
Gesundheit als digitales Dauerprojekt
Gesundheit und Vitalität sind schon längst an die Digitalisierung verloren und vom Markt verwertet: Wer auf seinen Körper hören will, der muss – so die Werbung – ihn mit Sensoren, Apps, Uhren, Tracker überwachen. Nur wer seinen Körper digital überwacht, kann gesund leben.
Im Mai dieses Jahres erreichte ein Video des britischen Podcasters Steven Bartlett über 25 Millionen Aufrufe. Darin schildert der 33-Jährige, wie sich „ein paar Gläser Wein“ auf seinen Körper ausgewirkt hätten:
„In dieser Nacht habe ich schlechter geschlafen, und weil ich schlechter geschlafen habe, habe ich mich am nächsten Tag schlechter ernährt. Mein Podcast war schlechter. Ich bin an diesem Tag und am Tag danach nicht ins Fitnessstudio gegangen, weil ich mich wirklich schlecht gefühlt habe. All das konnte ich auf meinem Whoop nachverfolgen.“
Bartlett trägt einen Whoop – ein Armband, das Belastung, Erholung und Schlaf rund um die Uhr misst. Für jemanden, der für die Tour de France trainiert, mag das sinnvoll sein. Für den Rest der Menschen wirkt die Szene eher wie ein Symptom: Ein erwachsener Mann erlebt ein paar Gläser Wein als so gravierende Störung, dass sein gesamter Tagesablauf aus dem Takt gerät – und er das auch noch stolz dokumentiert
Was hier sichtbar wird, ist eine relativ neue Haltung zum eigenen Körper. Der Körper gilt nicht mehr als etwas, das in der Regel funktioniert und Belastungen aushält, sondern als ein fragiles System, das permanent überwacht, analysiert und optimiert werden muss. Nur wer seine Daten kennt, so die implizite Botschaft, kann richtig leben.
Diese Haltung hat Konsequenzen. Wer seinen Körper ständig trackt, verändert unweigerlich seine Beziehung zu ihm. Kleine Abweichungen – etwas schlechterer Schlaf, eine etwas niedrigere Herzfrequenzvariabilität – werden nicht mehr als normale Schwankungen wahrgenommen, sondern als etwas, das behoben werden muss. Der Körper wird dadurch nicht robuster, sondern sensibler. Wer sich daran gewöhnt, jede Unannehmlichkeit sofort zu messen und zu korrigieren, verlernt allmählich, mit Unvollkommenheit und Belastung umzugehen. Die natürliche Widerstandsfähigkeit, die der menschliche Organismus über lange Zeit entwickelt hat, wird durch ständige Feinsteuerung eher geschwächt als gestärkt.
Noch folgenreicher ist jedoch etwas anderes. Sobald Gesundheit zum expliziten Ziel wird, verliert sie ihren Charakter als selbstverständliche Voraussetzung des Lebens. Sie wird zu einem Projekt. Ernährung, Bewegung, Schlaf und sogar die Stimmung werden permanent bewertet und optimiert. Was vorher einfach da war – die Fähigkeit, seinen Alltag ohne ständige Selbstbeobachtung zu bewältigen –, wird nun in messbare Einheiten zerlegt. Der Mensch hört auf, einfach zu leben, und beginnt stattdessen, sein Leben zu verwalten.
Diese Verwaltung hat einen Preis. Die Unbefangenheit geht verloren. Wer ständig prüft, ob er gerade „gut erholt“, „optimal belastet“ oder „gesund unterwegs“ ist, kann nicht mehr unbefangen sein. Er lebt unter Beobachtung – auch wenn die Beobachtung von ihm selbst ausgeht. Gesundheit, die eigentlich dadurch gekennzeichnet ist, dass man nicht dauernd an sie denken muss, wird zu etwas, worüber man ständig nachdenken soll.
Das kommerzielle Interesse an dieser Entwicklung ist offensichtlich. Je mehr Menschen ihren Körper als optimierungsbedürftiges System begreifen, desto größer wird der Markt für Geräte, Abos, Programme und Daten. Die eigentliche Sprache des Körpers – Schmerzen, Erschöpfung, Unwohlsein – ist für diese Industrie dagegen wenig interessant. Sie ist zu grob, zu alt und zu schwer zu monetarisieren. Deshalb wird sie durch präzise, aber oft belanglose Messwerte ersetzt.
Am Ende steht nicht mehr Gesundheit, sondern eine neue Form der Abhängigkeit: die Abhängigkeit von der eigenen ständigen Selbstbeobachtung. Der Körper wird zum Objekt, das Leben zum Datensatz. Und die Fähigkeit, auch einmal etwas zu tun, das nicht optimal ist – einen Abend zu trinken, einen Tag faul zu sein, eine Nacht schlecht zu schlafen –, wird zunehmend als Risiko oder Versagen wahrgenommen.
Dass der Mensch weder ewig lebt noch dauerhaft in Bestform ist, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist die Vorstellung, dass man diesen Umstand durch permanente Überwachung und Optimierung überwinden oder zumindest kaschieren könne. Dafür braucht es aber die richtigen Überwachungsgeräte und ein Premium-Abo.
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Die größte Vertuschungsaktion der Medizin
Wer hat den Dritten Golfkrieg gewonnen?
„…erlebt ein paar Gläser Wein als so gravierende Störung, dass sein gesamter Tagesablauf aus dem Takt gerät“
Das weiß ich ganz ohne einen Whoop – und aus Erfahrung sogar schon, bevor ich ein paar Gläser Alkohol (zu viel) trinke… Ironie off.
Danke für den Artikel – er spricht mir aus der Seele. In den 80ern gab es den irren Körperkult-Wahn, u.a. die Aerobic-Welle, ausgelöst von Jane Fonda (die übrigens an Bulimie litt), damals noch ohne „Whoopies“, im regulären Sport war oft Doping angesagt.
Der heutige krankhafte Gesundheits-Trip wird durch die süchtigmachenden digitalen Messgeräte, beim Joggen schon nicht mehr wegzudenken (einziger Zweck: Kontrolle und Überwachung des Individiums), zur lebensfeindlichen Abhängigkeit und völligen Entfremdung des natürlichen Körpergefühls.
Die nächste Stufe werden sicher in absehbarer Zeit implantierte Chips sein, die das Tragen am Bizeps überflüssig machen.
Schöne neue Zombie-Welt – woke, wohlstandsgesättigt und wohlstandsverwahrlost, aber glücklicher Sklave…