Der Architekt des Chaos: Zbigniew Brzeziński, „Die einzige Weltmacht“ und die Strategie des gelenkten Terrors

12. Mai 2026von 8,9 Minuten Lesezeit

Wir haben gezeigt, wie Denkfabriken – vom CFR über die RAND Corporation bis zur Heritage Foundation – das außenpolitische Denken der westlichen Welt prägen. Doch Institutionen allein erklären nicht alles.

Neben der institutionellen Ebene gibt es die taktische: einzelne Strategen, die mit ihren Büchern und Positionen konkrete Operationen entwerfen, rechtfertigen und durchsetzen. Der einflussreichste unter ihnen war Zbigniew Kazimierz Brzeziński – Nationaler Sicherheitsberater, Großmeister des geopolitischen Schachspiels und intellektueller Vater einer Strategie, die von Afghanistan bis Syrien Millionen von Menschenleben kostete. Im Jahr 1997 erschien bei Simon & Schuster ein Buch, das in der deutschsprachigen Welt unter dem Titel „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ verlegt wurde. Sein Autor war Zbigniew Brzeziński, polnischstämmiger Politologe, Harvard-Professor, Mitglied des Council on Foreign Relations und ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater unter Präsident Jimmy Carter. Das Buch wurde zum Pflichtlektüre-Kanon der transatlantischen Außenpolitikelite.

Ein Mann, ein Buch, eine Weltordnung

Brześkinskis zentrale These: Die USA seien die erste und einzige „globale Supermacht“ der Geschichte, und ihre Aufgabe sei es, diese Stellung durch die Kontrolle der eurasischen Landmasse dauerhaft zu sichern. Eurasien – von Lissabon bis Wladiwostok, von Archangelsk bis zum Persischen Golf – sei das Schachbrett, auf dem die Vorherrschaft der Menschheit entschieden werde. Wer Eurasien kontrolliere, so Brzeziński in direktem Rückgriff auf Halford Mackinders klassische Geopolitik, kontrolliere die Welt.

Das klingt nach akademischer Theorie. Aber es war tödliche Praxis.

Der Architekt: Biographie eines Kalten Kriegers

Zbigniew Brzeziński (1928–2017) wurde in Warschau geboren und kam über Kanada in die USA, wo er Karriere an der Harvard University und später der Columbia University machte. Sein intellektueller Rivale war Henry Kissinger – beide kreisten jahrzehntelang um dieselbe Machtachse, vertraten jedoch unterschiedliche Schulen: Kissinger den klassischen Realismus des Europäers, Brzeziński den aggressiveren, angelsächsisch geprägten Geopolitismus mit dezidiert antirussischer Stoßrichtung.

Von 1977 bis 1981 war Brzeziński Nationaler Sicherheitsberater unter Jimmy Carter. In dieser Funktion entwarf und autorisierte er eine Operation, die die Welt bis heute erschüttert: Operation Cyclone – die verdeckte Bewaffnung und Finanzierung islamistischer Mudschaheddin in Afghanistan, um die Sowjetunion in einen Guerrillakrieg hineinzuziehen.

In einem Interview mit der französischen Zeitschrift Le Nouvel Observateur aus dem Jahr 1998 wurde Brzeziński direkt gefragt, ob er die Unterstützung der islamistischen Kämpfer bereue – angesichts der Tatsache, dass diese später zu al-Qaida wurden. Seine Antwort war so nüchtern wie erschreckend: „Was ist wichtiger für die Weltgeschichte? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige aufgewühlte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“ Bereue er es? „Was soll ich bereuen?

Afghanistan 1979: Die Geburtsstunde der modernen Terrorstrategie

Die offizielle Version lautete jahrzehntelang: Die USA hätten auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 reagiert. Die Wahrheit ist komplizierter – und Brzeziński selbst hat sie später eingeräumt.

In demselben Nouvel Observateur-Interview erklärte er, die Carter-Regierung habe die Unterstützung der Mudschaheddin bereits vor dem sowjetischen Einmarsch begonnen – am 3. Juli 1979, als Carter eine erste geheime Direktive unterzeichnete. Die Idee, so Brzeziński offen: den Sowjets ihre eigene Vietnam-Falle zu bauen. Man bewaffnete, trainierte und finanzierte islamistische Kämpfer gezielt, um die Sowjetunion in einen Erschöpfungskrieg zu treiben.

Die Mittel kamen über die CIA, die saudische Monarchie und den pakistanischen Geheimdienst ISI. Das Netzwerk, das dabei aufgebaut wurde, war global: Rekruten aus Ägypten, Saudi-Arabien, dem Sudan und anderen arabischen Ländern strömten nach Pakistan und Afghanistan. Einer von ihnen war Osama bin Laden.

Operation Cyclone kostete nach Schätzungen des US-Kongresses zwischen 1980 und 1992 etwa drei Milliarden US-Dollar – die teuerste verdeckte Operation in der Geschichte der CIA bis zu diesem Zeitpunkt. Das Ergebnis: Die Sowjetunion zog sich 1989 zurück. Und zurück blieb ein mit Waffen gesättigtes Land, ein radikalisiertes Milieu und das Netzwerk, das sich wenig später al-Qaida nannte.

„Die einzige Weltmacht“: Ein Strategiepapier als Bestseller

Brzeskińskis 1997er Buch ist kein akademisches Werk. Es ist ein strategischer Operationsplan, verkleidet als politikwissenschaftliche Analyse. Die Sprache ist kühl, die Logik gnadenlos. Brzeziński unterteilt die eurasischen Staaten in drei Kategorien: „geostrategische Akteure“ (Staaten, die aktiv gestalten), „geopolitische Dreh- und Angelpunkte“ (Staaten, die durch ihre Lage entscheidend sind) und implizit jene Länder, die lediglich als Manövriermasse dienen.

Die Ukraine, schrieb Brzeziński explizit, sei ein „geopolitischer Dreh- und Angelpunkt“, dessen Einbeziehung in den westlichen Einflussbereich für die Eindämmung Russlands entscheidend sei. Ein unabhängiges Russland, das die Ukraine kontrolliere, sei automatisch eine eurasische Großmacht – was um jeden Preis verhindert werden müsse. Diese Passage, 1997 geschrieben, liest sich heute wie ein Drehbuch: der Maidan-Umsturz 2014, die NATO-Erweiterungsdebatte, der Krieg in der Ukraine ab 2022. Brzeziński hat diese Entwicklung nicht nur vorhergesehen – er hat sie intellektuell legitimiert und mitgestaltet.

Ähnlich präzise sind seine Ausführungen zum Mittleren Osten. Der „Balkan Eurasiens“, wie er den Bogen von der Türkei bis Pakistan nennt, sei eine Zone instabiler Staaten, die für die eurasische Hegemonie der USA entscheidend sei. Stabiles Regieren dort sei weniger wichtig als die Verhinderung feindlicher Dominanz – eine Formulierung, die als implizite Lizenz für Destabilisierungsoperationen gelesen werden kann.

Das Muster: Von Afghanistan bis Syrien

Was Brzeziński theoretisch formulierte, wurde operativ umgesetzt – nicht nur in Afghanistan, sondern in einem Muster, das sich über Jahrzehnte wiederholte.

Libyen 2011: Als die NATO-Intervention zum Sturz Muammar al-Gaddafis führte, wurden die Rebellen logistisch, finanziell und geheimdienstlich unterstützt – darunter nachweislich Gruppen, die der al-Qaida-nahen Libyan Islamic Fighting Group zuzurechnen waren. Waffen, die über Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert wurden, tauchten danach in Mali, im Sahel und in Syrien wieder auf.

Syrien 2011–2019: Die CIA-Operation mit dem Codenamen „Timber Sycamore“ wurde von Präsident Obama autorisiert und unter CIA-Direktor David Petraeus ausgearbeitet. Über die Türkei, Jordanien, Saudi-Arabien und Katar flossen Milliarden Dollar und tonnenweise Waffen an syrische Oppositionsgruppen – von denen ein erheblicher Teil zu dschihadistischen Milizen wurde oder diesen die Waffen überließ.

Das Wall Street Journal und The Guardian berichteten detailliert, wie Waffen aus diesen Lieferungen bei der islamistischen Jabhat al-Nusra (dem syrischen al-Qaida-Ableger) und schließlich beim Islamischen Staat landeten. Der frühere DIA-Chef Michael Flynn sagte in einem Kongress-Dokument aus dem Jahr 2012, das 2015 freigegeben wurde, die USA hätten gewusst, dass in Syrien eine salafistisch-dschihadistische Kraft entstehe – und hätten dies billigend in Kauf genommen, weil sie al-Assad destabilisieren wollten.

Das Muster ist identisch: externe Unterstützung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen für geopolitische Ziele, mit dem kalkulierten Risiko – oder der kalkulierten Inkaufnahme – dschihadistischer Blowbacks.

Die intellektuelle Infrastruktur: Wie Ideen zu Operationen werden

Brzeziński war kein Einzelkämpfer. Er war Teil einer dichten intellektuellen Infrastruktur, die Ideen in Politik verwandelt. Nach seiner Zeit im Weißen Haus wechselte Brzeziński – typisch für die Drehtür – zum Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, einem der einflussreichsten außenpolitischen Think Tanks der USA, wo er als Senior Adviser tätig war. Gleichzeitig blieb er CFR-Mitglied und veröffentlichte regelmäßig in „Foreign Affairs“.

Seine Schüler und intellektuellen Erben sitzen heute in Schlüsselpositionen: Madeleine Albright, seine frühere Studentin, wurde Außenministerin unter Clinton. Anthony Lake, sein ehemaliger Mitarbeiter, wurde Nationaler Sicherheitsberater. Das Netzwerk, das Brzeziński aufbaute, reproduziert sich bis heute.

Dabei funktioniert die Ideenübertragung nicht durch direkte Befehle, sondern durch intellektuellen Konsens: Wer in den Denkfabriken sozialisiert wurde, wer „Foreign Affairs“ liest, wer beim CFR diniert, denkt in denselben Kategorien. Brzeskińskis Eurasien-Schachbrett ist nicht das Skript, nach dem jede Operation durchgeführt wird – aber es ist der Koordinatenrahmen, in dem gedacht wird.

Das Erbe: Was bleibt

Zbigniew Brzeziński starb am 26. Mai 2017 in Falls Church, Virginia. Er wurde in den USA als Staatsmann geehrt, in Polen als Nationalheld verehrt, in Russland als strategischer Feind gefürchtet. Was bleibt, ist eine bittere Bilanz:

Das Afghanistan, das Operation Cyclone hinterließ, durchlebte Jahrzehnte des Bürgerkriegs, der Taliban-Herrschaft, des US-Invasionskrieges nach 2001 und kehrte 2021 wieder unter Taliban-Kontrolle zurück. Das Land, das Brzeziński zur geopolitischen Falle für die Sowjetunion machte, ist bis heute keine stabile Gesellschaft.

Das Syrien, das durch „Timber Sycamore“ und ähnliche Operationen destabilisiert wurde, verlor nach UN-Schätzungen über 500.000 Menschenleben und erzeugte mehr als fünf Millionen Flüchtlinge – von denen viele in Europa landeten und die politische Landschaft des Kontinents veränderten.

Libyen, einst der afrikanische Staat mit dem höchsten Human Development Index, ist heute ein Failed State, in dem rivalisierende Milizen Sklavenmärkte für afrikanische Migranten betreiben.

Und die Ukraine, Brzeskińskis „geopolitischer Dreh- und Angelpunkt„, befindet sich im dritten Jahr eines vernichtenden Krieges.

Fazit: Die Strategie des gelenkten Chaos

Was verbindet Afghanistan, Libyen, Syrien und die Ukraine? Es ist dieselbe strategische Logik, die Brzeziński in „Die einzige Weltmacht“ destilliert hat: Die geopolitischen Ziele der USA werden nicht durch direkte Konfrontation erreicht, sondern durch die Instrumentalisierung lokaler Kräfte – Stämme, Milizen, Oppositionsgruppen, auch Dschihadisten –, um Rivalen zu schwächen, Zonen der Instabilität zu schaffen und den eigenen Einfluss zu erhalten.

Der Historiker Andrew Bacevich, selbst Vietnam-Veteran und emeritierter Professor an der Boston University, hat diese Strategie als „Selbstzerstörungsimperialismus“ bezeichnet: Amerika versuche, die Welt durch unkontrollierbare Kräfte zu kontrollieren, und zerstöre dabei sowohl die Zielländer als auch langfristig die eigene Glaubwürdigkeit.

Der Unterschied zwischen den Denkfabriken – die wir in dieser Serie analysiert haben – und Persönlichkeiten wie Brzeziński liegt in der Ebene: Die Denkfabriken schaffen den strategischen Konsens und die langfristige Agenda. Strategen wie Brzeziński übersetzen diesen Konsens in taktische Doktrinen und operative Entscheidungen.

Gemeinsam bilden sie das, was man als außenpolitischen Komplex der USA bezeichnen könnte: eine dichte Verflechtung aus privaten Institutionen, Regierungsapparaten, akademischen Netzwerken und Medien, die – ohne demokratische Kontrolle und ohne Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung – über Krieg und Frieden entscheidet. Brzeziński hat das Schachbrett entworfen. Andere haben die Figuren bewegt. Bezahlt haben die Menschen in Kabul, Aleppo, Tripolis und Kiew.

Der Historiker Laurence Shoup – den wir bereits im vorangegangenen Artikel zitiert haben – hat über den CFR geschrieben, sein Einfluss richte sich „gegen das Interesse der Mehrheit des amerikanischen Volkes und der Völker dieser Welt„. Brzeskińskis Karriere ist der vielleicht deutlichste Beleg für diese These: Ein einzelner Mann, ausgestattet mit akademischer Legitimität, institutionellen Netzwerken und politischem Zugang, kann Strategien entwerfen und durchsetzen, die Millionen von Menschenleben formen – ohne je zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Bild: Wikipedia (Brzeziński ganz links)

Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇



Vom Dinner-Club zum Weltlenkungsinstrument: Die Geschichte der US-Denkfabriken und ihr langer Arm nach Deutschland

Die Rolle von US-Denkfabriken und ihre Mitverantwortung für Kriege

Die Werkzeuge des langen Krieges gegen den Iran (Teil 2 – Denkfabriken)

2 Kommentare

  1. Jan 12. Mai 2026 um 12:13 Uhr - Antworten

    Wenn man eine Agenda durchsetzen möchte, braucht man natürlich intelligente Fürsprecher, die dafür einen Rahmen schaffen.

    Dass Brzeziński wie Kissinger beides intelligente Architekten der Macht waren, ist kein Beweis, dass ihre Ideen eine Folge der von ihnen behaupteten Begründung sind und nicht etwa nur eine fadenscheinige Legitimation einer anderen Agenda. Solche Beeinflussungen sind natürlich immer schwer nachzuweisen, aber jeder Leser hat natürlich das Recht, zu sagen, das überzeugt mich nicht! Und dann darf man sich fragen, warums denn andere überzeugt?

  2. audiatur et altera pars 12. Mai 2026 um 10:24 Uhr - Antworten

    Solange es Imperien gibt, wird es diese Art Institutionen und entsprechend denkende Strategen geben. Das sind in der Regel keine Sympathieträger, sondern eiskalte Gesellen. Ist nun mal so. Der „Erfolg“ gibt ihnen recht.
    Ein großes Problem des aktuellen Imperiums ist das Zurückfeuern der in einer irgendwie doch Demokratie immens notwendigen Propaganda auf den eigenen strategischen Nachwuchs. Die Kids degenerieren mit zunehmender Zeit, weil ihnen von Kind auf mit Shortcuts das Denken ausgetrieben wird. Nicht ganz so schlimm wie am Ponyhof der EU, aber doch. Das ist eine neue Entwicklung.
    Eine ältere (auf der weit älteren, anderen Seite) sind veritable Trunkenbolde im Umfeld der Macht. Aktuell zu beobachten bei Diesen norske Glenn in der Yuhutube. Der betreffende Unsympathler lallt und schwätzt „strategisch“ vom Niedernuken Deutschlands und propagiert wie einst zur Zeit der Kubakrise die absolute Idiotie des Gewinnens eines Atomkrieges. Wenn so ein Ungeisteskind tatsächlich etwas zu sagen hat/hätte, so ist/wäre mE der Gang Russlands ziemlich fix vorherbestimmt. Nämlich der (nicht nur PR-strategische) total selbst bestimmte Untergang. Wie immer für die „Würde“ und „Ehre“, eh kloar, Hicks! Ach ja und eh: Tschüss.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge