
Die blinde Stelle des Ölmarkts
Daten aus der Straße von Hormuz treiben die Märkte in die Höhe. Nur: Die Daten stimmen nicht.
Ein Schnellboot-Ausflug hat genügt, um die Ölmarkt-Spekulation völlig auffliegen zu lassen. Banken, Hedgefonds und „die Märkte“ berechnen den Ölpreis nicht aufgrund steigender oder fallender Angebote im Verhältnis zur Nachfrage, sondern anhand von AIS-Signalen – dem automatischen Identifikationssystem, das Position, Geschwindigkeit und Route der Tanker überträgt. Und nun sollen viele Tanker in der Meerenge im Persischen Golf festhängen.
Aber seit Beginn des Krieges Ende Februar 2026 sind diese Daten nur noch die halbe Wahrheit. Genau das hat jetzt die unabhängige US-Investmentfirma Citrini Research bewiesen. Statt auf Satellitenbilder und New Yorker Bildschirme zu vertrauen, schickte sie „Analyst #3“ – einen viersprachigen, nicht-amerikanischen Mitarbeiter – direkt vor Ort.
Mit 15.000 Dollar Bargeld, einem Pelican-Koffer voller versteckter Ausrüstung (Kamerastabilisator, Mikrofone, Aufnahme-Sonnenbrille) und einem GPS-losen Schnellboot fuhr er von der omanischen Halbinsel Musandam bis 18 Meilen vor die iranische Küste. Ein wildes Unterfangen, das Stoff für einen Actionfilm sein könnte. Unter Shahed-Drohnen und Patrouillenbooten der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) zählte er Tanker im Hauptkanal. Das Ergebnis ist allerdings brisant: Das AIS-System erfasst nur etwa die Hälfte des tatsächlichen Verkehrs.
Viele Schiffe fahren „dark“: Sie schalten das Signal ab, spoofen ihre Position oder gehören zur iranischen „Schattenflotte“, die seit Jahren Sanktionen umgeht. Lloyd’s List Intelligence bestätigt die Diskrepanz: Im März 2026 wurden offiziell nur 142 Transits gezählt – ein Rückgang um 95 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig registrierte man 46 „Dark Transits“ und zusätzliche Schiffe per Satellitenradar.
Citrini beschreibt die Lage als „Dynamic Enforcement“: Die Meerenge ist nicht einfach „zu“ oder „offen“. Die iranischen Revolutionsgarden entscheiden fallweise, welche Schiffe passieren dürfen – oft gegen Zahlung in Yuan oder Krypto. Chinesische Tanker (VLCCs) und andere profitieren von diesem informellen Zollsystem. Der Verkehr liegt zwar weit unter dem historischen Durchschnitt von 138 Schiffen pro Tag, ist aber deutlich robuster als die Panikmeldungen vermuten lassen. Die Märkte rechnen teilweise mit einer geschlossenen Straße von Hormus, das ist schlichtweg nicht richtig.
Der Analyst Fukran Yildirm schreibt dazu:
Der gesamte Ölmarkt preist auf Basis systematisch unvollständiger Daten. Jede Inflationsprognose, jede Zinsentscheidung, jede Unternehmensplanung, die auf Ölpreisannahmen aufbaut, arbeitet mit einer Datengrundlage, die die Hälfte der Realität nicht kennt. Und wenn die Realität diese Daten einholt, kann die nächste große Preisbewegung in beide Richtungen kommen. Scharf. Schnell. Ohne Vorwarnung.
Akteure, die ein Interesse an einer Energiepreiskrise haben, dürften die Panikpropaganda allerdings nicht stören. Der Brent-Preis hat sich seit Ende Februar fast verdoppelt – von rund 70 auf über 110 Dollar. Physische Spot-Ladungen erreichten am 2. April sogar 141 Dollar, den höchsten Stand seit 2008 – berechnet auf unvollständigen Daten. Der Markt preist Risiken ein, die nur teilweise real sind.
Die Preise hängen auch davon ab wieviel angelandet wird. Wenn da weniger ankommt, was der Fall ist, steigen die Preise zu recht.
Dazu kommt das die Produktion eingebrochen ist, weil Anlagen zerstört wurden.
Die aktuelle Situation ist keine Panik, wir haben ein echtes Problem.
Die Panik kommt wenn die Tankstellen kein Benzin mehr haben, was im Ausland bereits der Fall ist.
lb Thomas Olllasmüller, ich bitte höflich vor Veröffentlichung solcher Artikel eine Vorabversion zu bekommen. Unmittelbar nach der Veröffentlichung sind nämlich die Brent-Futures um 2% innerhalb von wenigen Minuten gefallen.
Da will ich auch was davon abhaben in Zukunft.
lg
Nicht normal, dass auf unvollständigen Daten so eine Panik/Geld gemacht wird.
Spätestens seit Corona ziemlich normal, oder?
Sollte aber nicht normal sein.