Geld aus dem Nichts: Wie Banken die größte Umverteilungsmaschine der Geschichte betreiben

22. Mai 2026von 7,7 Minuten Lesezeit

Stellen Sie sich vor, Sie dürften sich selbst Geld auszahlen — und das völlig legal. Nicht durch Arbeit, nicht durch Ersparnisse, nicht durch einen Kredit, den Sie irgendwann zurückzahlen müssen. Einfach so, per Tastendruck. Genau das tun Geschäftsbanken jeden Tag. Und kaum jemand spricht darüber.

Der Bürger, der jeden Monat sein Gehalt auf sein Konto überwiesen bekommt, stellt sich Geld meist als etwas Konkretes vor: Es ist erarbeitet worden, hat einen Gegenwert, existiert irgendwo in einem Tresor. Diese Vorstellung ist falsch — und das nicht erst seit gestern. Sie ist systematisch falsch, und die Konsequenzen dieser Fehlannahme prägen unser gesamtes Wirtschaftsleben, ohne dass wir es merken.

Der Trick, der verschwiegen wird

Die meisten Menschen glauben, Banken würden Spareinlagen sammeln und diese dann als Kredite weiterreichen. Das klingt vernünftig, entspricht aber nicht der Realität. Wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit über 200.000 Euro gewährt — etwa für den Kauf eines Hauses — dann überweist sie keine vorher angesammelten Ersparnisse. Sie schreibt schlicht 200.000 Euro auf das Konto des Kreditnehmers gut. Dieses Geld hat vorher nicht existiert. Es entsteht im Moment des Kreditvertrags, buchstäblich aus dem Nichts.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Die Deutsche Bundesbank schreibt es in ihren eigenen Publikationen: Geschäftsbanken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben. Die Bank of England erklärte es 2014 in einem aufsehenerregenden Papier, das in Fachkreisen für Unruhe sorgte. Die Zentralbanken der westlichen Welt bestätigen diesen Mechanismus — er heißt Giralgeldschöpfung, und er ist das Fundament unseres gesamten Finanzsystems.

Doch was auf dem Papier wie ein neutraler technischer Vorgang klingt, ist in Wirklichkeit ein tiefgreifender Eingriff in die Eigentumsverhältnisse einer Gesellschaft, obwohl es so gar nicht in der Verfassung vorgeschrieben ist.

Wer profitiert vom Geld aus der Luft?

Wenn eine Bank Geld schöpft, erhält sie dafür einen Gegenwert: den Schuldvertrag des Kreditnehmers. Der Kreditnehmer verpflichtet sich, das geliehene Geld — das nie existiert hat — zuzüglich Zinsen zurückzuzahlen. Diese Zinsen jedoch müssen aus der realen Wirtschaft kommen: durch Arbeit, durch Produktion, durch den Verkauf von Gütern und Dienstleistungen.

Das Ergebnis ist strukturell asymmetrisch. Die Bank schöpft Geld ohne vorherige Leistung und erhält dafür reale Werte zurück. Der Kreditnehmer erhält Zugang zu Kaufkraft — zahlt aber langfristig mehr zurück, als er erhalten hat. Bei einem Immobilienkredit über 30 Jahre kann die Zinsbelastung die ursprüngliche Kreditsumme leicht übersteigen. Die Bank verdient an Geld, das sie selbst erzeugt hat.

Nun könnte man einwenden: Aber das Risiko trägt doch auch die Bank! Wenn der Kreditnehmer nicht zahlt, verliert die Bank. Das stimmt — allerdings nur bedingt. Denn fällt ein einzelner Kredit aus, ist das ein Problem des Kreditnehmers und vielleicht der Bank. Fallen viele Kredite aus, wird es zum Problem des Staates — sprich: der Steuerzahler. Die Gewinne der Geldschöpfung sind privatisiert. Die Verluste werden sozialisiert. 2008 hat das die Welt in aller Deutlichkeit gesehen.

Inflation: Die unsichtbare Steuer auf Ersparnisse

Geldschöpfung hat eine direkte Konsequenz, die jeden trifft, der spart: Inflation. Wenn die Geldmenge schneller wächst als die Produktion realer Güter und Dienstleistungen, verliert jeder im Umlauf befindliche Euro an Kaufkraft. Das Geld auf dem Sparkonto wird weniger wert — nicht weil man etwas falsch gemacht hätte, sondern weil anderswo neues Geld in die Welt gerufen wurde.

Der Rentner, der sein Leben lang gespart hat, wird durch Inflation enteignet — schleichend, lautlos, ohne dass jemand dafür zur Verantwortung gezogen wird. Der Immobilienbesitzer hingegen, der vor Jahren einen Kredit aufnahm, profitiert: Seine Schulden werden in entwertetem Geld zurückgezahlt, während der Wert seiner Immobilie steigt. Grundsätzlich gilt: Das Geldschöpfungssystem belohnt Verschuldung und bestraft Sparsamkeit — eine Umkehrung jener bürgerlichen Tugenden, auf die westliche Gesellschaften jahrhundertelang gebaut wurden.

Die Europäische Zentralbank hat in den Jahren nach der Finanzkrise die Geldmenge dramatisch ausgeweitet, zunächst durch Niedrigzinspolitik, dann durch Anleiheankaufprogramme. Das Ziel war, die Wirtschaft zu stimulieren. Das Ergebnis war eine Assetpreisinflation: Aktien, Immobilien und Unternehmensanteile stiegen im Wert — all jene Vermögenswerte, die vor allem Wohlhabenden gehören. Lohnsteigerungen für Normalarbeitnehmer blieben aus. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in dieser Zeit nicht zufällig geöffnet. Sie wurde durch die Mechanik der Geldschöpfung aktiv vergrößert.

Die Frage, die niemand stellt

Warum entscheidet eine Privatbank darüber, wer Zugang zu neu geschöpftem Geld erhält? Wer eine Hypothek bekommt und wer nicht, wer ein Unternehmen gründen kann und wer scheitert, bevor er begonnen hat — das entscheidet kein demokratisch gewähltes Gremium, sondern ein Kreditausschuss einer Privatbank nach Rentabilitätskriterien.

Diese Lenkungsfunktion des Geldes ist enorm. Sie entscheidet mit darüber, welche Industrien wachsen, welche Regionen sich entwickeln, welche gesellschaftlichen Projekte finanzierbar sind. Und sie liegt vollständig in privater Hand. Zentralbanken setzen Rahmenbedingungen, aber die tatsächliche Allokation des neu geschöpften Geldes — wer es erhält und zu welchen Bedingungen — obliegt Geschäftsbanken, die in erster Linie ihren Aktionären verpflichtet sind.

Das ist keine Kritik am Unternehmertum an sich. Es ist eine Kritik an einem System, das eine der mächtigsten gesellschaftlichen Funktionen — die Lenkung von Kapital — ohne demokratische Kontrolle, ohne Transparenz und ohne Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit betreibt. Wer Geld schöpfen darf, hat Macht. Wer Macht hat, sollte Verantwortung tragen.

Das stille Privileg der Banklizenz

Eine Banklizenz ist, wenn man genau hinsieht, das exklusivste Privileg, das ein moderner Staat vergeben kann. Sie erlaubt ihrem Inhaber, Geld zu erzeugen — eine Fähigkeit, die allen anderen Akteuren in der Wirtschaft verwehrt ist. Ein Handwerksbetrieb muss Leistung erbringen, um Einnahmen zu erzielen. Ein Landwirt muss säen, bevor er erntet. Eine Bank hingegen kann — innerhalb regulatorischer Grenzen — Kredit vergeben und damit Geld in Umlauf bringen, bevor irgendjemand irgendeine reale Leistung erbracht hat.

Dieses Privileg wird vom Staat verliehen, durch Regulierung gerahmt und durch Einlagensicherungssysteme implizit garantiert. Und dennoch wird der wirtschaftliche Ertrag aus diesem Privileg vollständig privatisiert. Die Gewinne fließen an Aktionäre, die Boni an Manager, die Dividenden an Investmentfonds — während der Staat, der das Fundament dieser Konstruktion erst möglich macht, leer ausgeht.

Man könnte fragen: Warum erhebt der Staat keine Gebühr für die Ausübung dieses Privilegs? Warum ist die Geldschöpfungsrente nicht Teil des öffentlichen Haushalts? Diese Frage ist nicht neu — Ökonomen wie Joseph Huber oder der frühere Chefökonom des IWF, Jaromir Benes, haben sie gestellt. Die Antworten blieben aus. Zu groß ist das Interesse derer, die vom Status quo profitieren.

Was zu ändern wäre

Eine grundlegende Reform des Geldschöpfungssystems ist kein utopisches Projekt. Mehrere konkrete Ansätze wurden in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte ernsthaft diskutiert. Das sogenannte Vollgeld-Modell würde Banken das Recht nehmen, selbst Geld zu schöpfen. Nur die Zentralbank dürfte neues Geld in Umlauf bringen — demokratisch kontrolliert, transparent, an wirtschaftlichen Zielen orientiert. In der Schweiz gab es 2018 sogar eine Volksinitiative dazu, die zwar scheiterte, aber zeigte: Das Thema ist gesellschaftsfähig.

Und schließlich: Eine Haftungsreform, die sicherstellt, dass die Gewinne der Geldschöpfung nicht privatisiert werden, während die Verluste vergesellschaftet werden. Too big to fail darf kein Freifahrtschein für riskantes Verhalten auf Kosten der Öffentlichkeit sein.

Die nächste Krise als Türöffner

Es wäre naiv zu glauben, dass die strukturellen Verwerfungen des heutigen Geldschöpfungssystems einfach so weiterbestehen können. Die Geldmengen wachsen schneller als die reale Wirtschaft, die Schuldengebäude — von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten — erreichen historische Dimensionen, und die Zinslast frisst sich tiefer in öffentliche Haushalte, als es die meisten Bürger ahnen. Eine weitere große Krise ist nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann.

Die nächste Krise — ob Bankenkollaps, Staatsschuldenkrise oder ein systemischer Vertrauensverlust in bestehende Währungen — könnte als Begründung dienen für einen Schritt, der längst vorbereitet wird: die Einführung programmierbarer digitaler Zentralbankwährungen, sogenannter CBDCs. Was harmlos als „Modernisierung des Zahlungsverkehrs“ vermarktet werden dürfte, wäre in Wirklichkeit die Vollendung eines Kontrollsystems, das bisher noch Lücken kannte.

Bargeld kann man verstecken, tauschen, verschenken — ohne dass jemand zuschaut. Eine programmierbare digitale Währung hingegen erlaubt es, jeden Cent zu verfolgen, Ausgaben an Bedingungen zu knüpfen, Geld mit Ablaufdatum zu versehen oder bestimmte Käufe schlicht zu sperren. Wer nicht systemkonform agiert, könnte vom Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden — nicht durch ein Gerichtsurteil, sondern durch einen Algorithmus. (Siehe EU-Sanktionen gegen Journalisten.) Das Geldschöpfungssystem von heute wäre dann nicht mehr nur eine stille Umverteilungsmaschine — es wäre das Fundament einer finanziellen Infrastruktur totaler Steuerung. Die Frage ist nicht, ob diese Technologie kommt. Sie kommt bereits.

Die Frage ist, ob die Gesellschaft begreift, was auf dem Spiel steht — bevor die nächste Krise als Vorwand genutzt wird, um keine Zeit mehr für diese Debatte zu lassen.

Fazit

Denken Sie selbst!

(Dieser Artikel greift eine Frage auf, die im Artikel vom 21. Mai 2026 bewusst ausgeklammert wurde: wie Geld tatsächlich entsteht. Er versteht sich als eine Ergänzung dazu)

Bild: Wikipedia (Auszug)

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13 Kommentare

  1. Silber-Engel 4. Juni 2026 um 19:47 Uhr - Antworten

    Die Banken sind der Sündenbock der Sparer, so soll es sein und bleiben. Dazu wurde die vermeintliche Geldschöpfung der (Geschäfts-)Banken erfunden. Ja wenn die Bank der Bösewicht ist, kann man natürlich nichts gegen den Zins und den daraus folgenden Wachstumszwang machen. So sollen wir denken und weiter leiden und dulden. Da die Lösung / Erlösung technisch sehr einfach ist, wird viel Aufwand betrieben, sie zu verunmöglichen.
    Finden sich nicht genug Kreditnehmer für die exponentiell ansteigenden Geldguthaben, muss der Staat als letzter Schuldner einspringen, damit das Geld im Umlauf bleibt und wir am Ende doch als Kreditnehmer den Zins als leistungsloses Einkommen der Geldbesitzer generieren müssen. Das ist die Hauptaufgabe des kapitalistischen Staates.
    Der Zins ist die Umlaufsicherung für das Geld, die wir an die Geldbesitzer zahlen müssen, um eine Deflation zu vermeiden. Wir belohnen diese dafür, dass sie das Geld nicht horten, ist das nicht irre? Strafandrohung wäre genauso wirksam und hätte keinen Wachstumszwang zur Folge.
    An dieser Stelle nur nicht weiterdenken!!

  2. CGB 23. Mai 2026 um 16:39 Uhr - Antworten

    Ab 2015 startete übrigens Michael Kumhof (BoE, WP 529) mit FMC (Financing through money creation) seine Tournee nicht nur durch die Zentralbanken. Der Mann ist mit Bank of England, BIZ, IWF, EU gut vernetzt. Wenn der IWF so etwas herausgibt, dann würde mir insbesondere der reisserische Titel doch eigenartig anmuten: https://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2016/03/kumhof.htm

  3. Argint 23. Mai 2026 um 10:23 Uhr - Antworten

    Die meisten Menschen glauben, Banken würden Spareinlagen sammeln und diese dann als Kredite weiterreichen.

    Geld einsammeln und als Darlehen verleichen machen Spar- und Darlehenskassen. Banken vergeben Kredite. Rechtlich sind das zwei völlig unterschiedliche Themen.

    Wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit über 200.000 Euro gewährt — etwa für den Kauf eines Hauses — dann überweist sie keine vorher angesammelten Ersparnisse. Sie schreibt schlicht 200.000 Euro auf das Konto des Kreditnehmers gut. Dieses Geld hat vorher nicht existiert. Es entsteht im Moment des Kreditvertrags, buchstäblich aus dem Nichts.

    Das ist falsch.

    Ein Kredit ist eine Forderung der Bank an den Kunden (Schuld des Kunden), und ein Guthaben auf einem Konto eine Forderung eines Kunden an die Bank (Schuld der Bank).

    Wenn also eine Bank z.B. 200.000,- Kredit gewährt und auf ein Konto auszahlt, dann gibt es einerseits eine Forderung der Bank gegenüber dem Kunden (Kredit), und eine Forderung des Kunden an die Bank (Guthaben auf dem Konto). Die Summe der beiden Forderungen ist aber immer 0. Welches „Geld“ soll die Bank also geschöpft haben?

    Das Guthaben auf einem Bankkonto ist ebenfalls kein Geld, sondern eine Forderung auf Geld (Schuld der Bank siehe oben), d.h. ein Derivativ auf Geld.

    Wenn „Geld“ von einem Konto auf ein anderes Konto überwiesen wird (gleiche oder andere Bank egal), dann kommt es zu einem Forderungsübertrag, der überweisende Kunde verzichtet auf einen Teil seiner Forderungen zugunsten eines Dritten.

    Selbst bei einer Bargeldabhebung ensteht kein Geld im klassischen Sinn, Geldscheine sind letztlich auch nur Überweisungen in standardisierter Papierform (beim Abheben wird eine Forderung in einen bunt bedruckten Zettel umgewandelt, der Zwettel wird weiter gereicht und letztlich wieder auf ein Konto eingezahlt, d.h. wieder in eine Forderung umgewandelt, oder eine Forderung der Bank an einen Kunden wird reduziert, falls das Konto im Minus ist), im Prinzip passiert nichts anderes als bei einer Überweisung.

    Damit eine Bank an Zentralbankgeld kommt, muss sie bei der Zentralbank Sicherheiten (Forderungen and Dritte) hinterlegen, und eine Gebühr bezahlen (der Zentralbank-„Zins“). Wenn die Bank das ZB-Geld wieder an die ZB zurück gibt, bekommt sie die Sicherheiten wieder zurück.

    „Geld“ wird in unserem System nur über den Zins „geschöpft“. Monetäre Forderungen müssen üblicherweise inklusive Zins beglichen werden, und wenn alle Forderungen gegen gerechnet werden, bleiben nur mehr die gegenseitigen Zinsforderungen übrig, die man ebenfalls gegen rechnen kann.

    Die Zinsforderungen müssen durch Leistung beglichen werden (am Ende immer Arbeitsleistung).

    • Jochen Mitschka 23. Mai 2026 um 15:49 Uhr - Antworten

      Zunächst danke für die Auseinandersetzung mit dem Artikel!

      Zum ersten Punkt: Spar- und Darlehenskassen vs. Banken
      Der Einwand ist rechtlich korrekt. Spareinlagen und Kreditvergabe sind juristisch getrennte Konstrukte, und Universalbanken agieren nicht schlicht als Intermediäre, die Einlagen weiterreichen. Dieser Punkt stützt eigentlich die These des Artikels, nicht den Einwand dagegen.

      Zum Kerneinwand: Geldschöpfung als bilanzielles Nullsummenspiel
      Das ist der interessanteste und am sorgfältigsten formulierte Einwand. Die Buchungssätze stimmen: Kredit = Forderung der Bank, Kontoguthaben = Forderung des Kunden. Nettobuchhaltungsmäßig ist die Summe null.

      Aber: Das ist eine buchhalterische Betrachtung, keine wirtschaftliche. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Bilanz ausgeglichen ist, sondern was mit der Kaufkraft passiert.

      Vor der Kreditvergabe: Der Hauskäufer hat keine 200.000 Euro Kaufkraft. Der Verkäufer hat ein Haus.
      Nach der Kreditvergabe: Der Hauskäufer hat 200.000 Euro Kaufkraft auf seinem Konto und kauft das Haus. Der Verkäufer hat 200.000 Euro Guthaben. Diese Kaufkraft existierte vorher nicht — sie ist neu entstanden und wirkt real in der Wirtschaft, unabhängig davon, wie man sie bilanztechnisch nennt.
      Ob man das Kontoguthaben nun „Geld“, „Geldsubstitut“ oder „Forderung auf Geld“ nennt, ändert nichts daran, dass es im Wirtschaftskreislauf funktional wie Geld verwendet wird: zum Bezahlen, Überweisen, Kaufen. Die Bank of England, die Bundesbank und die BIZ verwenden selbst den Begriff „money creation“ für diesen Vorgang — nicht als politisches Statement, sondern als deskriptive Beschreibung der Funktionsweise.
      Die Terminologie „kein echtes Geld, nur eine Forderung“ ist zwar juristisch präzise, löst aber das wirtschaftliche Problem nicht auf. Wenn 95 % aller Zahlungsvorgänge in modernen Volkswirtschaften über Buchgeld (also Forderungen) abgewickelt werden, dann ist die Unterscheidung zwischen „echtem Geld“ und „Forderung auf Geld“ für die Analyse von Kaufkrafteffekten und Inflation weitgehend irrelevant.

      Zum Punkt: Zentralbankgeld und Sicherheiten
      Auch hier stimmt die Beschreibung des Mechanismus — Geschäftsbanken müssen Sicherheiten bei der Zentralbank hinterlegen, um Zentralbankgeld zu erhalten. Aber dieser Mechanismus schränkt die Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken nicht so stark ein, wie der Einwand suggeriert. Die Mindestreserveanforderungen im Euroraum lagen zeitweise bei einem Prozent — die Hebelwirkung ist also enorm. Eine Bank kann ein Vielfaches ihres Zentralbankgeldbestands als Buchgeld in Umlauf bringen, solange sie die regulatorischen Eigenkapitalanforderungen erfüllt. Die eigentliche Bremse ist nicht das Zentralbankgeld, sondern das Eigenkapital — und das ist eine regulatorische, keine naturgesetzliche Grenze.

      Zum Punkt: Geld wird nur über den Zins „geschöpft“
      Das ist der philosophisch interessanteste Teil des Einwands und verdient ehrliche Anerkennung: Es stimmt, dass alle bilanziellen Forderungen und Gegenforderungen sich theoretisch aufheben. Was übrig bleibt, sind die Zinsforderungen — und die müssen durch reale Leistung bedient werden.
      Aber genau das ist das Problem, nicht die Lösung. Die Zinsforderungen entstehen nicht durch Arbeitsleistung — sie entstehen durch Zeitablauf. Jemand muss in der realen Wirtschaft mehr leisten, als er an Kaufkraft erhalten hat, um die Zinsdifferenz zu schließen. Bei einem einzelnen Kredit ist das handhabbar. Im Aggregat — wenn die gesamte Geldmenge einer Volkswirtschaft durch verzinste Kreditvergabe entstanden ist — ergibt sich ein strukturelles Problem: Die Schulden wachsen systemisch schneller als die Geldmenge, mit der sie bedient werden könnten. **** Das ist kein Verschwörungsnarrativ, sondern eine mathematische Eigenschaft des Systems, die auch konventionelle Ökonomen wie Hyman Minsky oder Steve Keen ausführlich beschrieben haben. *****

      Fazit der Diskussion
      Der Einwand ist nicht falsch — er ist präzise und zwingt zu sorgfältigerer Sprache. „Geld aus dem Nichts“ ist eine vereinfachende Formulierung, ähnlich wie „regenerative Energie“, die nicht präzise ist, aber sich durchgesetzt hat. Man sollte „Geld aus dem Nichts“ durch „kaufkraftwirksame Buchgeldschöpfung durch Kreditvergabe“ ersetzen— was freilich weniger eingängig ist, und was der normale Leser eher widerstrebend zur Kenntnis nehmen wird. Der wirtschaftliche Kern bleibt bestehen: Geschäftsbanken erzeugen durch Kreditvergabe Kaufkraft, die vorher nicht existiert hat, und erhalten dafür reale Zinszahlungen. Dass das bilanztechnisch auf null aufgeht, ändert an den Verteilungseffekten nichts.

      • CGB 23. Mai 2026 um 16:01 Uhr

        Lieber Herr Mitschka, hinsichtlich (Netto-)Kreditgewährung und Geldschöpfung wäre zur Finanzmarkt(in)stabilität vielmehr der Verwendungszweck jeweiliger Kredite zu unterscheiden. Wahrlich problematisch wird es/ist es, wenn Spekulationskredit genommen wird. Sind Sachwerte durch die Kreditaufnahmen finanziert, ist das weniger problematisch. Hierzu stimme ich mit Norbert Häring sowie mit Richard Werner überein.

      • Jochen Mitschka 23. Mai 2026 um 16:10 Uhr

        Spekulation auf Kredit! Das ist insteressant, wenn man sieht, wie die Minimalanforderungen erfüllt, oder von den Banken die Beschränkungen umgangen werden, indem durch Banken Kredite an Großkonzerne vergeben werden, die zur Hälfte an Investmentfirmen gehen, die dann Zinsen und Tilgung erwirtschaften wodurch den Konzernen Kapital für 0 zur Verfügung steht.

    • Jurgen 23. Mai 2026 um 16:46 Uhr - Antworten

      Ja, die Bilanz wird zum Schluß eine Null zeigen und die Bank die Zinsen verdient haben. Für den Fall des Ausfalls werden allerdings exorbitante Zinsen eingetrieben (+14% höher). Und die Bank kann nur Kredite einer maximalen Höhe insgesamt vergeben, da der Mindestreserve Rahmen an Eigenkapital nicht überschritten werden darf, allerdings Faktor 10 mehr an Vergabe als vorhanden. Und nebenbei zocken viele Banken mit dem gleichen Geld (Eigenkapital) über Optionen an der Börse (zumeist die aus USA und die DB)…

  4. Jurgen 22. Mai 2026 um 20:51 Uhr - Antworten

    Fiat-Giralgeldsysteme sind Schneeballsysteme mit großem Crescendo zum Schluß (Hyperinflation). Edelmetalle sind der Ausweg. Ihr Wert ist inert und unveränderbar.

  5. Glass Steagall Act 22. Mai 2026 um 12:18 Uhr - Antworten

    Anhand der weltweit steigenden Schulden kann man gut erkennen, dass dieses Geldsystem auf Zerstörung ausgelegt ist! Denn auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen, endlichen Märkten und endlicher Kaufkraft, kann es kein ewiges Wachstum geben! Und wenn kein ewiges Wachstum möglich ist, darf es auch keine Geldschöpfung aus dem Nichts und kein Zins und Zinseszins geben!
    Und was die Umverteilung von arm zu reich angeht, sie beschleunigt sich am Ende eines solchen Systems bis zu dem Punkt, an dem das System mit einem Knall abstürzt!

    Ein einfaches Beispiel dafür ist das Spiel „Monopoly“. Am Ende gibt es nicht zwei Gewinner, sondern nur einen, der alles besitzt! Der Spruch vom WEF „du wirst nichts besitzen …“ zeigt nur auf, was in diesem System automatisch passieren wird! Die meisten Menschen haben nur nicht verstanden, dass hier unser fehlerhaftes System dargestellt wird! Ein System, in dem es keine Gerechtigkeit gibt und auch nicht gewollt ist! Dieses System ist von den gleichen Leuten aufgesetzt worden, die auch davon profitieren!

  6. BN 22. Mai 2026 um 11:15 Uhr - Antworten

    Eine Bank kann, wie oben beschrieben, durch die Buchung Forderungen (gegenüber Bankkunden) an Verbindlichkeiten (Geld auf Konto des Bankkunden) Geld schöpfen. Durch Clearing/Netting werden die Beträge dann bei Überweisungen entweder intern verrechnet oder gegenüber weiteren Banken gesammelt und gegenseitig verrechnet. So weit so gut. Doch das jetztige Problem ist, dass die Sicherheiten, welche die Banken für obigen Vorgang einfordern, immer schlechter werden. So sitzen die Banken auf einen Berg von tlw zweifelhaften Forderungen, welche sie gerne los werden wollen. In der USA wurden vor einigen Jahren hierfür zB die Immobilienkredite gebündelt, mit gutem Ranking versehen und an Privatkunden weiter veräußert. Die Banken hatten dadurch eine Sorge weniger, während viele Sparer daraufhin ihre Gelder verloren.
    https://fastercapital.com/de/inhalt/Verbriefung–Subprime-Kreditgeber-und-der-Aufstieg-der-Hypothekenverbriefung.html
    Dies ist wohl der Sargnagel unseres wirtschaftlichen Lebens. Reichtum landet in den Händen weniger, welche es nicht mehr gewinnträchtig mangels rentabler Anlagen investieren können. So wundern mich die Pläne des WEF, …. nicht mehr. Es bleibt nur noch übrig die Staaten von ihrem Besitz und deren Beteiligungen zu erleichtern, sowie sich das rentable Privateigentum anzueignen. Dies gelingt durch Verschuldung, Krieg, hohen Steuern und Abgaben, …
    Und doch gäbe es evtl. eine Lösung ua durch Gleichstellung der Arbeitnehmer gegenüber den Investitionen obige Situation rückgängig zu machen. Doch ist dies gewollt?

  7. local.man 22. Mai 2026 um 10:47 Uhr - Antworten

    Ein weiterer Irrglaube ist ja der festsitzende Glaube, sich Geld „verdient“ zu haben.
    IdR. bekommen wir es zugeteilt und das nach vordefinierten Richtlinien, ob Lohn, oder ALG2 Bezug spielt da keine Rolle. Die andere Seite nimmt es dann im großen Stile wieder weg, stiehlt es also und das akzeptiert vom Rest, durch zu viel Manipulation und Erzeugen einer Normalität und Idiologie.
    Mit Leistung und Verdienen hat das nichts zu tun, nur mit Glaube an dieses Prinzip…

    Man müsste dazu erstmal den Leistungsbegriff aufbrechen und definieren und dann in welche Relation setzen?
    Es ergibt einfach keinen echten Sinn mehr irgendwann, nur gemachte und vergiftete Scheinrealität zum Wohle Weniger eben.

  8. Informationsbefreier 22. Mai 2026 um 10:29 Uhr - Antworten

    Hier haben wir es amtllich: Die Bundesregierung hat die Better Than Cash Alliance in den letzten zehn Jahren mit insgesamt mehr als 2 Mio Euro gefördert: https://fragdenstaat.de/a/369946

  9. Christine 22. Mai 2026 um 10:18 Uhr - Antworten

    „Die Bank schöpft Geld ohne vorherige Leistung und erhält dafür reale Werte zurück.“

    Wer wie ich jedes Jahr eine Geldwäscheschulung machen muss, der kennt das Prinzip schon: So wird illegales Geld in legales Geld verwandelt.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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