
Haben USA gerade den Grundstein für Kooperation von China und Indien gelegt?
„Es wird US-Sanktionen, Zölle, allerlei Einschränkungen geben, UM NICHT ZU ERLAUBEN, dass Indiens Wirtschaft wächst“. Aussagen indischer Sicherheitsexperten und die verstärkten US‑Export‑ und Wirtschaftssanktionen gegen strategische Konkurrenz schaffen Druck, der Indien dazu treiben kann, Teile seiner Rivalität mit China pragmatisch zu überdenken. Das Ergebnis wäre weniger ein vollwertiges Bündnis, sondern gezielte, taktische Kooperationen — womöglich auch ein Ende Indiens zurückhaltender Haltung innerhalb von BRICS, die New Delhi lange als Signal an die USA verstanden hat.
Der Grund für die These eines möglichen Endes der Bremspolitik Indiens in BRICS ist die offene Äußerung von US-Politikern bzw. Beamten, dass man „mit Indien nicht den gleichen Fehler machen werde wie mit China“. Der frühere Chef des indischen Auslandsgeheimdienstes R&AW, Vikram Sood, warnte kürzlich öffentlich davor, dass Indien „keine Hilfe bekommen“ werde und man zunehmend auf sich allein gestellt sei — ein Kommentar, der in Indien Debatten über strategische Autonomie und die Rolle externer Partner anheizt (siehe Vikram Sood: Podcastauftritt, z. B. Bharatvaarta). Von Afhin Rattansi im entscheidenden Ausschnitt wurde die Aussage des US-Vertreters über Twitter verbreitet (Titelfoto).
Parallel haben die USA in den letzten Jahren gezielte Exportkontrollen und Technologie‑Restriktionen (insbesondere gegen China im Bereich Halbleiter/Advanced Computing) deutlich verschärft. Diese Maßnahmen sollen Chinas Zugang zu Spitzentechnologie beschränken und sind dokumentiert in Mitteilungen des US‑Commerce‑Departments / Bureau of Industry and Security. Ähnliche Beschränkungen drohen auch Indien.
Warum diese Politik Indien und China zusammenrücken lassen könnte
- Gemeinsame Externalität: Wenn die USA offen eine Politik verfolgen, die Wachstum oder Technologiefortschritt rivalisierender Großmächte bremsen will, entsteht für Drittstaaten wie Indien eine gemeinsame Externalität: beide sehen sich mit denselben Handlungszwängen in globalen Lieferketten, Technologiezugang und Finanzströmen konfrontiert. Das kann Kooperationsimperative schaffen, etwa bei Rohstoffsicherung, Infrastrukturprojekten oder bestimmten Produktionsketten.
- Strategische Autonomie als treibende Idee: Indiens außenpolitische DNA betont strategische Autonomie. Wenn Washington signalisiert, dass ökonomische Vorteile kontrolliert und bei Bedarf entzogen werden, gewinnt die Idee an Gewicht, eigene Kapazitäten aufzubauen — und solche Kapazitätsbildung lässt sich in einigen Bereichen effizienter zusammen mit dem größten direkten Nachbarn und Wettbewerber erreichen: China.
- Narrativischer Effekt: Öffentliche Äußerungen von US‑Offiziellen (oder einflussreichen indischen Experten, die solche Äußerungen hervorheben) verstärken innenpolitisch die Wahrnehmung, dass das Blinken Richtung USA nicht automatisch sicheren Wachstumsschutz bietet. Aussagen wie Soods „wir sind auf uns allein gestellt“ wirken als Katalysator für pragmatische Neuorientierungen.
Wahrscheinliche Felder für pragmatische Kooperation
- Wirtschaftliche Diversifizierung: gemeinsame Projekte in Rohstofflieferketten, Hafen‑ und Logistikinfrastruktur, oder koordinierte Lieferketten in Bereichen, in denen gegenseitige Interessen überwiegen.
- Multilaterale Räume: Koordination in Foren wie BRICS, Entwicklungsbanken oder Klimakooperationen, wo beide Seiten Vorteil aus Abstimmungen ziehen.
- Spezifische industrienahe Kooperationen: z. B. in weniger sensiblen Fertigungssegmenten und Handelsabkommen, die kurzfristig Wirtschaftswachstum fördern.
Wahrscheinlichere Grenzen:
- Militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit bleibt begrenzt: Grenzkonflikte und tiefes Misstrauen (z. B. chinesisch‑pakistanische Verflechtungen) stehen dagegen.
- Technologie‑ und sicherheitsrelevante Sektoren: Dort ist eine Kooperation unwahrscheinlich, solange die USA ihre Exportkontrollen streng halten.
Die BRICS‑Frage
War Indiens Bremspolitik nur ein Schachzug gegenüber den USA — und ist sie jetzt überwunden? Historisch hat Indien in BRICS und ähnlichen Foren zeitweise zurückhaltend agiert, um keine zu enge Konfrontation mit den USA zu provozieren oder um die Sorge vor Entfremdung westlicher Investoren zu mindern. Dieses „Bremsen“ war teilweise als außenpolitisches Signal an Washington zu verstehen: Wir kooperieren, aber nicht so weit, dass westliche Partnerschaften gefährdet werden.
Wird diese Bremspolitik nun aufgegeben?
- Kurzfristig: Wahrscheinlich nicht vollständig. Indien wird weiterhin versuchen, die Vorteile aus Beziehungen zu Westmächten (Technologie, Investitionen, Verteidigungskooperation) zu wahren. Ein abrupter Kurswechsel könnte ökonomische und sicherheitspolitische Kosten nach sich ziehen.
- Mittelfristig: Möglich ist eine graduelle Lockerung des Bremspedals in BRICS‑Settings — nicht aus ideologischer Nähe zu China, sondern aus pragmatischen Erwägungen. Wenn US‑Maßnahmen Indiens ökonomischen Handlungsspielraum einschränken, könnte New Delhi BRICS‑Plattformen stärker nutzen, um alternative Finanzierungs- und Kooperationsmöglichkeiten (Infrastrukturfinanzierung, Technologietransfer in unkritischen Bereichen) zu fördern. Das wäre ein taktisches, nicht normatives Umsteuern.
- Langfristig: Indien strebt weiterhin strategische Autonomie an. Sollte Washington dauerhaft restriktive Linien fahren, wird New Delhi schrittweise stärker mit anderen Global South-Akteuren kooperieren — BRICS bleibt dafür ein geeigneter Rahmen. Aber: Ein vollständiges „Alignement“ mit China ist unwahrscheinlich; vielmehr ist mit einer Mischung aus selektiver Kooperation und restriktiver Distanz zu rechnen. Aber zumindest wird das Kriegsrisiko zwischen den beiden Großmächten reduziert, und die bisherige „teile und herrsche“ Politik der USA wird weniger erfolgreich sein.
Politische Implikationen für New Delhi
- Die indische Balancepolitik bleibt zentral: Indien wird versuchen, großtechnische Autonomie (z. B. im Halbleiterbereich) voranzutreiben, während es kritische wirtschaftliche Beziehungen zum Westen pflegt.
- Aktive Nutzung multilateraler Plattformen: BRICS, G20 und regionale Foren werden verstärkt als Werkzeuge zur Risikostreuung und zu Verhandlungsgewinnen genutzt.
- Domestic build‑up: Investitionen in inländische Produktion, kritische Infrastruktur und Diversifizierung von Handels‑/Technologiepartnern werden Priorität haben. Allerdings fehlen Indien die staatlichen Werkzeuge Chinas, um Oligarchen entsprechend zu „führen„.
Die Eindämmungspolitik Chinas mit Hilfe Indiens wird schwächer
Wenn die USA auch Indien von Hochtechnologie abschneiden, könnte sich sehr schnell eine Kooperation zwischen China und Indien auf dem Gebiet ergeben, und Indien von den Forschungsergebnissen Chinas profitieren. Wenn in nächster Zeit wieder Grenzzwischenfälle auftreten, darf man ahnen, welche Gründe die haben.
Innenpolitische und geopolitische Zwänge: Wachsende wirtschaftliche Eigeninteressen Indiens, höhere Kosten westlicher Abhängigkeit und Druck aus Global South‑Kooperationen (BRICS) dämpfen die bisherige Bereitschaft, als Instrument gegen China zu fungieren. Dem kommt Chinas strategische Anpassung entgegen: Peking stärkt Land‑/See‑Kapazitäten, hybride Einflussinstrumente und Beziehungen zu Nachbarn, um Gegenmaßnahmen zu neutralisieren.
Wahrscheinliches Ergebnis (Kurzprognose)
Mittel‑ bis kurzfristig bleibt Indien ein sehr nützlicher Partner für US‑Eindämmungsstrategien in maritimen, diplomatischen und sicherheitsrelevanten Bereichen — aber nicht als „willfähriger Verbündeter“ wie z.B. Deutschland. Es ist schwer vorstellbar, dass Indien sich derzeit in einen Krieg gegen China instrumentalisieren lässt, was grundsätzlich einer regionalen Entspannung gleichkommt.
Langfristig verschiebt sich das Gleichgewicht: Wenn US‑Politik Indien dauerhaft wirtschaftlich benachteiligt (z. B. durch umfassende Technologie‑Exklusion), wird New Delhi seine Optionen diversifizieren — stärkere pragmatische Annäherung an China in Wirtschaftsfragen, intensivere Nutzung von BRICS‑ und Global‑South‑Instrumenten, zugleich Beibehaltung sicherheitspolitischer Kontakte zum Westen. Ergebnis: teilweises, feldspezifisches Containment bleibt möglich; umfassende Einkreisung unwahrscheinlich.
Was das für die Region bedeutet (konkret)
Mehr „adversarial cooperation“: Kooperation mit China dort, wo ökonomisch sinnvoll; verstärkte Sicherheitskooperation mit USA dort, wo Grenzsicherheit und maritime Interessen dominieren, aber auch stärkeres Engagement in der SZO, der Shanghai Cooperation Organisation (SCO). Ein Forum, in dem sich zunehmend der Dialog zwischen China und Indien, aber auch Indien und Pakistan entwickeln dürfte. Folge: Entspannung sinkende Kriegsgefahr, weniger Möglichhkeiten von teile und herrsche durch die USA. Die Konkurrenz um Einfluss in Südasien bleibt natürlich hoch: Pakistan, Sri Lanka und Inselstaaten werden Ziel aktiver Diplomatie von China und Indien, aber gemeinsam in Konkurrenz mit den USA. BRICS und alternative Finanzinstrumente gewinnen an Bedeutung als Gegengewicht zu westlicher Dominanz.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Trumps Zölle helfen bei Beilegung des Konflikts Indien mit China
Das WSJ beschwert sich darüber, dass China der Welt hilft, sich gegen US-Sanktionen zu wehren
Der größte bekannte Datendiebstahl aus China
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.