
Grüner Stahl, Deutschlands Exportschlager?
Wer hätte das ahnen können? Deutschland baut seine Stahlindustrie um, Milliarden werden in neue Anlagen gesteckt, Wasserstoff soll die Kohle ersetzen – und am Ende könnte ausgerechnet das Produkt, das als Symbol einer neuen deutschen Industrieära gedacht war, zum finanziellen Problemfall werden: grüner Stahl, produziert in Deutschland, teuer und bislang nur schwer am Markt abzusetzen.
Natürlich ist die Sache komplizierter als die polemische Pointe vom „finanziellen Massaker“. Grüner Stahl ist technisch machbar, und die Dekarbonisierung der Stahlindustrie ist angesichts ihrer enormen CO₂-Emissionen eine reale Herausforderung. Aber genau hier beginnt die Kritik: Warum wurden Projekte in einer Größenordnung angeschoben, obwohl zentrale wirtschaftliche Voraussetzungen nie überzeugend geklärt waren?
Kritiker haben von Anfang an auf einen einfachen Zusammenhang hingewiesen: Stahl ist kein Luxusartikel einer teuren Marke. Stahl ist ein international gehandeltes Massengut. Wer ihn produziert, muss nicht nur technisch funktionieren, sondern vor allem zu einem wettbewerbsfähigen Preis produzieren. Eine staatlich subventionierte Produktionsweise kann diesen Unterschied eine Zeit lang kaschieren. Sie kann ihn aber nicht dauerhaft verschwinden lassen.
Das Grundproblem war absehbar
Die neue Stahlwelt soll anders funktionieren als die alte. Statt Kohle und Koks soll Wasserstoff Eisenerz direkt reduzieren. Dafür braucht es riesige Mengen an Wasserstoff – und dieser wiederum enorme Mengen an preisgünstigem, möglichst CO₂-armem Strom.
Genau an dieser Stelle lag für Kritiker der entscheidende Schwachpunkt.
Denn Deutschland gehört nicht zu den Ländern mit besonders günstigen Energiepreisen. Gleichzeitig sollte ausgerechnet hier eine energieintensive Industrie mit einer Technologie umgebaut werden, deren wirtschaftliche Grundlage ein massiver Ausbau günstiger erneuerbarer Energie und einer funktionierenden Wasserstoffinfrastruktur ist.
Der Bundesrechnungshof kam 2025 zu einer bemerkenswert deutlichen Einschätzung:
Trotz milliardenschwerer Förderung blieben Angebot und Nachfrage nach Wasserstoff deutlich hinter den Erwartungen zurück. Grüner Wasserstoff sei absehbar nicht wettbewerbsfähig und könne eine dauerhafte staatliche Unterstützung erforderlich machen.
Das ist für die Stahlindustrie fatal.
Denn wenn der wichtigste neue Energieträger zu teuer oder nicht in ausreichender Menge verfügbar ist, wird aus dem „grünen Stahl“ schnell ein Produkt, dessen Herstellungskosten deutlich über denen der internationalen Konkurrenz liegen.
Und genau das war der Punkt, den Kritiker schon früh machten: Man kann eine Produktionsanlage bauen. Man kann aber keinen Markt herbeisubventionieren.
Warum machten Unternehmen trotzdem mit?
Hier wird es besonders interessant.
Denn es wäre zu einfach, die beteiligten Unternehmen als naiv oder wirtschaftlich unfähig darzustellen. Große Stahlkonzerne verfügen über hochbezahlte Manager, Volkswirte, Ingenieure und Marktanalysten. Natürlich wussten diese Unternehmen, dass grüner Wasserstoff teuer werden würde und dass Deutschland bei Energiepreisen strukturelle Nachteile besitzt.
Warum also der Einstieg?
Eine mögliche Antwort lautet: Weil das Risiko nicht mehr vollständig beim Unternehmen lag.
Wenn der Staat Milliarden zur Verfügung stellt, verändert sich die wirtschaftliche Kalkulation eines Projektes fundamental.
Das Beispiel Salzgitter ist besonders deutlich. Für die erste Ausbaustufe von SALCOS waren Investitionen von rund 2,7 Milliarden Euro vorgesehen. Ursprünglich wurden rund eine Milliarde Euro öffentliche Förderung bewilligt. Im Februar 2026 kamen weitere 322 Millionen Euro hinzu. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte selbst, dass bereits bei der ursprünglichen Genehmigung eine Finanzierungslücke festgestellt worden war.
Bei Thyssenkrupp Steel wurde eine Förderung von rund zwei Milliarden Euro durch Bund und Land zugesagt. Das Unternehmen selbst bezifferte seine Eigeninvestitionen auf knapp eine Milliarde Euro.
Damit stellt sich eine unbequeme Frage:
Handelt es sich bei solchen Projekten noch um normale unternehmerische Investitionen – oder bereits um industriepolitische Projekte, bei denen private Unternehmen und der Staat gemeinsam ein Risiko tragen, das der Markt allein offenbar nicht tragen würde?
Aus Sicht der Kritiker ist genau das der entscheidende Punkt.
Der Staat wird vom Förderer zum Mitunternehmer
Die Politik hatte dabei ein starkes Eigeninteresse. Und sie hat über den Hebel von Gesetzen, Druckmöglichkeiten.
Die deutsche Stahlindustrie steht für hunderttausende direkte und indirekte Arbeitsplätze, industrielle Wertschöpfung und strategische Bedeutung. Einen Stahlstandort wie Duisburg oder Salzgitter einfach verschwinden zu lassen, wäre politisch kaum vermittelbar.
Also wurde die Transformation zur industriepolitischen Großaufgabe erklärt.
Das Narrativ war bestechend: Deutschland kann gleichzeitig Klimaschutz betreiben, seine Industrie retten, neue Wasserstoffmärkte schaffen und technologischer Vorreiter werden.
Das Problem: Alle diese Ziele müssen gleichzeitig eintreten.
Es reicht nicht, dass die Technologie funktioniert. Der Wasserstoff muss verfügbar sein. Der Strom muss bezahlbar sein. Die Infrastruktur muss rechtzeitig kommen. Die Anlagen müssen zuverlässig laufen. Und am Ende muss ein Kunde bereit sein, für den klimafreundlicheren Stahl einen höheren Preis zu bezahlen. Genau der letzte Punkt ist bislang besonders problematisch.
Die ARD berichtete im Mai 2026, dass die deutsche Stahltransformation ins Stocken geraten sei und grüner Stahl bislang kaum Abnehmer finde. Bei der Stahl-Holding Saar etwa stehen Investitionen von rund fünf Milliarden Euro an, davon 2,6 Milliarden Euro öffentliche Fördermittel. Damit wird aus einem theoretischen Problem ein reales Geschäftsrisiko.
Die bizarre Logik der Subvention
Hier entsteht eine geradezu paradoxe Situation.
Der Staat sagt:
„Wir brauchen grünen Stahl, deshalb fördern wir seine Produktion.“
Der Stahlproduzent sagt:
„Wir können grünen Stahl produzieren, wenn der Staat die Transformation finanziert.“
Und anschließend braucht der Markt möglicherweise erneut politische Unterstützung, damit der teurere Stahl überhaupt gekauft wird.
Das kann funktionieren – aber nur, wenn man bereit ist, die gesamte Wertschöpfungskette politisch zu steuern. Dann geht es nicht mehr nur um eine Anschubfinanzierung. Dann braucht man möglicherweise sogenannte grüne Leitmärkte, staatliche Beschaffung, Quoten, Klimaverträge oder andere Mechanismen, die den Preisunterschied zum konventionellen Stahl ausgleichen. Und genau hier liegt die Sorge des Bundesrechnungshofes: Aus einer zeitlich begrenzten Förderung könnte eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit werden. Das ist für eine Marktwirtschaft ein ziemlich alarmierendes Signal.
Aber warum nicht einfach abwarten?
Die politische Gegenposition ist durchaus nachvollziehbar. Wenn Deutschland erst wartet, bis grüner Stahl weltweit billiger wird, könnte die heimische Stahlindustrie bis dahin verschwunden sein. Der Umbau einer Industrieanlage dauert Jahre. Infrastruktur muss ebenfalls Jahre vorher geplant werden. Deshalb argumentieren Politik und Unternehmen: Man müsse heute investieren, um morgen überhaupt noch Stahl produzieren zu können.
Das ist der stärkste Punkt der Befürworter. Doch er beantwortet eine andere Frage nicht:
Warum muss ausgerechnet Deutschland die teure Pionierrolle übernehmen, wenn gleichzeitig Länder mit wesentlich günstigeren Energiebedingungen um dieselben Märkte konkurrieren?
Und noch wichtiger: Wenn die Wirtschaftlichkeit tatsächlich erst irgendwann in ferner Zukunft eintreten soll – wer bezahlt die Jahre bis dahin?
- Der Steuerzahler?
- Die Stromkunden?
- Die Stahlkunden?
- Oder am Ende alle drei?
Das eigentliche Versagen liegt nicht in der Technologie
Man sollte deshalb nicht den Fehler machen, grünen Stahl grundsätzlich als technische Fehlentwicklung darzustellen. Das Problem könnte vielmehr die Standortentscheidung und die politische Konstruktion des Geschäftsmodells sein.
Wasserstoff kann für bestimmte industrielle Prozesse sinnvoll sein. Die Stahlproduktion gehört sicherlich zu den Bereichen, in denen eine Dekarbonisierung schwierig ist. Aber aus der Aussage „Wir müssen Stahl klimafreundlicher produzieren“ folgt nicht automatisch die Aussage:
„Wir müssen ihn unter allen Umständen in Deutschland produzieren – unabhängig von den Kosten.“
Genau diese beiden Aussagen wurden politisch teilweise miteinander vermischt. Damit wurde aus einer klimapolitischen Herausforderung eine industriepolitische Wette. Und diese Wette hat der Staat mit Milliarden Steuern abgesichert.
Die Rechnung kommt später
Das eigentlich Beunruhigende ist deshalb nicht, dass ein Projekt teurer wird als geplant. Großprojekte sind kompliziert, und Kostensteigerungen kommen überall vor. Beunruhigend ist vielmehr, wenn sich bereits während der Umsetzung herausstellt, dass wesentliche Voraussetzungen – billiger Wasserstoff, ausreichende Infrastruktur und zahlungsbereite Abnehmer – nicht im erwarteten Umfang vorhanden sind. Dann müsste ein Unternehmen normalerweise sagen:
„Stopp. Die wirtschaftlichen Annahmen haben sich verändert.“
Bei staatlich geförderten Transformationsprojekten funktioniert der Mechanismus allerdings anders. Je mehr Geld bereits investiert wurde, desto schwieriger wird der Ausstieg. Denn dann stehen plötzlich Arbeitsplätze, regionale Wirtschaftsstrukturen, Klimaziele und politische Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Aus einem schlechten Investment wird dadurch schnell ein politisch „alternativloses“ Investment. Und genau hier beginnt das klassische Problem westlicher staatlicher Industriepolitik:
Wenn der Staat das Risiko übernimmt, wird es politisch immer schwieriger, ein Projekt auch dann zu stoppen, wenn seine ursprüngliche wirtschaftliche Logik nicht mehr aufgeht.
Die unbequeme Schlussfolgerung
Vielleicht war die Fehlannahme, dass Deutschland gleichzeitig einen der teuersten Produktionsstandorte Europas behalten, Energie- und Klimaziele verschärfen, eine neue Wasserstoffwirtschaft aus dem Boden stampfen und dabei auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben könne – und dass sich diese Rechnung letztlich irgendwie von selbst schließen würde. Wobei das vielleicht eher kritisch gemeint ist.
Kritiker haben davor gewarnt.
Jetzt zeigt sich, dass zumindest einige ihrer Zweifel keineswegs aus der Luft gegriffen waren: Der Bundesrechnungshof warnt vor fehlender Wettbewerbsfähigkeit und dauerhaften Subventionen, die Wasserstoffnachfrage bleibt hinter den Erwartungen zurück, und gleichzeitig werden bereits bewilligte Milliardenbeträge weiter aufgestockt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: „Kann Deutschland grünen Stahl produzieren?“
Natürlich kann es das. Die entscheidende Frage lautet:
„Kann Deutschland grünen Stahl produzieren, den jemand freiwillig zu einem Preis kauft, der die tatsächlichen Kosten deckt?“
Wenn die Antwort darauf langfristig „nein“ lautet, dann haben wir es nicht mit einem neuen Exportschlager zu tun. Dann haben wir ein politisch finanziertes Industrieprojekt. Und irgendwann muss jemand die Rechnung bezahlen. Die Unternehmen können ihre Bilanzen korrigieren. Politiker können ihre Förderprogramme umbenennen. Minister können neue Strategien verkünden.
Der Steuerzahler kann das nicht.
Er bekommt am Ende keine grüne Stahlrolle geliefert. Er bekommt die Rechnung.
Bild: Screenshot von Video, welches über das Ende von Deutschlands „grünen Stahl“ berichtet
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