
Rezension des Buches: „Im russischen Exil“
TKP-Autorin und Friedensaktivistin Andrea Drescher, aus Deutschland stammend, aber schon länger in Österreich lebend, machte sich Gedanken, warum Menschen ausgerechnet in Russland ihre Freiheit suchen – dem Land, welches dem Westen nicht zum ersten Mal in der Geschichte als das Reich des Bösen gilt und dessen Präsident Wladimir Putin sogar als ein neuer Hitler beschimpft wird. Dahin wollen also Menschen auswandern? Was sind ihre Beweggründe?
Sie spricht mit diesen Menschen und fasst diese Gespräche in einem Buch zusammen, das am 12.12.2024 erschienen ist und dessen Ertrag der Friedensbrücke Kriegsopferhilfe zugute kommt. Lohnt es sich, das Buch zu kaufen und zu lesen?
Warum auswandern?
Seit den Zumutungen in der Corona-Krise, welche uns die herrschende Politik in Kollaboration mit dem Mainstream-Journalismus bescherte, mehrte sich die Zahl der Menschen, welche daran dachte, auszuwandern. Grundrechtseinschränkungen und fragwürdige Einschränkungen des Lebens – schlimm auch die Kinder betreffend – und dann sogar noch eine uns angedrohte Impfpflicht ängstigten die Menschen. Zudem mussten sich etwa Impfkritiker noch von Politikern und Journalisten übel beschimpfen lassen. Selbst wirkliche und anerkannte Experten wurden angegangen und ausgegrenzt. Hinzu kam ein immer eingeengterer Meinungskorridor. Anderen Kritikern machte man mit Kontokündigungen das Leben schwer, oder sie verloren,weil sie sich nicht ständig testen lassen wollten, ihre Arbeitsstelle.
Kann man Menschen angesichts dessen verdenken, mit dem Gedanken an Auswanderung zu spielen? Allerdings ist auch klar, dass es Menschen schwerfallen muss, die Heimat zu verlassen. Ohne die Umstände vergleichen zu wollen, musste ich an Menschen im Dritten Reich denken, die sich damals veranlasst sahen, Deutschland den Rücken zu kehren und oftmals sogar in Länder zu emigrieren, deren Sprache sie nicht einmal beherrschten.
Warum dieses Buch?
Andrea Drescher beschreibt das folgendermaßen: »Die Brücken zwischen Ost und West, zwischen Russland und Europa, sind hochgezogen, Russophobie greift um sich, „der Russe“ ist wieder Feind Nr. 1. Das war bereits zu Beginn des Krieges in der Ukraine absehbar. Um diese Eskalation zu verhindern, gab es im Frühjahr 2014 die „Mahnwachen für den Frieden“, gibt es seit 2016 die „Druschba“-Fahrten und zahlreiche weitere Friedensinitiativen. Diese Aktionen haben das Bewusstsein der Mehrheit leider nicht erreicht, sodass die einseitige mediale Darstellung erschreckend erfolgreich ist. Viele sind erneut auf die anti-russische Propaganda reingefallen, verurteilen die andere Seite, ohne sie zu kennen.
Aber – kaum zu glauben – es gibt Menschen aus Deutschland und Österreich, die freiwillig in Russland leben. Nun ja, manche nicht ganz freiwillig. Sie mussten Deutschland aus politischen Gründen verlassen, weil ihnen Gefängnis droht. Aber fast alle, die gegangen sind, schätzen das Leben und die persönliche Freiheit, die sie in Russland genießen, auch wenn es in mancher Hinsicht härter ist als im konsumverwöhnten Westen. Die ganz persönlichen Geschichten dieser Menschen, ihr Weg nach Russland, ihre Probleme in ihrem heutigen Leben – all das ermöglicht einen anderen Blick auf den Feind Nr. 1.
Gut ein Drittel der Befragten kannte ich vorher persönlich oder hatte schon länger mit ihnen Kontakt über soziale Medien. Nach dem eigenen Interview wurden mir dann weitere Kontakte zu anderen Auswanderern vermittelt. Nur in ganz wenigen Fällen habe ich das Interview anonymisiert, um meinem Gesprächspartner keine Schwierigkeiten zu machen. Auch wenn es subjektive Blickwinkel sind, es sind authentische Blickwinkel von Menschen, die einen mutigen Schritt gewagt haben.
Sie bauen eine Brücke zwischen dem, „was man so hört“, und dem, „was ist“.
Einer der Leitgedanken der Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe lautet: „Wir wollen Brücken bauen in den Frieden!“ Darum kommt der gesamte Ertrag dieses Buches eben diesem Verein zugute, der Kriegsopfern in der Ukraine bereits seit 2015 hilft.«
Zunächst schreibt Andrea Drescher im Kapitel »Besuch bei „Feinden“ – eine Woche in Moskau« über eigene Eindrücke. Dieses ist wie einige der Interviews aus ihrem Buch bereits bei TKP erschienen. Dann folgen zahlreiche – sehr unterschiedliche – Gespräche, von denen hier nur einige angerissen werden.
Die Querdenkerin
»Dagmar Henn war schon immer eine notorische Querdenkerin, kein Wunder, dass sie mit der jetzigen deutschen Regierung die eine oder andere Diskrepanz hatte. Diese Diskrepanzen waren so massiv, dass sie es vorzog, im Mai 2022 nach Russland auszuwandern«, schreibt Andrea Drescher.
In Russland arbeitet sie für ein in der EU verbotenes Medium. Drescher: »Dieses zu erwähnen kann ggf. auch für mich als Interviewerin Folgen haben. Ich ziehe es daher vor, den Namen des Mediums zu vermeiden.«
Warum sie nach Russland ging, sagt sie im Interview: »Der Hauptgrund war, dass über meinen Arbeitgeber das Angebot bestand, hierherzukommen. Ich weiß nicht, was anderenfalls passiert wäre. Ich weiß auch nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn ich aufgehört hätte zu schreiben und in Deutschland geblieben wäre. Aber sagen wir es mal so: Das, was gerade in Deutschland passiert und derzeit von Deutschland angerichtet wird, macht mich enorm wütend. Hier in Russland habe ich die Möglichkeit, diese Wut durch mein Schreiben auszuleben. Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich das Bedürfnis, diese Wut zumindest in politisches Handeln umzusetzen, aber dafür ist die deutsche Linke zu zerstört. Das politische Handeln wäre mir also nicht möglich gewesen. Aber wenn ich diese ungeheure Wut in mir habe, jedoch über keinen Kanal verfüge, diese irgendwie zu artikulieren und konstruktiv zu nutzen … Es wäre nicht gut gegangen.«
Henn schätzt ein, dass sie momentan nicht in die BRD zurückkehren könnte. Sie müsse befürchten verhaftet zu werden.
Journalist Gert-Ewen Ungar wollte es wissen
Manch einen mag es verwundern, dass der schwule Pädagoge in der Sozialpsychiatrie und freiberufliche Journalist Gert-Ewen Ungar ausgerechnet nach Moskau ging. Sicher, er hat einen Partner in Moskau, den er immer wieder besuchte. Glaubt man den westlichen Medien, ergeht es Homosexuellen in Moskau übel.
Andrea Drescher: »Auch wenn die sexuelle Orientierung eines Menschen keine Rolle spielen sollte, bei Gert-Ewen Ungar ist sie von Bedeutung. Dass ein bekennender Homosexueller freiwillig nach Moskau auswandern kann, lässt sich mit dem westlichen Narrativ nicht ganz in Einklang bringen.« Und Gert-Ewen Ungar weiter: »Ich habe in Berlin gelebt und als Pädagoge in der Sozialpsychiatrie gearbeitet. Nebenbei war ich als freiberuflicher Journalist für ein inzwischen in Deutschland verbotenes russisches Medium tätig. Inzwischen arbeite ich vollberuflich als Journalist und schreibe für den deutschen Kanal dieses russischen Mediums über politische Themen.«
Andrea Drescher fragt Ungar: »Warum bist du gegangen?«. »Gute Frage«, meint dieser. »Wenn man für ein russisches Medium schreibt so wie ich, der ich dort viele Meinungsbeiträge veröffentlicht habe, wird man in Deutschland beschimpft. Dann ist man Propagandist Putins und macht russische Propaganda. Das Narrativ ist in Deutschland in den Köpfen ganz fest verankert.«
Wer Gert-Ewen Ungars Texte rezipiert, erfährt u.a., dass etwa in Moskau vielfältiges schwules Leben geführt werden kann. Einen der größten Schwulenclubs in Europa soll es dort geben. Solange niemand öffentlich sozusagen Propaganda für Homosexualität macht, lebe man dort als Homosexueller völlig ohne Probleme.
Ungar: »Der erste Kontakt mit dem Land entstand tatsächlich aufgrund des LGBT-Propagandagesetzes. Es war 2013, als Russland seinen Jugendschutz verschärfte und die Propaganda für gleichgeschlechtliche Lebensweisen mit der Verbreitung von Pornografie gleichgestellt hat. Da gab es in Deutschland zahlreiche große Proteste. Bei einem Protest, der damals vor der russischen Botschaft stattfand, war ich auch dabei. Aber danach schoss es mir durch den Kopf: „Also eigentlich können die dir alles erzählen.“ Damals hieß es, die Schwulen und Lesben werden durch die Straßen Moskaus getrieben, gejagt und verprügelt. Mir wurde schlagartig klar: Ich weiß einfach nicht, was wirklich wahr ist. Über das Internet habe ich daraufhin Kontakt zu Schwulen in Russland gesucht, fand Kontakt zu Dima, der mich einlud, ihn zu besuchen. So kam ich zum ersten Mal nach Russland, konnte noch kein Wort Russisch und wir sind dann hier von einer queeren LGBT-Bar in die nächste gefallen. Ich dachte mir nur: „Was erzählen die mir in Deutschland eigentlich?“«
Der Auslandskorrespondent
Nicht im russischen Exil befindet sich der Journalist Ulrich Heyden. Er arbeitet als ausländischer Korrespondent in Moskau. Andrea Drescher: »Ulrich Heyden verfügt über langjährige und fundierte Expertise, wenn es um das Leben aber auch die politische Situation Russlands geht. Seine Erfahrungen fasste er in seinem Buch „Mein Weg nach Russland – Erinnerung eines Reporters“ ausführlich zusammen. Ich traf ihn in Moskau, um auch die Situation eines Deutschen kennenzulernen, der schon länger im Land lebt. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die erst seit Kurzem im Land sind, ist er freiwillig nach Moskau gegangen und kann auch problemlos nach Deutschland zurückkehren.
Unproblematisch ist seine Lage als Journalist aber auch nicht, da er, wie seine Kollegen, das Mainstream-Narrativ nicht teilt.«Einige Aufträge als Auslandskorrespondent deutscher Medien hat er bereits verloren. Er schreibt aber etwa noch für die NachDenkSeiten. Sie lesen ein interessantes Porträt, verehrte Leser! Was das Buch mit den vielen Interviews so interessant macht, sind die unterschiedlichen Charaktere verschiedener Herkunft samt ihrer unterschiedlichen Biografien und Ansichten.
Der Kulturmanager
Nicht im russischen Exil, aber mit Hauptwohnsitz in Russland ist auch Hans-Joachim Frey als eine interessante Personalie zu nennen. Andrea Drescher erfuhr von ihm: »Vor die Wahl gestellt, auf die Aufgabe als Leiter der Dresdner Opernball GmbH oder auf seine Tätigkeit für das Bolschoi-Theater in Moskau zu verzichten, war für Hans-Joachim Frey die Entscheidung klar. Er hat seit 2020 Russland zu seinem Wohnsitz gewählt und besitzt seit 2021 die russische Staatsbürgerschaft, die ihm ehrenhalber verliehen wurde.« Frey ist ein deutscher Kulturmanager und Neffe des Schauspielers Armin Müller-Stahl.
Ich kann das Interview-Buch nur wärmstens empfehlen. Andrea Drescher hat die Damen und Herren sensibel und aufmerksam befragt. Als Leser erfahren wir u.a. auch viel Geschichtliches und realpolitische Aspekte und bekommen Denkanstöße. Angenehm: Hier wurden nicht die üblichen westlichen und oft übel aufstoßenden deutschen Narrative bemüht, die mit der Realität, respektive mit der Wahrheit wenig, mit Propaganda jedoch viel zu tun haben.
Kein Werbebuch
Keiner der potenziellen Leser muss sich sorgen, das Buch sei eine Art Werbebuch für ein Auswandern nach Russland. Auswanderung bedarf eines großen Drucks, der sich über Jahre aufgebaut hat. Und ohne die Landessprache zu beherrschen ist das kein einfaches Unterfangen. Auch die fehlende Kenntnis der Kultur und des Lebens des fremden Landes können Hürden sein, sich einzuleben. Einzig Menschen jüngeren Alters tun sich da leichter.
Nicht alle nach Russland gegangenen Menschen haben es geschafft, sich einzuleben, was auch an einem Beispiel im Buch aufscheint:
»Im russischen Exil: Der „Frischling“ unter den Exilanten« (S.75), ist die Geschichte überschrieben. Es geht um einen Journalisten, dessen Arbeiten ich bereits lange verfolge. Er ist Journalist, Blogger, Sprecher, Podcaster, Autor und Moderator. Zunächst trieben ihn die Zustände in Deutschland – die Angst, dass sich der Weg in den Totalitarismus nicht mehr umkehren ließe – im November 2023 nach Ungarn.
Andrea Drescher fragte ihn: »Und warum hast du Ungarn im April 2024 schon wieder verlassen?«Seine Antwort: »Das war eigentlich eine logische Konsequenz. Ungarn ist für mein Empfinden das beste Land innerhalb der EU, aber auch dort werden Entscheidungen im Sinne der EU getroffen, die ich nicht mittragen kann – insbesondere die militärischen Entscheidungen – Stichwort Ukrainehilfe. Und dann hat Victor Orbán im Rahmen des Gaza-Konfliktes nicht für eine Waffenruhe gestimmt, sondern sich nur enthalten. Das fand ich skandalös.«
Seine Konsequenz: Er packte abermals seine sieben Sachen und machte sich auf einen beschwerlichen Weg – mit dem Auto mit zwei Hunden drin – nach Russland.»Der Umzug nach Ungarn war im Vergleich zur Übersiedelung nach Russland ein Kindergeburtstag.« Das vorläufige Ende des Lieds: Dieser Gesprächspartner von Andrea Drescher ist inzwischen wieder in die EU zurückgekehrt. Andrea Drescher dazu: »Dass Auswandern nach Russland leicht ist, kann man nicht behaupten. Seine politischen Positionen bleiben jedoch davon unberührt.«
Fazit
Prädikat lesenswert! Leseempfehlung! Empfehlen Sie das Buch gerne weiter. Der Erlös fließt einem guten Zweck zu.
Das Buch:
Andrea Drescher: Im russischen Exil – Von Menschen, die in Russland ihre Freiheit suchen
© 12/2024
WELTBUCH Verlag GmbH, Sargans (CH)
ISBN 978-3-907347-33-1
- Auflage, Deutsch
Preis: 19,90 €
Dieses Buch wird in kürze unter der ISBN 978-3-907347-39-3 auch als E-Book erhältlich sein.
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„Ein in der EU verbotenes russisches Medium“ darf bei und nicht erwähnt werden! Hallo? Da finde ich Russland besser. Da darf man bauen. heizen, essen und autofahren wie man will und die Steuern sind niedriger.
Paul Craig Roberts ging irgendwie in die innere Emigration und wirkt manchmal russischer als Dugin: https://uncutnews.ch/putin-der-unberechenbare-beginnt-zur-rechenschaft-gezogen-zu-werden/
Wow! Selbst hasste ich vor 40 Jahren Russisch in der Schule – jetzt schaue ich auf Rutube Frontlage-Podcasts mit genauen Karten. Angeblich sollen um 3% der Buntschland-Bewohner das Böse Medium regelmäßig lesen.
TKP scheint dort Kontakte zu haben – könnte man dort erklären, wieso Russland nicht mehr Initiative zeigt? Es beginnt bereits mit dem Frontgeschehen – der Rutube-Blogger Semtschenko schimpft täglich, dass die Truppen seines Landes nicht tief in die Region Sumy gehen, um die Banderas um Sudscha abzuschneiden. Ist die alte Grenze heilig für Putin – während sie dem Klavierspieler komplett schnuppe ist?