
Noch nicht im russischen Exil, aber hinter dem Eisernen Vorhang
Der kritische Widerstand gegen das bestehende System ist ziemlich alt. Viele Aktivisten, die heute auf der Straße sind, waren schon im Bonner Hofgarten oder in der Hainburger Au dabei. Bei den meisten Veranstaltungen aber auch in vielen alternativen Medien liegt das Durchschnittsalter bei 50+. Der Journalist Dominik Reichert gehört zu den wenigen Ausnahmen.
Die meisten kennen den jungen Deutschen, der seit 2023 in Moskau lebt als Co-Host beim Anti-Spiegel-TV mit Thomas Röper. Dabei hat er seit 2021 bei einem namhaften aber inzwischen verbotenen russischen Medium als Korrespondent und Moderator gearbeitet und seine eigene Plattform „Eiserner Vorhang“ ins Leben gerufen. Das russische Medium wird im Folgenden aus juristischen aber auch sprachlichen Gründen als XYZ bezeichnet.
Könntest Du Dich kurz vorstellen?
Ich bin 29 Jahre alt, geboren in Eberswalde und bin in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern südlich von Rostock aufgewachsen. Nach meiner Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton habe ich beruflich als Moderator und Journalist gearbeitet.
Auch wenn Du noch jung bist, siehst Du Dich als Ossi?
Definitiv. Auch wenn ich nach der Wende geboren bin: ich bin Vollblut-Ossi. Meine Eltern stammen aus dem Osten, wir haben dort immer gelebt und haben auch keine Westverwandtschaft. Das prägt – auch in Hinblick auf Russland.
Was hast Du gemacht, bevor Du nach Russland gegangen bist?
Nach meiner dreijährigen Ausbildung bei Greifswald TV, das war ganz in der Nähe von zuhause, habe ich mich im Sommer 21 nach einem Arbeitsplatz umgeschaut. Ich war bereits politisiert – der Medienmainstream kam daher nicht in Frage – also gab es nur wenige Optionen.
Ich habe dann bei besagtem russischen Medium angefangen, da sie zu diesem Zeitpunkt mit einem TV-Sender an den Start gegangen sind und viele Mitarbeiter gesucht haben. XYZ war ein gut ausgebautes, alternatives Online-Medium, das „anders“ berichtet hat. Wenn es um Fragen wie „Corona“ oder „Migration“ ging, fand ich andere Antworten als im Mainstream. Außenpolitik war damals für mich noch nicht das größte Thema, aber alle Mainstream-Narrative wurden kritisch in Frage gestellt. Mir hat das Programm gefallen, um Russland ging es mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so sehr. Das hat sich mit Arbeitsbeginn gewandelt.
Wann bist Du dann nach Moskau gegangen?
Das erste Mal waren es zwei Monate im Jahr 2022. Das war überhaupt meine erste Reise nach Russland. Ich wurde gefragt, ob ich die Vertretung von Margo Zvereva übernehmen will, da sie eine zweimonatige Reise in den Donbass geplant hatte. Da bin ich gerne eingesprungen und habe im XYZ Studio in Moskau als Moderator gearbeitet. So konnte ich reinschnuppern ,wie sich das Leben in Moskau anfühlt. Als das XYZ Studio in Deutschland dann komplett geschlossen wurde, habe ich mich ein knappes Jahr später entschieden, endgültig nach Moskau zu gehen.
Wie hast Du das Verbot von XYZ erlebt?
Die Sperre war anders als es jetzt bei Compact gelaufen ist. Das war keine Razzia, es wurde nicht auf einen Schlag verboten. Das waren viele kleine Schritte und Anfang 23 war der Verbotsprozess dann abgeschlossen.
Wie haben Deine Eltern bzw. Dein Freundeskreis reagiert, als Du gesagt hast, dass Du nach Russland gehst?
Die engste Familie war zwar nicht grade begeistert, unterstützt mich aber bei dem, was ich tue. Es ist mein Weg, da gab es keinen familiären Druck. Und ich kann jederzeit wieder nach Hause kommen. Egal was ist, mein Elternhaus steht mir immer offen. Das ist sehr schön. Massiven Stress gab es nur seitens eines entfernteren Verwandten. Bei den Freunden war es unterschiedlich, je nachdem aus welchem Milieu sie kamen. Einige haben sich abgewendet, aber die engsten Freunde halten alle zu mir, auch wenn nicht alle das, was ich tue, zu 100% unterstützen. Sie sehen es teilweise kritisch, stellen die Politik dann aber nicht in den Vordergrund.
Du bist jetzt nicht mehr für XYZ tätig. Warum? Waren Dir die redaktionellen Eingriffe seitens der russischen Regierung zu eng?
Welche Eingriffe? Richtig ist, XYZ wird aus öffentlichen Geldern finanziert und hat wie jedes Medium eine Ausrichtung. Auch wenn immer wieder mal kritisch über einzelne Themen in Russland berichtet wird, man wird keine Artikel über das „böse Russland“ und den „Diktator Putin“ finden, wie man das aus westlichen Medien kennt. Aber im Rahmen der generellen Ausrichtung wird breiter Meinungspluralismus gelebt. Bei uns findet man Autoren aus dem konservativen Milieu ebenso wie aus dem sehr linken. Gemeinsam ist allen eine freundschaftliche Einstellung Russland gegenüber – und das finde ich gut.
Und warum bist Du dann weggegangen?
Ich habe jetzt länger bei XYZ nur moderiert. Aber als Moderator liest man nur ab, man hat nur begrenzt eigene Möglichkeiten für Recherche und Gestaltung. Ich wollte mich aber weiterentwickeln und habe den Sender daher im März 2024 zugunsten meines eigenen Projektes „Eiserner Vorhang“ verlassen. Ich mache jetzt mein eigenes Programm und habe einen eigenen Kanal. Das macht mir sehr viel Spaß und das steigende Zuschauerinteresse bestätigt mich.
Mir bist Du durch Anti-Spiegel TV bekannt geworden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit Thomas Röper?
Als ich bei meinem letzten Heimaturlaub im Friedenscamp in Ramstein war, haben die allermeisten das Gleiche gesagt.
XYZ wollte schon länger mit Thomas zusammenarbeiten, er wollte das aber nicht direkt, weil er unabhängig ist und bleiben will. Die Sendung leitet er komplett selbst und verkauft nur die Ausstrahlungsrechte an XYZ. Die haben keinerlei Einfluss auf das Programm. Am Format wurde lange gearbeitet. Thomas mag nicht allein im Studio sitzen und erzählen, daher die Idee des Co-Moderators. Man fragte mich, ob ich Lust hätte und so entstand der Kontakt.
Ihr kanntet Euch vorher nicht?
Nur von weitem. Ich kannte ihn natürlich als Interview-Gast, aber es gab keinen persönlichen Kontakt. Wir wurden einander vorgestellt, haben es ausprobiert und festgestellt: das könnte funktionieren.
Man sieht, dass es gut funktioniert. Spielst Du bei Antispiegel.TV absichtlich die Rolle des Unerfahrenen, der Thomas als Analysten die eher naiven Fragen stellt?
In gewisser Weise schon. Ich versuche mich in Menschen hinein zu versetzen, die nicht im Thema stehen. Deren Perspektive repräsentiere ich. Ich bin aber auch wirklich noch unbekümmerter als Thomas, möchte mir auch meinen positiven Blick bewahren. Auch das kann naiv wirken, dessen bin ich mir bewusst.
Zu Deinem eigenen Programm. Wie entstand der Name „Eiserner Vorhang“?
Noch vor Start von Antispiegel TV saß ich mit einem meiner besten Freunde und damaligen Kollegen zusammen und plante mit ihm einen gemeinsamen Podcast. Einmal die Woche wollten wir über verschiedene Themen mit Russland-Bezug sprechen.
Informationsblockaden, die Sperrung russischer Medien, der Mangel an Informationsaustausch: Faktisch sitzen wir hier hinter einem neuen Eisernen Vorhang. Wir wollten die Menschen hinter den Eisernen Vorhang schauen lassen. So entstand der Name. Aber es wurde nichts daraus, da wir beide zu beschäftigt waren.
Als ich XYZ verließ, um mein eigenes Ding zu machen, hatte ich noch meinen privaten Kanal Korrespondomi. Aber jetzt war ein Re-Branding notwendig – und Eiserner Vorhang erschien mir perfekt. Mein Freund war sofort einverstanden, als ich ihn fragte, ob es ok ist, wenn ich ihn verwende.
Und das Ziel Deiner Arbeit?
Wichtig ist mir, dass die Menschen die Möglichkeit haben, sich beide Seiten anzuschauen. D.h. ja nicht, dass man alles für richtig halten muss. Aber für eine eigene Meinung braucht man das gesamte Bild. Wir wollen eine Informationsquelle sein, die Informationen aus Russland bietet, ohne die obligatorische kritische Einordnung wie es beim Mainstream der Fall ist. Wir wollen Informationen aus russischen Medien nach Deutschland bringen. Wichtige Statements aus dem Kreml zur aktuellen Entwicklung verbreiten wir natürlich auch. Man sollte die Position der russischen Regierung ja kennen, wenn man wissen will, was wirklich los ist. Und das eben ohne die Verfälschungen, die dann beispielsweise der Spiegel produziert.
Du sprichst von „wir“ – wie viele seid Ihr denn?
Wir sind eine kleine Redaktion. Das Team umfasst Stand heute vier Menschen. Die Themenvorschläge aus den russischen Medien kommen vom Team, da mein Russisch – positiv gesagt – ausbaufähig ist. Ich bin der Einzige im Team, der nicht gut Russisch spricht.
Sie liefern mir die Artikel, ich bringe das dann in meinem Stil. Ich habe auch Unterstützung bei der Organisation, z.B. wenn es darum geht, Drehtermine zu vereinbaren. Manche stehen auch mal vor der Kamera. Die Kanäle müssen moderiert werden, auch wenn wir da sogar Unterstützung aus der Community bekommen. Es gibt immer viel zu tun.
Du warst vor Kurzem in Ramstein im Camp. D.h. Du kannst problemlos nach Deutschland einreisen?
Anscheinend ja. Diese Deutschlandreise war nicht von langer Hand geplant, sondern ich habe mich innerhalb von einer Woche entschieden, über die Türkei nach Hause zu fliegen. Das hatte persönliche Gründe. Aber ich war schon sehr nervös, denn eigentlich hatte ich die Entscheidung getroffen erst mal nicht mehr zurückzugehen. Auch Thomas hatte gewisse Bedenken, obwohl ich mich ja erst langsam in die politisch gefährliche Richtung bewege.
Bei der Passkontrolle in Deutschland gab es aber überhaupt keine Probleme. Sie haben mich nichts gefragt. Auch beim Rückflug – nichts. Ich hatte mich schon gefragt, ob die mich wieder rauslassen werden. Es gibt da ja irgendwelche neuen Gesetze, die mutmaßlichen Extremisten die Ausreise verwehren. Aber es war alles ok. Ich stehe wohl noch auf keiner Liste. Das liegt vermutlich daran, dass ich eher vorsichtig bin, was kritische Themen angeht.
Wie meinst Du das?
Ich war noch nicht in den neuen Gebieten, also den vier Oblasten, die jetzt zu Russland gehören, den sogenannten besetzten Gebieten. Wer von dort berichtet, für den kann es dann problematisch werden. Auch Themen wie Butscha sind besonders sensibel. Weicht man von der Mainstream-Version ab, kann man wegen der Leugnung von Kriegsverbrechen belangt werden. Aber aktuell muss ich mich sowieso aus gesundheitlichen Gründen zurückhalten.
Was ist passiert?
Ich habe mich mit dem E-Roller hingelegt und mir einen Wirbel gebrochen. Darum hat auch einer meiner Kollegen von der spontanen Demonstration vor der US-amerikanischen Botschaft aufgrund der Sperrung des Sänger Shamans berichtet. https://t.me/EisernerVorhang/1221 Tausende Menschen hatten sich versammelt, um ihn zu unterstützen und seine Musik zu hören. Ich habe mich echt geärgert, dass ich nicht dabei sein konnte.
Ich habe die Sendung gesehen. Der Kollege ist auch jung. Warum sind insgesamt so wenige junge Menschen aktiv?
Ich denke, dass das nicht ganz stimmt. Viele sind aktiv und auch oppositionell eingestellt, das hat das Abstimmungsverhalten der jungen Wähler bei der EU-Wahl gezeigt. Aber sie sind vom politisch-medialen Komplex entfremdet und interessieren sich auch weniger für Außenpolitik. Themen wie Corona oder Migration betreffen sie direkter.
Für Junge ist Außenpolitik nicht greifbar – bis die Bombe fällt …
Ja leider. Ich kann eher als andere Jüngere erreichen, weil ich selbst jünger bin, aber es funktioniert leider auch bei mir nur mit mäßigem Erfolg. Ich habe inzwischen gute Aufrufzahlen auf Youtube, aber die meisten Zuschauer sind zwischen 40 und 60 Jahre alt.
Ich muss ja zugeben, dass ich mich selbst auch lange nicht für Außenpolitik interessiert habe. Ich habe 2014 das mit der Ukraine am Rande mitbekommen. Ich habe es aber nicht als Thema wahrgenommen, bei dem ich aktiv werden sollte. Das geht vielen jungen Leute heute wohl ähnlich. Das Thema ist zwar seit Februar 2022 deutlich präsenter, erreicht die Jungen aber immer noch nicht. Selbst auf Tiktok ist die Altersstruktur meiner Follower erschreckend hoch.
Hast Du konkrete Zahlen zur Altersstruktur?
Ja klar. Laut Analytics verteilt es sich bei Tiktok aktuell:
- 18-24 2,6%
- 25-34 4,7%
- 35-44 8,9%
- 45-54 19,2%
- 55+ 64,6%
D.h. weit über 50% sind älter als 55 Jahre – das ist bei Youtube nicht anders. Wir müssen uns in den Projekten noch stärker auf junge Menschen konzentrieren, ihnen das Thema Außenpolitik näherbringen. Denn es geht letzten Endes um ihre bzw. unser aller Zukunft.
Dann wünsche ich Dir und uns, dass Ihr mit Euren Projekten mehr jungen Menschen erreicht und aktivieren könnt. Viel Erfolg!
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Tatsächlich erkenne auch ich die „Alten“ (50+) als jene Gruppe in der Gesellschaft, die nicht dem Narrativ der politischen „Eliten“ bzw. den mitlaufenden Medien folgen. Da muss man nicht einmal ein ehemaliger DDR-Bürger oder dessen Nachkomme sein. Warum das so ist, hat wohl viele verschiedene Ursachen. Vielleicht hat es mit einer lebenslang gelernten Wachsamkeit oder Achtsamkeit zu tun.
Und natürlich mit einem permanenten Misstrauen oder Zweifel an dem, was auf einen zu kommt.
Das wäre eigentlich der Stoff, aus dem Politiker und Journalisten bestehen müssten.
Könnte evt daran liegen, dass unsereins tatsächlich in der Schule noch gelernt hat, Inhalte von Medien grundsätzlich kritisch zu betrachten. Und auch, wie Propaganda funktioniert. Lernziel war erklärtermaßen der mündige Bürger, und viele Lehrer hatten das auch redlich verinnerlicht.
Hinzu kommt, dass die „Boomer“ noch nicht schon ab Kindesalter 24/7 mit krawalligen Medien bombardiert wurden. Auch die seinerzeit erhältlichen Zeitschriften und der ÖRR informierten in weiten Teilen recht ausgewogen. Da werkelten seinerzeit noch richtige Journalisten mit Berufsethos. Weshalb ja auch vielen meiner Generation der Kontrast zum heutigen Zustand derart krass ins Auge springt.
Junge Menschen von heute müssen sich erst mal durch den ganzen dauerpräsenten medialen Unrat wühlen um ein medienkritisches Bewusstsein entwickeln zu können. „Schule“ ist zudem mittlerweile ab Kindergarten Indoktrinieranstalt und hat ganz sicher nicht mehr den mündigen, sondern der „Haltungs“-Bürger zum Ziel. Obendrein adressiert die „Eliten“propaganda ganz gezielt junge Menschen.
Der Weg zur eigenen Meinung ist daher für junge Menschen heute massiv beschwerlicher als für die Generation 50+.
Dieser junge Mann ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich auch die Kinder von DDR-Bürgern noch sein können. Der DDR-Bürger ist ja der größte natürliche Feind der alten und wiedervereinigten BRD. Man hatte sich große Mühe gegeben, nach 1990 jegliche Erinnerung und Identifikation an und mit der DDR zu neutralisieren, was bei vielen auch geklappt hat und heute bei den Kindern dieser Generation zu psychischen Problemen führt. Aber es gibt zum Glück einen harten Kern, der der dunklen Seite der Macht erfolgreich widerstehen konnte. Sozusagen die Rückkehr der Jedi-Ritter.