
Neue Offensiv-Strategie des Iran? Teheran stellt die Weichen auf härtere Gegenmaßnahmen
Mit der Ernennung von General Mohsen Rezai an die Spitze des Obersten Nationalen Sicherheitsrats signalisiert Iran einen strategischen Kurswechsel. Weniger Geduld, mehr proaktive Abschreckung – und die Golfmonarchien stehen im Visier.
Mohsen Rezaei: Ein Mann, der den Krieg kennt
Der neue starke Mann im Sicherheitsapparat Teherans ist kein gewöhnlicher Politfunktionär. Rezaei führte die Revolutionsgarden (IRGC) von 1981 bis 1997 durch den Iran-Irak-Krieg und baute aus einer kleinen Miliz mit leichten Waffen die schlagkräftige Organisation, die heute als die militärische Macht im Nahen Osten gilt. Wie Professor Mohammad Marandi in dem Interview ausführlich erläutert, bringt Rezaei zudem einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften mit und war wirtschaftspolitischer Stellvertreter von Präsident Raisi.
Das Entscheidende: Rezaei ist kein Mann der diplomatischen Zurückhaltung. Seine öffentliche Haltung gegenüber den USA und Israel ist deutlich konfrontativer als die seines Vorgängers Zolghadr.
Konkrete Anzeichen einer härteren Linie
Mehrere aktuelle Entwicklungen untermauern den Eindruck eines Kurswechsels:
- Präsident Masoud Pezeshkian erklärte, Iran müsse Fähigkeiten erwerben, die Feinde von Angriffen abschrecken. Ob damit auch nukleare Optionen gemeint sind, bleibt offen, fügt sich aber in die neue Rhetorik. So Elijah J. Magnier auf X
- Der Oberbefehlshaber der iranischen Armee, General Amir Hatami, setzte eine Belohnung von 30.000 US-Dollar für die Gefangennahme oder Tötung amerikanischer Soldaten aus – doppelt so viel, wenn der Täter eine Frau ist, berichtet Faytuks Network auf X.
- Professor Marandi selbst warnte Katar öffentlich: Das Emirat halte drei iranische Kampfpiloten als Geiseln, die bei Angriffen auf feindliche Ziele eingesetzt worden seien. Sollte Katar sie nicht bald freilassen, werde das iranische Volk eine harte Bestrafung des Regimes verlangen. Alon Mizrahi auf X interpretierte dies als klare Warnung an Doha vor dem nächsten Eskalationsschritt.
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Die USA: Eingemauert in eine aussichtslose Lage
Die strategische Analyse, die Marandi im Interview ausführt wird durch die Entwicklungen vor Ort bestätigt. Die USA haben sich in eine Position manövriert, aus der es keinen überzeugenden Weg zum Sieg und keinen gangbaren Weg zum Frieden gibt:
- Militärisch: Die amerikanischen Waffenbestände schrumpfen dramatisch – ein Skandal, der in den USA selbst zunehmend thematisiert wird. Der Ukraine-Krieg hat die Arsenale geleert, während der Iran seine Raketen- und Drohnenproduktion im laufenden Krieg weiter ausbaut.
- Politisch: Trump kann die unterzeichneten Dokumente (das Memorandum of Understanding) nicht umsetzen. Ein formeller Verzicht auf die Kontrolle der Straße von Hormuz, die Freigabe iranischer Vermögenswerte und Reparationszahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe sind für Washington politisch unmöglich. Trump hat sie allerdings mit seiner Unterschirft zugesagt – aber wie versprochen so gébrochen, wie dies die USA seit 1945 tun.
- Rhetorisch: Trumps Ankündigungen – die Straße von Hormuz sei „US-Territorium“, Iran werde „ausgelöscht“ – werden mit jedem Tag absurder und entlarven die Verzweiflung hinter der Fassade.
Wie Marandi bemerkt: „Es scheint, als würden die allgemeinen Politiken der USA von den Iranern selbst entworfen – sie treffen die schlechtestmöglichen Entscheidungen.“
Jemen: Die unterschätzte Regionalmacht
Der entscheidende neue Faktor ist die Expansion der Widerstandsfront. Während die ersten fünf Kriegsmonate im Wesentlichen ein Duell Iran gegen die US-geführte Koalition waren, hat sich das Schlachtfeld nun regionalisiert.
Die Huthi-Bewegung im Jemen hat die saudische Aggression – insbesondere den Angriff auf den internationalen Flughafen von Sanaa – zum Anlass genommen, eine Gegenblockade gegen Saudi-Arabien zu verhängen. Öl-Anlagen und -Infrastruktur des Königreichs werden mit verheerender Präzision getroffen. Wie Berichte zeigen, ist die Lage für Riad zunehmend unkontrollierbar.
Der entscheidende Punkt: Die gleichzeitige Schließung der Straße von Hormuz und der Bab al-Mandab-Straße würde den Druck auf die Weltwirtschaft exponentiell erhöhen. Die Route durch das Rote Meer trägt schätzungsweise 12 bis 15 Prozent des Welthandels, Hormuz etwa ein Fünftel der globalen Ölversorgung. Beide Wasserwege gleichzeitig zu blockieren, ist ein wirtschaftlicher Albtraum, den westliche Planer offenbar nie ernsthaft in Betracht gezogen haben – ein weiteres Beispiel für das systematische Versagen westlicher Geheimdienste, die iranische und jemenitische Fähigkeiten massiv unterschätzt haben.
Die neue Offensiv-Doktrin
Die Ernennung Rezaeis markiert den Übergang von der reaktiven Vergeltung zur aktiven Offensive. Bisher galt: Wenn die USA zuschlugen, schlug Iran härter zurück – eine Eskalationsspirale, die Washington nicht gewinnen konnte. Doch Rezaeis Ansatz geht weiter:
- US-Marineziele stehen nun explizit auf dem Tisch, sollte Washington die wirtschaftliche Kriegsführung eskalieren.
- Golf-Monarchien, die US-Basen beherbergen, müssen mit entschlossenen Schlägen rechnen.
- Israel wird mit deutlich präziseren Raketen konfrontiert, deren Treffgenauigkeit sich seit „True Promise 1″ dramatisch verbessert hat. Die überragenden Fähigkeiten der iranischen Fatah-Rakete hat der Physiker, MIT-Professor und Pentagon Berater Ted Postol ausführlich analysiert wie hier beschrieben. Abwehr dagegen gibt es keine, zumindest im Westen.
Die iranische Raketen- und Drohnenproduktion läuft auf Hochtouren, neue unterirdische Basen entstehen, die Kommandozentralen wurden verlegt. Das Land bereitet sich – wie Marandi bestätigt – auf einen langen Krieg vor, notfalls bis zum Ende von Trumps Amtszeit.
Saudi-Arabien: Ein Königreich am Abgrund
Die Parallelen zwischen Mohammed bin Salman und Donald Trump sind frappierend. Beide sind von Jasagern umgeben, beide erhalten ihre Geheimdienstinformationen von denselben fehlerhaften Quellen, beide haben die Fähigkeiten ihrer Gegner katastrophal unterschätzt.
Saudi-Arabien hat hunderte Milliarden Dollar in den Jemen-Krieg und gescheiterte Megaprojekte wie NEOM versenkt. Die finanziellen Reserven, auf die Trump für seine KI-Pläne spekulierte, schwinden. Riad sitzt in der Falle: Der Konflikt mit dem Jemen ist nicht gewinnbar, aber ein Rückzug würde das Gesicht des Kronprinzen endgültig zerstören.
Während die VAE offenbar bereits versuchen, sich mit Geldzahlungen an Iran freizukaufen, bleibt Saudi-Arabien in einer selbstverschuldeten Eskalationsfalle gefangen. Die jüngsten Entwicklungen aus der Region bestätigen diesen Trend.
Der Zerfall der westlichen Deutungshoheit
Der vielleicht bedeutendste Aspekt dieses Krieges ist der endgültige Zusammenbruch der westlichen Soft Power. Die USA haben ihre Kriege jahrzehntelang als „humanitäre Missionen“ verkauft – von Korea, Vietnam zu Serbien und über Irak bis Libyen. Diese Erzählung ist tot.
Wenn Trump offen davon spricht, die Straße von Hormuz zu „amerikanischem Territorium“ zu machen und Iran „auszulöschen“, während parallel der Völkermord in Gaza weiterläuft und die USA die Vermögenswerte Venezuelas stehlen – dann sehen die Menschen weltweit, was hinter der Fassade steckt. Die Heuchelei und offenen Lügen sind nicht mehr zu übersehen.
Wie Marandi analysiert: Selbst zehn Obamas könnten diesen Imageschaden nicht mehr reparieren. Der Rest der Welt weigert sich zunehmend, die Einteilung in „zivilisatorische Lehrer“ und „Schüler“ zu akzeptieren. Die Meldungen aus der Region zeigen, dass dieser Prozess unumkehrbar geworden ist.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Völlig irrationale Fehlentscheidungen sind keine Domäne einer bestimmten Nation, sie kennzeichnen den Niedergang unseres aktuellen Systems: NEOM, Iran-Krieg, Krieg der NATO gegen Russland, KI, SpaceEx, Energiewende, Massenimmigration der Unqualifizierten – Billiarden werden vernichtet.
Die Eskalation kommt gerade in dem Moment, in dem Trump Zustimmung für die Zwischewahlen am 4.11. braucht. Dass die Amis die Harris-Partei wählen, damit diese dem Iran die Kapitulation anbietet, ist eher nicht zu erwarten.
Nach meinem Verständnis entspricht die Hormussperre einer Besteuerung Europas durch die USA, da die Preise auf 150 USD pro Barrel steigen werden und Europa keine andere Wahl hat, als kanadisches Öl teuer aus den USA zu beziehen. Die Europäer lieben ja jede Selbstschädigung! Und Trump pimpt damit die Außenhandelsbilanz.
Trump hat gar kein Interesse an einer Deeskalation! Moralische Zurufe aus Meidling werden ihn auch kaum interessieren. Dass die USA dem Iran militärisch hoffnungslos unterlegen sind, glaube ich gerne nach dem 4.11. Bis dahin denke ich, der Krieg hat noch nicht einmal angefangen.
Na bitte – möge noch wer behaupten, im Islam sei eine Frau weniger wert von einem Mann…
Im Bösen Medium gibt es heute den dritten Teil des Artikels „Keine Alternative zum kompletten US-Rückzug aus Mittlerem Osten“ von Rainer Rupp. Es scheint, in „Foreign Affairs“ sieht man die aktuellen Kriege kritisch, was viel Gewicht haben dürfte.
Die Erde dreht sich zwar nicht, dennoch bewegt sich etwas in Richtung, Gerechtigkeit, Recht (Rechts).