
Schuldenfalle der Entwicklungsländer?
Immer wieder hört man von Politik und Medien, China würde afrikanische Länder in die Schuldenfalle locken, um sie abhängig zu machen. Tatsächlich aber werden chinesische Staatskredite ohne Auflagen, nur mit Transparenzforderungen vergeben, während westliche Kredite die gesamte gesellschaftliche Ordnung bestimmen. Das Beispiel Elfenbeinküste ist sehr aufschlussreich.
Sie nennen es einen „starken Performer“, weil der Kakao weiterfließt und die Schulden bedient werden. 6,2 % Wachstum klingt beeindruckend, bis man erkennt, dass der Großteil davon direkt an ausländische Gläubiger geht. Das gesamte Unterstützungspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) beläuft sich tatsächlich auf rund 4,8 Milliarden US-Dollar (aufgeteilt in ein 3,5-Milliarden-Dollar-Finanzprogramm und ein 1,3-Milliarden-Dollar-Klimaresilienzprogramm). Schaut man sich die rein aktuell ausstehenden Schulden (Credit Outstanding) beim IWF an, liegt die Elfenbeinküste per Mai 2026 bei rund 3,6 Milliarden Dollar. Damit ist sie der zweitgrößte IWF-Schuldner in Afrika direkt hinter Ägypten (ca. 7,2 Milliarden Dollar) und vor Kenia sowie Ghana.
Der Schuldendienst bindet erheblich Ressourcen (die Elfenbeinküste wendet etwa 10–14 % ihrer Staatseinnahmen für Zinsen und Tilgungen auf). Zu sagen, der Großteil des BIP-Wachstums fließe direkt an ausländische Gläubiger, ist zwar mathematisch falsch, da das Wachstum auch im Land selbst (Infrastruktur, Konsum, Agrarerlöse durch gestiegene Kakaopreise) stattfindet. Allerdings geht der Löwenanteil der Wertschöpfung, wie zur Zeit des ersten Kolonialismus, in die Taschen der Kolonialherrn. Weiterverarbeitung, Verpackung und Vertrieb sind die Hauptgewinner, und die sitzen in den Geldgeberländern.
Der IWF diktiert zwar keine einzelnen Schulbauten, fordert aber die Reduzierung des Haushaltsdefizits auf 3 % des BIP und die Erhöhung der Steuereinnahmen. Dies schränkt den finanziellen Spielraum der Regierung für Sozialausgaben massiv ein. Manche sagen etwas überspitzt „französisch ausgebildete Technokraten diktieren“ was darauf anspielt an, dass viele Spitzenpolitiker der Elfenbeinküste (wie Präsident Alassane Ouattara, ein ehemaliger IWF-Direktor) enge Verbindungen zu westlichen Finanzinstitutionen pflegen.
Der Schuldenhebel zur Kontrolle von Ländern
„Fiskalische Disziplin“ ist ein netter Ausdruck dafür, einer Mutter zu sagen, sie könne keine kostenlose Gesundheitsversorgung haben, weil das Land einen Kredit zurückzahlen muss, der genutzt wurde, um einen älteren Kredit zurückzuzahlen. Das ist keine Disziplin, das ist ein Hamsterrad. Das Etikett „Kakaomacht“ ist der älteste Trick aus dem kolonialen Buch. Du baust die Bohnen an, du machst die harte Arbeit, du siehst zu, wie Schokoladenriegel für 5 Dollar in Paris verkauft werden, und dann leihst du dir 4,8 Milliarden Dollar, nur um das Licht anzulassen.
Dies beschreibt das klassische Problem der asymmetrischen globalen Wertschöpfungskette (oft als postkoloniale Wirtschaftsstruktur kritisiert). Die Elfenbeinküste ist der weltweit größte Kakaoproduzent, exportiert die Bohnen jedoch größtenteils Roh oder nur minimal verarbeitet. Die profitable Weiterverarbeitung und Vermarktung zu Schokolade geschieht fast vollständig in Europa und Nordamerika. Die Elfenbeinküste versucht seit Jahren, die lokale Industrialisierung voranzutreiben, wird aber durch fehlende Finanzierung ausgebremst, und jetzt durch Klimaschulden statt Schulden für die Verarbeitungsindustrie weiter im Hamsterrad gehalten.
Derselbe IWF, der der Elfenbeinküste auf die Schulter klopft, verhängt Sparmaßnahmen in Ghana, kürzt Gesundheitsausgaben in Kenia und fordert Benzinpreiserhöhungen in Nigeria. Gleiche Institution, gleiches Skript, anderes Land.
Der Klimabetrug
Hier ist, was sie als Nächstes planen. Mehr Kredite, getarnt als Klimafinanzierung. Mehr „Resilienz“-Programme, die die Schuldenlaufzeit verlängern, ohne das Kapital zu reduzieren. Mehr afrikanische Länder, die in einem Kreislauf gefangen sind, in dem Kreditaufnahme der einzige Weg ist, um Grundversorgung zu bezahlen.
Das IWF-Zusatzprogramm für die Elfenbeinküste läuft über die sogenannte Resilience and Sustainability Facility (RSF). Hierbei handelt es sich um Kredite in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar zur Anpassung an den Klimawandel. Statt Entschädigungen oder Zuschüssen für Klimaschäden erhalten afrikanische Länder weitere verzinste Kredite, die die langfristige Schuldenlast erhöhen und verhindern, dass das Land jemals aus dem Kreislauf der Schulden herauskommt.
Schulden sind keine Entwicklung. Sich „kreditfinanziert“ zum „oberen Mittelschicht-Einkommensstatus“ hochzuarbeiten, während ausländische Banker die Schlüssel zu deiner Schatzkammer halten, ist keine Souveränität, das ist ein vergoldeter Käfig.
Die im Westen verhasste Lösung
Die echte Erfolgsgeschichte wäre ein Afrika, das den IWF überhaupt nicht braucht. Ein Afrika, das in seiner eigenen Währung handelt, seinen eigenen Kakao industrialisiert und den Gläubigern sagt, sie sollen draußen warten. Genau daran arbeitet China. Genau deshalb wird China so angefeindet. Aber die kommunistische Regierung Chinas tut das nicht aus Nächstenliebe, auch nicht aus kommunistischer Überzeugung, sondern weil das Konzept des Handels ein Anderes ist als die westlichen Staaten zelebrieren.
Der Westen sieht seit Jahrhunderten bis heute Afrika als Quelle für günstige Rohstoffe, wozu früher auch Sklaven, heute intelligente Köpfe gehören (Braindrain) und als Markt, um Überschussproduktion von in den eigenen Ländern subventionierten Produkten abzusetzen, wodurch einheimische afrikanische Industrien keine Chance haben sich zu entwickeln. Denn durch die Kreditbestimmungen werden immer auch „Handelsliberalisierungsmaßnahmen“ gefordert.
China dagegen sieht Afrika als einen Wachstumsmarkt für den Absatz von Produkten, welche auf einem schon bald gesättigten Markt nicht mehr abgesetzt werden können. Aber damit die Länder diese Waren bezahlen können, müssen sie sich zunächst entwickeln und der Masse einen gewissen Wohlstand gewähren. Um das zu fördern hat China ALLE Waren aus fast allen afrikanischen Ländern (außer denen, welche Taiwan anerkannt hatten) von Einfuhrzoll befreit, sieht aber keine Probleme darin, dass afrikanische Länder den Aufbau der eigenen Industrie durch Einfuhrzölle schützen. Die Null-Zoll-Politik Chinas wird aktuell für zwei Jahre als Übergangsphase gewährt. In dieser Zeit beginnt Peking über den Abschluss von bilateralen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPAs) zu verhandeln. Diese Abkommen zielen auf Gegenseitigkeit ab, was langfristig bedeutet, dass auch afrikanische Länder ihre Märkte für chinesische Waren weiter öffnen müssen. Aber bereits mehrmals in der Vergangenheit hatte sich China sehr flexibel gezeigt, wenn die Entwicklung von Industrie und Wirtschaft durch Forderungen gefährdet wurde.
Argumentation des Westens
Chinas primärer Fokus liege nicht uneigennützig auf der Schaffung einer afrikanischen Mittelschicht, sondern auf dem raschen Bau von Infrastruktur (Straßen, Häfen, Schienen im Rahmen der Belt and Road Initiative). Dies erleichtere Chinas eigenen Export und den Abtransport afrikanischer Rohstoffe, führe aber oft zu einer immensen Staatsverschuldung der afrikanischen Partner („Schuldenfalle“). Tatsächlich fördert es in erster Linie das Bruttoninlandsprodukt des afrikanischen Landes. Und wenn Infrastrukturprojekte sich nicht so schnell rechnen wie geplant, stranguliert man das Land nicht, sondern findet eine Lösung, wie z.B. die Betreibung eines Hafens auf eigene Kosten. Das bekannteste (asiatische) Vorreiter-Beispiel ist der Hafen Hambantota in Sri Lanka. Weil das Land die Schulden nicht zahlen konnte, wurde der Hafen für 99 Jahre an China verpachtet. D.h. China übernimmt die Verluste der Anfangsjahre. Was der Westen als „Verlust der Souveränität“ anprangert.
Fazit
In Afrika prallen zwei Philosophien der wirtschaftlichen Zusammenarbeit aufeinander. Und die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass China stillschweigend die alten Beziehungen mehr und mehr ersetzt. Zumindest den Wachstum für sich verzeichnet.
Bild: Wikipedia
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