Nach Löschung: Star-Kolumnist verlässt Mainstream-Blatt

21. Februar 2022von 4.1 Minuten Lesezeit

Nach der redaktionellen Zensur seiner Kolumne mit dem Titel „Nazi-Vergleiche“ verlässt Harald Martenstein den Berliner „Tagesspiegel“. Martenstein arbeitete seit fast 35 Jahren für das Mainstream-Blatt, die Löschung seiner Kolumne war aber zu viel. Am Wochenende hat er seine Schlusskolumne veröffentlicht. Er würde der Redaktion dafür danken, hätte sie „die Größe“, den Text diesmal nicht zu löschen.

Von Waldo Holz*

Der Journalist und Kolumnist Harald Martenstein hat das Berliner Mainstream-Blatt „Tagesspiegel“ verlassen. Vorige Woche hatte die Zeitung seine Kolumne mit dem Titel „Nazi-Vergleiche“ aus dem Internet gelöscht.

Löschung von Kolumne „Nazi-Vergleiche“

Die mittlerweile gelöschte Kolumne ist auf Martensteins-Blog zu finden. Der Text fragt nach der „Verharmlosung des Holocaust“ und inwiefern Verweise auf die Nazi-Zeit zulässig sind, auch wenn es „Historikern die Fußnägel“ aufrollt.

Die intern zensierte Kolumne „Nazi-Vergleiche“:

Anfang Januar 2012 demonstrierten in Jerusalem ultraorthodoxe Juden gegen die Regierung, viele trugen dabei den „Judenstern“ aus der NS-Zeit. Ihrer Ansicht nach verhielt sich der Staat Israel ihnen gegenüber so ähnlich wie die Nazis. Auch beim „Marsch gegen Islamophobie“, 2019 in Paris, waren Judensterne zu sehen, nur mit fünf Zacken statt sechs.

Laut Godwins Gesetz, benannt nach einem US-Autor, taucht in jeder öffentlichen Diskussion von emotionaler Bedeutung irgendwann ein Nazi-Vergleich auf. Godwins Gesetz kommt der Wahrheit ziemlich nah. Dass Donald Trump, Wladimir Putin, Sebastian Kurz oder die AfD heute mit Hitler oder der NSDAP verglichen oder gar gleichgesetzt werden, versteht sich von selbst, obwohl sich dabei Historikern die Fußnägel hochrollen und man so etwas durchaus „Verharmlosung des Holocaust“ nennen könnte. Origineller war die britische Zeitschrift „New Statesman“, als sie Angela Merkel „die gefährlichste deutsche Führungspersönlichkeit seit Adolf Hitler“ nannte, originell sind auch Vergleiche der NSDAP mit der CSU (etwa durch den SPD-Politiker Florian von Brunn). Den Vogel abgeschossen hat wohl Dieter Dehm, Linkspartei, als er die Bundespräsidentenwahl 2010 so kommentierte: „Was würden Sie machen, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Hitler und Stalin?“ Zur Wahl standen Joachim Gauck und Christian Wulff.

Wer den Hitlervergleich bemüht, der natürlich nie stimmt, möchte sein Gegenüber als das absolut Böse darstellen, als Nichtmenschen. Der Vergleich will Hitler gerade nicht verharmlosen, er macht ihn zu einer Art Atombombe, die einen politischen Gegner moralisch vernichten soll. Der Judenstern dagegen soll seine modernen Träger zum absolut Guten machen, zum totalen Opfer. Er ist immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, er ist für die Überlebenden schwer auszuhalten. Aber eines ist er sicher nicht: antisemitisch. Die Träger identifizieren sich ja mit den verfolgten Juden. Jetzt, werden auf Corona-Demos häufig Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ getragen. Von denen, die das „antisemitisch“ nennen, würden wahrscheinlich viele, ohne mit der Wimper zu zucken, Trump mit Hitler und die AfD mit den Nazis vergleichen. Der Widerspruch in ihrem Verhalten fällt ihnen nicht auf.

Ein Supermarktleiter hat vor ein paar Jahren seine Sekretärin, die ihm wohl zu dominant auftrat, mit den Worten „Jawohl, mein Führer!“ gegrüßt. Sie klagte, wegen Hitlervergleichs, er wurde fristlos entlassen. In zweiter Instanz wandelte ein weises Gericht die Kündigung in eine Abmahnung um. Die einzige Kirche, der ich angehören möchte, ist die, die man im Dorf lässt. Dieses Zitat stammt von dem „konkret“-Chefredakteur Hermann L. Gremliza, einem meiner Jugendidole.

Am Wochenende folgte dann seine „Schlusskolumne“. Martenstein, der vor Jahren noch als Star-Kolumnist gefeiert wurde, gilt in der linken Journalistenblase ohnehin schon lange als „alter, weißer Mann“. Nach fast 35 Jahren verlässt Martenstein den „Tagesspiegel“.

Seine Abschiedsworte:

Es ist kein Geheimnis, dass die Chefredaktion des Tagesspiegels sich in aller Form von einem meiner Texte distanziert und ihn gelöscht hat. Ich war in diese Entscheidung nicht eingebunden. So etwas bedeutet in der Regel, dass man sich trennt, den Entschluss dazu habe ich gefällt. Ich finde, jeder sollte in der Lage sein, sich zu diesem Text selbst ein Urteil zu bilden. Er steht auf meiner Facebook-Seite und meiner Website harald-martenstein.de. Wie immer habe ich geschrieben, was ich denke. Leute, die Judensterne benutzen, um sich zu Opfern zu stilisieren, sind dumm und geschichtsvergessen. Leute, die auf ihren Demos zur Vernichtung Israels aufrufen, sind etwas gefährlicher. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich. Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.

Sollte die Redaktion die Größe besitzen, mir diese Abschiedsworte zu gestatten und sie nicht zu löschen, danke ich ihr dafür.

Bild wikicommons

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14 Kommentare

  1. Jens Tiefschneider 21. Februar 2022 at 14:03Antworten

    Der Tagesspiegel entpuppt(e) sich während der Coronakrise als faschistisches Hetzblatt, dass alles leugnet, was gerade in einer Krise Bedeutung haben sollte: Meinungsfreiheit, Toleranz, wissenschaftlicher Diskurs. Die Zeitung ist eine Schande für Berlin. Jedes Anzeigenblatt macht besseren Journalismus.

  2. Leynad Jee 21. Februar 2022 at 13:04Antworten

    Der Tagesspiegel ist wie Spiegel Online ein reines Fakenews-Propaganda-Instrument und prinzipiell das gleiche wie früher ‚Der Stürmer‘. Und wer denkt, die Nazi-Vergleiche wären unpassend, dem sage ich, dass Nicht- oder Desinformation über Vitamin D, Ivermectin & co. und die Pro-Zero-Covid und -Lockdown-Propaganda auch Tausenden das Leben gekostet hat. Die gehen nicht weniger eiskalt über Leichen und zumindest die Chef-Redakteure und weiter oben gehören lebenslänglich hinter Gittern.

    Heute steht unter einem TS-Artikel: „Jeder Dritte schwer an Covid-19 Erkrankte wird schon länger als einen Monat in der Charité behandelt. Viele sind ungeimpft und eher jung. Und einige geboostert.“
    Der Rest ist dann hinter der Paywall und ‚viele‘ und ‚jung‘ sehr dehnbare Begriffe. Ich wette, die sind auch oft fettleibig und haben fast ausschließlich extremen Vitamin-D-Mangel.

  3. audiatur et altera pars 21. Februar 2022 at 12:23Antworten

    Seine Abschiedsworte sind hier nur gekürzt wiedergegeben. Was u.a. fehlt: „Wer meinen Sound gemocht hat, sollte regelmäßig die Wochenzeitung DIE ZEIT aufschlagen, dort findet man mich im Magazin.“

    Ob Martensteins Meinungsfreiheit dort be$$er aufgehoben ist?

    • A. P. 21. Februar 2022 at 13:41Antworten

      Wohl wahr … Die Frage ist auch, warum er überhaupt so lange für den Tagesspiegel geschrieben hat. Die Zeit spielt eine ähnlich miserable Rolle im Corona-Drama. Und, ja, Martenstein ist fehlbar und er irrt sich. Denn Nazi-Vergleiche sind nicht nur erlaubt, sondern zuweilen auch plausibel, nämlich dort, wo sie wiederholte Muster und Ähnlichkeiten aufzeigen. Martenstein sitzt hier einem quasi-religiösen Denk- und Vergleichsverbot auf, das fälschlicherweise und reflexartig eine Verharmlosung des Holocaust durch Gleichsetzung behauptet, wo gar keine ist, weil ein Vergleich eben keine Gleichsetzung meint. Der Ungeimpft-Stern setzt auch nicht Coronakritiker mit jüdischen Naziopfern gleich, sondern er meint die Ähnlichkeit einer Ausgrenzung und Verächtlichmachung von Menschen, die sich nicht dem Impfdiktat unterwerfen. Das zielt auf Mechanismen, die man sehr wohl vergleichen muss, wenn Geschichte nicht vergessen und sinnlos sein soll.
      Vergleichsverbote sind immer auch Sprech-, Denk- und Diskussionsverbote und sind einer demokratischen, pluralistischen, freien und lernwilligen Gesellschaft unwürdig – jedoch beliebt bei Religionsgemeinschaften, anti-historischen Cancel-Unkulturen und im woken Totalitarismus.

  4. gelegentlich 21. Februar 2022 at 11:58Antworten

    „… gilt in der linken Journalistenblase.“ Wer soll das sein? Die Journalistenblase nehme ich wahr. Sie ist aber rechts, nicht links. Nach den Maßstäben von vor März 2020. Neoliberae Postdemokraten sind rechts, wenn diese Begrifflichkeiten noch einen Sinn machen sollen.

    • rudi & Maria fluegl 21. Februar 2022 at 13:05Antworten

      Exakt!
      Die Unterscheidungslinie ist jedenfalls dort wo Interessen der Kapitalgeber (Pharmakonzerne) gestützt werden und das Individuum in seiner Not heruntergemacht wird!
      Klarer kann das nicht gesehen werden!

  5. Lopadistory 21. Februar 2022 at 11:30Antworten

    Traurig, traurig …

  6. David 21. Februar 2022 at 11:27Antworten

    Die machen sich es zu einfach. Alles was anderen nicht passt wird gelöscht.Typisch, wenn es um die Wahrheit geht wird gelöscht. Na dann wird bald der Rest auch gelöscht werden

  7. Mammalina 21. Februar 2022 at 11:18Antworten

    „Dass Donald Trump, Wladimir Putin, Sebastian Kurz oder die AfD heute mit Hitler oder der NSDAP verglichen oder gar gleichgesetzt werden, versteht sich von selbst“ – ????

    Merkwürdiges Selbstverständnis… Da ist Martenstein wohl selbst in die Falle getappt.

    • Fritz Madersbacher 21. Februar 2022 at 13:27Antworten

      @ Mammalina
      21. Februar 2022 um 11:18 Uhr
      Ich bin nicht der Advokat dieses mir unbekannten Journalisten, aber aus dem Kontext des von Ihnen kritisierten Satzes ergibt sich für mich, dass dieser nicht dem Selbstverständnis Herrn Martensens entspricht, sondern dass er dieses Verständnis bei manchem anderen vermutet und kritisiert.
      Offenbar ist er bei der „Zeit“ gelandet, wie ein Kommentator weiter unten berichtet (@audiatur et altera pars, 21. Februar 2022 um 12:23 Uhr). Warum und wie gut aufgehoben er dort ist, ist im selben Kommentar angesprochen …

    • Jens Tiefschneider 21. Februar 2022 at 14:31Antworten

      Ich hab ihn aus dem Kontext heraus so verstanden, dass das für den Mainstreamjournalismus gilt? Vielleicht denke ich mir seine Worte aber auch nur schön. Er hat immerhin 35 Jahre für ein faschistoides Hetzblatt geschrieben, das kann man definitiv nicht schön reden.

    • audiatur et altera pars 21. Februar 2022 at 16:50Antworten

      @Fritz Madersbacher
      Martenstein schreibt seit einer halben Ewigkeit für’s Zeit-Magazin. Er ist kein Journalist im klassischen Sinn. Mehr Sprachkünstler als Inhaltsvermittler. Glossen eben. An sich eher harmlos. Aufgrund seiner Prominenz jedoch vergleichbar mit einem Richard Precht. Und deshalb für die Politik alles andere als harmlos.

    • Fritz Madersbacher 21. Februar 2022 at 18:56Antworten

      @ audiatur et altera pars
      21. Februar 2022 um 16:50 Uhr
      Danke für Ihre Information. Heute berichtet übrigens „Der Standard“ über diesen Fall, was ja insofern recht interessant ist, als diese Zeitung mit ihren Autoren ähnlich umgeht wie der „Tagesspiegel“, wie das Beispiel von Ortwin Rosner zeigt.

  8. Frank 21. Februar 2022 at 11:12Antworten

    Harald Martenstein: Starker Satz.
    Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.

    Und bis zum Schluss Rückgrat gezeigt mit dem Worten: Sollte die Redaktion die Größe besitzen, mir diese Abschiedsworte zu gestatten und sie nicht zu löschen, danke ich ihr dafür.
    Eine Person mit Charakterstärke, Courage und Zivilcourage, von Gradlinigkeit, Mumm und Prinzipientreue.

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