
Wo und gegen wen findet eigentlich der wahre Krieg statt?
Überall in der Welt wird gezündet, bombardiert, sanktioniert, entführt, und immer häufiger wächst das Risiko, dass aus einem lokalen Krieg ein wirklich großer Krieg wird. Aber die Fronten sind vage. Zwar wird immer wieder von „links“ und „rechts“ geredet, oder von „Demokratie“ und „Diktatur“, andere reden von Rohstoffen. Aber ist es das wirklich, was all diese Kriege und möglicherweise einen ganz großen Krieg auslöst, z.B. angesichts der immer schärferen Eingriffe der NATO in den Ukraine-Konflikt. Eine Meinung, die davon abweicht.
Im Jahr 2006 saß der Schauspieler und Wirtschaftskolumnist Ben Stein beim Investor Warren Buffett in dessen schlichtem Büro in Omaha, Nebraska. Das Gespräch drehte sich um Steuern. Was Buffett dabei sagte, klingt noch heute wie eine Selbstanklage: „Es gibt Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die reiche Klasse, die Krieg führt – und wir gewinnen.„ Buffett meinte das als Warnung, als Kritik am Steuersystem. Doch das Zitat beschreibt mittlerweile mehr als eine Steuerdebatte. Es beschreibt die Architektur einer globalen Machtverschiebung.
Die Zahlen lügen nicht
Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos im Januar 2026 veröffentlichte Oxfam seinen jährlichen Ungleichheitsbericht unter dem Titel „Resisting the Rule of the Rich“. Das Ergebnis ist ernüchternd: Das Gesamtvermögen aller Milliardärinnen und Milliardäre weltweit ist im Jahr 2025 um 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen – auf den historischen Rekordwert von 18,3 Billionen Dollar. Dieser Zuwachs in einem einzigen Jahr entspricht nahezu dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Gleichzeitig leben rund 3,8 Milliarden Menschen von weniger als 8,30 Dollar pro Tag. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt 43,8 Prozent des weltweiten Vermögens. Die ärmere Hälfte hält zusammen 0,52 Prozent.
Das Wachstum hat sich beschleunigt. Mit rund 16 Prozent wuchs das Milliardärsvermögen 2025 dreimal schneller als in den fünf Jahren zuvor. Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 hat es inflationsbereinigt um 81 Prozent zugelegt. Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, verdient in vier Sekunden so viel wie ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr.
Südamerika: Das Labor des neuen Klassenkriegs
Nirgends lässt sich diese Verschiebung derzeit plastischer beobachten als in Lateinamerika. Argentiniens Präsident Javier Milei hat sich zur globalen Galionsfigur eines Rechtspopulismus gemacht, der sich selbst als „libertär“ bezeichnet, aber in Wahrheit eine radikal marktfundamentalistische Agenda verfolgt. Im Oktober 2025 gewann er die Zwischenwahlen. Im Dezember desselben Jahres flog sein chilenischer Amtskollege José Antonio Kast unmittelbar nach seiner Wahl nach Buenos Aires, um sich an Mileis Seite zu zeigen – ein Bild mit Signalwirkung.
Milei arbeitet seither an einem regionalen Bündnis aus rechten Staatschefs. In einem CNN-Interview erklärte er, rund zehn Länder seien bereit, sich zu einer Allianz zusammenzufinden, um „den Krebs des Sozialismus in seinen verschiedenen Versionen“ zu bekämpfen. Die Koalition soll unter anderem Ecuador, Bolivien, Paraguay und El Salvador umfassen und sich gegen die linkeren Regierungen Brasiliens, Venezuelas und Kolumbiens stellen. Bloomberg schreibt bereits von einer blauen Welle, die Lateinamerika 2026 vollends erfassen könnte: Konservative Siege in Ecuador, Honduras und Bolivien hätten 2025 die Weichen gestellt, der Rest solle folgen.
Doch was genau soll da ausgerottet werden? Milei selbst ist kein Ideologe des klassischen Antikommunismus. Er bekämpft nicht die Sowjetunion – die gibt es nicht mehr. Er bekämpft den Wohlfahrtsstaat, den öffentlichen Sektor, die Gewerkschaften, die Umweltregulierung, die Genderforschung und alle internationalen Institutionen, die Umverteilung ermöglichen. Das Carnegie Endowment for International Peace dokumentiert, wie Mileis Regierung in der UN systematisch gegen Resolutionen zu Frauenrechten, indigenen Rechten, häuslicher Gewalt und nachhaltiger Entwicklung stimmt.
„Links“ bedeutet in diesem Kontext: alles, was dem ungehinderten Fluss von Kapital in die Hände der Reichsten im Wege steht.
Warum China und Russland im Fadenkreuz stehen
Die Frage, warum die Feindschaft gegenüber China und Russland so intensiv ist, lässt sich mit geopolitischen Erklärungen allein nicht beantworten. Beide Staaten sind autoritär geprägt. Doch es gibt eine wirtschaftliche Dimension, die in westlichen Medien selten benannt wird:
In beiden Ländern hat der Staat die Fähigkeit behalten, private Vermögenskonzentration zu begrenzen und Oligarchen zur Unterordnung zu zwingen.
In Russland markierte die Verhaftung von Michail Chodorkowski im Jahr 2003 eine Zäsur. Der damals reichste Russe und Chef des Yukos-Konzerns hatte begonnen, mit US-Ölmultis über den Verkauf von Unternehmensanteilen zu verhandeln – und politische Ambitionen gehegt. Putin ließ ihn verhaften. Beobachter wie die US-Analysefirma Stratfor sahen darin den Aufbau einer staatlich gelenkten Wirtschaft, die die Oligarchen der Jelzin-Ära demontierte. Unabhängig davon, wie man Putins Motive bewertet: Das Ergebnis war eine Zurückdrängung westlich vernetzter Privatkapitalisten aus strategischen Sektoren.
In China führte Xi Jinping ab 2020 einen spektakulären Tech-Crackdown durch. Alibaba-Gründer Jack Ma verschwand nach einer öffentlichen Kritik an den Finanzaufsehern für Wochen von der Bildfläche. Xi persönlich soll den Börsengang von Mas Finanztochter Ant Group – der damals größte weltweit geplante – untersagt haben. Milliardenvermögen wurden durch Kartellstrafen beschnitten, Unternehmen zur Unterordnung unter Parteiziele gezwungen. Das DGAP-Memo „Xiconomics“ beschreibt dies als staatskapitalistisches System, das unternehmerische Autonomie strukturell begrenzt. Seit Anfang 2025 lockert Xi den Druck wieder, um das Wirtschaftswachstum zu beleben – aber die Partei behält die Kontrolle.
Für westliche Finanzeliten sind solche Staaten keine Bedrohung wegen ihrer Ideologie, sondern wegen ihres Beispiels. Ein Staat, der Milliardäre zähmt, ist ein schlechtes Vorbild.
Die Neucodierung des Klassenkampfs
Der klassische Klassenkampf des 19. und 20. Jahrhunderts war sprachlich klar: Kapital gegen Arbeit, Bourgeoisie gegen Proletariat. Dieses Vokabular ist heute weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden – nicht weil die Realität dahinter verschwunden wäre, sondern weil sie erfolgreich umkodiert wurde. Der Feind heißt nun „woke„, „links„, „sozialistisch„, „globalistisch“ oder – besonders effektiv – „deep state„. Der Angreifer tarnt sich als Volksvertreter.
Milei ist dafür ein Lehrbuchfall. Er hat in Argentinien eine Regierung gebildet, die die ärmsten Schichten des Landes mit radikalen Ausgabenkürzungen trifft, gleichzeitig aber mit einem antiestablishment-Jargon operiert, als sei er der Vertreter des kleinen Mannes gegen „die Kaste„. Das Carnegie Endowment beschreibt dieses Muster präzise:
Mileis Politik „ruht auf einer moralischen Zweiteilung statt auf programmatischem Dissens: La casta ist nicht einfach ineffizient, sondern parasitär, räuberisch und vorsätzlich zerstörerisch„. Die echten Nutznießer seiner Politik sind die Reichsten des Landes. Die Rhetorik aber zielt auf die Wut der Ärmsten.
Das Muster ist kein argentinisches. Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien, Orbán in Ungarn, Meloni in Italien: Überall dasselbe Grundprinzip. Steuergeschenke für Vermögende, Abbau von Sozialleistungen, Schwächung unabhängiger Institutionen, Angriffe auf Medien und Justiz – kombiniert mit kultureller Empörungspolitik, die die Aufmerksamkeit der Bevölkerung woanders hinlenkt.
Was die geopolitische Erzählung verdeckt
Die Erzählung vom Kampf „des Westens“ gegen „autoritäre Mächte“ ist nicht falsch – aber sie ist unvollständig. Sie blendet aus, dass innerhalb des Westens die Demokratie durch Vermögenskonzentration und Medienmonopole erodiert. Oxfam macht in seinem aktuellen Bericht explizit darauf aufmerksam, wie Superreiche politische Macht kaufen: durch direkte Spenden an Parteien, durch Eigentum an Medien und durch direkten Zugang zu politischen Ämtern. „Wir befinden uns in der Ära der Milliardärinnen – und das ist keine gute Nachricht für die Welt„, schreibt Oxfam-Vorständin Charlotte Becker.
Elon Musk hat Twitter/X gekauft und zu einem Propagandakanal der globalen Rechten umgebaut. Er war maßgeblich an Trumps Wahlkampf 2024 beteiligt und erhielt dafür milliardenschwere Staatsaufträge. In Lateinamerika ist Trump der erste US-Präsident seit Jahrzehnten, der offen rechte Kandidaten und sogar Wahlvorgänge kommentiert – Milei und den honduranischen Präsidenten Nasry Asfura unterstützte er öffentlich. Asfuras Sieg bezeichnete Milei als „vernichtende Niederlage des Narko-Sozialismus„.
Was sich abzeichnet, ist eine transnationale Klasse von Superreichen, die über Staatsgrenzen hinweg Einfluss auf Politik, Medien und Institutionen nimmt – und jede Gegenmacht delegitimiert, die ihr im Wege steht. Demokratische Regulierung, Gewerkschaften, Steuerbehörden, internationale Normen: All das wird als „sozialistisch“ oder „globalistisch“ markiert und bekämpft.
Ein Krieg, der nicht so heißt
Warren Buffett hat das Verdienst, es 2006 offen ausgesprochen zu haben. Seither hat sich die Lage zugespitzt. Die Vermögenskonzentration hat ein historisches Ausmaß erreicht. Die politische Einflussnahme der Superreichen ist dokumentiert. Die rhetorische Verschleierungsmaschinerie ist ausgereifter denn je. Und der Widerstand – soziale Bewegungen, kritische Parteien, unabhängige Medien – wird in immer mehr Ländern systematisch demontiert.
Der Konflikt, der die Welt derzeit in Atem hält, ist nicht in erster Linie ein Kulturkampf zwischen liberal und konservativ, nicht ein geopolitisches Ringen zwischen West und Ost, nicht ein Zivilisationskonflikt zwischen Demokratie und Autokratie. Er ist – bei aller Komplexität und trotz aller Überlagerungen – in seinem Kern ein Kampf um die Frage, wem der gesellschaftlich produzierte Reichtum gehört. Wer die Regeln setzt. Und wer zahlt.
Buffett hat seinen Klassengenossen ungewollt das Programm zusammengefasst. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis die andere Seite es versteht.
Bild: Screenshot Warren Buffet Wikipedia
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Herr Mitschka, Dr. Markus Krall ist voll des Lobes bezüglich Milei in Argentinien! Er sagt das Land kommt aus seiner Schuldenkrise heraus, die Renten haben sich seit Milei verdreifacht, die Menschen finden wieder Arbeit und die verfilzten Strukturen von Staatsbediensteten hat er mit der Kettensäge entfernt, so dass das Land sich jetzt im Wachstum befindet! Genau so etwas brauchen wir hier auch!
Großgrundbesitzer, Landwirte mit Massenmastvieh – nichts anderes ist die politische Elite gegenüber den Bürgern. Rahm abschöpfen, Honig gegen Zucker austauschen, das Vieh zur Schlachtbank führen.
Leider begreifen die Menschen das nicht … sind zu gutgläubig, naiv und im Konsumwahn gefangen.