Neue Eskalation im Angriffskrieg gegen den Iran … und die Weltwirtschaft

10. Juli 2026von 10,6 Minuten Lesezeit

Eskalation am Golf, die Achse des Widerstands und die Frage der Atomwaffe – eine Einordnung aus Perspektive des Globalen Südens über die erneuten Bombardierungen des Irans unter der falschen Angabe, der Iran habe den MoU gebrochen. Obwohl Israel im Libanon bombardiert, und Artikel 5 dem Iran die alleinige technische Verantwortung in der Straße von Hormus zuweist.

Seit dem 28. Februar 2026 führen die USA und Israel einen groß angelegten Krieg gegen den Iran. Anfang Juli ist die brüchige Waffenruhe erneut zusammengebrochen: Washington und Teheran tauschen wieder Schläge aus, mit dutzenden Todesopfern im Iran, und zerstörter Infrastruktur, wodurch der Zugang für Menschen zur Trauerfeier für den Staats- und religiösen Führer an seiner letzten Ruhestätte unmöglich wird, die Straße von Hormus ist praktisch blockiert, zumindest für Lieferungen in westliche Länder, der Ölpreis steigt. Dieser Text ordnet die jüngsten Entwicklungen ein – als Teil eines seit Gaza andauernden regionalen Expansionsprojekts – und geht der Frage nach, welches der beiden derzeit diskutierten Eskalationsszenarien wahrscheinlicher ist: eine iranische Atombombe oder eine erneute Sperrung des Roten Meeres durch die Regierung der Nationalen Einheit unter Führung von Ansar Allah (Houthi) im Jemen.

Der Bruch der Waffenruhe: Was gerade passiert

Nachdem der Iran nach US-Angaben Handelsschiffe in der Straße von Hormus angegriffen hatte, die sich den Anweisungen des Iran widersetzt hatten, erklärte Präsident Trump das im Juni erzielte Rahmenabkommen mit Teheran für beendet und ließ erneut Ziele im Iran angreifen – bereits den zweiten Tag in Folge.

Das US-Zentralkommando (CENTCOM) begründete die Angriffe damit, Irans Fähigkeit zu schwächen, die Freiheit der Schifffahrt in Hormus zu bedrohen, wie man in Bloomberg, am 9. Juli 2026 lesen konnte. Der Iran antwortete: Die Revolutionsgarde (IRGC) griff nach eigenen Angaben US-Militärbasen in Kuwait und Bahrain an.

Der Schiffsverkehr durch Hormus kam am 9. Juli praktisch zum Erliegen, Brent-Öl stieg um bis zu 1,5 Prozent auf über 79 US-Dollar je Barrel, nachdem der Preis bereits am Vortag um mehr als fünf Prozent gestiegen war (Bloomberg, 9. Juli 2026). Bezeichnend an der westlichen Berichterstattung ist die Rahmung: Der Iran wird als Aggressor gegen „die freie Schifffahrt“ dargestellt, während der Ausgangspunkt der Eskalationsspirale – der US-israelische Angriff vom 28. Februar 2026, mitten in laufenden Nuklearverhandlungen – in den aktuellen Meldungen kaum noch erwähnt wird. Und das, obwohl die USA im MoU dem Iran die alleinige Kontrolle über die Straße von Hormus zugebilligt hatten, welche für 60 Tage auch ohne Gebühren passierbar sein sollte.

Einordnung: Ein regionales Expansionsprojekt, kein isolierter Konflikt

Aus Sicht vieler Beobachter im Globalen Süden lässt sich der Krieg gegen den Iran nicht getrennt von der israelischen Vorgehensweise in Gaza, im Libanon und in Syrien seit dem 7. Oktober 2023 betrachten. Das Muster wiederholt sich: militärische Fakten schaffen, anschließend diplomatische Vereinbarungen erzwingen, die diese Fakten zementieren, statt sie rückgängig zu machen.

Besonders deutlich zeigt sich das am trilateralen Rahmenabkommen, das die USA, Israel und der Libanon am 26. Juni 2026 in Washington unterzeichnet haben. Israelische Kommentatoren selbst beschreiben es unverblümt als strategischen Gewinn Israels, weil es den Libanon vom Iran entkoppelt. Kritiker sprachen von der westasiatischen Vichy-Regierung. Ministerpräsident Netanjahu selbst formulierte es als schwere Niederlage Teherans: Israel, der Libanon und die USA würden dem Iran damit klarmachen, dass weder Iran noch Hisbollah im Libanon künftig „irgendeine Rolle“ hätten.

Bezeichnend ist zudem, was das Abkommen Israel gerade nicht abverlangt: einen echten Rückzug. Anders als von Teheran und der Hisbollah gefordert, muss sich die israelische Armee nicht aus der selbst festgelegten „Sicherheitszone“ im Südlibanon zurückziehen, solange die Hisbollah nicht entwaffnet ist – eine Bedingung, die faktisch eine dauerhafte Besatzung von gut sechs Prozent des libanesischen Staatsgebiets legitimiert, das Beirut völkerrechtlich als besetzt einstuft. Selbst israelnahe Sicherheitsexperten räumen ein, dass die libanesische Armee – zu sechzig Prozent schiitisch zusammengesetzt – kaum in der Lage sein wird, gegen die Hisbollah vorzugehen, ohne einen innerkonfessionellen Bürgerkrieg zu riskieren. Die Bedingung ist damit auf absehbare Zeit kaum erfüllbar – was den israelischen Verbleib faktisch auf unbestimmte Zeit verlängert.

Die Nuklearfrage: Was ist tatsächlich bekannt?

Hier ist Zurückhaltung geboten – in beide Richtungen. Die belastbare Faktenlage:

Zur zugespitzten Frage, ob eine iranische Bombe ein bewusst herbeigeführter Vorwand für einen Nuklearwaffeneinsatz durch Israel oder die USA sein könnte: Dafür gibt es nach derzeitiger Quellenlage keine belastbaren Belege. Historisch lässt sich lediglich dokumentieren, dass das Argumentationsmuster „Iran nähert sich der Bombe“ seit Jahrzehnten als politische Kriegsrechtfertigung dient – unabhängig vom jeweils tatsächlichen Programmstatus, wie der Verlauf von JCPOA-Abkommen, Zwölf-Tage-Krieg und aktueller Offensive zeigt. Eine darüberhinausgehende These eines gezielt inszenierten nuklearen Vorwands bleibt Spekulation und sollte redaktionell klar als solche gekennzeichnet werden.

Der in Videos sehr unterhaltsame brasilianische Geopolitik-Kommentator Pepe Escobar, der insbesondere in hohen politischen Kreisen des globalen Südens gut vernetzt ist, behauptete Anfang Juni 2026 zusammen mit dem früheren CIA-Analysten Larry Johnson auf der Plattform Power Shift, eine, nicht näher benannte Quelle habe ihnen mitgeteilt, Präsident Pezeshkian habe in einem Telefonat mit dem pakistanischen Regierungschef Sharif signalisiert, Teheran sei im Falle anhaltender amerikanischer Drohungen zur Zündung einer Nuklearwaffe auf eigenem Boden bereit – als souveräne Demonstration von Eskalationskontrolle, nicht als Kriegsakt (ausführlich dokumentiert bei Unz Review und in der Aufarbeitung von Down With Tyranny). Als Beleg führte Escobar an, ein Mitglied des engsten Zirkels um Mojtaba Khamenei habe auf einen ihm vorab zugesandten Kolumnenentwurf lediglich mit „Ich werde das nicht kommentieren“ reagiert – ein Nicht-Dementi, das Escobar als indirekte Bestätigung wertet.

Bemerkenswert ist allerdings der Widerspruch zu seiner eigenen späteren Berichterstattung: In seiner Analyse des Islamabad-Rahmenabkommens vom 14. Juni. Darin schreibt Escobar selbst, der iranische Nationale Sicherheitsrat habe die vollständige Sicherung des HEU-Bestands bestätigt und einen Verzicht auf die Entwicklung einer Atomwaffe im Austausch für Sanktionserleichterungen zugesagt (siehe Unz Review, „How Iran engineered its multipolar breakthrough“) – nur zwei Wochen nach der Behauptung, Iran stehe kurz vor einer nuklearen Demonstration. Eine unabhängige zweite Quelle, eine Bestätigung durch die IAEO oder eine Reaktion westlicher Geheimdienste liegt bislang nicht vor.

Das Rote Meer: die belastbarere Eskalationsoption

Deutlich konkreter ist eine ganz andere „Bombe„. Am 8. Juni 2026 verhängten die jemenitischen Streitkräfte unter Ansar Allah ein „vollständiges und totales“ Verbot der israelischen Seeschifffahrt im Roten Meer und rechtfertigten dies als Teil der „vereinigten Fronten“ gegen die „amerikanisch-zionistische Aggression“zur Unterstützung von Gaza, Libanon und Irak. Die AnsarAllah (Houthis) kündigten dabei an, das Verbot israelischer Schiffe sei nur ein „erster Schritt“; bei weiterer Eskalation drohten sie, die Restriktionen auf jedes Schiff mit Israel-Bezug auszuweiten.

Damit standen mit der Straße von Hormus und der Meerenge Bab al-Mandeb erstmals gleichzeitig zwei der wichtigsten globalen Nadelöhre unter Druck – zusammen rund ein Drittel des weltweiten Öl- und Gashandels. Der Befehlshaber der Quds-Einheit der Revolutionsgarde, Esmail Qaani, warnte zudem, dass weitere Eskalation eine koordinierte Antwort der „Achse des Widerstands“ auslösen werde – mit dem erklärten Ziel, einen neuen „Sicherheitsgürtel von Hormus bis Bab al-Mandeb zu errichten.

Nach dem Rahmenabkommen vom 14. Juni beruhigte sich die Lage vorübergehend: Der UN-Sicherheitsrat hielt für seine Juli-Sitzung fest, dass es seither keine weiteren Angriffe der jemenitischen Regierung der Nationalen Einheit auf Israel und keine Wiederaufnahme von Angriffen auf die Seeschifffahrt gegeben habe. Das war jedoch der Zustand vor dem erneuten Zusammenbruch der Waffenruhe am 8./9. Juli. Angesichts der eigenen Ansar-Allah-Logik – die Blockade bleibt bestehen, bis die Belagerung Gazas endet, und wird bei Eskalation ausgeweitet – sowie der IRGC-Ankündigung einer koordinierten Antwort der Widerstandsachse ist eine erneute, womöglich ausgeweitete Sperrung des Roten Meeres kein hypothetisches, sondern ein bereits einmal umgesetztes und jederzeit reaktivierbares Szenario.

Analysten der International Crisis Group ordnen die AnsarAllah-Strategie dabei als eher kalkuliert-psychologisch denn als auf vollständigen wirtschaftlichen Kollaps ausgerichtet ein: Man wolle Destabilisierungsfähigkeit demonstrieren, ohne für eine globale Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht zu werden, die auch neutrale Staaten gegen einen aufbringen würde. D.h. es würden nur gezielt Schiffe angegriffen werden, welche eindeutig den Unterstützern des Angriffskriegs gegen den Iran zugerechnet werden, oder diese beliefern. Dabei dürften einige EU-Länder, insbesondere Deutschland, auch im Fokus „des Interesses“ stehen.

Was wahrscheinlicher ist – und was die Berichterstattung ausblendet

Die wahrscheinlichere unmittelbare Entwicklung ist demnach eine erneute Sperre des Roten Meeres durch Ansar Allah, sobald sich die aktuelle Hormuz-Eskalation weiter verschärft – dafür existiert bereits ein abrufbares Drehbuch und eine klare politische Logik der „Achse des Widerstands„. Die These eines gezielt konstruierten nuklearen Vorwands für einen israelisch-amerikanischen Nuklearwaffeneinsatz bleibt dagegen unbelegte Spekulation, die auch aus kritischer Perspektive nicht als Tatsache behandelt werden sollte.

Der Iran sieht die Zeit für das Land spielen. Sanktionen wirken über viele Jahre, aber die Sperrung von Meerengen und die Raketenangriffe gegen strategische Ziele wirken sofort und innerhalb weniger Monate.

Zusammenfassung

Was die westliche Berichterstattung tendenziell ausblendet

  • Dass die aktuelle Hormuz-Eskalation auf einen US-israelischen Angriffskrieg zurückgeht, der am 28. Februar 2026 begann – nicht auf spontane iranische „Aggression„.
  • Dass das Libanon-Rahmenabkommen Israel keinen Rückzug abverlangt, solange eine praktisch unerfüllbare Bedingung (Entwaffnung der Hisbollah durch eine konfessionell gespaltene Armee) nicht erfüllt ist.
  • Dass die Rotmeer-Blockade eine direkte, seit Juni 2026 offen kommunizierte Reaktion auf die Fortsetzung der israelischen Kriegshandlungen in Gaza, Libanon und gegen Iran ist – und nicht isoliert von diesem Kontext bewertet werden sollte.
  • Bei einem Besuch in Bagdad erklärte Außenminister Abbas Araghchi wörtlich, die Straße von Hormus bleibe für die kommenden 30 Tage „unter vollständiger Aufsicht und Verwaltung Irans„, diese Verantwortung liege „beim Iran – keine andere Partei oder kein anderer Staat“ habe hier eine Rolle, und „jede Intervention oder jede einseitige Maßnahme“ werde die Lage verschärfen und die Wiedereröffnung der Straße verzögern. Praktisch untermauert wurde das durch die Revolutionsgarde (IRGC), die Tanker vor der Nutzung einer südlichen, omanischen Route warnte und als „einzig autorisierte Route“ den nördlichen Korridor in iranischen Hoheitsgewässern erklärte – und laut dem Schifffahrts-Tracker Windward AI mehrere Tanker, die die Südroute nutzten, tatsächlich zur Umkehr zwang.Das heißt: Iran interpretiert seine im MoU vorgesehene 30-tägige technische Zuständigkeit (Minenräumung, Beseitigung militärischer Hindernisse) als exklusives Verwaltungs- und Durchsetzungsmandat über die gesamte Meerenge – während Washington und die USA-Kollegen aus Artikel 5 eher eine gemeinsame, mit Oman und der IMO abgestimmte Regelung herauslesen. Genau an dieser „Auslegungsdifferenz“ entzündete sich der Beschuss der Tanker „Ever Lovely“ und „Kiku“ Ende Juni, der wiederum die erneuten US-Angriffe auslöste. Die Frage die sich stellt ist, warum die USA versuchten, den Iran zu provozieren, und Schiffe ohne die technische Kontrolle durch den Iran an der Küste des Oman entlang zu führen. Quelle: Al Jazeera, 28. Juni 2026
Bild: Screenshot Video mit Escobar wg. Iran

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