
Rettet die Rinderwirtschaft: Zucht und Mast statt Milch – Teil 4 der Mikro-Perspektive
Nachdem die Milchwirtschaft ein finanzielles Drama darstellt wie im letzten Artikel beschrieben, sind viele frühere Milchbauern auf Zucht und/oder Mast umgestiegen. Der Umstieg verlangsamt den Abstieg, kann er ihn verhindern?
Meine Antwort darauf ist Nein. Leider. Zumindest nicht, wenn die Bauern ein halbwegs vernünftiges Einkommen erzielen wollen.
Bio-Bauer im Nebenerwerb
Ob Rinderzucht ertragreich ist oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Insbesondere die Art der Verkaufsschiene entscheidet über den Preis. Hinzu kommen regulatorische Besonderheiten, die auf mich teilweise abstrus wirken und in Verbindung mit dem Handel zum Tragen kommen. Darum liefern manche bevorzugt an einen lokalen Fleischhauer mit angeschlossener Metzgerei oder machen Direktvertrieb.
Beispiel gefällig? Ist ein Rind älter als die zulässigen zwei Jahre, wird der Handelspreis reduziert. Ist der Stier unter zwei Jahren, hat aber nicht das gewünschte Schlachtgewicht, gibt es ebenfalls Abzüge. Auch zu fette oder zu magere Rindviecher sind den „herausragenden“ Preis von 4,50 Euro pro Kilo nicht wert. Denn bei Rindfleisch ist seit 1985 immerhin ein „signifikanter“ Anstieg zu verzeichnen. Einer meiner Gesprächspartner hat sich die Unterlagen von damals herausgesucht und festgestellt, dass er zu diesem Zeitpunkt zwischen 3,95 und 4,00 Euro pro kg Rindfleisch bekam. Bei 0,50 Cent Ertragssteigerung in 40 Jahren kann man sich als Bauer wirklich freuen. Leider haben sich die Maschinen- bzw. konkret Traktorkosten nicht ganz so moderat entwickelt. Wie er sich ausgerechnet hat, konnte er sich 1985 mit dem Ertrag von 3 bis 4 Stieren einen für seinen Betrieb passenden Traktor kaufen. Heute sind es mindestens 16 Tiere, die er züchten, mästen und liefern muss, um ein vergleichbares Gerät zu erwerben.
Ertrag erzielt man – wenn überhaupt – am besten als Biobetrieb. Aber auch dann ist der Erfolg nicht immer sichergestellt, wie unser Busunternehmer – pardon – Rinderzüchter, Rindermäster und Maisbauer 2023 schmerzlich erfahren musste. Er ist aus dem Wirtschaftsjahr mit einer roten Null ausgestiegen – keine Freude, wenn man die investierte Arbeitszeit betrachtet.
Der frühere Milchbetrieb wurde bereits im Jahr 2000 auf Zucht und 2006 mit Hofübergabe an den jetzigen Bauern auf Bio umgestellt. Die Umstellungsphase nahm drei Jahre und eine Investition in den Umbau des Stalles im 6-stelligen Bereich in Anspruch. Der Schritt von der Anbindehaltung zur Freilandhaltung war damals sehr vorausschauend, was ihm bei den kommenden neuen Vorgaben zugutekommt. Statt intensiver Ackerwirtschaft gibt es viel mehr Grünland, dafür kann auf synthetische Dünger, Pflanzenschutzmittel und andere Chemie vollständig verzichtet werden.
Die Umstellung empfand er nie als besonders hart, auch mit den drei verschiedenen Kontrollen im Bio-Bereich hat er keine nennenswerten Probleme. Sein Hof erfüllt die Kriterien alle, die bei den unangekündigten Bio-Kontrollen gefordert werden. Genug Fläche für die Tiere, ausreichend Stroh, auch die Tierwohlkontrolle seitens der Amtstierärzte fällt zur Zufriedenheit aus. Und seitens der AMA gab es bis dato keine Klagen was die Flächennutzung und Flächenförderung angeht. Soweit so gut.
Aber wie bereits erwähnt war 2023 für ihn das schlechteste Jahr seit der Betriebsübernahme. Sinkenden Preisen für Bio-Produkte standen die bekannten Kosten- und damit Ausgabensteigerungen gegenüber. Er arbeitet als Vertragsproduzent für ein Handelsunternehmen, das eine eigene Bio-Marke im Sortiment führt. In der Vergangenheit war der Bio-Preis in Ordnung, aber der Handelspartner übte zunehmenden Preisdruck aus.
Kurze Zwischenfrage an die Leser: Hat jemand sinkende Preise bei Hofer, Lidl, Billa, Spar oder Norma feststellen können, die einen derartigen Preisdruck auf den Erzeuger begründen würden? Mir ist nichts in dieser Hinsicht aufgefallen, aber ich kaufe ja fast nie bei den genannten Ketten.
Die Rinderbörse, die als Interessenvertretung zwischen Bauer und Handel agiert, kümmert sich in seinen Augen viel zu wenig um die Situation der Bauern, verhandelt viel zu wenig hart, wenn es um die Gestaltung des Einkaufspreises geht. Dieser sei 30 bis 40% zu niedrig, um wirtschaftlich zu sein. Laut seiner Aussage ist der Bio-Rinderbereich besonders stark unter Druck, konventionelle Mäster berichteten nicht über vergleichbare Probleme und bei Bio-Gemüsebauern wäre sogar eine Preissteigerung zu verzeichnen.
Er überlege bereits, die Zucht einzustellen und die Zuchttiere schlachten zu lassen. Da diese aber gerade alle trächtig sind, müsse er noch ein Jahr warten. Eine Schlachtung bei Kleinträchtigkeit kommt für ihn aus ethischen Gründen nicht in Frage.
Insgesamt bewirtschaftet er 26 ha gemischte Grün- und Ackerfläche sowie 12 ha Wald. Aber sowohl bei Bio-Mais als auch beim Wald bleiben vernünftige Erträge aus. Für ihn steht bereits fest, dass er die Anbaufläche für Mais reduzieren und nur noch den Bedarf für die eigenen Kühe anbauen wird.
Er hofft, dass das Jahr 2024 bei Rindfleisch wieder positiver verläuft. Ein bisschen hört man bei ihm Resignation heraus, wenn er sagt: „Gut, dass wir davon nicht leben müssen. Ich werde meinen Hauptberuf noch weiter intensivieren.“ Gerade Bio-Bauern arbeiten bio, weil sie für gewisse Werte in der Landwirtschaft stehen. Aber diese Werte lassen sich nur noch schwer umsetzen, die größten Chancen haben die Direktvermarkter.
Bio-Bauer im Vollerwerb
Der zweite Rinderbauer, mit dem ich spreche, arbeitet im Vollerwerb. Die Ehefrau arbeitet Teilzeit außerhalb. Er setzt schon seit Jahren auf Mutterkuh-Haltung mit Laufstall und viel Weide und führt den Hof aus Überzeugung nach Bio-Kriterien.
Neben der Mutterkuh-Haltung betreibt er noch Holzwirtschaft. Bei Rindern hat er sich auf die Zucht und anschließenden Verkauf der 6 bis 7 Monate alten Tiere spezialisiert. Für die Mast wird Getreide benötigt, um den Qualitätsstandard bei Fleisch zu halten. Dieses kann er aber nicht sinnvoll auf eigener Fläche produzieren, zukaufen will er nicht. Die 13 ha Grünland, die rund um den Hof liegen, sind für eigenes Futter für seine 13 Mutterkühe und deren Nachzucht ausreichend.
Von der Landwirtschaft alleine könnten sie nicht Leben, aber mit dem zusätzlichen Einkommen seiner Frau kommen sie über die Runden, wenn sie auf Urlaub und Luxus verzichten, so seine Überzeugung. Sein Urlaub sind eintägige Ausflüge, ein Nachmittag mit Kaffee am Badesee. Ski-Urlaube sind bei zwei Kindern aktuell sowieso unleistbar, sind aber auch wegen der Tiere problematisch.
Kleinbauern können in seinen Augen nur schwer rentabel arbeiten und müssen die Defizite durch hohen zeitlichen Aufwand ausgleichen. Jede Kuh bringt ein Kalb im Jahr zur Welt. Die 60-Stundenwoche, die er im Minimum leistet, „kann ich mir wenigstens frei einteilen“. Aber man steht eben auch mal mitten in der Nacht bei einer Kälbergeburt im Stall. Er ist froh, dass seine Frau seine Werte und Liebe für die Landwirtschaft teilt und diese Art zu leben schätzt und mitträgt.
Die Preise für Kälber stagnieren, sind aber wenigstens stabil. Auch er ärgert sich, dass die Bio-Qualität kaum mehr durch eine Preisdifferenz honoriert wird. Die Kosten für Stroh, das er zukaufen muss, sind um 25% gestiegen, der Diesel ist erheblich teurer geworden, neue Maschinen sind nicht finanzierbar. Das zur Aufrechterhaltung der Wiesenqualität benötigte Dauerwiesenmischungssaatgut ist ebenfalls viel teurer geworden.
Rechnet man die Kosten dazu, die beispielsweise für den Wegebau bzw. die Pflege der Holzwege anfallen, wird es ziemlich düster. Die Baggerstunde schlägt mit 120 Euro/Stunde zu Buche, da kommen schnell 10.000 Euro zusammen, wenn ein neuer Weg gebaut werden muss. Die traurige Realität: Der Holzertrag mancher Trasse deckt kaum die Kosten, die für den Weg anfallen, um das Holz abzutransportieren.
Hinzu kommen Förderungen, die aber seit Längerem nur sinken, statt den Anstieg bei den Kosten zu decken. Die Dieselförderung im Rahmen des Mehrfachantrages betrug im vergangenen Jahr 150 Euro. Damit kann er immerhin einige (wenige) Runden in seinen 24 ha Wald und seiner 13 ha Wiese drehen.
Es ärgert ihn sichtbar, dass es in der Bevölkerung immer heißt, die Bauern erhielten so viel Förderungen. Was die wenigsten wissen: Auch Großunternehmen, Agrarkonzerne, die Verbände und vermutlich sogar die Zuckerverarbeitung werden aus den landwirtschaftlichen Töpfen gefördert.
Der generellen Zukunft der österreichischen Landwirtschaft sieht auch er nicht optimistisch entgegen. „Bauern, die noch nicht auf Freilauf umgestellt haben, kann das, was jetzt kommt, das Genick brechen. Es kommen unfinanzierbare Maßnahmen auf sie zu. Und der internationale unfaire Wettbewerb macht das Ganze noch schlimmer.“
Er fragt sich, ob man die Tierzucht in Österreich systematisch zerstören will, obwohl das doch negative Auswirkungen auf die Getreideproduktion hat. Denn woher kommt der Dünger, der über Jahrhunderte in der Kreislaufwirtschaft für brauchbare Erträge gesorgt hat? Fragen über Fragen, die sich nicht nur Bauern und Fleischesser stellen sollten.
Ohne Dünger haben auch Veganer ein Problem, wenn sie nicht ausschließlich auf importiertes Getreide zurückgreifen wollen, das zunehmend genetisch verändert sein wird, ohne dass man es anhand der Kennzeichnung als Konsument erkennen kann. „Geht es nach der EU-Kommission, sollen künftig die meisten mit Neuer Gentechnik veränderten Lebensmittel weder gekennzeichnet noch risikogeprüft werden. Dieser Vorschlag ist ganz im Sinne der Agrarindustrie“, ging es im Juni 2023 durch die Medien.
Da lobe ich mir die Produkte „meiner“ Bauern ums Eck.
Ich hoffe, sie bleiben mir erhalten. Zumindest die alten Rassen scheinen den Bauern eine Chance zu bieten. Aber davon morgen mehr.
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Der Journalist Florian Swinn hat noch zur rechten Zeit ein wichtiges und ich denke ein sehr gutes Buch (Kenne bisher nur Rezensionen) geschrieben: „Die Kuh ist nicht der Klimakiller“ Darin räumt er mit den ganzen, in die Welt posaunten, Mythen auf. Das Buch liefert viele Argumente für ein ganz wichtiges Thema. Was hier in einigen Artikel auf tkp schon abgeklungen ist.
Schon vor zwei Jahren war ich zu diesem Thema hier vor Ort auf einer Veranstaltung. Sehr gut besucht, wenngleich noch vorwiegend aus der Landwirtschaft. Ich hoffe das wird sich noch ändern, und das Wissen darum wie wichtig Rinder für uns und das Ökosystem sind zieht noch weite Kreise in der Bevölkerung.
Ich bin Veganer, seit 12 Jahren. Ich brauch diese Art von Bauern kategorisch nicht. Mir wäre lieber die Landwirtschaft wäre nicht fast total auf Tierhaltung und Monokultur ausgerichtet (hingerichtet), und ich würde gerne im Einzelhandel mehr als nur eine Sorte Gerste, eine Sorte Hafer, und eine Sorte Weizen kaufen können. Von der fehlenden Vielfalt bei Tomaten, Kartoffeln und Blattgemüse ganz zu schweigen, das ist total traurig, zum Weinen und im Endeffekt der Untergang der Menschheit. Aber das verstehen die Nicht-Veganer anscheinend nicht, die haben da alle irgendwie eine Sperre im Gehirn.
Ich möchte dir deine gute Absicht nicht absprechen, doch dir fehlt es an Wissen. Bitte ich meine dies nicht böse, sondern freundlich, Du irrst dich gewaltig. Ich greife nur einmal einen Punkt auf, deine Getreidsorten, deine viele Gemüsegarten ( Tomaten sind zb Starkzehrer) mit was bringst du sie zum wachsen? Mit künstlichen Dünger. Wie wird der hergestellt?
Nein, Hans E. irrt sich nicht! Es braucht keineswegs Kunstdünger für irgendwas. Leguminosen als Zwischenfrucht und Kompostierung sorgen für ausreichende Düngung. Geringere Erträge sind durchaus zu verkraften, wenn ein Großteil der Ernte nicht mehr als Viehfutter verbraucht wird.
👍
Das angehimmelte „Bio“ ist das klassische, sprachlich absurde Grünlabel, welches – wenn überhaupt – nur unter ferner Liefen den vorgeblichen Zwecken dient. Wie die meisten Grünlabels dient Bio in erster Linie folgenden Interessen:
Kreditwirtschaft – Schuldenfalle – Übernahme (Stichwort „Freilaufställe“)
Arbeitsbeschaffung für bürokratische Bullshitjobs
Ablasshandel und Aufrechterhaltung der heileheile, lila Kühewelt einer autistisch konditionierten Stadtbevölkerung
Wie viel Prozent der Kühe stolzer „Bio“-Freilaufstallkreditnehmer wohl jemals im Leben auf weichem Grasboden stehen? Ich schätze bestensfalls ein Achterl. Fakt ist, ein durchschnittlicher konventioneller Rinderbetrieb in Westösterreich, der seine Tiere traditionell alpt, hat weit glücklichere und auch gesündere Tiere, als der zunehmend ächzende Mann unter Dach & Joch des Giebelkreuzes. Wobei nach einer alten Bauernregel (huch: Kapitalismus) der örtliche Vorstand und meist größere Bauer gerne bereit ist, dem Nachbarn im Notfall unter die Arme zu greifen, sprich: ihn aufzukaufen. Am Ende dieses Rädchens kommt der Fürst (der heißt heute nicht mehr Karl oder Maximilian, sondern Bill oder Larry – vgl. Punkte 1., 2. und 3.) „going direct“ und zeigt dem masketragenden Großbauern, wo der Bartel den Most herholt. Doch erzähl sowas mal einer „Grünen“. Die erklärt dich schnurstracks für völlig verrückt, wenn nicht gar für bald in der Hölle verbrutzelnd. Was letztere betrifft: Don’t worry, liebe Lokalmafia! Das hier liest eh niemand. Und ich mach mein Kreuz (nachdem Koarl der „Große“ endlich Geschichte ist) samt gschamstem Bückling dann wieder brav an der richtigen Stelle…
Der Fehler war die Globalisierung. Das funktioniert nicht bei Landwirtschaft, weil da gehts um mehr. Pflege der Landschaft, Holzwirtschaft, gesicherte Nahrungsversorgung, Qualität.
Lass mal eine Katastrophe passieren, Vulkanausbruch, Krieg, … die globalen Warenströme brechen zusammen, dann verhungern wir hier.
Rindfleisch war ja einst sehr beliebt in Österreich: Tafelspitz, Rindsrouladen, Rindschnitzel, gekochtes Rindfleisch mit Semmelkren, Rindsgulasch…..lecker. Aber durch die BSE–Propaganda Anfang der 2000er Jahre hatten viele Angst vor der Krankheit und keiner kaufte mehr Rindfleisch. Heute hört man über BSE höchstens in den alternativen Medien im Zusammenhang mit Insekten, die in Zukunft unsere Nahrung sein soll (Ironie).
Wie kommt es, dass angebliche Gegner einer Tötung von Tieren eigentlich auf die Abschaffung von Tieren hinarbeiten?