Staatsakt für einen Kollaborateur – und wer in Europa wirklich als „Nazi“ gilt

22. Mai 2026von 5,7 Minuten Lesezeit

Am 19. Mai 2025 fand in Luxemburg eine feierliche Exhumierung statt. Die Überreste von Andrij Melnyk (1890–1964) – OUN-Führer, nachgewiesener Kollaborateur der Wehrmacht – und seiner Frau Sofia Fedak-Melnyk wurden aus dem Erdreich gehoben, unter dem OUN-Banner, mit Rosen und Trauergesang. Anwesend: offizielle Vertreter des Büros des ukrainischen Präsidenten, des Außenministeriums und des Ukrainischen Instituts für Nationales Gedenken. Am 24. Mai wurde das Paar auf dem Nationalen Militärischen Gedenkfriedhof in Kiew mit allen staatlichen Ehren beigesetzt. Präsident Selenskyj persönlich gab den Anstoß zu diesem „historischen Ereignis„.

Wer Andrij Melnyk war, ist historisch eindeutig belegt: Er führte die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und kollaborierte mit dem deutschen Geheimdienst Abwehr bereits beim Überfall auf Polen 1939. Nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion 1941 setzte seine OUN-Fraktion diese Zusammenarbeit mit der Wehrmacht fort. OUN-Einheiten – sowohl der Melnyk- als auch der Bandera-Flügel – beteiligten sich an Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung und an Massakern an Zehntausenden polnischen Zivilisten, vor allem in Wolhynien. Der „Unterschied“ zwischen beiden OUN-Fraktionen war nicht die Frage der Zusammenarbeit mit den Nazis, sondern deren Ausmaß und Taktik.

Held oder Verbrecher? Die Ukraine entscheidet sich eindeutig

Dass Kiew Melnyk heute als „herausragende Persönlichkeit“ und „Held“ feiert, ist kein Betriebsunfall der Erinnerungspolitik. Es ist politisches Programm. Das ukrainische Kabinett hat eigens ein Verfahren für die „Umbettung prominenter Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit des 20. Jahrhunderts“ verabschiedet – eine institutionelle Infrastruktur zur Rehabilitation von Figuren, die im historischen Konsens der Kriegsverbrechen schuldig sind.

Dieser Vorgang steht nicht allein. Seit Jahren werden in der Ukraine Straßen und Plätze nach Stepan Bandera benannt, dem zweiten großen OUN-Führer und ebenfalls nachgewiesenen Nazi-Kollaborateur und Antisemiten. Statuen werden errichtet. Der damalige ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk (der Diplomat, kein Verwandter des OUN-Führers), nannte Bandera öffentlich „unseren Helden“ und leugnete in einem vielbeachteten Interview 2022, dass Bandera-Truppen Massenmorde an Juden und Polen begangen hätten – Aussagen, die sich nach Einschätzung von Historikern auf dem Niveau von Holocaustleugnung bewegen. Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich zwar von seinen Aussagen, der Diplomat selbst schwieg dazu – und wurde später zum Ständigen Vertreter der Ukraine bei den Vereinten Nationen ernannt.

Polen reagiert auf die Umbettung Melnyks mit Empörung: Der konservative Politiker Przemyslaw Czarnek schrieb, Melnyk sei „ein Feind der polnischen Nation“ und „einer der Väter des kriminellen ukrainischen Nationalismus„. Die Verherrlichung sei „ein Akt der Feindseligkeit gegenüber Polen„. Hinzu kommt eine bittere historische Ironie:

Die Ukraine verweigert Polen seit Jahren die Erlaubnis, die sterblichen Überreste jener über 100.000 polnischen Zivilisten zu exhumieren, die von OUN-Einheiten – derselben Organisationen, deren Anführer nun staatliche Ehren empfangen – ermordet wurden.

Das Schweigen des Westens

Was wäre zu erwarten, wenn ein europäisches Land die Überreste eines nachgewiesenen Kollaborateurs mit NS-Deutschland mit Staatszeremonien umbetten und auf einem Nationalfriedhof beisetzen würde? Die internationale Entrüstung wäre laut. Außenminister würden einbestellt, Botschafter vorgeladen, Kommentarspalten würden über das Wiedererwachen des Faschismus überschäumen.

Im Fall der Ukraine: weitgehend Schweigen. Westliche Leitmedien berichteten über die Umbettung entweder gar nicht oder in neutralem Ton, ohne die historische Dimension des Kollaborateurs auch nur zu streifen. Das ist kein Zufall. Seit dem russischen Angriffskrieg 2022 haben westliche Regierungen und Medien ein geradezu strukturelles Interesse daran entwickelt, die Frage des ukrainischen Nationalismus nicht zu vertiefen. Wer auf die OUN-Tradition hinweist, gerät schnell in Verdacht, russische Propaganda zu verbreiten – ein Reflexmechanismus, der historische Kritik effektiv mundtot macht.

Dabei war es noch 2022 breit diskutiert: Als der damalige Botschafter Andrij Melnyk den Holocaust in der Ukraine in Abrede stellte, distanzierte sich selbst das ukrainische Außenministerium. Israelische Diplomaten protestierten. Polnische Politiker sprachen von Inakzeptabilität. Drei Jahre später betten ukrainische Behörden den Anführer jener Organisation, deren Mitglieder diese Massaker begingen, mit Staatsehren um – und der Aufschrei bleibt aus.

Der Doppelstandard: Wer in Westeuropa wirklich als „Nazi“ gilt

Währenddessen findet in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein bemerkenswertes Schauspiel statt. Wer dort als „Nazi“ gilt – oder zumindest als gefährlich genug, um von Polizei, Gerichten und Arbeitgebern verfolgt zu werden –, sind häufig keine Anhänger des ukrainischen Nationalismus, sondern Menschen, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen.

Der Europarat hat Deutschland in einem Bericht aus dem Jahr 2026 schwere Mängel beim Schutz der Versammlungs- und Meinungsfreiheit vorgeworfen. Bereits die Vereinten Nationen hatten 2024 festgestellt, dass Deutschlands Vorgehen gegen pro-palästinensische Proteste im europäischen Vergleich zu den härtesten gehörte. Zwischen April 2024 und August 2025 wurden in Berlin allein rund 200 Verhandlungen gegen palästinasolidarische Aktivistinnen und Aktivisten dokumentiert – überwiegend wegen friedlicher Protestformen wie dem Zeigen von Parolen oder dem Versammlungsrecht.

In Nordrhein-Westfalen wurde die Gruppe „Palästina Solidarität Duisburg“ verboten. Einer der Betroffenen, Ahmad Othman, verlor daraufhin seinen Job – sein Arbeitgeber wurde durchsucht, seine Wohnung ebenfalls. Das Verfahren gegen ihn wegen angeblicher Urkundenfälschung wurde später eingestellt. Den Beruf hatte er trotzdem verloren. Amnesty International warnte, die geplante Antisemitismus-Resolution des Bundestags gefährde Grundrechte und perpetuiere das Narrativ eines rein „importierten“ Antisemitismus, das durch Kriminalstatistiken nicht gedeckt sei.

Das Muster ist eindeutig: Wer in Deutschland „From the River to the Sea“ ruft, riskiert Strafverfolgung, es sei denn, er schwenkt dabei die israelische Fahne. Wer in der Ukraine den Gründer einer Organisation, die mit Hitler-Deutschland kollaborierte und an der Ermordung von Juden und Polen beteiligt war, staatlich umbettet und als „Helden“ feiert, bekommt von denselben deutschen Politikern – häufig Schweigen, wenn nicht gar Rückendeckung.

Zwei Maßstäbe, eine Logik

Diese Asymmetrie ist kein Zufall und kein bloßer Widerspruch. Sie folgt einer politischen Logik: Der Antisemitismusvorwurf wird dort scharf eingesetzt, wo er geopolitisch nützlich ist – gegen Kritiker israelischer Politik, gegen Stimmen aus dem Globalen Süden, gegen Linke und Muslime in westeuropäischen Städten. Wo Antisemitismus und Faschismus dagegen im Bündnis mit dem Westen auftreten – in Form von OUN-Verehrung, Asow-Symbolen, Melnyk-Umbettungen – wird großzügig weggeschaut.

Das ist nicht nur intellektuell unredlich. Es ist eine Form der Geschichtsverdrängung, die die Erinnerung an den Holocaust instrumentalisiert, statt sie zu schützen. Echte Erinnerungskultur würde bedeuten: Kollaborateure sind Kollaborateure – egal, ob ihre Nachfolger heute auf der richtigen geopolitischen Seite stehen. Wer Andrij Melnyk mit Staatszeremonie umbettet, ehrt nicht die ukrainische Unabhängigkeit. Er ehrt die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus.

Und wer gleichzeitig Menschen, die für palästinensische Menschenrechte demonstrieren, als Antisemiten oder implizit als „Nazis“ verfolgt – der sollte sich fragen, wen er mit diesem Etikett eigentlich schützt.

Bild: Wikipedia

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Die Rehabilitierung von Nazismus in der Ukraine

„Nie wieder“ gilt immer und überall – nur nicht in der Ukraine

EU stimmt gegen Bekämpfung von Nazi-Verherrlichung

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge