Sind die Pazifisten schuld?

22. Mai 2022von 3,2 Minuten Lesezeit

Wenn gegen Leute, die nichts anderes tun, als für Deeskalation einzutreten, Stimmung gemacht wird, dann kommt am Ende nichts Gutes dabei heraus, das lehrt die Geschichte.

Dass so etwas überhaupt eigens gesagt werden muss, zeigt, wie weit wir heutzutage gekommen sind, aber anscheinend ist es notwendig, hier einmal in aller Deutlichkeit klarzustellen: Die Pazifisten sind es ganz sicherlich nicht, die Schuld daran haben, dass ein Krieg in der Ukraine tobt. Wenn irgendwer schuld ist, dann sind es die Bellizisten, die Kriegstreiber, die hier wie dort, hüben wie drüben Hochsaison haben. Anstatt dass diese jedoch – wofür es längst Zeit wäre – allesamt endlich einmal zur Besinnung kämen und sähen, was sie angerichtet haben, beharren sie auf ihrer Selbstverblendung und machen in einer merkwürdigen Verdrehung der Tatsachen ausgerechnet Friedensaktivisten für die Misere verantwortlich. So etwas muss einem erst einmal einfallen.

Zu denken gibt einem aber vor allem auch der Ton, in dem dies geschieht. Geradezu fassungslos kann einen etwa ein vor einiger Zeit im „Spiegel“ erschienener Beitrag des Kolumnisten Sascha Lobo machen, der es fertigbringt, Menschen, die für den Frieden demonstrieren, als „egozentrische Lumpen-Pazifisten“ zu bezeichnen. Ich kenne diese Sprache. So ähnlich hat mein Vater gesprochen. Mein Vater war aber, vereinfacht ausgedrückt, ein unverbesserlicher Alt-Nazi. Gerne hat er über das „pazifistische Gesindel“ geschimpft, und gerne hat er sich auch über das „Lumpenpack“ ausgelassen. Damals, in den 1980er-Jahren, hatte er damit freilich in der Gesellschaft eine völlige Außenseiterposition inne. Er würde sich aber, wenn er noch leben würde, sehr darüber freuen, dass seine Art und Weise, über die Dinge zu denken und zu reden, inzwischen wieder salonfähig geworden ist. Weiß jedoch ein Sascha Lobo, mit wem er sich da ins Bett legt, wenn er so redet, wie er redet? Das ist alter Nationalisten- und Nazi-Sprech, den er da wieder auferstehen lässt. Ich dachte, die Zeiten hätten wir hinter uns.

Ein in der „Wiener Zeitung“ veröffentlichter Kommentar schöpft aus dem gleichen Reservoir. Eifernd warnt er vor einer militärischen Schwächung durch friedensbewegte „Schwurbler-Demos“ und unterstellt den Pazifisten Komplizenschaft mit dem Feind, also mit Putin höchstpersönlich. Der abenteuerliche Gedankengang folgt dem Muster einschlägiger Dolchstoßlegenden. Bei den „Dolchstoßlegenden“ handelt es sich um von deutschen Nationalisten nach 1918 verbreitete Verschwörungstheorien, die besagten, Deutschland hätte den Weltkrieg nur deswegen verloren, weil Linke, Juden und eben auch Pazifisten gemeinsame Sache mit dem Feind gemacht und den Kampfeswillen im Hinterland unterminiert hätten. Weiß Christian Ortner, der diesen Text geschrieben hat, in welche Tradition er sich damit einreiht?

Wenn es so weit gekommen ist, dass Leute, die nichts anderes tun, als für den Frieden zu demonstrieren und für Deeskalation einzutreten, derart zur Zielscheibe gemacht werden, wie das zur Zeit geschieht, und wenn das Wort „Pazifismus“ plötzlich wieder, wie vor hundert Jahren, zum Schimpfwort geworden ist, dann heißt das nichts Gutes für die Entwicklung der Dinge, dann geht das böse aus, das lehrt uns die Geschichte.

Bild wikimedia

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

Ortwin Rosner, geboren 1967 in Wien, Studium der Germanistik und Philosophie, hat seine Diplomarbeit mit dem Titel  „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“ 2006 bei Peter Lang veröffentlicht und war Gelegenheitsblogger auf standard.at. Der Text hätte als Gastkommentar in der „Wiener Zeitung“ erscheinen sollen, wurde aber dann als „Leserbrief“ veröffentlicht.


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Kriegstreiberei und Sprache

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14 Kommentare

  1. Andrea 23. Mai 2022 at 14:26Antworten

    Diese Entwicklung überrascht mich nicht. Das Überhöhen des eigenen Ich und der eigenen Meinung über die der anderen und sich als die Guten zu sehen; die Ausgrenzung und Verfolgung bestimmter Gesellschaftsgruppen (Andersdenkende, Ungeimpfte, russische Staatsangehörige); staatlicher Zwang der Bevölkerung zur Teilnahme an medizinischen Experimenten (Gentherapie gegen Covid-19) und jetzt noch die Unterstützung für das neonazistische Regime in Kiew:

    Für mich bestehen keine Zweifel: Wir werden wieder von Nazis regiert – ob in Wien, Berlin, Brüssel oder Washington. Deshalb auch das framing von Andersdenkenden, Pazifisten, Demokraten, Rechtsstaats-, Grundrechts- und Menschenrechtsverteidigern als Lumpen, schädlich oder gar als rechtsextrem durch Politik und Mainstreammedien. Dazu kann man nur sagen: Wer als erster mit dem Finger auf andere zeigt, will in Wirklichkeit nur von seinen eigenen schändlichen An- und Absichten sowie charakterlichen Mängeln ablenken.

    Die Geschichte zeigt, dass es nach 1945 viel zu wenig Aufarbeitung gegeben hat und man es damals sträflich unterlassen hat, die Nazis von gesellschaftlich relevanten Positionen, vor allem in Politik, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft endgültig fernzuhalten.

  2. Andreas I. 23. Mai 2022 at 9:13Antworten

    Hallo,
    das Muster ist bekannt:
    „Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“
    Hermann Göring 1946

    Nochmal der Kern:
    „Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr.“

    Dieses Muster wird bereits seit 2020 angewendet:
    Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde durch einen Killervirus gefährdet, und den Kritikern ihren Mangel an Solidarität vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. („Pandemie der Impfverweigerer“ usw.)
    Seit Februar 2022 wird es auch wieder auf militärischen Krieg angewendet.

    Nur dass damals die Deutschen die Akteure des Krieges waren und heute Befehlsempfänger der transatlantischen Akteure sind. Das in der Ukraine ist ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und USA. Also um den Krieg zu beenden, müssten Russland und USA zu einem Kompromiss finden.
    Es wäre so einfach, aber da müsste eben nicht nur Russland einen Kompromiss eingehen, sondern USA müsste auch einen Kompromiss eingehen.
    Die Journallie in der BRD sieht das etwas einseitiger, nur Russland solle einen Kompromiss eingehen, USA-Interessen sollen ohne Abstriche durchgesetzt werden. Das sind halt transatlantische Medien, von denen ist nichts anderes zu erwarten.

    Im Übrigen ist seit etwa zwei Wochen in der Ukraine militärisch nicht mehr viel passiert, aber in Syrien und Umgebung passiert wieder geringfügig mehr, nur passt das wohl nicht ganz so ins Bild vom guten Wertewesten und deswegen findet das in den transatlantischen Medien nicht statt, kein Platz vor lauter Ukraine.

  3. Luis 22. Mai 2022 at 18:16Antworten

    Es wird immer und immer wieder auf die permanente Vergangenheit geritten. Sinnlos wie eine Tasse Kaffee ohne Kaffe.

  4. Jens Tiefschneider 22. Mai 2022 at 14:10Antworten

    Sascha Lobo ist grausam dämlich und seine Kommentare laden regelmässig zum Fremdschämen ein. Dabei bedient er die Zielgruppe des ehemaligen Nachrichtenmagazins perfekt, weil der durchschnittliche Spiegelleser Lobo für einen hippen, aufgeklärten Menschen hält – trägt er doch einen pinken Iro! Nichts dergleichen ist er. Wäre er nicht beim Spiegel irgendwie untergekommen, würde er vermutlich Texte für Wurfsendungen verfassen, was sich allerdings vom journalistischen Niveau des Spiegel nicht sonderlich unterscheidet.

  5. Al 22. Mai 2022 at 12:27Antworten

    Tja, was Wunder. In so eine Rolle wie die des Sascha Antipunk-Popper-Lobo kommt man nur, wenn man genau solche Sachen ohne jede Hemmung absondern kann, wie zB „egozentrische Lumpen-Pazifisten“.

  6. Fritz Madersbacher 22. Mai 2022 at 11:22Antworten

    „Ich dachte, die Zeiten hätten wir hinter uns“
    Das barbarisch primitive Kriegsgeheul in Medien und Politik, gleichgeschaltet wie beim Pandemie-Schwindel, erinnerte (und erinnert) an die Kriegshetze zu Beginn des Ersten Weltkriegs (dokumentiert etwa in der „Fackel“ von Karl Kraus), die allgemeine Kriegsbegeisterung und Geistesverwirrung erfasst wie damals besonders „Intellektuellen“ und andere Opportunisten/-innen. Das ist eine sehr gefährliche, auch völlig „unproduktive“ Situation, denn „unsere“ Gesellschaften und Wirtschaften sind gut beraten, kriegerische Abenteuer zu meiden, geschüttelt und zerrüttet von selbstinszenierten „Pandemien“ und sonstigen Hysterien und Hypochondrien, ganz abgesehen von den echten sozialen und wirtschaftlichen Problemen.
    Langsam scheint diese Einsicht ansatzweise zu dämmern, wenn es in der „Tiroler Tageszeitung“ heute (22/05/2022) heißt: „Italien hat unterdessen nach den Worten seines Außenministers einen Plan für eine Friedenslösung im Ukraine-Krieg entwickelt. „Es braucht jetzt eine diplomatische Gegenoffensive“, derzeit versuchten nur einzelne Staaten zu vermitteln, kritisierte der Außenminister. Nun wolle man alle relevanten internationalen Organisationen dazu bringen, mitzuarbeiten“
    Diese „diplomatische Gegenoffensive“ richtet sich vor allem gegen die Kriegstreiber im eigenen Lager, ist bestimmt nicht freiwillig, sondern erzwungen durch die selbst mitverursachte, den eigenen Interessen völlig zuwiderlaufende Situation …

    • J. Th. 22. Mai 2022 at 12:21Antworten

      @Fritz Madersbacher 22. Mai 2022 at 11:22

      Die Zeiten werden wir nur hinter uns lassen können, wenn alle endlich damit aufhören würden die VergangenheitsCassette sich in den Bauch zu schieben.

      • Fritz Madersbacher 22. Mai 2022 at 14:07

        @J. Th.
        22. Mai 2022 at 12:21
        „Those who do not remember the past are condemned to repeat it“ (George Santayana), also etwa: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verdammt, sie zu wiederholen“
        Das sicher nicht 1:1, aber lernen kann man nur aus bereits Vorgefallenem (ohne in ein „Schicksals-Denken“ verfallen zu wollen) …

  7. Justos 22. Mai 2022 at 9:52Antworten

    Fakt ist, dass die Menschen nie aus ihren Fehlern lernen werden. Die Welt ist voller Selbstverblendung. Allen voran die, die Tatsachen verdrehen. Besonders jene Smartphongeneration und Konsumgeneration, Friedensaktivisten, Klimaaktivisten und wie sie sich alle nennen sind für die Misere verantwortlich. Denn jene protestieren für den Frieden aber selbst stiften unruhen auf den Straßen. Statt Protest bitte Handlung. Das bringt viel mehr. Klimaprotest aber Smartphon mit Kettchen als Handtäschen tragen. Lauter Selbstverbledung. Erst bei sich selbst sollte man anfangen zu reflektieren bevor man sich mit Plakaten auf die Straße begibt. Schreien und jammern können sie alle aber die Selbsthandlung bleibt auf der Strecke.
    Die deutsche Sprache hat die schlimmsten Schimpfwörter. Sie werden oft und gern benutzt. Der Rest der wahren Sprache geht unter.

  8. federkiel 22. Mai 2022 at 9:08Antworten

    Die Geschichte lehrte uns so einiges, nur gelernt hat man nichts daraus.

    • Alfons Zitterbacke 22. Mai 2022 at 9:22Antworten

      Mein alter Geschichtelehrer sagte immer: „Die Geschichte lernt uns, dass wir aus der Geschichte nichts lernen“

  9. Elisabeth 22. Mai 2022 at 9:07Antworten

    Mhm, sie sind wieder da …

    Im Zusammenhang mit den Konvois in Kanada gab es auch Journalisten, die alles verbogen haben. Der Wunsch nach „Freiheit“ sei ein zutiefst rechtsdingsbumsener. An ihrem Freiheitsbestreben erkenne man die Nazis etc. – und dies sei darum etwas Verbotenes …

    • Steve Acker 22. Mai 2022 at 12:15Antworten

      Ja. Und jetzt erzählt man uns ständig unsere Freiheit wird grad im Osten verteidigt….

      • Elisabeth 22. Mai 2022 at 13:51

        Ja, Erzählung ist Narrativ ….

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