Der Weihnachtsbaum: Tanne, Birke oder Stroh?

12. Dezember 2025von 7,1 Minuten Lesezeit

Der funkelnde Lichterbaum beherrscht unsere Vorstellung von Weihnachten. Für uns ist er etwas Besonderes, weil wir den Aufwand nur einmal im Jahr treiben. Ob Reisigbesen der Perchten, Lebensrute des Nikolaus oder Tannenbaum – Bäume spielten eine wichtige Rolle in den Winterfeiern.

Früher gab es viele Gelegenheiten, das Haus oder den Dorfplatz mit Bäumen zu schmücken. Zu Pfingsten, zur Kirchweih, zu Hochzeiten, Taufen und Konfirmation wurden Maien gesteckt. Das waren junge Fichten, kleine Birken oder auch nur Büschel von Zweigen. Zum Maifeiertag wurden Maibäume aufgestellt und umtanzt. Maien waren ein Symbol der unbesiegbaren Lebenskraft. Gerne setzte man sie eng an die Eingangstür, damit man bei jedem Durchschreiten etwas von dieser Wunderkraft abbekam. Gleichzeitig hielt man lästige Geister damit ab. Noch heute schützt man damit Häuser beim Richtfest.

Kraftvolle Bäume

Unsere Vorfahren hatten einen ganz anderen Bezug zur Natur als wir. Sie erkannten, dass in Menschen, Pflanzen und Tieren eine universelle Lebenskraft wirkt. Bäume erschienen besonders kraftvoll und magisch. Sie wurzelten in der Erde und ragten in den Himmel. Sie überlebten die todesähnliche Winterstarre oder verblüfften durch immergrüne Frische. Sie wurden viel älter als die Menschen. Götter wohnten in Bäumen und schenkten mit deren Früchten Segen und Kraft. In der nordischen Mythologie waren die Menschen aus zwei Holzstäben erschaffen worden, und der Weltenbaum Yggdrasil verkörperte bekanntlich den gesamten Kosmos.

Bäume markierten heilige und heilende Orte, bei ihnen konnte man die göttliche Kraft erfahren. Nicht zuletzt deshalb gab es einst Dorflinden, zugleich Richt- und Feststätten, oder Hausbäume. Ein bei der Geburt gepflanzter Lebensbaum begleitete den Menschen. Die katholische Kirche griff die Verehrung auf, die den Pflanzen entgegen gebracht wurde. wirkstarken, heiligen Zweige schmückten zu Palmsonntag oder Weihnachten die Kirche.

Das frische Grün war ein Wunder in der kahlen Winterwelt, egal, ob die Zweige immergrün waren oder in der Stubenwärme grüne Blättchen austrieben. Der Mensch erkannte darin ausdauernde Lebenskraft und Fruchtbarkeit.

Im Weihnachtsgrün bewahrt sich die Naturverbundenheit der Ur-Weihnacht im Namen von Holle/Percht. (Mehr zum Thema in R. Reuther. Christkind und Nikolaus. Eine andere Weihnachtsgeschichte. Engelsdorfer Verlag 2025) Vielfach brachte Holle/Percht bei ihrem Besuch ein Weihnachtsbäumchen mit, besonders als Nikolaus oder Christkind.

Lange bevor ein Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, nagelte man über die Tür oder an die Stubendecke Tannen- oder Fichtenreisig. Im Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ heißt es Anfang des 17. Jahrhunderts „Die Zweiglein der Glückseligkeit / Steckt auf mit Andacht, Lust und Freud.“ Um nicht in verdächtige Nähe zu vorchristlichem Brauchtum zu gelangen, nannte man die Zweige nach der Bibel (Palm-)Wedel. Im fränkischen Stockheim schmückten Wacholderbäumchen die Kirche und in einigen Orten Mittelfrankens Mistelzweige. In Britannien hat sich bekanntlich der Brauch erhalten die Häuser zu schmücken mit Misteln und Stechpalmen.

Doch der katholische Klerus lehnte vielerorts den geschmückten Baum wegen seiner Wurzel in der Ur-Weihnacht ab. In Schwarzach bei Straubing hatte ein erboster Pfarrer 1590 „an Hayligen Weyennachttage, zu der Vesper, vorm Hochwürdigen Sacrament mit ainem Tannen Peimel (=Bäumel), daran Öpfl gesteckt gewest, vnder die kinder geschlagen“.i In der Oberpfalz wurde der Weihnachtsbaum 1657 als „unchristlich“ verboten.ii

Unsere heutige Vorstellung von der besinnlichen Familienweihnacht ist bereits Zeichen der Atomisierung der städtischen Gesellschaft. Vorher feierte man Weihnachten gesellig in Zünften oder Vereinen. Man versteigerte oder verloste den geschmückten Baum, wenn man ihn nicht den Lehrlingen oder Kindern überließ, als Zeichen der Obsorge für die Schwachen in der Gemeinschaft.

Lichterkronen

Frühe Zeugnisse für Bäume zu Weihnachten kommen nicht nur aus dem Südwesten, sondern auch aus dem Nordosten des deutschsprachigen Raums. In Riga und Reval organisierten Herrengesellschaften 1510 bzw. 1514 einen Umtrunk zu Weihnachten und zu Fasnacht. Anschließen wurden Tannenbäume mit Rosenschmuck auf den Markt getragen und umtanzt. Sie waren den Wintermaien noch näher als dem daraus entwickelten Weihnachtsbaum. In Preußen zogen junge Leute mit Weihnachts-Kronen auf bekränzten Bäumen durch die Straßen. Natürlich stehen diese Kronen in engem Zusammenhang mit den Erntekronen oder den (dreifachen) Kränzen am Maibaum. Brennende Lichterkronen wurden 1685 für die Berliner Nikolaikirche abgerechnet. 1711 wurden in Preußen „Christ- und Lichterkronen“ wegen “Gaukelei, Kinderspiel und Tumult“ verboten. 1776 wurden sie noch im Würzburger Dom verwendet.

Wo das Christkind kam, war Holle/Percht schon auf dem Rückzug. Die ungebärdige Ur-Weihnacht mit ihren Umzügen verschwand seit Mitte des 18. Jahrhunderts zusammen mit althergebrachten Lebensweisen. Die neue Art Weihnachten zu feiern entwickelte sich in den Städten, wo man zunehmend losgelöst von den Ängsten und Sorgen der Bauern im Winter lebte. In den deutschen Salons wurde das Konzept der besinnlichen Familienweihnacht unter dem Baum dankbar aufgegriffen.

Strohbaum und Birke

In manchen Orten Frankens und des Odenwaldes gab es den Strohbaum. Dafür wurden Apfelbaumzweige mit Stroh umwickelt. Damit verband man die Symbolpflanzen der Fruchtbarkeit und Fülle. Strohgehänge als Weihnachtsschmuck, ähnlich der Erntekronen, gab es in Pommern, Polen und Schweden. Bis heute haben sich die Strohsterne als Baumbehang erhalten.

Barbara-Zweige sind der letzte Rest einer Weihnachtstradition mit aufblühendem Grün. Während der Adventszeit konnte man die Entwicklung der Knospen verfolgen, die damit als natürlicher Adventskalender wirkten. Weihnachten standen dann die blühenden Obstzweige oder das junge Grün der Weihnachtsbirke im Zentrum der Stubenfeier.

Aus unserer Sicht noch ungewöhnlicher, aber aus den alten Traditionen heraus durchaus stimmig, ist der in Ipsheim in Mittelfranken noch um 1840 bezeugte Weihnachtsflügel, eine Tonkugel, die mit Gänsefedern besteckt wurde, an deren Spitzen Erbsen waren. Das staunenswerte Wunderwerk wurde an der Decke aufgehängt. Dem gleichen Geist entsprang die in der Fränkischen Schweiz und dem Nürnberger Knoblauchsland verwendete Erbsenampel, eine ausgehöhlte Runkelrübe, befüllt mit feuchten Sand, in der sich Erbsensamen befanden, welche zu Weihnachten grünen sollten. Sie machten Hoffnung auf das neue Leben im Frühjahr und brachte den Bangenden die Gewissheit, dass neues Leben sprießen werde.

So wie man Pyramiden, Reifbäume und Lichterkronen an die Decke hängte, so auch die kleinen Wipfelbäumchen. Das Element der Unruhe und Geisterabwehr mag dabei ebenso wichtig gewesen sein wie die praktische Notwendigkeit. Die mit essbarem Schmuck behängten Bäumchen waren so vor Kindern, Tieren und vorzeitigem Ableeren geschützt. Hängende Weihnachtsbäume waren deshalb nicht die Ausnahme, wie man heute meint, sondern weit verbreitet. Sie sind nachgewiesen für Polen, Böhmen, Steiermark und das Burgenland in Österreich, sowie für Südwestdeutschland, Franken und Thüringen. Goethe, der im „Werther“ den Weihnachtsbaum in die Literatur einführte, hat ihm mit einem Gedicht aus Weimar ein Denkmal gesetzt: „Bäume leuchtend, Bäume blendend, / Überall das Süße spendend, / In dem Glanze sich bewegend/ Alt und junges Herz erregend.“ Sich bewegende Bäume waren mit Sicherheit im Luftzug schwingende, also hängende Bäume. In den feinen Salons von Adel und Bürgertum mit Stuckdecken stellte man den Baum dann auf.

Die geschmückten Bäumchen waren ein Fruchtbarkeitszauber im dunklen Winter. Der Bezug der Weihnachtsfeiern zu Frühling und Fruchtbarkeit wurde besonders deutlich, wenn wie in Lübeck und Husum Eier unter den Weihnachtsbaum gelegt wurden. Das erzählte noch Theodor Storm. Diesen Brauch kannte man auch im Elsass. In Stuttgart und Heidelberg wurden goldene Eier an den Baum gehängt.

Beim Einzug in die städtischen Salons verlor der Weihnachtsbaum seine Bedeutung als Symbol der Fruchtbarkeit und Dämonenabwehr. Vorbei die Zeiten, als die Menschen sich sorgten, dass in den Zwölften die toten Seelen ins Haus kämen. Der Weihnachtsbaum war nun Zeichen einer bürgerlich-gediegenen Festkultur, im Gegensatz zum wilden Perchtentreiben der Dorfgemeinschaft. Er symbolisierte häusliche Geborgenheit, Familienzusammenhalt und eine neue Zuwendung zum Kind.

Referenzen:

i Huber, Gerald. Rauhe Nächte, stille Tage. Frankfurt 2010, S. 99.

ii Nemenyi, Geza von. Die Wurzeln von Weihnacht und Ostern. Holdenstedt 2006, S. 33.

Bild von Pexels auf Pixabay

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Dr. phil. Renate Reuther ist Historikerin und Autorin. Von ihr erschienen ist etwa Die Eroberung der Alten und Neuen Welt. Mythen und Fakten.


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