Wie ein Milei-Berater bis ins bolivianische Kabinett vordrang. Ein globales Symptom?

23. August 2026von 6,2 Minuten Lesezeit

Der bolivianische Vizepräsident bricht das Schweigen über einen Argentinier, der offiziell nie existierte – und trotzdem Kabinettssitzungen dirigierte. Aber wer dieses Beispiel der Einflussnahme auf die Meinungsbildung von Wählern betrachtet, könnte daran Zweifeln, ob so etwas wie „Demokratie“ wirklich real ist, weil man ein globales Symptom erkennt.

Bolivens Vizepräsident Edmand Lara hat in den vergangenen Tagen eine Serie von Aussagen gemacht, die in La Paz für erhebliche Unruhe sorgen. Sein Kernvorwurf: Der argentinische Berater Fernando Cerimedo sei kein gewöhnlicher Kommunikationsberater von Präsident Rodrigo Paz gewesen, sondern habe faktisch mitregiert. Cerimedo habe ein eigenes Büro neben dem des Präsidenten im Regierungspalast gehabt, an Kabinettssitzungen teilgenommen und dort – so Lara wörtlich sinngemäß – Ministern Anweisungen erteilt. Nach eigener Aussage sei er selbst als Vizepräsident nur zu zwei Kabinettssitzungen zugelassen worden, während Cerimedo häufiger anwesend gewesen sei als er selbst.

Besonders brisant: Für diese Position habe es offenbar keinerlei formale Grundlage gegeben. Laut Lara stand Cerimedo auf keiner Gehaltsliste, es existierte kein Dekret und kein Memorandum zu seiner Funktion, und niemand in der Regierung habe erklären können, wer ihn eigentlich bezahlte. Lara berichtet zudem, Cerimedo habe auf die Besetzung von Ministerposten Einfluss genommen und sei bereits während der Stichwahl-Kampagne 2025 als persönlicher Berater von Paz aufgetreten.

Wer ist Fernando Cerimedo

Cerimedo, Jahrgang 1981, ist in Argentinien als Gründer des rechten Online-Portals La Derecha Diario bekannt, das er 2021 ins Leben rief und das mittlerweile dem Spanier Javier Negre gehört, aber weiterhin regelmäßig von Präsident Javier Milei geteilt wird. 2023 präsentierte er sich selbst als Kommunikationschef der Präsidentschaftskampagne Mileis und war laut übereinstimmenden Berichten für die digitale Strategie und die nationale Wahlbeobachtung von La Libertad Avanza zuständig.

Das Recherchenetzwerk Chequeado hat bereits vor der Bolivien-Affäre dokumentiert, dass Cerimedo den Einsatz sogenannter „Negativkampagnen“ und koordinierter Trollnetzwerke offen einräumte und die von La Derecha Diario verbreiteten Falschinformationen als bloße „Kinderstreiche“ abtat. International machte er sich zudem einen Namen als Berater von Jair Bolsonaro in Brasilien – wo er im Zusammenhang mit dem Putschversuch gegen Luiz Inácio Lula da Silva ermittlungsrelevant wurde – sowie bei Kampagnen rund um das chilenische Verfassungsreferendum. Über seine Firma Numen exportierte er sein Modell politischer Kommunikationsführung zusätzlich nach Honduras und schließlich nach Bolivien.

Was insbesondere westliche Medien unterschlagen

Was in den meisten Meldungen fehlt, ist der Umstand, dass diese Konstruktion – ein informeller Operator mit realer Entscheidungsmacht, aber ohne jede formale Anstellung – kein bolivianisches Einzelphänomen ist, sondern einem Muster folgt, das Cerimedo in mehreren Ländern der Region wiederholt hat. Die Nachrichtenagentur La Nación beschreibt, wie er seine Nähe zu Milei systematisch nutzte, um sich anderen rechten Regierungschefs der Region als Kampagnenstratege anzubieten, und sich dabei selbst als Kopf hinter dem Wahlsieg von La Libertad Avanza inszenierte.

Auch die Reaktion aus Buenos Aires verdient Aufmerksamkeit: Aus dem Umfeld der Casa Rosada heißt es, man habe seit Jahren nichts mehr mit Cerimedo zu tun – während intern zugleich offen darüber gestritten wird, wer ihn überhaupt in die libertäre Bewegung geholt hat, und niemand die Verantwortung dafür übernehmen will. Diese Gleichzeitigkeit von Distanzierung und Verlegenheit legt nahe, dass die Nähe enger war, als es die offiziellen Stellungnahmen suggerieren.

Der Angriff auf Nadia Beller

Ausgangspunkt der gesamten Affäre ist ein bewaffneter Angriff auf die bolivianische Aktivistin und Juristin Nadia Beller, Cerimedos frühere Partnerin. Cerimedo wurde tags darauf am Flughafen Viru Viru in Santa Cruz de la Sierra festgenommen, als er nach Buenos Aires ausreisen wollte, und ihm wird vorgeworfen, geistiger Urheber des versuchten Femizids zu sein – neben Anklagen wegen Korruption und Geldwäsche.

Vizepräsident Lara geht in seinen Aussagen noch weiter: Auswertungen von Überwachungskameras sowie sichergestellte Kommunikation aus Cerimedos Mobiltelefon belegten nach seiner Darstellung direkten Kontakt zu den mutmaßlichen Schützen vor, während und nach der Tat. Lara erklärte zudem, ein für Februar geplanter eigener Ecuador-Besuch sei nach einer Warnung aus Bellers Umfeld abgesagt worden, weil dort angeblich ein Anschlag auf sein Leben vorbereitet worden sei – organisiert, so der Vizepräsident, von Cerimedo selbst. Diese Vorwürfe sind bislang nicht gerichtlich bestätigt; sie stammen aus Interviews Laras und stehen im Raum einer laufenden Ermittlung.

Was man fragen sollte

Bemerkenswert ist die doppelte Verharmlosung, die dem Fall von zwei Seiten entgegengebracht wird. Präsident Milei selbst bezeichnete den bewaffneten Angriff auf Beller öffentlich als übertrieben dargestellt, was Lara als „unverantwortliche Einmischung in die bolivianische Justiz“ zurückwies. Parallel dazu bemüht sich auch die Regierung Paz um Schadensbegrenzung: Ein Regierungssprecher stellte Cerimedo lediglich als „nahen Mitarbeiter“ der Wahlkampagne dar, der später nur noch punktuell zu Kommunikationsfragen beigetragen habe, ohne je Teil der Staatsstruktur gewesen zu sein. Genau diese Formulierung widerspricht jedoch Laras Zeugenaussage, wonach Cerimedo ein eigenes Büro im Regierungspalast hatte und regelmäßig in Kabinettssitzungen auftrat.

Die naheliegende Frage lautet also: Wenn ein ausländischer Wahlkampfberater ohne offizielles Mandat, ohne Gehaltsliste und ohne dokumentierte Zuständigkeit über einen längeren Zeitraum faktisch mitregieren konnte –

wer hat das zugelassen, wer hat das bezahlt, wer hat davon profitiert, und wie viele vergleichbare Konstruktionen bestehen in anderen Ländern,

in denen dieselbe Beraterinfrastruktur bereits aktiv war, etwa in Brasilien oder Honduras, oder auch in Europa?

Entlarvung eines Systems oder „Einzelfall“?

Der eigentliche Kern der Geschichte liegt möglicherweise weniger in der Person Cerimedo als in dem Modell, das sie sichtbar macht: eine über nationale Grenzen hinweg operierende, informelle Beraterstruktur der lateinamerikanischen Rechten, die digitale Desinformationskampagnen, Wahlkampfführung und – wie sich in Bolivien nun andeutet – direkten Einfluss auf Regierungsentscheidungen kombiniert, ohne dabei jemals demokratischer Kontrolle, Transparenzpflichten oder gewählter Legitimation zu unterliegen. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte bereits zuvor öffentlich davor gewarnt, dass über genau solche Netzwerke koordinierte Falschinformationen mittlerweile ein kaum zu kontrollierendes Mittel im Kampf um Wahlen in der Region geworden seien. Der Fall Cerimedo liefert dafür nun erstmals einen konkreten, von einem amtierenden Vizepräsidenten öffentlich bezeugten Referenzfall – und die Frage bleibt offen, ob Bolivien der einzige Ort ist, an dem eine solche Parallelstruktur zur gewählten Regierung tatsächlich Regierungsentscheidungen mitgetragen hat.

Vom Rio de la Plata bis nach Osteuropa: Gesteuerte Demokratie in der EU

Wer die Einflussnahme auf demokratische Prozesse analysiert, darf den Blick nicht vor der Europäischen Union verschließen, in der der Wählerwille zunehmend durch strategische Interventionen gelenkt wird. Im osteuropäischen Raum, etwa in Rumänien, zeigt sich dies in der gezielten administrativen Steuerung des Wahlprozesses – beispielsweise durch die selektive Zulassung und Verteilung von Wahllokalen im EU-Ausland, womit die Stimmen der Diaspora gezielt zur Beeinflussung des Gesamtergebnisses instrumentalisiert werden. Flankiert wird diese Praxis durch Entwicklungen wie in Ungarn: Dort setzte die durch massiven Brüsseler Rückenwind installierte neue Regierung im Sommer 2026 eine Verfassungsänderung zur Blitz-Absetzung des amtierenden Staatschefs durch. Diese Vorgänge sind Teil desselben globalen Symptoms: Ob durch informelle Berater in Lateinamerika oder durch systemische Interventionen etablierter Machtblöcke in Europa – die Spielregeln der Demokratie werden im Namen höherer politischer Ziele nach Belieben umgeschrieben.

Bild: Screenshot von Video über Aussagen von Lara

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Denkanstoß: Mehr Überwachung zum Schutz „UnsererDemokratie“ vor dem Islam

Studie: „Die USA sind keine Demokratie, sondern eine Oligarchie“

Gelenkte Demokratie: AfD-Politiker von Wahl ausgeschlossen

4 Kommentare

  1. Der Zivilist 24. August 2026 um 7:56 Uhr - Antworten

    Sie nennen es ‚unsere Demokratie‘

  2. lotus998dc2ac81f3 24. August 2026 um 3:28 Uhr - Antworten

    Das ist nicht Ihr Ernst, oder:
    ….könnte daran Zweifeln, ob so etwas wie „Demokratie“ wirklich real ist, …
    Als ob es je real gewesen wäre, nicht einmal im Ansatz.

  3. VerarmterAdel 23. August 2026 um 16:37 Uhr - Antworten

    ZIOPAC

  4. Jan 23. August 2026 um 15:29 Uhr - Antworten

    Mein Vorschlag: Ernsthafte Subsidiarität, mehr regionale Autonomie, Persönlichkeitswahl von Richtern und Staatsanwälten, Ende der fortschreitenden EU-Integration.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

Aktuelle Beiträge