüßen. Kuba ist, in vielerlei Hinsicht, das gallische Dorf Amerikas — ein kleines, hartnäckiges Land, das sich seit über sechs Jahrzehnten weigert, sich dem Willen der mächtigsten Nation der Erde zu beugen. Was es dafür bezahlt hat, ist enorm. Was es dafür geleistet hat, ist bemerkenswert.

Um zu verstehen, was die Revolution von 1959 bedeutete, muss man wissen, was ihr vorausging. Kuba war das Bordell der Hemisphäre. Im März 1952 riss General Fulgencio Batista durch einen Militärputsch die Macht an sich — mit Unterstützung der CIA. Kuba hätte eine der vielen von Washington kontrollierten Militärdiktaturen im karibischen Hinterhof der USA werden können, aber unter Batista wurde es mehr: ein Mafia-Staat.

Der Mafia-Staat

Bosse der italo-amerikanischen Cosa Nostra wie Lucky Luciano oder Santo Trafficante sowie der Chef der jüdisch-amerikanischen „Kosher Nostra„, Meyer Lansky, konnten sich unter Batista im kubanischen Staatsapparat einnisten und Havanna in die Weltstadt des Glückspiels, des Drogen- und Waffenhandels, der Geldwäsche und der Prostitution verwandeln.

Zucker- und Tabakmonokulturen

Zuckerplantagen und Tabakfelder gehörten amerikanischen Konzernen. Die Insel war ein Rohstoffreservoir, abgesichert durch einen Diktator, der dafür sorgte, dass die Gewinne nach Norden flossen und die Löhne unten blieben. Hunderttausende Amerikaner wurden mit Billigflügen in die Spielcasinos, Cabarets, Porno-Kinos und in die mit Drogen und Prostituierten versorgten Nobelhotels geschleust und dort abgezockt. Die Millionengewinne verschwanden in den Taschen der US-Mafia und des Batista-Clans, die Landbevölkerung dagegen hungerte. Widerstand gegen das Regime und seine Mafia-Komplizen wurde vom staatlichen Repressionsapparat brutal bekämpft.

Für den US-amerikanischen Politologen Karl E. Meyer war Kuba schlicht „das Bordell der USA“ — ein Staat, der nicht für seine Bürger existierte, sondern für seine ausländischen Ausbeuter.

Die Revolution und das Ende der Geduld

Es war ein junger Anwalt namens Fidel Castro, der daraus die Konsequenz zog. Die kubanische Revolution begann im Jahr 1953 mit einem Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba unter Führung von Fidel Castro. Das Unternehmen misslang gründlich, und Castro wurde inhaftiert. Nach seiner Begnadigung zwei Jahre später ging er ins Exil nach Mexiko und bereitete dort den bewaffneten Widerstand gegen die Batista-Diktatur vor.

Trotzdem gelang es den Revolutionären schließlich, mit dem wachsenden Rückhalt der Kubaner zum Jahreswechsel 1958/59 die Macht auf der Insel zu übernehmen. Am 1. Januar 1959 floh Batista ins Exil. Was folgte, war kein bloßer Regierungswechsel — es war eine vollständige Neuordnung. Die Verstaatlichung von Industrien und eine umfassende Landreform veränderten die wirtschaftliche Landschaft Kubas grundlegend. Soziale Programme zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Bildung wurden eingeführt, um die Lebensqualität der Bevölkerung zu steigern. Und damit begann Washington, Kuba zu hassen.

Schweinebucht, Mongoose und 638 Mordversuche

Die US-Reaktion auf die Revolution war von Anfang an brutal und vielfältig. Sie begann mit diplomatischem Druck, eskalierte zu verdeckten Operationen und endete — vorläufig — in einer der peinlichsten Niederlagen der CIA-Geschichte.

Die Anlandung in der Schweinebucht endete am 19. April 1961 in einem Desaster: 118 Exilkubaner wurden getötet, der Rest geriet in kubanische Gefangenschaft. Doch die Demütigung machte Washington nicht zahmer, sondern wütender. Kennedy ordnete eine verdeckte Operation mit dem Decknamen „Mongoose“ an. Mit verschiedenen Aktionen sollte sie den Gegnern Castros auf der Insel helfen, diesen zu stürzen. Dabei kam es zu Planungen der CIA, Castro zu ermorden.

Die Palette der Mittel zur Ermordung Fidel Castros reichte von Gift in Zigarren oder Essen über Haarausfall bewirkende Chemikalien oder LSD bis zu Schusswaffen oder Bomben. Fabián Escalante, ehemaliger kubanischer Geheimdienstchef, der lange Zeit für Castros Sicherheit verantwortlich war, zählte insgesamt 638 Attentate auf Castro. Die CIA selbst gab bisher acht eigene Mordversuche zu.

Von U-Booten aus verteilte man angeblich kubanische Radionachrichten, um die kubanische Bevölkerung zu desinformieren.

Seit der Revolution hat Kuba hunderte Terror- und Mordanschläge, Flugzeugentführungen und Sabotageaktionen erlitten.

Der bekannteste Terrorakt war der Bombenanschlag auf ein kubanisches Passagierflugzeug im Jahr 1976, bei dem alle 73 Menschen an Bord starben — verübt von CIA-nahen Exilkubanern.

Die Botschaft Washingtons war unmissverständlich: Ein erfolgreiches, souveränes Kuba durfte nicht existieren. Es wäre ein „schlechtes Beispiel„, für die gesamte Region.

Die Blockade: Krieg mit anderen Mitteln

Was die Bomben nicht schafften, sollte der wirtschaftliche Würgegriff leisten. Bereits 1960 formulierten US-amerikanische Politiker das Ziel offen: Das Wirtschaftsleben schwächen, um „Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung“ zu bewirken.

US-Präsident John F. Kennedy verhängte am 3. Februar 1962 die totale Blockade gegen Kuba.

Sie gilt bis heute als das umfassendste und langlebigste System illegaler unilateraler Zwangsmaßnahmen, das je gegen ein einzelnes Land verhängt wurde.

Nicht nur der direkte Handel mit den USA ist untersagt — auch Drittländer und deren Unternehmen sind bedroht, wenn sie mit Kuba Geschäfte machen. Eine kanadischer Bank kann keine Transaktion für eine kubanische Einheit durchführen, ohne US-Sanktionen zu riskieren. Ein europäischer Pharmakonzern, der in den USA tätig ist, kann keine Medikamente nach Havanna liefern.

Die Zahlen sind nüchtern und vernichtend. Täglich verliert Kuba mehr als 20 Millionen US-Dollar durch die Blockade — Geld, das dringend für Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente benötigt wird. Die Verluste von nur 16 Tagen Blockade entsprechen dem gesamten Jahresbedarf an Arzneimitteln. Der jährliche Insulinbedarf für alle Diabetiker des Landes entspricht den Kosten von 14 Stunden Blockade.

Die Blockade der USA sorgt auch für eine chronische Rohstoffknappheit im Land. Ein Mangel an Treibstoff hat Einfluss auf nahezu alle Bereiche: Fabriken zur Lebensmittelproduktion können nicht betrieben werden, Kraftwerke zur Stromerzeugung arbeiten nur teilweise, Traktoren in der Landwirtschaft stehen still.

Seit 2019, beschleunigt durch Trumps erste und zweite Amtszeit, wurden die Schrauben nochmals angezogen.

Donald Trump will mit seiner Blockade von Kubas Ölversorgung Chaos auf der Insel stiften.

Das Ziel ist offen: US-Präsident Donald Trump und sein Außenminister Marco Rubio haben ein Ziel — in Kuba soll es einen Regimewechsel geben, am besten noch vor Ende 2026.

Die UN-Generalversammlung verurteilt die Blockade Jahr für Jahr mit überwältigender Mehrheit. 2024 stimmten 187 Länder dagegen, zwei dafür: die USA und Israel. Das Votum ist unverbindlich, weil die USA im Sicherheitsrat ein Veto-Recht haben. Die Blockade bleibt.

Ärzte statt Soldaten: Kubas ungewöhnliche Außenpolitik

Was Kuba in diesem Kontext geleistet hat, ist eine der erstaunlichsten Geschichten der modernen Diplomatiegeschichte — und sie wird im Westen systematisch ignoriert.

Während reiche Staaten Kriegsgerät in die Welt exportieren, exportiert Kuba Ärzte. Über 400.000 kubanische medizinische Fachkräfte haben in 164 Ländern im Kampf gegen Krankheiten gedient. Kubas Bereitschaft zur internationalen medizinischen Zusammenarbeit, zu Bildung und Katastrophenhilfe hat ein radikal anderes Modell des globalen Engagements aufgezeigt — eines, das eher in menschlichen Bedürfnissen als in Profit oder geopolitischer Dominanz begründet ist.

Das Herzstück dieser Politik ist die Brigade Henry Reeve. Ende August 2005, unter dem Eindruck der Zerstörungen durch den Hurrikan Katrina in den USA, hatte Fidel Castro US-Präsident George W. Bush angeboten, medizinisches Personal zur Unterstützung zu entsenden. Bush lehnte freilich ab — doch war dies gewissermaßen die Geburtsstunde der kubanischen Ärztebrigade Henry Reeve„.

Benannt wurde sie nach einem jungen US-amerikanischen Freiwilligen, der 1869 bis 1876 im ersten kubanischen Freiheitskrieg auf Seiten der Kubaner gegen die spanische Kolonialmacht kämpfte und fiel. Eine geschickte Geste: Die Brigade, die der Welt medizinische Solidarität bringt, trägt den Namen eines Amerikaners.

In den letzten 15 Jahren war die Brigade weltweit im Einsatz. Zu den bekanntesten Aufgaben zählen die Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014/15, als ca. 400 Freiwillige ihren medizinischen Dienst vor Ort versahen, oder die Hilfestellungen in Pakistan 2005 und Haiti 2010, jeweils nach verheerenden Erdbeben. Bis 2019 behandelte dieses medizinische Auslandspersonal Kubas weltweit über 3,5 Millionen Menschen und konnte geschätzte 80.000 Leben retten.

Spätestens seit der Bekämpfung des Ebola-Ausbruches in Westafrika 2014/15 und der COVID-19-Pandemie 2020 sind Kubas weltweite medizinische Einsätze auch ein Thema der Mainstreammedien. Selbst die New York Times lobte diesen Einsatz in Leitartikeln.

Während der Corona-Pandemie entsandte Kuba Brigaden nach Italien, nach Andorra, auf die Malediven.

Die doppelte Strategie Washingtons

Washington reagiert auf Kubas medizinischen Internationalismus mit einer Mischung aus Neid und Sabotage. Die USA sprechen einerseits bei den kubanischen Gesundheitsexperten von Agenten, andererseits bezeichnen sie diese als Sklaven eines diktatorischen Systems. Schon lange bemühen sich die USA mittels eines speziellen Programms, kubanische Ärztinnen und Ärzte auf ihren Auslandseinsätzen abzuwerben und Kuba so zu schwächen. Die US-Regierung sabotiert Kubas medizinischen Internationalismus aktiv mit Lügen, Manipulationen und Drohungen gegen Empfängerländer.

Gleichzeitig hat die Brigade international höchsten Respekt erworben. Der Präsident Südafrikas, Cyril Ramaphosa, berichtete, dass sein Kabinett beschlossen habe, einen Vorschlag auszuarbeiten, das auf Katastrophen und schwere Epidemien spezialisierte internationale Ärztekontingent Henry Reeve mit dem Friedens-Nobelpreis zu ehren, und hob die uneigennützige und unerschütterliche Hilfe der Regierung und des Volkes von Kuba hervor. Auch die WHO hat kubanische Ärzte wiederholt angefordert und ausgezeichnet.

Das gallische Dorf, heute

Kuba ist allerdings auch nicht das paradiesische Land, das seine Anhänger manchmal zeichnen. Es gibt, aus westlicher Sicht, Mängel an politischer Freiheit, begründet in der berchtigten Befürchtung eines der berüchtigten US-Farbrevolutionen, echte wirtschaftliche Misswirtschaft, echten Unmut in der Bevölkerung. Viele Kubaner unterscheiden sehr wohl zwischen den grundsätzlichen Werten der Revolution und den Widersprüchen der aktuellen Regierungspolitik.

Aber es ist auch nicht das Land, das seine Gegner zeichnen. Letztlich verfolgten alle US-Regierungen seit 1959 das Ziel, die Insel wieder für den kapitalistischen Zugriff zu öffnen. Aus diesem Grund hat die größte Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt kontinuierlich daran gearbeitet, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes so weit wie möglich zu verhindern, und das Land international zu verleumden.

Die Frage, wie sich Kuba ohne diese 65-jährige Belagerung entwickelt hätte, lässt sich nicht beantworten. Aber sie lässt sich stellen. Und sie verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie in den westlichen Medien üblicherweise bekommt.

Das kleine gallische Dorf hält stand. Nicht weil es ein Paradies wäre — sondern weil es sich entschieden hat, kein Mafia-Paradies mehr zu sein. Und weil es, während Bomben es treffen, Ärzte aussendet. Das ist kein schlechtes Selbstporträt für ein Land, das angeblich auf der falschen Seite der Geschichte steht.

Bild: Wikipedia


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4 Kommentare

  1. Jurgen 10. Juni 2026 um 20:07 Uhr - Antworten

    Denke, de Trumpel hat sich mit Kuba die nächste Pleitekarte gezogen…

  2. Pusteblume 10. Juni 2026 um 19:52 Uhr - Antworten

    Und so einer (siehe Link) wird dann den Überfall mittels Einsatzes „intelligenter“ Waffen auf Kuba mitfinanzieren und wird seine Hände sicherlich in reinster Unschuld waschen, wie nie ein US-Amerikaner je Schuld auf sich genommen hat, an Angriffskriegen und Mörden weltweit je beteiligt gewesen zu sein.
    Außerdem: Woher hat so ein Milchzahnbubi im Alter von 37 Jahren diese Milliarden an Dollar her, mit denen er die Finanzierung mit sogenannter „künstl.“ „Intelligenz“ versehener Angriffswaffen vornimmt? Der Milchzahnbubi hat einen Knall im Obrstübchen, einen gewaltigen Knall. Kriegsverbrecher.

  3. Pusteblume 10. Juni 2026 um 19:38 Uhr - Antworten

    USSA: Hände weg von Kuba!
    Literaturhinweis: Klaus Brinkbäumer, „Der Amerikanische Alptraum: Faschismus made in USA“. – Fischer-Verlag, 2026

  4. Lopadistory 10. Juni 2026 um 16:35 Uhr - Antworten

    Ich liebe die Menschen dieses Landes. Danke für diesen aufschlussreichen Blogbeitrag und herzliche Grüße aus Salzburg

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