
Europäischer Pressepreis: Wenn Journalismus Kriegsverbrechen beim Namen nennt
Wenn Medien über die Verleihung eines Pressepreises nicht berichten – dann muss Israel im Spiel sein. Es geht um einen Bericht in De Volkskrant über gezielte Schüsse auf palästinensische Kinder in Gaza.
Der italienische Investigativjournalist Thomas Fazi schreibt dazu auf X/Twitter: „Es ist unglaublich, dass darüber kaum berichtet wird. Der diesjährige Europäische Pressepreis wurde gerade an eine investigative Reportage der niederländischen Zeitung „De Volkskrant“ verliehen. Sie trägt den Titel „Was die Wunden erzählen“ und darin dokumentieren die Journalisten Maud Effting und Willem Feenstra die Fälle von 114 Kindern in Gaza unter 15 Jahren, die von einer einzigen Kugel in Kopf oder Brust getroffen wurden. Fast alle von ihnen starben oder blieben schwer behindert. Sie entschieden sich dafür, nur die Fälle von Jungen und Mädchen unter 15 Jahren zu dokumentieren (obwohl diese oft viel jünger waren: 3, 4 oder 7 Jahre alt), da es sich um Kinder handelt, die sofort als solche identifiziert werden können. „Eine einzelne Kugel in diesen Körperteilen ist ein klarer Hinweis darauf, dass diese Kinder gezielt angegriffen wurden“, schreiben die beiden Journalisten.“
Am 8. Juni 2026 erhielten die De Volkskrant-Journalisten Maud Effting und Willem Feenstra den European Press Prize — eine der höchsten journalistischen Auszeichnungen des Kontinents — für ihren Artikel „What the Wounds Tell“. Es ist eine Auszeichnung, die zugleich eine Anklage ist.
Was die Wunden erzählen
Die Untersuchung der niederländischen Zeitung ist methodisch präzise und erdrückend. Effting und Feenstra sprachen mit 17 internationalen Ärzten und einer Krankenschwester aus den USA, Großbritannien, Australien, Kanada und den Niederlanden, die in sechs Krankenhäusern und vier Kliniken im Gazastreifen gearbeitet haben — viele davon mit langjähriger Erfahrung in Kriegsgebieten wie Sudan, Afghanistan und der Ukraine.
Das Ergebnis, auf konservativster Zählbasis: Mindestens 114 Kinder im Alter von 15 Jahren und darunter — viele davon 3, 4 oder 7 Jahre alt — wurden mit einer einzelnen Schusswunde in Kopf oder Brust eingeliefert. Fast alle starben oder blieben schwer behindert.
Eine einzelne Kugel in Kopf oder Brust, bei einem ansonsten unversehrten Körper. Das ist kein Granatsplitter. Das ist kein Querschläger. Das ist kein „Kollateralschaden“ im Gefecht. Das ist — nach forensischer Maßgabe — gezielter Schuss.
Die Zeitung legte Dutzende Fotos von Schusswunden und Röntgenbilder zwei forensischen Pathologen vor. Beide bestätigten: Die Verletzungen stammten von Kugeln, nicht von einem Schrapnell. Die Aussagen der Ärzte decken sich mit Augenzeugenberichten, wonach die Schüsse in der Regel von bewaffneten Drohnen oder Scharfschützen der israelischen Armee (IDF) abgegeben wurden.
Die Zeugen
Der US-Trauma-Chirurg Dr. Feroze Sidhwa schilderte seinen ersten Tag im European Hospital in Gaza, März 2024: Innerhalb von 48 Stunden fand er vier Jungen unter zehn Jahren mit identischen Kopfschüssen vor. In den folgenden 13 Tagen kamen neun weitere Kinder mit denselben Wunden.
„Ich fragte mich, ob mein Krankenhaus in der Nähe eines verrückten Scharfschützen lag,“ sagte Sidhwa. „Oder eines Drohnenteams, das Kinder zum Spaß tötet.“
Die Ärztin Dr. Mira Syed begann, die Kinder mit Kopfschüssen zu fotografieren. „Ich dachte: Ich muss das dokumentieren. Mir wurde klar — das sind Kriegsverbrechen.“ Unter extremsten Bedingungen fotografierte sie 18 Kinder, die in Kopf oder Brust geschossen worden waren. Alle Einzelschüsse.
Die befragten Mediziner betonten unisono: In anderen Kriegsgebieten hatten sie solche Muster kaum je gesehen. Die Systematik der Einzelschüsse auf die tödlichsten Körperzonen bei Minderjährigen — das ist kein normales Kriegsgeschehen.
Der Kontext: Was wir bereits wussten
Die Volkskrant-Recherche steht nicht im luftleeren Raum. Sie reiht sich ein in eine wachsende Dokumentation, die in den meisten europäischen Redaktionen konsequent unterbelichtet bleibt:
-
BBC-Untersuchung (August 2025): Von über 160 untersuchten Kindern, die in Gaza erschossen wurden, wiesen 95 Schüsse in Kopf oder Brust auf. In 57 von 59 Zeugenbefragungen wurde der Schuss der IDF zugeschrieben. Nur zweimal palästinensischem Feuer.
-
Haaretz-Berichte: Anonyme israelische Soldaten haben wiederholt eingeräumt, dass auf Zivilisten geschossen wird.
-
Breaking the Silence: Die israelische Veteranenorganisation dokumentierte anhand hunderter Soldateninterviews, dass der Befehl ausgegeben wurde, jeden zu erschießen, der ein bestimmtes Gebiet betritt. Ein Hauptmann wird zitiert: „Erwachsen, männlich — töten.“
-
Oxford-Chirurg Professor Nick Maynard bei Tucker Carlson: Folterprogramme und Raketenangriffe auf Krankenhäuser in Gaza
Die IDF lehnte es gegenüber De Volkskrant ab, Fragen zu Scharfschützen zu beantworten, die auf Kinder schießen. Netanjahu und die Militärführung bestreiten konsequent, dass Soldaten vorsätzlich auf palästinensische Zivilisten zielen.
Die Wunden widersprechen ihnen.
Der Preis als Politikum
Der European Press Prize ist kein Aktivistenpreis. Er ist eine der renommiertesten journalistischen Auszeichnungen Europas, vergeben von einer Jury aus erfahrenen Redakteuren und Publizisten. Dass er 2026 an eine Recherche geht, die israelische Kriegsverbrechen dokumentiert, ist ein bedeutsames Signal — nicht weil es „Mut“ erfordert (das tut es), sondern weil es die institutionelle Anerkennung einer Wahrheit darstellt, die im europäischen Blätterwald systematisch marginalisiert wird.
Die Preisjury formulierte es so: „Dies ist außergewöhnlicher Journalismus unter außergewöhnlichen Umständen. Während der unabhängige Zugang zu Gaza nahezu unmöglich gemacht wurde, haben Effting und Feenstra eine rigorose Untersuchung aus den Berichten und Dokumentationen internationaler Mediziner aufgebaut, die in Gazas Krankenhäusern und Kliniken gearbeitet haben.“
„Nahezu unmöglich gemacht“ — das ist die höfliche Umschreibung dafür, dass Israel ausländischen Journalisten den Zugang zu Gaza systematisch verweigert und Journalisten, die dennoch berichten, als Sicherheitsrisiko einstuft. Die Volkskrant-Recherche ist das, was übrig bleibt, wenn man die Berichterstattung vor Ort unterbindet: eine forensische Rekonstruktion aus zweiter Hand, die gerade deshalb so schwer angreifbar ist, weil sie sich ausschließlich auf dokumentierte medizinische Evidenz und internationale Augenzeugen stützt.
Die juristische Dimension
Gezielte Schüsse auf Kinder sind kein „bedauerlicher Einzelfall“ und keine „Übertreibung der Gegenseite“. Sie sind — nach dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, nach den Genfer Konventionen, nach jedem zivilisierten Rechtsverständnis — Kriegsverbrechen.
Die forensische Eindeutigkeit der dokumentierten Fälle lässt wenig Raum für die Standardausreden: „menschliche Schutzschilde“, „versehentlich getroffen“, „im Gefecht getötet“. Ein Kind mit einer einzelnen Kugel im Kopf und sonst keiner Verletzung war kein Kollateralschaden. Es war das Ziel.
Die Ärzte, die diese Fälle dokumentierten, taten dies unter Bedingungen, die jede Vorstellungskraft sprengen: in überfüllten Krankenhäusern ohne Strom, ohne ausreichende Betäubungsmittel, unter ständigem Beschuss. Dass sie dennoch die Geistesgegenwart aufbrachten, zu zählen, zu fotografieren, zu dokumentieren — das ist nicht weniger als ein Akt moralischer Notwehr gegen das Vergessen.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
„Wenn Journalismus Kriegsverbrechen beim Namen nennt“ Ja darf man das denn immer noch straffrei? Schließlich ist es ISrahell, God’s chosen mass murderers!