Vertreibung indigener Völker: San aus Etosha und Massai durch Grzimek und Briten aus der Serengeti

29. April 2026von 5,9 Minuten Lesezeit

Die Kolonialmächte waren sehr aktiv bei der Vertreibung indigener Völker. In Namibia fordert nun das San-Volk den Etosha-Nationalpark und der deutsche Kolonial-Genozid an Herero und Nama ist noch ungesühnt. Grzimeks Vertreibung der Massai aus der Serengeti zeigt das gleiche Muster: „Naturschutz“ als Landraub.

Ein aktueller Bericht von News24 aus Südafrika/Namibia wirft ein grelles Licht auf die dunkle Seite des „Naturschutzes“. Das San-Volk (Ju/’hoansi), eines der ältesten Völker der Menschheit, wurde vor Jahrzehnten aus dem heutigen Etosha-Nationalpark vertrieben, um Platz für Wildtiere und Tourismus zu schaffen. Die Hai//om (Sonderzeichen in Namen stehen für Schnalzlaute) Association verklagt die namibische Regierung auf Rückgabe von Etosha oder 2,8 Billionen N$ (rund 1,44 Billionen Euro) Entschädigung, was ihrer Ansicht nach dem Wert des Etosha-Nationalparks entspricht. Die zweitgrößte San-Gruppe des Landes wurde 1954 von südafrikanischen Kolonialtruppen von ihrem Land vertrieben.

In den beim Obersten Gerichtshof in Windhoek eingereichten Unterlagen fordert die Hai//om-Vereinigung das Gericht auf, zu erklären, dass der 23.150 km² große Park ihnen gehört, ebenso wie das Land, auf dem sich 11 Farmen in Mangetti in der Region Kavango West befinden. Der Vorsitzende der Vereinigung und Hai//om-Führer Jan Tsumib sowie die neun weiteren Antragsteller wollen außerdem, dass das Gericht erklärt, die Gemeinschaft habe „das ausschließliche Nutzungs- und Verwertungsrecht an dem Land“, auf dem der Etosha-Nationalpark 1958 gegründet wurde, mit Ausnahme der Namibia Wildlife Resorts in Okaukejo, Namutoni und Halali. Die Hai//om sind mit 9000 Menschen die größte San-Gruppe in Namibia. Sie lebten jahrhundertelang im Etosha-Nationalpark, bevor sie 1954 von der südafrikanischen Kolonialverwaltung gewaltsam vertrieben wurden. Sie behaupten zudem, Opfer eines Völkermords geworden zu sein.

Die Zeitung fügt hinzu, dass der Kolonialgouverneur von Deutsch-Südwestafrika 1907 über weite Teile des Etosha-Gebiets das Wildreservat Nr. 2 errichtete. Nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im Jahr 1915 verstießen die südafrikanischen Kolonialbehörden gegen ihre internationalen Verpflichtungen gegenüber den Hai//om und begingen zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, darunter„sie als Untermenschen zu behandeln, deren Status kaum besser war als der der in der Wildreservat Nr. 2 geschützten Wildtiere“, und sie institutionalisierter Rassendiskriminierung und Apartheidpolitik auszusetzen. Im Jahr 1954, so heißt es, wurden alle im Reservat lebenden Hai//om, mit Ausnahme von 12 Familien, deren Angehörige dort beschäftigt waren, aufgefordert, das Gebiet ohne Entschädigung und ohne die Bereitstellung von Ersatzland zu verlassen.

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Genozid deutscher Kolonialtruppen unter General Lothar von Trotha

Das ist kein Einzelfall. Es ist Teil eines Musters, das bis in die deutsche Kolonialzeit zurückreicht. Zwischen 1904 und 1908 verübten deutsche Kolonialtruppen unter General Lothar von Trotha im heutigen Namibia den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts: Den Herero- und Nama-Genozid. Schätzungen gehen von bis zu 65.000 getöteten Herero und 10.000 Nama aus – etwa 80 % der Herero-Bevölkerung und 50 % der Nama.

Die Überlebenden wurden in Konzentrationslager gesteckt, wo sie zu Zwangsarbeit gezwungen wurden. Bis heute ist Namibia eines der wenigen Länder, in denen Deutschland offiziell einen Völkermord begangen hat – und bis heute weigert sich Berlin, echte Reparationen zu leisten.

Massai Vertreibung durch Grzimek in der Serengeti

Doch die Vertreibung indigener Völker unter dem Deckmantel des Naturschutzes endete nicht mit der Kolonialzeit. Ein besonders perfides Kapitel schrieb der deutsche Zoologe Bernhard Grzimek – jahrzehntelang Galionsfigur des deutschen Naturschutzes und Autor des Welterfolgs „Serengeti darf nicht sterben“.

In den 1950er- und 1960er-Jahren arbeitete Grzimek eng mit der britischen Kolonialverwaltung in Tanganjika (heutiges Tansania) zusammen, um die Massai aus großen Teilen der Serengeti zu vertreiben. Grzimek vertrat die These, dass Mensch und Wildtier nicht nebeneinander existieren könnten. Mit wissenschaftlicher Autorität und Filmen setzte er durch, dass die Massai aus ihrem angestammten Weideland vertrieben wurden, um den Serengeti-Nationalpark für Tourismus und „reine“ Natur zu „retten“.

Die Parallelen sind offensichtlich:

  • In Namibia wurden Herero/Nama vertrieben und später die San – erst für Kolonialwirtschaft, dann für „Naturschutz“.

  • In der Serengeti wurden die Massai vertrieben – mit aktiver deutscher Beteiligung unter britischer Kolonialherrschaft.

In beiden Fällen diente der „Schutz der Natur“ als ideologisches Feigenblatt für Landraub und Vertreibung indigener Völker. Heute fordern die San in Namibia Reparationen ebenso wie die Herero und Nama. Deutschland zahlt seit Jahren „Entwicklungshilfe“ an Namibia – aber echte Anerkennung des Genozids und echte Rückgabe von Land oder Entschädigung bleiben aus.

Der Fall zeigt die Doppelmoral des westlichen Naturschutzes: In Afrika werden indigene Völker im Namen des „Umweltschutzes“ von ihrem Land vertrieben. Bernhard Grzimek gilt bis heute vielen als Held. In Wahrheit war er Mitgestalter eines kolonialen Landraubs unter grünem Deckmantel.

Britische Kolonialherrschaft in Palästina und die Gründung Israels

In noch größerem Maßstab erleben wir die Vertreibung indigener Bevölkerung in Palästina und den angrenzenden Ländern durch aus Europa, Russland und früheren Sowjetrepubliken zugewanderte Siedler. Britisches Militär eroberte die Region um 1917 vom Osmanischen Reich, wo bis dahin Semiten (=Araber) verschiedenster Religionen völlig friedlich zusammen gelebt hatten.

Wie die geopolitischen Ziele des britischen Kolonialismus, wie sie seit 1904 der britische Gelehrte und Staatsmann Sir Halford Mackinder formuliert hatte, zur Gründung Israels führten hat Alex Krainer kürzlich in diesem Artikel dargelegt: Die Gründung Israels im Jahr 1948 war kaum mehr als ein geopolitischer Schachzug des Britischen Empire. Lange bevor der Holocaust in Nazideutschland stattfand, richtete Sir Arthur Balfour sein berühmtes Memo an Lord Walter Rothschild, das aus irgendeinem Grund als gültige Rechtsgrundlage für die Gründung eines völlig neuen Landes akzeptiert wird. Die wahre Agenda wurde von Mackinder dargelegt:

„Wenn die Weltinsel unvermeidlich der Hauptsitz der Menschheit auf diesem Globus ist und wenn Arabien als Durchgangsland von Europa nach Indien und vom nördlichen zum südlichen Kernland zentral für die Weltinsel ist, dann hat die Bergfestung Jerusalem eine strategische Position in Bezug auf die weltlichen Realitäten, die sich nicht unterscheidet … von ihrer idealen Position aus der Perspektive des Mittelalters oder ihrer strategischen Position zwischen dem alten Babylon und Ägypten.“

Diese Überlegungen wurden von den Mitgliedern von Alfred Milners Round Table in einem im November 1915 im Manchester Guardian veröffentlichten Artikel bestätigt. Sie erklärten, dass „die gesamte Zukunft des Britischen Empire als Seeimperium“ davon abhänge, dass Palästina zu einem Pufferstaat werde, der „von einem zutiefst patriotischen Volk“ bewohnt werde. Man beachte, dass dies vor dem Zweiten Weltkrieg und sogar vor dem sehr wichtigen Balfour-Memorandum geschah.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇

Fotos: pfm

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10 Kommentare

  1. Jurgen 30. April 2026 um 10:33 Uhr - Antworten

    Und dann wundert man sich, dass auch Massai unter den Separatisten in Mali kämpfen?

  2. Frank59 29. April 2026 um 21:13 Uhr - Antworten

    Es ist erschreckend, wie früh Rassismus in verschiedenen Formen gehandhabt bzw. vollzogen wurde auf Grund von allerlei möglichen Ausreden – jeder Mensch ist etwas Besonderes mit all seinen positiven, aber auch negativen Seiten, die wir alle haben und NIEMAND hat das Recht, sich über den anderen zu erheben oder zu bestimmen, wer leben darf oder nicht – bitte vergessen wir alle das nicht – NIE MEHR!!

  3. Jakob 29. April 2026 um 16:34 Uhr - Antworten

    Grzimek – Ein weiterer Held meiner Jugend demontiert!
    Die gehen mir langsam aus. 😪

    • Patient Null 30. April 2026 um 7:56 Uhr - Antworten

      Man wird leider davon geprägt was in den Medien kommt, auch wenns falsch ist hält mans für richtig.
      Einige haben das leider zugut verstanden…

    • Jurgen 30. April 2026 um 10:35 Uhr - Antworten

      Ich habe leider schon damals überhaupt keine Vorbilder gefunden in meiner Jugend.

  4. Glass Steagall Act 29. April 2026 um 13:18 Uhr - Antworten

    Dann sollen sie doch die Ureinwohner wieder in die Serengeti lassen. Wo liegt das Problem? Die Tiere wird es kaum stören.

    • Gabriele 29. April 2026 um 15:32 Uhr - Antworten

      Die meisten sind Nomaden und haben Vieh, müssten also umherziehen – das stört.
      Im Norden Europas, aber auch in Russland ist man dabei die letzten Rentierherden und ihre Besitzer zu ruinieren – und warum? Natürlich wie immer: Gier nach Bodenschätzen, Bau von Pipelines etc.
      Die USA fragen, die wissen seit jeher am besten, wie man da „aufräumt“…

      • Glass Steagall Act 29. April 2026 um 23:02 Uhr

        Normalerweise gehen Ureinwohner gut mit ihrem Land um. Schließlich sind es Ureinwohner, die schon seit Generationen ihr Wissen an ihre Nachkommen weiter geben. Sie sind auf eine richtige Balance zwischen Mensch und Natur angewiesen. Wenn sie schlecht haushalten, werden sie nicht lange überleben! Einen gewissen Viehbestand wird das Land schon vertragen. Nur der später hinzugezogen Fremde meint immer, alles besser zu wissen!

      • Gabriele 30. April 2026 um 8:27 Uhr

        Ich würde so weit gehen und sagen, man hätte niemals je einen Weißen nach Afrika lassen dürfen… und auch in Amerika haben die „Entdecker“ all den Schaden angerichtet.
        Vielleicht sollte man die Kontinente einzäunen, damit sich endlich jeder um seinen eigenen Kram kümmert und jedes Volk die Chance hat, sich selbst zu entwickeln, auch wenn es lange dauert.

      • Jurgen 30. April 2026 um 10:37 Uhr

        @Gabriele: eigentlich müsste man statt einzäunen nur den Schiffbau verbieten… das wäre deutlich preiswerter in der Umsetzung.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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