
Stranded in Haifa: Die wiederkehrende Achse der Energieversorgung Europas
Seit fast einem Jahrhundert führt der Weg von nahöstlichem Öl und Energie nach Europa immer wieder nach Haifa. Die physische Route hat sich kaum verändert, doch die, die es beherrschen entwickeln sich und die Schichten der Kontrolle werden immer unsichtbarer und robuster.
Für ein ganzes Jahrhundert endet jeder große Plan, Energie aus dem Nahen Osten nach Europa zu bringen, am selben Ort: im Hafen von Haifa, heute Israel gehörend. Die Route hat sich nie grundlegend geändert. Was sich jedoch verändert hat, ist die Komplexität und Tiefe der Kontrollmechanismen, die darüber gelegt wurden und die Zahl der Alternativen, die zuvor ausgeschaltet werden mussten.
Heute steht das India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) im Zentrum der Aufmerksamkeit. Angekündigt 2023 beim G20-Gipfel in Neu-Delhi, soll er Indien, die Golfstaaten, Jordanien, Israel und Europa verbinden. Doch hinter der modernen Multimodal-Initiative verbirgt sich eine alte Geografie mit neuen, deutlich raffinierteren Schichten der Abhängigkeit, analysiert ESC in einem Substack Artikel.
Die erste Pipeline – Die sichtbare Kontrolle (1930er–1948)
1927 entdeckte die Iraq Petroleum Company (IPC) Öl bei Baba Gurgur nördlich von Kirkuk im Irak. Das Problem war der Transport: Die großen Märkte lagen in Europa. Die Lösung waren zwei Pipelines, die 1932–1934 gebaut wurden, die weltweit ersten transnationalen Ölpipelines.
Die südliche Leitung führte durch Transjordanien nach Haifa im britischen Mandatsgebiet Palästina. Betreiber war ein Konsortium aus Anglo-Persian Oil (heute BP), Royal Dutch Shell, Compagnie Française des Pétroles (heute Total) und amerikanischen Majorkonzernen. Die Raffinerie in Haifa wurde zum zentralen Knotenpunkt. Im Zweiten Weltkrieg versorgte sie die alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum mit Treibstoff.
1948, mit der Gründung des Staates Israel, stellte der Irak die Lieferungen ein. Die Pipeline wurde stillgelegt. Die sichtbare, physische Kontrolle durch das westliche Konsortium war durch Politik beendet worden.
Die zweite Pipeline – Die versteckte finanzielle Schicht (1950er–1979)
Die Schließung der Kirkuk-Haifa-Leitung und die Suez-Krise 1956 machten Alternativen notwendig. Israel verlor seine Ölversorgung und suchte neue Wege. Die Lösung: eine Pipeline vom Roten Meer zum Mittelmeer.
Ab 1957 floss zunächst iranisches Öl über eine kleinere Leitung von Eilat nach Beersheva. 1968 wurde die große 42-Zoll-Pipeline von Eilat nach Ashkelon fertiggestellt. Es war ein Joint Venture zwischen Israel und der National Iranian Oil Company. Finanziert wurde das Projekt maßgeblich von Baron Edmond de Rothschild über die Gesellschaft Tri-Continental. Um die israelische Beteiligung zu verschleiern, gründete man die Tarnfirma Fimarco in Liechtenstein.
Die Funktion war identisch mit der ersten Pipeline: Golf-Öl über Land durch Israel ans Mittelmeer bringen und den Suez-Kanal umgehen. Über 90 Prozent der israelischen Ölimporte kamen damals aus Iran. Die gesamte Operation unterlag strengster Geheimhaltung aus „nationalen Sicherheitsgründen“.
1979 beendete die iranische Revolution diese Ära. Die Abhängigkeit von einer einzigen politischen Beziehung (dem Schah) hatte sich als tödliche Schwachstelle erwiesen. Die Infrastruktur wurde zum „stranded asset“.
Die dritte Iteration – IMEC: Die unsichtbare, selbstverstärkende Architektur
Die Lektion aus den vorherigen Projekten war klar: Einseitige Abhängigkeiten müssen vermieden werden. IMEC wurde genau darauf ausgelegt.
Nach den Abraham Accords 2020 wurde die alte Eilat-Ashkelon-Infrastruktur reaktiviert – nun mit Öl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. 2023 folgte die große Ankündigung: Ein Multimodal-Korridor von Indien über die UAE, Saudi-Arabien, Jordanien nach Haifa und weiter nach Europa. Er umfasst Schienen, Pipelines, Stromleitungen, Wasserstoffleitungen und Glasfaserkabel.
Statt eines einzelnen Lieferanten gibt es mehrere Golfstaaten. Statt bilateraler Geheimabkommen multilaterale Rahmenwerke. Statt reiner Öltransporte eine breite Palette aus Energie, Gütern, Daten und Finanzströmen. Die physische Route endet jedoch weiterhin in Haifa.
Drei Schichten der Kontrolle
Der Kern des Konzepts liegt in der Evolution der Kontrolle:
- Physische Schicht (1932): Eine einfache Pipeline, sichtbare Eigentümer (IPC-Konsortium). Kontrolle war offen und direkt.
- Finanzielle Schicht (1968): Geheime Finanzierungen, Rothschild-Beteiligung, Tarnfirmen in Liechtenstein, militärische Kredite gegen Öl. Kontrolle wurde verschleiert.
- Regulatorisch-digitale Schicht (heute): EU-Taxonomie, ESG-Kriterien, Basel 3.1, NGFS-Klimaszenarien, programmierbare Zahlungssysteme wie mBridge. Compliance ist automatisch und in die Infrastruktur eingebettet.
Jede neue Schicht macht die Steuerung unsichtbarer und schwerer angreifbar. Eine Pipeline kann ein Staat abschalten. Regulatorische Rahmenwerke, die in die Kapitalanforderungen europäischer Banken eingebaut sind, lassen sich kaum noch von einzelnen Akteuren ausschalten
Die systematische Eliminierung von Alternativen
Zu jeder Iteration gehörte die Beseitigung von Konkurrenzrouten. Nord Stream und russisches Pipeline-Gas wurden durch geopolitische Ereignisse und Sanktionen unbrauchbar gemacht.
Andere Korridore (z. B. Nord-Süd) stießen auf regulatorische Hürden oder wurden durch Kriege und „Stranded Asset“-Mechanismen wirtschaftlich zerstört.
Durch eine Kombination aus Konflikten, Sanktionen und „grünen“ Regulierungen blieb Haifa als scheinbar einzig stabile und kompatible Option übrig.
Bewertung
Haifa steht symbolisch für eine tiefe strukturelle Abhängigkeit Europas. Von der sichtbaren physischen Kontrolle über finanzielle Konstrukte bis hin zu automatisierten, regulatorisch-digitalen Systemen hat sich die Machtarchitektur verfeinert und damit auch verfestigt.
Die Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf: Wer kontrolliert tatsächlich die kritische Infrastruktur Europas? Wie souverän kann eine Energieversorgung sein, die auf einem einzigen Knotenpunkt am östlichen Mittelmeer ruht?
Und inwieweit dienen multilaterale Projekte und ESG-Regulierungen wirklich dem „Klimaschutz“? Oder eher der Gestaltung von Abhängigkeiten?
Infrastruktur ist nie neutral. Sie ist immer auch Machtarchitektur.
„Stranded in Haifa“ zeigt, wie diese Architektur über ein Jahrhundert hinweg immer raffinierter geworden ist – und warum Europa gut beraten wäre, diese Abhängigkeit kritisch zu hinterfragen.
Wie der Westen sich selbst aus dem Spiel nahm – und wer davon profitiert ist in diesem TKP-Artikel dargestellt.
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Aktuell gibt es nur eine in Betrieb befindliche Ölpipeline von Nahost ins Mittelmeer, die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline vom Irak in die Türkei mit etwa 1,6 Mio bpd Durchsatz. Es gibt Gaspipelines aus dem Kaspischen Meer und aus Ägypten ins Mittelmeer.
Haifa ist nicht an eine in Betrieb befindliche Pipeline angebunden. Es gibt keine maßgeblichen Exporte aus Haifa. Der israelische Hafen dient dem Import von russischem und aserbajdschanischem Öl und Gas nach Israel. Man kann dort auch raffinieren.
Es gibt eine Reihe von mehr oder weniger wahrscheinlichen Projekten für die Zukunft und natürlich frühere, stillgelegte Pipelines.
Pipelines sind leider sehr anfällig für Sabotage.
Es gibt eine Öl-Pipeline von Saudi-Arabien nach Yanbu im Roten Meer, die East-West Pipeline mit 5-7 Mio bpd. Die Route Yanbu – EU kann nicht von den Houthies bei Bab al-Mandab gesperrt werden.
Eine weitere Ölpipeline führt von den VAE nach Fujairah am Golf von Oman, also außerhalb der Straße von Hormus, aber anfällig für eine Sperrung bei Bab al-Mandab, die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline (ADCOP) mit 1,5 Mio bpd Durchsatz. Diese wied für den Export nach Asien genutzt.
Der Iran hat mit den Houthies seine Proxies strategisch positioniert und hält damit die Weltwirtschaft in Geiselhaft. Natürlich ist das als Verteidigung legitim, das ist ja gar keine Frage! Aber die Struktur kann außer zur Verteidigung auch zur Erpressung genutzt werden, daher bin ich der Meinung, dass militärische Analysten hier ein größeres Gefahrenpotential sehen als derzeit wahrgenommen.
Davon ist allerdings die Ölversorgung Europas nicht betroffen, zumindest solange die East-West Pipeline nicht zerstört wird, weil Yanbu unabhängig angefahren werden kann. Betroffen ist jedoch die EU-LNG-Versorgung. Nach Zerstörung der Nordstream hatte die EU auf LNG aus den USA und aus Nahost gesetzt.
Am Ende geht es immer über die direkte physische Kontrolle und die Fähigkeit zum Schutz der Assets, egal wie viele juristisch, finanzielle Schichten darüber geklatscht werden.
Und es wird sich zeigen, dass eine friedliche und konstruktive Koexistenz mit den Nachbarn der mit Abstand beste Schutz ist..
Das aktuelle Nazi-Regime in Israel kapiert das natürlich nicht..