
Warum es falsch ist, wenn Oligarchen Forschung bestimmen
Während Bill Gates bekannt ist, als Investor immer die richtigen Gesundheitsthemen vorzugeben, kennt man Elon Musk als Vorantreiber der Weltraumtechnik und viele seiner Anhänger sind fasziniert von seinem Marsprojekt. Gleichzeitig überraschen immer wieder Nachrichten darüber, wie wenig wir über unsere eigene Welt wissen, in der wir leben. Schauen wir uns die Tiefseeforschung als Beispiel an.
Die Erforschung der Tiefsee gleicht dem Blick in ein fast völlig unberührtes Universum: Weniger als 0,001 Prozent des Tiefseebodens sind bislang biologisch untersucht worden, weshalb wir heute mehr über die Oberfläche des Mondes oder des Mars wissen als über die tiefsten Abgründe unseres eigenen Planeten.
Der Uterus, aus dem das Leben entstand
In den porösen Gesteinen dieser Tiefseequellen trafen heißes, mineralreiches Wasser, Kohlendioxid und Wasserstoff aufeinander. Diese Bedingungen begünstigten die Bildung organischer Moleküle, also den Nährboden für die ersten Lebensbausteine. Die Tiefsee bot im Gegensatz zur lebensfeindlichen, von UV-Strahlung und Meteoriteneinschlägen geprägten Erdoberfläche einen geschützten Raum. Die konstante Wärme und die chemischen Gefälle in den hydrothermalen Schloten lieferten die nötige Energie, um einfache Stoffwechselprozesse in Gang zu setzen.
Genetische Stammbäume weisen darauf hin, dass die frühesten Mikroorganismen (wie zum Beispiel LUCA) hitzeresistente Urbewohner solcher Tiefseequellen waren. Und letztlich ist es unerheblich, ob Leben aus der Tiefsee oder „Darwins warme kleine Teiche“ entstand. Es war das Wasser, welches das Leben spendete.
Die Gefahr
Doch dieser gigantische, weitgehend unbekannte Lebensraum, unsere Meere, ist massiv bedroht, noch bevor wir ihn überhaupt ansatzweise verstehen können. Jahrzehntelang nutzte die Menschheit die Tiefsee als unsichtbare Müllkippe: Allein im Nordatlantik lagern schätzungsweise 200.000 Fässer mit radioaktivem Atommüll aus dem 20. Jahrhundert, während in der Arktis ausrangierte sowjetische Atom-U-Boote mitsamt ihren hochgradig strahlenden Reaktoren auf dem Meeresgrund vor sich hin rotten. Hinzu kommt eine unsichtbare Lawine aus Zivilisationsabfällen: Forscher wiesen bereits in den Mägen von winzigen Krebsen am Grund des Marianengrabens – dem tiefsten Punkt der Erde – hohe Konzentrationen von Mikroplastik nach. Diese Partikel wirken in der Tiefsee wie Magnete für Giftstoffe und bedrohen die dortige Nahrungskette fundamental.
Gegen diesen Wettlauf mit der Zerstörung kämpft die internationale Initiative Ocean Census. Bei der Vorstellung ihrer monumentalen Jahresbilanz gaben Wissenschaftler bekannt, dass im Rahmen von 13 weltweiten Expeditionen 1.121 völlig neue marine Arten in Rekordzeit identifiziert werden konnten.
Die spektakulärsten Entdeckungen der Forschergruppen zeigen, wie bizarr und anpassungsfähig das Leben im tiefen Ozean ist:
Die skurrilsten Neuentdeckungen des Ocean Census
- Der Geisterhai (Chimaera): In über 800 Metern Tiefe im Korallenmeer vor Australien entdeckten Taxonomen eine neue Art dieser uralten Knorpelfische. Ihre glatte, schuppenlose Haut und die im Dunkeln phosphoreszierenden Augen verleihen ihnen ein fast außerirdisches Aussehen. Sie trennten sich bereits vor 400 Millionen Jahren von der evolutionären Linie der Haie und Rochen.
- Der Todesball-Schwamm (Chondrocladia): Dieser fleischfressende Schwamm wurde im Südantlantik in einer extremen Tiefe von 3.601 Metern ausfindig gemacht. Im Gegensatz zu normalen Schwämmen filtert er kein Wasser, sondern fängt vorbeischwimmende Krebstiere mithilfe von mikroskopisch kleinen Klettverschluss-Haken ab, um sie anschließend langsam lebendig zu verdauen.
- Der „Glaspalast“-Borstenwurm (Dalhousiella yabukii): Auf einer vulkanischen Unterseekette nahe Japan stießen Forscher in 791 Metern Tiefe auf einen winzigen Tiefseewurm, der in einer strikten Symbiose mit einem Glasschwamm lebt. Der Wurm nistet sich dauerhaft in den filigranen, aus reinem Silizium (Glas) bestehenden Kammern seines Wirts ein.
- Der medizinisch wertvolle Schnurwurm (Drepanophoridae): Nahe Timor-Leste wurde ein weniger als drei Zentimeter langer, extrem farbenfroher Bandwurm gefangen. Die von ihm produzierten Nervengifte werden von der medizinischen Forschung bereits hoch gehandelt, da sie neue Ansätze für Medikamente gegen Alzheimer und Schizophrenie liefern könnten.
- Die Höhlengarnele von Marseille: Dass spektakuläre Funde nicht nur im Pazifik gelingen, bewies die Entdeckung einer leuchtend orange-weiß gestreiften Garnele in einer Unterwasserhöhle direkt vor der Küste Südfrankreichs.
Die Verantwortlichen von Ocean Census betonen, dass noch immer rund 90 Prozent aller Arten in den Weltmeeren unentdeckt sind. Jede Expedition ist daher ein Wettlauf gegen die fortschreitende Verschmutzung und den drohenden Tiefseebergbau.
Elon Musks Vision: Der Mars als Backup-Plan
Elon Musks zentrales Argument für die Kolonisierung des Mars ist die Schaffung einer „multiplanetaren Spezies“, um das Überleben der Menschheit im Falle einer globalen Katastrophe zu sichern. Lassen wir die Diskussion beiseite, ob ein Überleben der Menschheit ein Gewinn für das Universum ist oder nicht, schauen wir uns das Projekt näher an.
Ein Asteroideneinschlag, ein Atomkrieg oder eine unkontrollierbare Pandemie könnten alles Leben auf der Erde auslöschen. Ein autarker Stützpunkt auf dem Mars fungiert hierbei als kosmisches Backup. Die extremen Bedingungen im All zwingen zu Innovationen in den Bereichen geschlossene Kreislaufsysteme, Energieerzeugung und Recycling, die auch der Erde zugutekommen können. Der Mars besitzt keine schützende Atmosphäre, extreme Strahlung, unfruchtbaren Boden und keine atembare Luft. Das Überleben dort erfordert permanenten, extremen technischen Aufwand.
Die ozeanische Alternative: Erhalt und Erforschung der Wiege des Lebens
Demgegenüber steht das Argument, dass die Sicherung und Erforschung der irdischen Meere weitaus dringender und pragmatischer ist.
Die Ozeane produzieren über 50 Prozent unseres Sauerstoffs, regulieren das globale Klima und sind die primäre Proteinquelle für Milliarden Menschen. Sie zu sichern, stabilisiert das Leben von Milliarden Individuen im Hier und Jetzt. Die Tiefsee beherbergt Organismen mit extremen Überlebensstrategien. Die Erforschung ihrer Genetik bietet gigantische Potenziale für die Biotechnologie und Medizin (z. B. neue Antibiotika oder Krebsmedikamente). Selbst die tiefste, unwirtlichste Tiefsee ist im Vergleich zum Mars immer noch um ein Vielfaches lebensfreundlicher. Es gibt dort flüssiges Wasser, Schutz vor kosmischer Strahlung und eine funktionierende Schwerkraft.
Abwägung: Was ist sinnvoller?
Aus rein wissenschaftlicher und ökonomischer Sicht ist die Sicherung und Erforschung der Meere kurz- und mittelfristig weitaus sinnvoller. Es ist logischer und kosteneffizienter, ein bestehendes, funktionierendes Lebenserhaltungssystem (die Erde) zu reparieren, anstatt ein extrem feindseliges System (den Mars) von Grund auf neu zu bauen. Die Zerstörung der marinen Ökosysteme bedroht die Menschheit akut in den nächsten Jahrzehnten, während Musks Mars-Szenario auf Jahrhunderte ausgelegt ist.
Langfristig schließen sich beide Ansätze jedoch nicht aus. Die Erforschung geschlossener Habitate in der Tiefsee liefert wertvolle Erkenntnisse für das Überleben im All – und die Raumfahrttechnologie hilft uns, die Erde besser zu überwachen. Die Frage ist, was wirklich prioritär behandelt werden müsste.
Selbstheilung der Meere
Natürlich gibt es eine riesige Kompetenz der Natur und der Meere, sich selbst zu heilen. Aber das hat Grenzen. Wie man am Beispiel von Öl fressenden Bakterien sehen kann, die überraschend nach Ölunfällen beobachtet wurden. Obwohl diese Bakterien wie eine biologische Feuerwehr wirken, ist der Begriff „Selbstreinigung“ mit Vorsicht zu genießen. Die Mikroorganismen benötigen für den Abbau enorme Mengen an Sauerstoff, Stickstoff und Phosphor. Bei extrem großen Ölteppichen führt dieser Prozess zu akutem Sauerstoffmangel im Wasser, wodurch sogenannte „Todeszonen“ entstehen, in denen Fische und andere Meeresbewohner ersticken. Zudem verbleiben die schwersten, hochtoxischen Bestandteile des Öls (wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) oft jahrzehntelang im Sediment, da die Bakterien sie nur extrem langsam oder gar nicht knacken können. Die Natur besitzt also starke Reparaturmechanismen, doch bei menschengemachten Katastrophen dieser Größenordnung wird ihr System völlig überlastet.
Fazit
Die Kernaufgabe der Forschung und Wissenschaft sollte nicht sein, mit immer größeren Raketen schließlich bis zum Mars zu fliegen, oder CO2 in der Luft zu verhindern, sondern den Uterus des Lebens zu erhalten. Abgesehen davon werden die Forschungsergebnisse aus diesem Bereich automatisch Klima- und Weltraumforschung später zugute kommen.
Bild: Tiefseefisch (Wikipedia)
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Neue Studie entlarvt den Mythos der „Versauerung“ der Ozeane
Neue Studie zeigt keine Veränderung der größten Ozean-Strömung seit 60 Jahren
Angebliche Abschwächung des Golfstroms wegen Klimawandel war Messfehler
Menschen auf dem Mars?
100% abhängig von Technik. Auf das soll sich eine intelligente Person einlassen. Ist absurd und krank.
Das Konzept von Elon Musk SpaceX ist halt nicht nachhaltig genug und wird aufgrund des fehlenden Nachschubs spätestens scheitern, wenn auf der Erde die Kriegstreiber sich über den Rest schaffen zu erheben. Die Vision ist schon stark, aber man vergisst dabei, dass damals die Rettungsaktion für die Mondorbitstabilisierung den Mars erst wasserlos machte und nur eine Wüste zurückliess… vielleicht war der Olymp sogar auf dem Mars?