Wo bleibt das Recht auf analoges Leben?

24. Juni 2026von 3,6 Minuten Lesezeit

Während Österreichs Regierung mit Lippenbekenntnissen ein Recht auf analoges Leben beteuern, sieht die Politik ganz anders aus. Der Seniorenrat macht nun Druck.

Österreichs Seniorenrat stellt in einer neuen Kampagne für ein Recht auf analoges Leben zentrale Forderungen an die Politik. Dazu die aktuelle Presseaussendung:

Der Österreichische Seniorenrat fordert die Bundesregierung auf, das Recht auf ein analoges Leben gesetzlich zu verankern. Ziel ist es, sicherzustellen, dass staatliche Leistungen, Förderungen und Dienstleistungen der Daseinsvorsorge auch künftig auf nicht-digitalem Weg zugänglich bleiben.

Dieses Gesetz soll aber nicht nur für den Staat selbst, sondern auch für Unternehmen mit staatlicher Beteiligung wie z.B. die Post oder die ÖBB und für Unternehmen zur Daseinsvorsorge wie Banken und Versicherungen gelten.

Immer mehr Behördenwege, Förderanträge und Dienstleistungen können nur noch online erledigt werden. Für viele ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Personen mit geringem Einkommen oder fehlenden digitalen Kompetenzen bedeutet dies eine erhebliche Hürde bis hin zum faktischen Ausschluss von Leistungen, auf die sie Anspruch haben.

„Digitalisierung soll den Menschen dienen und ihnen das Leben erleichtern. Sie darf aber nicht dazu führen, dass jene ausgeschlossen werden, die keinen PC besitzen, kein Smartphone nutzen oder digitale Anwendungen nicht verwenden können oder wollen. Ich habe bereits 2024 einen Experten-Round-Table zur Digitalisierung gestartet. Jetzt gibt es ein Gutachten, das der Pensionistenverband beauftragt hat, dazu. Das eindeutige Ergebnis: Ausschließlich digitale Möglichkeiten für Förderungen oder staatliche Leistungen sind gleichheitswidrig und diskriminierend. Der Seniorenrat stellt nun einen Antrag an die Bundesregierung, in dem die gesetzliche Verankerung des Rechts auf analoge Alternativen gefordert wird“, sagt Seniorenratspräsidentin Ingrid Korosec.

„Digitalisierung ist gut. Aber nicht, wenn sie Teilhabe ersetzt, statt zu ermöglichen. Wer Digitalisierung nutzt, um analoge Zugänge abzubauen oder gar zu verunmöglichen, betreibt moderne Ausgrenzung mit Effizienzanstrich. Digitalisierung muss das Leben erleichtern – nicht neue Hürden schaffen. Gerade ältere Menschen müssen selbst entscheiden können, ob sie einen digitalen oder analogen Weg wählen. Wer Teilhabe, Gleichbehandlung und soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, muss sicherstellen, dass staatliche Leistungen und Angebote der Daseinsvorsorge auch künftig persönlich, telefonisch oder schriftlich zugänglich bleiben. Das Recht auf analoge Alternativen ist daher ein wichtiger Beitrag für eine inklusive und solidarische Gesellschaft“, sagt Seniorenratspräsidentin Birgit Gerstorfer.

Verfassungsrechtliche Bedenken

Prof. Dr. Manfred Matzka, Ex-Sektionschef im Bundeskanzleramt, kommt in seinem Gutachten zum Schluss, dass die ausschließlich digitale Beantragung staatlicher Leistungen ohne analoge Alternative gleichheitswidrig und diskriminierend ist.

Fast 50 Prozent der Generation 60+ sagen, keine ausreichenden digitalen Kompetenzen zu haben. Der Seniorenrat warnt vor einer zunehmenden digitalen Spaltung der Gesellschaft. Wer auf analoge Zugänge angewiesen ist, dürfe nicht benachteiligt werden.

Zentrale Forderungen des Seniorenrats:

  • Gesetzliche Verankerung eines Rechts auf analoge Alternativen
  • Analoge Zugänge zu allen staatlichen Leistungen und Förderungen
  • Persönliche, telefonische und schriftliche Kontaktmöglichkeiten
  • Keine Nachteile oder Mehrkosten bei Nutzung analoger Angebote
  • Ausweitung der Verpflichtung auf Unternehmen, die öffentliche Aufgaben im Auftrag des Staates erfüllen
  • Schutz vor Diskriminierung aufgrund fehlender digitaler Kompetenzen
  • Einrichtung von Beschwerdestellen gegen Digitalzwang
  • Ausbau freiwilliger Digitalbildungsangebote ohne Verpflichtung zur digitalen Nutzung

Wahlfreiheit statt Digitalzwang

Der Seniorenrat spricht sich nicht gegen Digitalisierung aus. Digitale Angebote sollen weiterhin ausgebaut werden, jedoch nur als zusätzliche Möglichkeit – und nicht als Voraussetzung für die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen.

„Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um echte Wahlfreiheit. Menschen müssen selbst entscheiden können, ob sie digitale oder analoge Wege nutzen möchten. Die Würde, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen dürfen nicht von der Nutzung digitaler Technologien abhängig gemacht werden“, sagen Korosec und Gerstorfer.

Antrag an die Bundesregierung

Der Seniorenrat wird die Bundesregierung auffordern, das Recht auf analoge Alternativen gesetzlich zu verankern und sicherzustellen, dass staatliche Leistungen, Förderungen und Dienstleistungen der Daseinsvorsorge dauerhaft auch auf Papier, telefonisch oder persönlich zugänglich bleiben.

Modernisierung darf nicht auf Kosten jener erfolgen, die Unterstützung benötigen. Der Seniorenrat fordert daher ein klares Bekenntnis zu Wahlfreiheit, Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit – digital und analog.

Bild „Die Geladenen Seniorinnen und Senioren tauschen sich aus.“ by wissenschaftsjahr is licensed under CC BY 2.0.

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4 Kommentare

  1. Gabriele 24. Juni 2026 um 15:35 Uhr - Antworten

    Besonders frech ist immer die Aufforderung an ältere Menschen oder jene, die den digitalen Kram schlicht nicht möchten: „Lassen Sie sich halt helfen!“ Von „Familienmitgliedern“, die es vielfach gar nicht gibt oder sonst soll man mit jedem privaten Problem in A „zur Gemeinde“ gehen – wo einen im Dorf jeder kennt und man sich schön nackig machen soll in finanziellen oder sonstigen Angelegenheiten. Als wäre man kein ernst zu nehmender Mensch mehr ohne das „strahlende Narrenkastl“ und hätte insofern sowieso kein Recht auf Datenschutz.
    Schuld ist hier natürlich auch eine Jugend, die völlig vernarrt in alles ist, was das Leben „erleichtert“ und deren Eltern bereits auch nicht mehr wissen, wie man händisch ein amtliches Formular ausfüllt oder ein Telefongespräch mit einem Amt führt. Vielleicht sollte man künftig für Digitalschafe eine „DD – Digitale Deppensteuer“ einführen, die den „analogen Altschafen“ zugute kommt, dann braucht man die Pensionisten nicht noch weiter zu belasten. Natürlich nur als Idee… weil es einen wirklich wütend machen kann.

  2. VerarmterAdel 24. Juni 2026 um 15:30 Uhr - Antworten

    „Der Seniorenrat fordert daher ein klares Bekenntnis zu Wahlfreiheit, Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit – digital und analog.“
    Dürfte dann extra kosten.

  3. alter Mann 24. Juni 2026 um 15:03 Uhr - Antworten

    Ist nicht nur in Österreich sondern auch in Deutschland und anderen Ländern ein immer größeres Thema aber mit stark unterschiedlicher Priorität und von der EU natürlich lautes Schweigen aber intrigieren gegen die „Analogen“. Ich habe privat kein Smartphone, nur HotSpot und einen Uraltrechner und bin bis dato. mit meiner analogen Einstellung durchgekommen auch wenn ich mal auf Kleinigkeiten verzichten mußte. Muß Jeder für sich selbst entscheiden, was mit zunemendem Alter nicht einfach ist.

  4. Thomas Moser 24. Juni 2026 um 14:48 Uhr - Antworten

    Das Digitale ist ohne das Analoge nicht überlebensfähig. Jede digital codierte Information benötigt einen analogen Träger, sonst kann sie weder übertragen noch wirksam werden. Beispiel: Systeme wie WLAN beruhen darauf, dass Bits mittels Verfahren wie Quadraturamplitudenmodulation in überlagerte Sinus- und Kosinuswellen übersetzt werden. Daher ist jede Abwertung des Analogen technisch völlig unsinnig.

    Auch praktisch bleibt das Analoge unverzichtbar. Digitale Systeme arbeiten präzise und schnell, aber sie sind durch harte Regeln geprägt: Wird eine Schwelle (IF A > B THEN sanction()) überschritten, erfolgt automatisch eine Reaktion – unabhängig vom Kontext. Ein Konto wird gesperrt, obwohl ein Notfall vorliegt. Analoge Systeme enthalten hingegen menschliche Entscheider, die abwägen und Ausnahmen treffen können.

    Auch KI ändert daran wenig. Zwar lernt sie Regeln nicht explizit (sie kennt diese auch nicht explizit), sondern statistisch über neuronale Netze, doch in der Anwendung setzt sie diese oft ebenso strikt durch. Sie versteht keinen Kontext im menschlichen Sinn, sondern folgt gelernten Mustern. Mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung entsteht so ein immer dichteres Netz aus impliziten und expliziten Regeln. Dies wird zu einer schleichenden Einschränkung persönlicher Freiheit führen, da individuelle Situationen immer weniger Berücksichtigung finden.

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