Eine neue demokratisch-souveränistische Bewegung formiert sich in Italien

20. Juli 2022von 3,7 Minuten Lesezeit

Von Medien und Mainstream verschwiegen hat sich eine neue und ambitionierte Partei in Italien gegründet. „Ancora Italia“ will eine demokratische Wende und ein souveränes Italien ohne EU und ohne NATO.

Italien ist bekannt dafür, dass neue politische Akteure bis in die Schalthebel der Republik vordringen können. Die Fünf-Sterne-Bewegung ist das aktuelle Beispiel. Doch den großen Bruch mit dem System haben auch die fünf Sterne nicht zusammengebracht, stattdessen stützt man mittlerweile Mario Draghi, einen ehemalige Goldman Sachs Banker und EZB-Boss.

Ein Youtuber gegen Draghi

Während sich Draghi und mit ihm die gesamte politische Elite an die Macht klammert, Italien aber von einer massiven sozialen Krise erfasst ist, organisieren sich neue politische Akteure. So etwa die Partei „Ancora Italia“, die im vergangenen Jahr „von unten“ entstanden ist, wie „L’Indipendente“ schreibt. Vergangenes Wochenende fand der zweite Nationalkongress der neuen Partei in Neapel statt. Unter ohrenbetäubendem Schweigen der Medien drängten sich Tausende Besucher in Neapels Theater Palapartenope.

„Ancora Italia“ will bei den nächsten Wahlen antreten, die Prinzipien der Bewegung sind klar: volle nationale Souveränität Italiens, somit den Austritt aus der EU und der NATO und die Verwirklichung einer Wirtschaft, die nicht „das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker erniedrigt“. Am konkreten Parteiprogramm wurde auch beim Kongress geschliffen.

Die Vortragenden am Kongress kamen von rechts und links. So sprach etwa die EU-Abgeordnete Francesca Donato, die 2019 über Matteo Salvinis Liste in das EU-Parlament einziehen konnte. Aber auch Marco Rizzo, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, war unter den Vortragenden. Francesco Toscano und Mario Gallo, Präsident bzw. nationaler Sekretär von Ancora Italia, leiteten die Diskussion über das politische Programm und die Leitlinien für die nächsten Wahlen ein.

Kritik an Medien und Russlandkontroverse

Toscana ist Journalist und erfolgreicher Youtuber, der auf seinem Kanal „Visione TV“ 209.000 Abonnenten hat. Die Gäste am Kongress wie Donato und Rizzo nannte er „die besten freien und mutigen Intelligenzen des Landes“. Diese würden sich „in den Dienst eines einheitlichen Projekts“ stellen. Anfang Juni hatte sich auch die ehemalige Fünf-Sterne-Senatorin Bianca Laura Granato „Ancora Italia“ angeschlossen.

An die Medien richtete Toscana scharfe Worte. Er rief den Journalisten während des Kongresses zu: „Lasst die Diener des Systems, die Clowns im Dienst eines Apparates, der dazu neigt, abweichende Meinung zu unterdrücken, wissen, dass wir keinen Millimeter zurückweichen werden“.

In der regierungsnahen Zeitung „Open“ war wenige Stunden später zu lesen, dass Francesco Toscano „im Laufe der Zeit die Unterstützung verschiedener Persönlichkeiten gewonnen hat, die von der Welt der Desinformation und der italienischen Verschwörung verfolgt werden.“ „Ancora Italia“ habe am zweiten Nationalkongress ihre Unterstützung für Wladimir Putins Russland zudem „formalisiert“.

Für ein souveränes und demokratisches Italien

Toscanas Worte zum Ukraine-Konflikt wurden von den 3.000 Gästen mit Ovationen begrüßt. Was sagte er wirklich? „Ich erkenne die Gründe Russlands, das im Donbass interveniert hat, um einen Völkermord zu beenden, als unantastbar an. Wir stehen auf der Seite derjenigen, die gegen die Nazis kämpfen, die von Menschen ohne Sinn für Spott in kantische Philosophen verwandelt wurden.“ (Original: „Io riconosco come sacrosante le ragioni della Russia che è intervenuta in Donbass per far terminare un genocidio. Noi siamo dalla parte di chi combatte i nazisti trasfigurati in filosofi kantiani da gente senza senso del ridicolo.“)

Gegenüber L’Indipendente sagte Toscana: „Wir von Ancora Italia wollen zu einer soliden, partizipativen Politik zurückkehren, mit territorialen Sektionen, die leben, in denen die Menschen diskutieren und sich bilden können und die somit ernsthafte Zwischeninstanzen darstellen, die für die Demokratie unverzichtbar sind.“

Als demokratisch-souveränistische Bewegung versteht sich „Ancora“. Toscana: „Das derzeitige System zielt darauf ab, den Einzelnen daran zu hindern, durch Selbstorganisation eine Art demokratische Gegenmacht zur technischen Gewalt des Finanzwesens auszuüben, was zu einer Entfremdung vom öffentlichen Leben führt.“

Man sieht es als Aufgabe, „den wachsenden Dissens“ in Italien zu organisieren und „eine Perspektive für radikalen Wandel zu schaffen, der mit demokratischen und partizipativen Methoden und unter Achtung der Verfassung, die von Draghi und seinen Ministern wiederholt verraten wurde, verfolgt wird“, ist im Kongressbericht von „Ancora“ zu lesen.

Bild FeaturedPicsColosseo 2020CC BY-SA 4.0

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10 Kommentare

  1. Heiko 21. Juli 2022 at 16:49Antworten

    Das bleibt alles politische Esoterik, so lange sich die Menschen nicht entscheiden wollen,ob sie am Ende der Straße nach rechts oder links abbiegen werden. Im Kapitalimus wird sich prinzipiell nichts ändern.

  2. SchauGenau 21. Juli 2022 at 9:15Antworten

    Leider kranken die meisten neuen Bewegungen, dass sie von eitlen Selbstdarstellern (mit-)gegründet werden, die zunächst meist durchaus legitime Ziele vertreten, aber sich letztendlich in einem Kampf um die Wahrheit und/oder Macht in der Bewegung gegeneinander aufreiben.
    Beispiele, die genannte 5-Sterne, oder auch die AfD, oder die MfG bei uns, in der auch schon solche Tendenzen erkennbar sind.
    Dass die etablierten Parteien und Medien diese Prozesse durch Aufhetzen gegeneinander befeuern, trägt natürlich auch dazu bei.

    • Jens Tiefschneider 21. Juli 2022 at 12:38Antworten

      Oder in Deutschland die Basis. Eitle Selbstdarsteller, die nicht mal in der Lage waren, die Basis in Berlin zur Bundestagswahl anzumelden. Wer selbst dieses Bisschen nicht hinbekommt, der dürfte mit echten Problemen komplett überfordert sein.

    • hofmeisterhartwig 24. Juli 2022 at 0:03Antworten

      SchauGenau
      21. Juli 2022 at 9:15
      Ein ausgezeichneter Kommentar! Mich wundert nur eines immer, dass sich die Menschen keine andere Form einer Demokratie sich vorstellen können, als mit Parteien und Politiker. Wo doch die genau das Problem sind. Wann wird es den Menschen endlich bewusst, dass sie sich um neue Demokratieformen schauen müssen. Wir werden uns sonst nie aus diesen Sumpf befreien können, den die Parteien angerichtet haben.

  3. Christoph 20. Juli 2022 at 17:40Antworten

    Einerseits bin ich froh darüber, dass sich in Italien eine souveränistische Bewegung formiert, und ich bin selbst auch bei einem entsprechenden Vorhaben in Österreich tätig, aber andererseits denke ich, dass man auch für eine Abkehr von EU und NATO sowie für Frieden mit Russland sein kann, ohne unkritisch dessen Außenpolitik gutzuheißen, welche derzeit offensichtlich gegen das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker verstößt.

    Ist nämlich mit dem Satz „Ich erkenne die Gründe Russlands, das im Donbass interveniert hat, um einen Völkermord zu beenden, als unantastbar an“ der am 24. Februar begonnene Angriff gemeint, scheint das mir eigentlich schon ein Bekenntnis zu jener „regelbasierten Weltordnung“ zu sein, die von der NATO spätestens durch ihre Intervention im Jugoslawien-Krieg begründet wurde, und deren Vertreter absurderweise sagen, dass Russland jetzt gegen diese regelbasierte Weltordnung verstoßen habe statt sie nur eigenständig angewandt.

    Sollte der (meines Erachtens durch den Aufstieg Chins ohnehin kommende) Wandel zu einer multipolaren Weltordnung, den ich grundsätzlich begrüße, nämlich hauptsächlich darin bestehen, dass es nun mehrere unabhängige Staaten gibt, die völkerrechtswidrige Angriffskriege führen, wüsste ich nicht, was darin für die Souveränität der Völker gewonnen wäre.

    • Fritz Madersbacher 20. Juli 2022 at 18:44Antworten

      @Christoph
      20. Juli 2022 at 17:40
      „Sollte der ( … ) Wandel zu einer multipolaren Weltordnung, den ich grundsätzlich begrüße, nämlich hauptsächlich darin bestehen, dass es nun mehrere unabhängige Staaten gibt, die völkerrechtswidrige Angriffskriege führen, wüsste ich nicht, was darin für die Souveränität der Völker gewonnen wäre“
      Ganz genau, da haben Sie völlig recht! Und wir in Österreich sollten dafür kämpfen, dass unsere Neutralität genau in diesem Sinne praktiziert und dadurch zu einem wertvollen Beitrag für die Souveränität der Völker wird! Dann haben wir viel für eine bessere Welt geleistet!
      Es wäre auch gar nicht zur aktuellen Situation in der Ukraine gekommen, wenn wir nicht schweigend und zustimmend der langjährigen US/NATO/EU-Infiltration dort zugeschaut hätten. Das zu verleugnen dürfen wir den NATO-Quislingen in Politik und Medien und ihrer Heuchelei und Doppelmoral überlassen!

      • Christoph 20. Juli 2022 at 20:26

        Danke, ich kann Ihnen hier vollständig zustimmen. Mich stört genauso vor allem die Doppelmoral des angeblichen „Wertewestens“.

        Mir ist es bei meinem Beitrag vor allem darum, Multipolarität von Seiten der „Kleinen“ statt der „Großen“ zu denken, denn ich glaube nicht, dass China, Russland (oder welche aufstrebende Großmacht auch immer) in ihrer Außenpolitik grundsätzlich emanzipatorischer wären als die USA. Es ist zwar zum Glück nur eine Dystopie, aber man sollte nicht vergessen, dass in George Orwells „1984“ auch eine multipolare Ordnung herrscht, aber eben eine multipolare Ordnung in ihrer reaktionärsten Form, in der es drei Großreiche und sonst nichts gibt.

        Gerade Derartiges ist nämlich meine Sorge bei der Ukraine, dass ein Teil des ukrainischen Staatsgebiet zu Russland kommt, während der Rest sich noch mehr der NATO und der EU annähert und zu einem Anti-Russland wird. Zur Verteidigung der russischen Außenpolitik, die ich wie ersichtlich mittlerweile auch stark kritisiere, muss ich hier sagen, dass sie sich zumindest in der Vergangenheit für den Gegenentwurf, nämlich eine neutrale Ukraine ausgesprochen hat. Ich sehe den „Westen“ durch seine konsequente Weigerung, darauf einzugehen, auch verantwortlich dafür, dass es nicht möglich war, diese Aussage auf ihre Ehrlichkeit zu überprüfen.

  4. Alter Pauker 20. Juli 2022 at 16:23Antworten

    Wie wäre es mit „Ancora Austria“?

    • hofmeisterhartwig 24. Juli 2022 at 0:10Antworten

      Das ist absolut keine gute Idee! Warum sollten neue Parteien nur irgendwas besser machen. Träumt einfach weiter, bevor ihr mit neuen Parteien noch größere Schäden anrichtet. Was haben jetzt die Grünen schon gewaltiges gebracht.

  5. lumpazivagabundus 20. Juli 2022 at 15:59Antworten

    „Avanti popolo!“ Ein vor vielen Jahren populäres Lied der Arbeiterbewegung. Auch damals ging es um die nationale Selbstbestimmung und Souveränität, um echten Internationalismus zwischen Gleichberechtigten. Das Konstrukt EU kann diese elementaren Grundbedürfnisse einer Nation nicht garantieren.

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