Neuer Krieg gegen Iran und Libanon – mit dem Segen der NATO

9. Juli 2026von 7,7 Minuten Lesezeit

Der NATO-Gipfel in Ankara sollte eigentlich die große Inszenierung transatlantischer Geschlossenheit werden. Stattdessen wurde er zur Bühne für die Wiederaufnahme eines Krieges, der nie wirklich zu Ende war — und für die öffentliche Demütigung jener europäischen Vasallen, die es wagten, nicht mitzumachen.

Donald Trump kam nicht als Friedensstifter nach Ankara. Er kam als Kriegsherr. Und er machte keinen Hehl daraus. Wie TKP bereits gestern berichtet, erklärte der US-Präsident den am 17. Juni unterzeichneten Waffenstillstand mit Iran kurzerhand für beendet — und ließ seine Bombenflugzeuge noch in derselben Nacht von der Leine

Die zweite Angriffswelle binnen 48 Stunden traf nach iranischen Staatsmedien Ziele in Ahvaz, Buschehr, Tschabahar, Bandar Abbas und Iranshahr. CENTCOM bestätigte Angriffe auf rund 90 militärische Ziele, die Irans Fähigkeit, die Handelsschifffahrt in der Straße von Hormus anzugreifen, „weiter beeinträchtigen“ sollten. In Iranshahr starb ein Feuerwehrmann bei einem Angriff auf den Flughafen — Kollateralschaden in einem Krieg, der offiziell gar nicht mehr stattfinden sollte.

Iran schlägt zurück — und die Golfstaaten werden zur Zielscheibe

Die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) ließen die Antwort nicht lange auf sich warten. Wie Middle East Eye meldete, griffen sie US-Militärstützpunkte in Bahrain und Kuwait an und drohten mit einer Ausweitung der Angriffe auf weitere Länder der Region. In Online-Videos war angeblich der Einschlag einer iranischen Rakete auf dem Stützpunkt der US Fifth Fleet in Bahrain zu sehen.

In Kuwait heulten die Sirenen. Die kuwaitische Armee erklärte, ihre Luftabwehr wehre „feindliche Raketen- und Drohnenangriffe ab“. Auch in Bahrain wurden die Bürger aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen. Qatar verschickte Sicherheitswarnungen auf Mobiltelefone. Al Jazeera berichtete von Luftalarm in beiden Golfstaaten.

Gulf News zitierte die Revolutionsgarden mit der Behauptung, 85 US-Militärziele in Bahrain und Kuwait angegriffen zu haben. Ob die Zahl stimmt oder nicht — die Botschaft ist unmissverständlich: Iran hat die Eskalationsdominanz in der Region, und die arabischen Golfstaaten, die US-Stützpunkte beherbergen, sitzen in der Schusslinie.

Araqchis Antwort: Keine Vulgarität, sondern Taten

Während der Aggresssor Trump auf dem NATO-Gipfel von „Abschaum“, „kranken Menschen“ und „Lügnern“ sprach — wie gestern schon wörtlich in TKP zitiert: „They’re scum, they’re sick people, they’re led by sick people, and they’re vicious, violent people (Die sind Abschaum, das sind kranke Menschen, sie werden von kranken Menschen angeführt, und es sind bösartige, gewalttätige Menschen) —, kam aus Teheran eine Antwort von bemerkenswerter Kühle.

Irans Außenminister Seyed Abbas Araqchi schrieb auf X, wie die Nachrichtenagentur Fars dokumentierte:

„Die zivilisierte und mutige Nation des Iran mit herabwürdigender Sprache anzusprechen, mindert nicht ihre Größe.“

Und weiter: „Wir beantworten Vulgarität nicht mit Vulgarität, sondern mit Taten: furchtlos und mit großer Tapferkeit.“

Die Wortwahl ist kein Zufall. Teheran inszeniert sich als die zivilisierte, maßvolle Macht — und Washington als den unberechenbaren, vulgären Aggressor. Eine Strategie, die im Globalen Süden auf fruchtbaren Boden fällt und als korrekte Beschreibung angesehen wird, während Trumps NATO-Verbündete zunehmend nervös werden.

Die NATO-Verbündeten: Zwischen Kriegsdienstverweigerung und vorauseilendem Gehorsam

Trumps Wut auf seine europäischen Partner war auf dem Gipfel mit Händen zu greifen. NPR berichtete:

„Italien hat uns abgewiesen, Deutschland hat uns abgewiesen, Frankreich hat uns abgewiesen, und das ist okay, aber wissen Sie, warum geben wir Hunderte Milliarden Dollar aus und sie sind nicht für uns da? Wir waren immer für sie da.“

Italiens Premierministerin Giorgia Meloni bestätigte die Verweigerungshaltung offen: „Wir werden uns nicht an Angriffen gegen Iran beteiligen“, zitiert von Middle East Eye. Italien hatte bereits im März US-Militärflugzeugen die Landung auf der Basis Sigonella in Sizilien verweigert.

Spanien bekam Trumps ganze Hass zu spüren — er nannte das Land „einen schrecklichen NATO-Partner“ und drohte mit Handelsabbruch. Dass ausgerechnet jene Europäer, die noch vor einem Jahr jeden US-geführten Krieg mit diplomatischen Floskeln abnickten, nun offen die Gefolgschaft verweigern, ist ein Novum. Es zeigt: Die transatlantische Fassade bröckelt — und zwar nicht an den Rändern, sondern im Kern.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte gab unterdessen den pflichtbewussten Schoßhund für seinen „Papa“. Die US-Angriffe seien „absolut notwendig“ gewesen, eine „sehr starke Antwort“, er stehe „voll dahinter“zitiert von The Journal. Dass Rutte Trumps Bomben auf den Iran absegnet, während die europäischen NATO-Mitglieder mehrheitlich nicht mitmachen wollen, illustriert die Zerrissenheit des Bündnisses.

Libanon: Der vergessene Kriegsschauplatz

Während die Welt auf die Straße von Hormus starrt, geht der Krieg im Libanon unvermindert weiter — mit israelischer Beteiligung und unter dem Radar der großen Schlagzeilen.

The National aus den Emiraten berichtete über den wachsenden Riss zwischen Trump und Netanyahu. Der einstige Kriegspartner ist zum Problemfall geworden. Trump habe Netanyahu öffentlich gerügt und die israelischen Militäroperationen im Libanon kritisiert. Vizepräsident JD Vance warnte israelische Führer davor, ihren „einzigen verbliebenen großen Verbündeten“ zu verprellen.

Die Zahlen sind verheerend: Über 4.300 Tote im Libanon, darunter mehr als 250 Kinder. Hunderttausende Vertriebene. Amnesty International warf Israel vor, bei drei Angriffen auf zivile Wohnhäuser zwischen dem 6. und 13. März „ganze Familien ausgelöscht“ zu haben — 24 Zivilisten getötet, 12 davon Kinder. Die Menschenrechtsorganisation forderte die Untersuchung als Kriegsverbrechen und ein umfassendes Waffenembargo gegen Israel.

Israels Reaktion? Die übliche Floskel: Einige Angriffe hätten „militärischen Zielen der Hisbollah“ gegolten, andere würden „geprüft“. Konkrete Informationen zu den drei untersuchten Angriffen blieb die israelische Armee schuldig.

Das Rahmenabkommen: Papier ist geduldig

Die im Juni unterzeichneten Abkommen — das US-iranische Memorandum of Understanding und das israelisch-libanesische Rahmenabkommen — waren von Anfang an nicht mehr als taktische Atempausen. Das israelische Medium Ynetnews berichtete, dass der Libanon seine Teilnahme an den für den 15. und 16. Juli in Rom geplanten Gesprächen davon abhängig macht, dass Israel sich aus zwei „Pilotzonen“ im Südlibanon zurückzieht. Israel wiederum erklärte, der Rückzug werde sich um „mindestens mehrere Wochen“ verzögern, weil die libanesische Armee noch nicht bereit sei.

Die israelische Einschätzung, von The National zitiert, lautet: „Wir gehen davon aus, dass die libanesische Armee die Hisbollah nicht zerschlagen kann und dass wir es letztlich selbst tun müssen, nach unserem eigenen Zeitplan.“ Mit anderen Worten: Israel hat nicht die Absicht, sich zurückzuziehen. Die „Sicherheitszone“ von acht bis zehn Kilometern Tiefe auf libanesischem Territorium soll bleiben — mit internationaler Legitimation, wie israelische Beamte betonen.

Trump will möglichst bald ein trilaterales Treffen mit Netanyahu und dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun erzwingen — obwohl libanesische Beamte ein Treffen mit Netanyahu „entschieden ablehnen“.

Die mächtige Figur im Hintergrund: Ayatollah Khamenei

Ein Faktor, der in westlichen Analysen konsequent unterschlagen wird: Iran befindet sich mitten in einer Führungstransition. Ayatollah Ali Khamenei wurde am ersten Tag der US-israelischen Angriffe im Februar getötet. Press TV dokumentierte die Millionen Trauernder bei der Beerdigung des „Märtyrer-Führers“ in Teheran. Die schiitische Welt von Karbala bis Beirut hielt symbolische Begräbniszeremonien ab.

Der Märtyrertod Khameneis hat eine Welle der Mobilisierung ausgelöst, die selbst regimekritische Iraner hinter der nationalen Sache vereint. Press TV zitierte einen Analysten: „Das Märtyrertum Ayatollah Khameneis inspiriert den Beginn einer neuen Phase des Widerstands.“

Die iranische Führung hat zudem klargestellt, dass sie die Straße von Hormus nur unter „iranischen Regelungen“ öffnen wird — nicht unter amerikanischen Drohungen. Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf formulierte es, wie Middle East Eye zitierte, unmissverständlich: „Zappelt nicht sinnlos herum, oder ihr werdet noch tiefer sinken: Die Straße von Hormus wird nur mit ‚iranischen Arrangements‘ geöffnet, nicht mit amerikanischen Drohungen.“

Die „Märkte“ verstehen, was die Politiker leugnen

Die Finanzmärkte sind der ehrlichste Seismograph der Realität. Brent-Rohöl stieg nach Trumps Erklärung um 5,8 Prozent auf 78,43 Dollar pro Barrel. Middle East Eye meldete Verluste an den Aktienmärkten weltweit: S&P 500 minus 0,3 Prozent, Dow Jones minus 1 Prozent, DAX minus 2,3 Prozent, CAC 40 minus 2,18 Prozent, FTSE 100 minus 1,66 Prozent.

Die Botschaft ist klar: Die Märkte haben den Waffenstillstand nie geglaubt. Sie preisen jetzt den langen Krieg ein — mit allen Konsequenzen für Energiepreise, Inflation und globale Lieferketten.

Fazit: Der Krieg, der nicht enden darf

Was wir in diesen Juli-Tagen 2026 erleben, ist kein „Wiederaufflammen“ von Feindseligkeiten. Es ist die Fortsetzung eines Krieges, der mit dem US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar begann und der von Anfang an auf Regimewechsel, nicht auf Frieden ausgelegt war.

Das Memorandum of Understanding vom 17. Juni war eine Show für die Galerie — ein taktisches Instrument, um die angeschlagenen Ölmärkte zu beruhigen und den innenpolitischen Druck auf Trump vor den Midterms im November zu mindern. Dass es nun, keine vier Wochen später, von beiden Seiten als Makulatur behandelt wird, war vorhersehbar.

Die europäischen NATO-Verbündeten haben verstanden, dass dieser Krieg nicht ihrer ist. Italien, Deutschland und Frankreich verweigern die Beteiligung. Spanien wird öffentlich gedemütigt. Die transatlantische Allianz zeigt Risse, die kein NATO-Kommuniqué mehr kitten kann.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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3 Kommentare

  1. VerarmterAdel 9. Juli 2026 um 9:02 Uhr - Antworten

    Er kam als Marionette des kleinen Derckslandes, das die ganze Welt unterwandert hat mit dem Slogan „Wir sind Gottes auserwähltes Volk“ und müssen jeden töten, der nicht nach unserer Pfeife tanzt.

    Wer diesen völlig durchgeknallten Bullshit noch glaubt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

    Immerhin, Mark Windows hat in den letzten Podcasts darauf hingewiesen, dass diese Lüge inzwischen schneller auffliegt als die Massenmörder des kleinen Derckslandes zwei mit einem Schuss töten können.

    https://www.spreaker.com/podcast/windows-on-the-world–2818355

  2. Hello 9. Juli 2026 um 8:40 Uhr - Antworten

    Warum sagen die Nato-Länder, die die USA bei dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran einmal nicht untertstützten, dass die Nato als Verteidigungsbündnis gegründet wurde (wenn wahrscheinlich auch damals schon verlogen) und nicht als Angriffsbündnis?

    Wann waren die USA jemals da, wenn man sie brauchte? Wann hätte man sie eigentlich je gebraucht? Sie haben immer nur gezündelt und sich dann als Retter aufgespielt. In Bezug auf die Ukraine braucht man sich nur die schon oft zitierte Rede von George Friedman 2015 anzuhören.

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