
Der Krieg gegen den Iran ist nicht vorbei, ebensowenig die Folgen für Europa
US-Angriffe, ein brüchiges Abkommen und die fortgesetzte Zerstörung in Libanon und Gaza lassen die Hoffnungen schwinden, dass die drohende Wirtschaftkrise nicht verstärkt wird. Vielmehr müssen wir in Europa damit rechnen, dass alles noch schlimmer wird, weil die globale Wirtschaft durch den Krieg Israels und der USA gegen den Iran noch verstärkt leiden wird.
Die USA setzen ihre Luftangriffe auf den Iran fort – selbst nachdem Washington und Teheran am 17. Juni 2026 das Islamabad-Memorandum of Understanding unterzeichneten, ein 14-Punkte-Rahmenabkommen, das einen 60-tägigen Waffenstillstand verlängert und die Straße von Hormus wiederöffnen soll. Trump rechtfertigt die Angriffe, Vize-Präsident JD Vance – einst als Kritiker von Auslandsabenteuern gehandelt – tut es ihm gleich. Die Formel ist einfach: Der Iran wehrt sich mit verhältnismäßig schwachen Gegenangriffen, die USA nehmen ihn Stück für Stück auseinander. Eine Politik des Krieges auf kleiner Flamme, die im Westen kaum als das benannt wird, was sie ist. Aber auch ein Krieg der jederzeit wieder voll aufflammen kann, und, Analysten zufolge, wird. Sie weisen darauf hin, dass die US-Nachschubflüge in den letzten Wochen waren so hoch wie noch nie, selbst nicht während der großen Golfkriege gegen den Irak. Was in keiner Weise dem Geist des MoU entspricht.
Für eine neue Welle von Bomben und Zerstörung spricht auch eine Äußerung des israelischen Minister Zohar, der erklärte, dass Israel den Iran erneut angreifen werde, falls das Land sein angereichertes Uran nichtübergibt. Was natürlich überhaupt nicht mit dem MoU in Einklang steht.

Das brüchige Abkommen und seine Verletzungen
Das Islamabad-Memorandum wurde am 17. Juni von Trump beim G7-Gipfel im Schloss Versailles und von Irans Präsident Masoud Pezeshkian in Teheran unterzeichnet. Es sieht vor: Ende der militärischen Operationen auf allen Fronten einschließlich Libanon, die Aufhebung der US-Seeblockade iranischer Häfen, die gebührenfreie Durchfahrt durch die Hormusstraße für 60 Tage sowie Sanktionserleichterungen. Kernfragen – das iranische Atomprogramm, die Raketenkräfte, das Netzwerk regionaler Verbündeter – wurden auf Folgeverhandlungen vertagt.
Die Tinte war kaum trocken, als die nächste Eskalationsrunde begann. Am 25. Juni griff die Iranische Revolutionsgarde (IRGC) das Containerschiff M/V Ever Lovely mit einem Kamikaze-Drohnen an, das die Hormusstraße via omanischer Küstenlinie nach Ermunterung durch die USA passierte – eine Route, die Iran nicht akzeptiert. Die USA schlugen zurück: US CENTCOM meldete Angriffe auf iranische Raketendepots, Drohnenlager, Luftabwehrsysteme, Überwachungsinfrastruktur und Küstenradaranlagen. Am 26. Juni wiederholte sich das Muster: Iran traf den Panama-Tanker M/T Kiku mit Qatarischem Öl an Bord, die USA antworteten mit weiteren Luftschlägen. Es war die dritte derartige Angriffswelle in drei Wochen. Trump schrieb auf Truth Social, Iran möge „das nie lernen“, und drohte: „The Islamic Republic of Iran will no longer exist!“ Iran feuerte daraufhin ballistische Raketen und Drohnen auf US-Militärbasen in Kuwait und Bahrain ab. US-Angaben zufolge gab es keine nennenswerten Schäden oder Opfer.
Aber in einem Videogespräch von Danny Haiphong am 28. Juni wird nicht nur erklärt, dass die USA nicht fähig sind, Verträge einzuhalten, weil das Land eindeutig gegen den MoU verstößt, sondern auch, dass der Weg noch lange ist, möglicherweise wie bei anderen Konflikten, z.B. dem Koreakrieg oder dem Vietnamkrieg, bis es zu einem haltbaren Einfrieren der Kriegshandlungen kommt.
Irans IRGC sieht die Vorwürfe ebenfalls umgekehrt: Der „Senior-Berater“ Mohsen Rezaei erklärte, die USA hätten Artikel 1 des Memorandums verletzt, indem sie Israels Aktionen in Libanon weiterhin unterstützen, und Artikel 5, indem sie die Lage in der Hormusstraße weiter anheizten. Die britische UKMTO – die militärische Seefahrtsicherheitsbehörde – meldete am 27. Juni zusätzlich ein geschädigtes Tankschiff nahe der omanischen Küste.
Vance: Der Anti-Kriegs-Politiker, der keiner ist
JD Vance wurde im US-Wahlkampf von manchen als Gegenpol zum Neocon-Establishment vermarktet. Die Realität der vergangenen Wochen zeigt ein anderes Bild. Vance leitete die 300-köpfige US-Delegation bei den Islamabad-Verhandlungen und kündigte das Memorandum am 15. Juni an. Zugleich postete er auf X, als Iran erneut Schiffe angriff: „Wenn sie Meinungsverschiedenheiten darüber haben, wie die Absichtserklärung angewendet wird, können sie zum Telefon greifen. Aber Gewalt wird mit Gewalt beantwortet werden.“ Das ist keine Friedenspolitik. Das ist eine Kriegspolitik mit diplomatischer Tarnfarbe. Wer glaubt, Vance oder irgendjemand sonst in der Trump-Administration sei strukturell gegen US-Militärinterventionen, sollte die Fakten sprechen lassen.
Libanon: Abkommen auf dem Papier, Krieg in der Praxis
Das Islamabad-Memorandum verpflichtet nominell zur Einstellung der Feindseligkeiten „auf allen Fronten einschließlich Libanon“. Israel erklärte es von Anfang an für nicht bindend. Verteidigungsminister Israel Katz betonte, die IDF werde „auf absehbare Zeit“ im besetzten Südlibanon bleiben – solange Hisbollah nicht entwaffnet sei. Tatsächlich hörte man von wichtigen Ministern, dass man niemals gedenke abzuziehen. Nicht umsonst habe man Infrastruktur und Wohnungen zerstört. Libanesen sollten auf ewig daran gehindert werden, in ihre Dörfer zurückzukehren.
Netanyahu nannte einen von den USA vermittelten Rahmenvertrag vom 27. Juni „ein historisches Ergebnis für Israel“, weil er de facto die dauerhafte Pufferzonen-Präsenz legalisiert. TKP berichtete darüber.
Seit Beginn des neuen Libanon-Krieges am 2. März 2026 sind nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums über 4.000 Menschen getötet worden, mehr als eine Million wurden vertrieben – über 20 Prozent der Bevölkerung. Die israelische Armee, die mit der 36., 91., 98., 146. und 162. Division einmarschiert ist, hat große Teile des Südens besetzt und Ortschaften wie Bint Jbeil mit Luftschlägen, Artillerie und – laut Berichten – Weissem Phosphor belegt. Felder wurden durch Glyphosat verseucht. 200.000 vertriebene Libanesen aus der Pufferzone werden laut Katz „nie zurückkehren“ dürfen.
Der am 27. Juni unterzeichnete US-Israel-Libanon-Rahmenvertrag – verhandelt ohne Hisbollah-Beteiligung – knüpft einen israelischen Truppenabzug an die vollständige Entwaffnung der Hisbollah. Hisbollah-Chef Naim Qassem erklärte den Vertrag umgehend für „null und nichtig“. Unterstützer blockierten Straßen in Beirut. Noch am selben Tag meldete die libanesische Staatsagentur einen israelischen Drohnenangriff nahe Nabatieh. Es ist eine bekannte Schablone: Papier-Waffenstillstand, Krieg im Gelände.
Israel besetzt nach eigenen Angaben und Berichten von UNRWA nun rund 20 Prozent des libanesischen Staatsgebiets. Verteidigungsminister Katz hatte schon im März eine „Sicherheits- und Pufferzone“ im Südlibanon ausgerufen und angekündigt, Israel werde die Bedrohung „genauso eliminieren wie in Gaza“ – einschließlich Abriss von Häusern. Die Hisbollah ist für Iran zentraler Teil eines regionalen Verteidigungsverbunds. Angriffe auf sie dienen der militärischen Isolierung Irans – und, nach Überzeugung vieler Beobachter, der Schaffung dauerhafter israelischer Kontrollzonen über der Grenze.
Gaza: Die gelbe Linie rückt vor
Während der Blick auf den Iran gerichtet ist, setzt Israel in Gaza ein anderes Instrument ein: schleichende Raumnahme. Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben inzwischen rund 65 Prozent des Gazastreifens unter militärische Kontrolle gebracht – markiert durch die sogenannte „Gelbe Linie“, die fortlaufend nach Westen verschoben wird. Zementblöcke markieren die neue Grenze, dahinter werden Bevölkerungen vertrieben. UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher formulierte es vor dem Sicherheitsrat am 18. Juni 2026 präzise:
Fletcher vor dem UN-Sicherheitsrat: „Zu viele Palästinenser werden in einen immer kleiner werdenden Landstreifen gedrängt. Ihr Leben wird von der Demütigung geprägt, die durch die sich ständig verschiebenden gelben und orangen Linien entsteht, die festlegen, wo sie Zuflucht suchen können.“
Laut UNRWA-Lagebericht Nr. 225 vom Juni 2026: Israelische Truppen rückten in mehrere Gebiete vor und verkleinerten damit den humanitären Raum weiter. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden laut Gesundheitsministerium Gaza 72.980 Palästinenser getötet und 170.000 verletzt. Kein einziges Krankenhaus ist vollständig betriebsfähig. 70 Prozent der Bevölkerung hängen von Wassertransporten ab, die durch Finanzierungslücken gefährdet sind. Die israelische Regierung hat laut UNRWA angeordnet, die militärische Kontrolle auf bis zu 70 Prozent des Gazastreifens auszudehnen.
Der historische Vergleich, den der Ausgangstext anstellt – mit der Verdrängung der indigenen Bevölkerung durch europäische Siedler bei der Besiedlung Nordamerikas –, ist eine sich aufdrängende politische Interpretation. Er findet sich auch in der akademischen und menschenrechtlichen Debatte, u. a. in Berichten des UN Special Committee on Palestinian Rights, die von „Maßnahmen, die darauf abzielen, die demographische Zusammensetzung des besetzten palästinensischen Gebiets zu verändern“, sprechen.
Die strukturelle Logik: Hisbollah als Schutzschild Irans
Die Hisbollah ist kein isolierter Akteur, sondern Teil der „Achse des Widerstands“ – Irans regionalen Verteidigungsverbunds, der auch Hamas, die Houthis und proiranische Milizen im Irak umfasst. Die Wikipedia-Chronik des Libanon-Krieges 2026 bestätigt: Iran erklärte die Einbeziehung Libanons zur Bedingung für jeden Waffenstillstand mit den USA. Israel bestritt dies und setzte seine Operationen fort. Die Angriffe auf Hisbollah schwächen Irans regionale Abschreckungsfähigkeit – das ist militärstrategisch unstrittig.
Ob das Endziel „Groß-Israel“ ist – also eine gezielte territoriale Expansion weit über den Gazastreifen, die Shebaa-Farmen und süd-syrische Pufferzonen hinaus –, ist eine politische Frage, über die unter Historikern, Analysten und Diplomaten gestritten wird, obwohl sie von Ministern der israelischen Regierung ganz offen ausgesprochen wurden. Dass Israel faktisch Teile Südlibanons kontrolliert (Shebaa-Farmen seit 1967 besetzt, neue Pufferzone seit 2026), den Golan annektiert hat (1981, US-Anerkennung 2019) und im Westjordanland eine flächendeckende Siedlungsstruktur unterhält, ist dokumentiert. Die Interpretation dieser Fakten als Teil eines expansionistischen Gesamtprojekts bleibt umstritten.
Europas Rolle: Beifallklatscher, kein Gegengewicht
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßte laut Wikipedia das Israel-Libanon-Waffenstillstandsabkommen vom April 2026 als wichtigen Schritt zur Gewährleistung humanitärer Hilfe. Strukturelle Kritik an der US-israelischen Kriegführung ließ die EU-Spitze vermissen. Frankreich und Deutschland haben die Islamabad-Gespräche diplomatisch begrüßt – ohne die fortgesetzten Verstöße öffentlich zu rügen. Die Analogie des Ausgangstexts zur europäischen Komplizenschaft bei der Vertreibung indigener Völker mag polemisch klingen. Sie verweist jedoch auf eine strukturelle Kontinuität: Europäische Mächte haben historisch selten geopolitische Projekte ihrer Verbündeten gebremst, wenn sie strategische Interessen teilten.
Zusammenfassung
Das Islamabad-Memorandum of Understanding ist ein diplomatisches Dokument – und gleichzeitig ein Instrument, das den Krieg auf niedriger Flamme möglich macht. Die USA können jeden iranischen Angriff auf Handelsschiffe als Vertragsbruch definieren und mit Luftschlägen antworten, während Israel in Libanon und Gaza seinen Raumgriff fortsetzt. Das Ergebnis: Ein Abkommen, das Frieden verspricht, und eine Region, in der Bomben fallen. Und ein Krieg, der die Weltwirtschaft in die Knie zwingen wird, während sie ethnischen Säuberungen und Völkermord und Angriffskrieg quasi life im Internet beobachtet.
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