Indiens und Pakistans Bombe – und das große Wegschauen Washingtons

16. Mai 2026von 7,8 Minuten Lesezeit

Während die USA einen brutalen Angriffskrieg gegen den Iran damit begründen, das Land müsse davon abgehalten werden eine Atombombe zu entwickeln, die es gar nicht entwickeln wollte, schauen wir uns einmal an, wie sich Washington in anderen Fällen verhalten hat, in denen Länder tatsächlich eine entwickelten.

In der aktuellen Krise zwischen Indien und Pakistan prallen zwei Atommächte aufeinander, deren nukleare Programme Washington einst aktiv duldete, förderte oder zumindest systematisch ignorierte – je nachdem, welche geopolitischen Interessen gerade dominierten. Eine Geschichte der selektiven Empörung.

In vorherigen Teilen dieser Artikelserie haben wir die nuklearen Doktrinen der offiziell anerkannten Atommächte sowie Israels besprochen. Der Atomwaffensperrvertrag (NPT) nennt fünf legitime Nuklearstaaten – und die Welt hat inzwischen neun. Nordkorea, Indien und Pakistan zählen zu jenen Ländern, die nie dem NPT beitraten oder aus ihm austraten. Gerade Indien und Pakistan sind dabei besonders aufschlussreich: Denn beide Bomben entstanden in einem geopolitischen Umfeld, in dem die USA theoretisch die Macht gehabt hätten, die Proliferation zu verhindern – und es nicht taten.

Indien: Die friedliche Explosion, die keine war

Atomtest 1974 und 1998. Geschätzte Sprengköpfe heute: 172. Trägersysteme: landgestützte Raketen, Kampfflugzeuge, Atom-U-Boote in Entwicklung. Doktrin: offiziell „No First Use„.

Indiens nuklearer Weg beginnt mit Homi Jehangir Bhabha, Physiker und Gründer des indischen Atomprogramms. Er überzeugte Jawaharlal Nehru in den frühen 1950er Jahren, dass Atomenergie – und implizit auch Atomwaffen – für ein aufstrebendes postkoloniales Indien unabdingbar seien. Das Paradoxe: Geholfen haben dabei ausgerechnet die Westmächte, allen voran Kanada und die USA.

Im Rahmen des Programms Atoms for Peace, das US-Präsident Eisenhower 1953 lancierte, erhielt Indien zivile Nukleartechnologie und den CIRUS-Forschungsreaktor – geliefert von Kanada, mit schwerem Wasser aus den USA. Die offizielle Begründung: friedliche Nutzung. Die tatsächliche Nutzung: Der Plutonium-Ausgang dieses Reaktors lieferte später das spaltbare Material für Indiens ersten Atomtest.

Die „friedliche Nuklearexplosion“ von 1974

Am 18. Mai 1974 zündete Indien in der Wüste von Pokhran eine Atombombe und nannte es offiziell eine „Peaceful Nuclear Explosion“ – eine friedliche Nuklearexplosion. Der Codename war ironischerweise Smiling Buddha [Lächelnder Buddha].

Die unmittelbare Reaktion Washingtons war verhalten – kein umfassendes Sanktionsregime, kein dauerhafter Abbruch der Beziehungen. Kanada zog sich aus der Nuklearkooperation zurück. Die USA verhängten gewisse Einschränkungen beim Technologietransfer. Doch der entscheidende Hebel – harte wirtschaftliche Sanktionen, wie sie anderen Ländern in ähnlichen Situationen drohten – blieb aus. Der Grund: Indien war zu wichtig. Im Kontext des Kalten Krieges, in dem Indien als Führungsmacht der Blockfreienbewegung mal Moskau, mal Washington hofierte, scheute Washington vor einem dauerhaften Zerwürfnis zurück.

1998: Die zweite Testreihe und der schnelle Schwenk

Im Mai 1998 zündete Indien unter Premierminister Vajpayee fünf weitere Bomben. Diesmal reagierten die USA mit Sanktionen – aber auch diesmal nur kurz. Binnen zwei Jahren wurden die meisten Beschränkungen aufgehoben. Und 2005, unter Präsident George W. Bush, vollzog Washington den vielleicht bemerkenswertesten Schwenk der amerikanischen Nichtverbreitungspolitik: Das US-Indien Civilian Nuclear Agreement wurde unterzeichnet.

Das Abkommen ermöglichte Indien Zugang zu ziviler Nukleartechnologie und Brennstoff aus den USA – obwohl Indien dem NPT nicht beigetreten war, obwohl Indien Atomwaffen besaß und obwohl dies einen beispiellosen Bruch mit der bisherigen amerikanischen Linie darstellte. Die offizielle Begründung: Indien sei eine verantwortungsvolle Demokratie. Der eigentliche Grund: China. Washington brauchte Indien als Gegengewicht in seiner „teile und herrsche“ Politik in Asien und war bereit, die eigene Nichtverbreitungslogik dafür zu opfern.

Der Deal schickt eine klare Botschaft an jeden Staat der Welt: Wenn ihr einfach so Atomwaffen entwickelt, wir uns entscheiden, euch zu mögen, werden wir die Regeln für euch ändern.“ — Daryl Kimball, Arms Control Association, 2006

Pakistan: Die islamische Bombe und der nützliche Verbündete

Erster Test: 1998. Geschätzte Sprengköpfe heute: 170. Trägersysteme: landgestützte Raketen, Kampfflugzeuge. Doktrin: kein „No First Use“, niedrige Einsatzschwelle gegenüber konventionell überlegenem Indien.

Wenn Indiens nukleare Geschichte eine Geschichte der stillschweigenden Duldung ist, dann ist Pakistans Geschichte eine der aktiven Verdrängung. Denn hier ließen die USA nicht nur wegschauen – hier schauten sie aktiv weg, solange Islamabad geopolitisch nützlich war.

A.Q. Khan und der Ursprung der Bombe

Das pakistanische Atomprogramm hat einen Namen, der untrennbar mit ihm verbunden ist: Abdul Qadeer Khan. Der Nuklearmetallurge hatte in den frühen 1970er Jahren in den Niederlanden gearbeitet – bei URENCO, einem Konsortium zur Urananreicherung – und dabei Zugang zu hochsensiblen Zentrifugen-Bauplänen erhalten. Nach seiner Rückkehr nach Pakistan 1976 baute er das Atomprogramm quasi im Alleingang auf.

Khan schreckte dabei nicht vor Industriespionage zurück. Er kopierte Pläne, schmuggelte Komponenten und kaufte auf dem Schwarzmarkt ein, was er nicht klauen konnte. Das Netzwerk, das er dabei aufbaute, sollte später Technologie an Nordkorea, Iran und Libyen weiterverkaufen – eines der gefährlichsten nuklearen Proliferationsnetzwerke der Geschichte.

Das Entscheidende: Washingtons Geheimdienste wussten davon. Und schwiegen.

Afghanistan als Freikarte

Der Grund war einfach: Pakistan war nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 unverzichtbarer Verbündeter der USA. Über pakistanisches Territorium flossen CIA-Gelder und Waffen an die Mudschaheddin. Islamabad hielt den Schlüssel zu dieser strategischen Lifeline – und nutzte ihn.

Der damalige CIA-Direktor William Casey soll intern gewarnt haben, dass Pakistan aktiv an der Bombe arbeite. Die Reagan-Regierung entschied sich trotzdem, jedes Jahr den Kongress davon zu überzeugen, dass Pakistan kein Atomwaffenprogramm verfolge – was gesetzlich notwendig war, um die Militärhilfe aufrechtzuerhalten.

1985 verabschiedete der US-Kongress den sogenannten Pressler Amendment, der Hilfsgelder an Pakistan nur unter der Bedingung erlaubte, dass Pakistan keine Atomwaffe besaß. US-Präsidenten Reagan und Bush sen. bescheinigten Pakistan jährlich diese Bedingung – bis 1990. Da war der sowjetische Abzug aus Afghanistan abgeschlossen, Pakistan geopolitisch weniger nützlich, und plötzlich „entdeckte“ Washington, was es schon längst gewusst hatte: Pakistan hatte die Bombe.

„Ich kann dem Kongress nicht mehr bestätigen, dass Pakistan keine Atomwaffe besitzt.“ — sinngemäß Präsident George H.W. Bush, 1990, bei der Einstellung der Militärhilfe

1998: Die Antwort auf Indien – und erneute Amnestie

Als Indien im Mai 1998 seine Tests durchführte, zog Pakistan nur zwei Wochen später nach. Fünf Zündungen in den Chagai-Bergen. Die USA verhängten Sanktionen – dieselben, die sie auch gegen Indien verhängt hatten. Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brauchte Washington wieder einen Verbündeten in der Region, diesmal für den Krieg in Afghanistan. Die Sanktionen gegen Pakistan wurden aufgehoben, Milliarden an Militärhilfe flossen, und A.Q. Khan – der zu diesem Zeitpunkt sein Netzwerk bereits an mehrere „Schurkenstaaten“ verkauft hatte – wurde von Präsident Musharraf 2004 begnadigt. Washington akzeptierte diese Begnadigung, ohne öffentlichen Protest.

Die doppelte Messlatte: Ein Muster, kein Zufall

Was ergibt sich aus diesen beiden Geschichten? Ein klares Muster, das sich durch Jahrzehnte amerikanischer Außenpolitik zieht: Die Frage, ob ein Land Atomwaffen entwickeln darf, wird in Washington nicht nach dem Völkerrecht entschieden, sondern nach dem geopolitischen Nutzwert des jeweiligen Landes.

Iran darf keine Zentrifugen betreiben – und wird dafür mit Sanktionen, Sabotage und Militärschlägen (durch Israel, mit amerikanischer Billigung) belegt. Nordkorea wird isoliert und bedroht. Beide Länder werden als Beweis für die Notwendigkeit des NPT präsentiert.

Pakistan hingegen durfte jahrelang ungehindert ein Atomwaffenprogramm aufbauen, während Washington die Augen schloss. Indien wurde sogar mit einem Sonderabkommen belohnt, das ihm Zugang zu ziviler Nukleartechnologie verschaffte, obwohl es dem NPT nie beigetreten ist.

Israel – wie im vorangegangenen Artikel dieser Serie analysiert – besitzt nach allgemeiner Überzeugung 80 bis 400 Sprengköpfe, bestätigt dies nie offiziell und ist nie auch nur in die Nähe von Sanktionen geraten. Die USA haben das israelische Programm von Beginn an faktisch gedeckt.

Das Ergebnis dieser Politik ist eine nuklear bewaffnete Welt, in der die Regeln für Freunde nicht gelten – und für Feinde alles. Und dabei haben wie die atomare Bewaffnung europäischer Länder im Rahmend er „nuklearen Teilhabe“ durch die USA noch gar nicht beleuchtet. Der NPT, der eigentlich zur universellen Abrüstung verpflichten sollte, ist damit zu einem selektiv eingesetzten Instrument der Mächtigen geworden.

Fazit: Zwei Bomben, eine Logik

Indien und Pakistan – zwei Atommächte, die heute im Mai 2026 mit konventionellen Waffen aufeinander losgehen und dabei auf nuklearen Arsenalen sitzen – sind das Ergebnis einer amerikanischen Nichtverbreitungspolitik, die ihrem Namen nicht gerecht wurde. Washington hatte in beiden Fällen die Mittel, die Hebel und das Wissen, um einzugreifen. Es entschied sich dagegen, weil die geopolitischen Kosten zu hoch erschienen.

Nun, da die Krise zwischen den beiden Ländern eskaliert, wird deutlich, was auf dem Spiel steht – nicht nur in Südasien, sondern für das gesamte internationale Nichtverbreitungsregime. Wer jahrzehntelang selektiv wegschaut, sollte sich nicht wundern, wenn die Welt nuklear unübersichtlicher wird. Andererseits ist das Beispiel Pakistans vs Indien auch ein Beweis, dass, zumindest bisher, auch so genannte Entwicklungs- und Schwellenstaaten, nicht leichtfertig mal eben „die Bombe“ einsetzen.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Geschichte der Kernwaffenentwicklung Nordkoreas und seiner Folgen, die „Nukleare Teilhabe“ sowie das Drängen in Japan und Deutschland nach „dem Atomschirm„, und wir sollten verstehen, was es mit „der Iran darf keine Atombombe bekommen“ auf sich hat.

Bild: Wikipedia

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Ein Kommentar

  1. Daisy 16. Mai 2026 um 9:11 Uhr - Antworten

    Naja, dass Iran keine A-Bombe haben soll, ist einfach nur ein Vorwand, ihn zu übernehmen. Das ging in die Hose und nun ist alles schlechter als es vorher war. Jetzt muss Hormus befreit werden. EUropa möchte nicht helfen, denn es hofft auf schnellen Untergang zwecks Great Resets. China braucht nicht, weil es eh versorgt wird…

    Ob Iran eine A-Bombe hat oder nicht, ist egal, weil Pakistans Bomben auf Isr gerichtet sind. Nun wird er vermutlich auch bald eine bauen, obwohl er das früher gar nicht wollte. Wozu auch? Die Str. v H. ist die größte MVW weltweit.

    A-Bomben sind fûr A&F. Sie dienen nicht mal mehr der Abschreckung, wenn man das endlich erkannt hat. Man kann sie nämlich nicht verwenden…

    Die Marine hat hingegen Zukunft…

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