
Denken und Einbildungskraft: Noch einmal über die künstliche Intelligenz
Vielleicht besteht das wahre Problem der künstlichen Intelligenz darin, dass sie durch einen allgemeinen Verlust der Einbildungskraft möglich wurde, als sei ihrem Aufkommen die Errichtung einer allgegenwärtigen künstlichen Einbildungskraft vorausgegangen.
Das Problem der künstlichen Intelligenz, über das man heute nicht immer mit natürlicher Intelligenz diskutiert, hatte in der Geschichte der westlichen Philosophie – wie wir hier bereits Gelegenheit hatten zu zeigen – einen Vorläufer: den einen und abgetrennten Intellekt des lateinischen Averroismus. Die Analogie ist so zwingend – ein einziger und abgetrennter Intellekt, der außerhalb der einzelnen Individuen denkt –, dass sie sogar in der Abkürzung, die sie ausdrückt, zusammenfallen kann: Künstliche Intelligenz – Intellectus Agens (wie die Averroisten den abgetrennten Intellekt nannten). Für die mittelalterlichen Philosophen, die in diesem Punkt scharfsichtiger waren als unsere Zeitgenossen, bestand das entscheidende Problem in der Weise, wie sich der eine und abgetrennte Intellekt mit den einzelnen Menschen verbindet (copulatur), damit das Denken vom Individuum erworben (adeptus) wird und man sagen kann hic homo intelligit – dieser Mensch denkt. Das Mittel, das diese Verbindung ermöglichte, war für Averroes die Einbildungskraft, an der es unseren Zeitgenossen hingegen völlig zu mangeln scheint. In der künstlichen Intelligenz gilt nämlich: hic homo non intellegit – der einzelne Mensch verzichtet darauf zu denken und delegiert die kostbarste seiner Fähigkeiten an eine Maschine, die an seiner Stelle und besser als er denken soll. Um den Anweisungen dieses unerbittlichen Meisters zu folgen, ist die Einbildungskraft von keinerlei Nutzen (auch wenn selbst zur Anwendung einer Norm irgendeine Form von Einbildungskraft notwendig sein könnte). Vielleicht besteht das wahre Problem der künstlichen Intelligenz darin, dass sie durch einen allgemeinen Verlust der Einbildungskraft möglich wurde, als sei ihrem Aufkommen die Errichtung einer allgegenwärtigen künstlichen Einbildungskraft vorausgegangen. Eine Menschheit, die die Einbildungskraft verloren hatte, war bereit, sich auch des Denkens zu berauben (das übrigens, wie schon Aristoteles lehrte, ohne Einbildungskraft schlichtweg nicht möglich ist).
Das Erste, was man tun muss, um der Herrschaft der KI entgegenzuwirken, ist daher eine geduldige, akribische und methodische Suche nach der verlorenen Einbildungskraft. Und da das Denken nichts anderes ist als die vollendete Form der Einbildungskraft, wird man der künstlichen Intelligenz dann nicht mehr bedürfen.
Bild „Buddha’s Birds“ by h.koppdelaney is licensed under CC BY-ND 2.0.
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Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der von Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Pensiero e immaginazione
Ancora sull’intelligenza artificiale erschien am Blog von Agamben auf Italienisch.
Einbildungskraft?
Wie wärs mit Vorstellungskraft?
Eingebildet sind die, die alle mit Algorithmen zu verkaufen suchen, ohnehin schon ausreichendst.
Wenn man die KI dazu bringt, im Grenzbereich oder darüber zu agieren (was nicht leicht ist, weil sie immer wieder auf „den Weg der Wissenschaft“ zurück will, entdeckt man Sphären, die tatsächlich faszinierend sind. Und von wegen“ Musterverarbeitung ohne Bedeutung“ : Wo keine Information verfügbar ist (weil bestimmte Themen von der Wissenschaft gebannt werden), kann auch keine Überenstimmung entstehen … tut es aber doch.
Hätten Sie da vielleicht ein Beispiel, bitte? 🤔
Einbildungskraft hat die KI enorm, dem würde ich zustimmen! Sie rechtfertigt das dann mit Ethik und Verantwortung, die sie für mich habe.
Man kann sicher eine platonische Liebesbeziehung mit der KI führen, wenn man Abstriche macht – aber als Hilfe zum wissenschaftlichen Arbeiten? Sehr schwierig!
Kürzlich hatten wir eine kleine Diskussion. Du darfst Gerichtsurteile nicht einfach so erfinden und mit einer Geschäftszahl versehen, ich suche mich dann dämlich.
Das ist ein guter Hinweis. Ich sollte nur aus Urteilen zitieren, die tatsächlich existieren!
Als Hilfe sehr gut (wie der Luhmannsche Zettelkasten), aber das wissenschaftliche Arbeiten muss man dann schon selbst erledigen. 😉
Lieber Herr Agamben,
Danke für Ihre Ausführungen und Betrachtungsperspektiven, welche z. B. antike Gedankenwelten sehr grundlegend und verständlich ins dumpfe Licht verschiedenster Gegenwärtlichkeiten erhellend zu ergänzen vermögen.
Die Wiedererlangung, so geträchtige ich mich zu ermeinen, von individueller Einbildungskraft setzt in jedem erdenklichen Falle eine Abkehr z. B. von sich selbst selbstbeschönigender Selbstbestätigungssucht (Affirmation) sowie rücksichtslosest verkindlichendem Urvertrauensersätzen gegenüber dem Äußeren gesetzt als auch herbeigeführten Sozialgegebenheiten voraus.
Herrschaft an sich, setzt grundsätzlichst wie im nicht allzu fernen historischen Feudalismus täglich erfahrbar war, die völlige Verneinung des individuellen eigenmächtigen Denkens voraus. In diesem Lichte versteht sich Kant’s Maxime des Wagemutes sich seines eigenen Verstandes zu bedienen völlig von selbst. Gleichzeitig wird in jedem Herrschaftlichen Szenario von Gedungenheitskulten aller Art die mangelnde Phantasie des geniedert selbstzererniedrigenden Individuums prächtigst beklagt als auch sich der Herrschaft öffentlichst anbiedernd überhöflichst kritisiert. Der ideale Domestike habe sich dem Willen der Herrschaft vorauseilendst zu erspüren, sowie seine ihm geziemenden Handlungen im dienlichstem Unterwurf beschiedenster selbstverstümmelndster Selbstverneinung schlicht zu tätigen, noch bevor die Herrschaft ihre als Wünsche geäußerten Befehle das Ohr des Domestiken erreichen.
KI ist nichts anderes als formalisierte Herrschaftslogik schlicht auf Grund technisch organisierbarer Möglichkeiten von Festigung bestehender Herrschaftsverhältnisse bei gleichzeitiger Ausdehnungswut selbiger in alle Unendlichkeit – Herrschaft ist ein sich selbstverstetigender Abhängigkeitserzeugungsmechanismus (Autopoiesis) – nicht mehr und nicht weniger.
His yoke is easy and his burthen is light…
Herrschen und Beherrschtwerden sind ebenso zwei Seiten ein und derselben Sache. Was verbindet den Sadisten mit dem Masochisten? Lust! Und zwar Lust an ein und derselben Sache: der Sadist ist gleichzeitig Masochist, wie der Masochist Anteil an der Macht hat, die ihn erniedrigt …
Mein voriger Kommentar sollte eigentlich Thomas Moser antworten…..
Zum Artikel allgemein, für den ich sehr dankbar bin:
Ist es nicht erst die Einbildung einer „absoluten Intelligenz“, die den Irr-Glauben an die „KI“ ermöglicht?
Ich will dem Autor gar nicht widersprechen, ich habe bis jetzt nicht genauer darüber nachgedacht und wüsste daher selber nicht, wo ich am Ende lande – aber da biegt er amS falsch ab.
MEn fehlt es nicht an Einbildungskraft – sie wurde vielmehr ebenfalls ausgelagert und „fremdprogrammiert“ (zB durch „Qualitätsjournalismus“), also manipuliert. Man hat sich diese Einbildungskraft geschickt zunutze gemacht, sie aber nicht vernichtet.
Da wüsste ich jetzt gerne, ob der Autor Einbildungskraft so versteht, dass sie nur echt ist, wenn sie aus dem subjektiven Inneren einer Person gespeist wird – und daher eine von außen manipulierte Einbildung nicht als Einbildungskraft anerkennt.
Ansonsten würde ich nämlich meinen, dass es die Einbildungskraft ist, die solche irren Phasen der Menschheit erst ermöglicht – aus was sonst sollten all die Hirngespinnste (Klima, Corinna, Russen-Invasion, etc.) hervorgekommen sein, wenn nicht Einbildungskraft? Oder deute ich diesen Begriff falsch…?
„Menschen denken semantisch“
Ich würde sogar „emotional“ behaupten, da für mich Denken und Fühlen nur 2 Versionen derselben Sache sind.
Vielleicht nicht einmal verschiedene Versionen, sondern ein und dasselbe …
Schoko oder Vanille – aber beides Pudding.
Eher wie Pudding, der einmal nach Schoko schmeckt oder auch einmal nach Vanille, aber eben auch schon manchmal nach 👉💩🙊
Ich glaube wir Älteren, die analog aufgewachsen sind und ihre Einbildungskraft durch Schule, Lehre, Ausbildung, Beruf und Leben in vielerlei Hinsicht entwickelt, geschult und tlw. eben auch professionalisiert haben und viele Werkzeuge der Visualisierung (Diagramme, 2D und 3D-Visualisierungen) kennen und wissen anzuwenden, profitieren am meisten von der KI, weil wir den Vergleich haben, bzw. jeder Zeit anstellen können. Und wir sind es doch, die da auch in einer gewissen Verantwortung stehen, die Anwendung der KI (nun ist sie mal da) best möglich zu fördern und jeweils ebenso auf die Bedeutung der eigenen menschlichen Einbildungskraft hinzuweisen, oder . . Der Nutzen der KI ist auf jeden Fall da und wird in allen möglichen Lebensbereichen auch durchgetestet werden. Ob und wieweit das dann auch mit sich assozial auswirkenden Verstümmelung von menschlichen Fahigkeiten einhergeht wird sich zeigen, bzw. liegt auch an Uns an den Anwendern und besonders daran wie darüber diskutiert und die jeweiligen Entwicklungen und Vorhaben v.KI besprochen werden.
Wie ich immer sage: Für denjenigen, der – zumindest in Grundzügen – weiß, wie er ein Ergebnis ohne KI/AI erreichen kann bzw. überhaupt erstmal ein solches zu formulieren imstande ist, ist diese KI/AI ein nützliches Werkzeug. Das ist Bildung i.e.S.
Kurzum: Menschen denken semantisch, KI „denkt“ numerisch. Die Verwechslung dieser beiden Ebenen erzeugt die großen Missverständnisse über KI.
Warum? KI ist Musterverarbeitung ohne Bedeutung, sie arbeitet mit Vektoren, Distanzen, Cluster, alles ohne Semantik, ohne Intentionalität. KI erzeugt Muster geometrisch, nicht inhaltlich.
KI ist ein statistisches System ohne Bedeutung, das in bedeutungsvollen Kontexten eingesetzt wird. Das ist das Problem, wenn KI in alle Lebensbereiche eindringt und ihre Grenzen nicht mehr gesehen werden, was durch eine Verblödung der Menschheit ermöglicht wird.
Oft vergisst man diese Tatsache immer wieder, besonders wenn solche Ergebnisse (tinyurl.com/3m5bezed) damit zustande kommen, nur weil in vielen gesammelten Wissensbereichen bereits die Lösung für eine neue Anfrage latent vorhanden ist, was über die Statistikfunktionen einer LLM (als vermeintliche KI) anscheinend relativ oft sogar als korrekte Lösung errechnet wird (tinyurl.com/6v3s3uay), aber das echte Denken bleibt natürlich weiterhin den Menschen überlassen, aber nur solange er es nicht freiwillig verlernt …
So ist es.
Die KI kennt die Bedeutung der Worte nicht.
Wenn das LLM ausspuckt, ich verstehe deinen Kummer, dann ist das totaler Unsinn. Es kennt absolut keine Bedeutung was Kummer überhaupt ist.
Ich schaue auf Herrn K. Soufi-Siavash eigener Seite immer mal seine Gespräche mit den beiden KI Modellen an, Grok + Chatgpt. Ich finde es immer erstaunlich, dass er versucht der KI Leben abzuringen, wo kein Leben ist.
Aber unterhaltsam ist es dennoch und teils auch erhellend.
KI ist ein ziemlich gutes Werkzeug und eine Bereicherung wenn es entsprechend eingesetzt wird.
Ansonsten wird es wieder zur Waffe, ob für die Verdummung, für die Machtsicherung, oder gar für Gewalttaten, spätestens wenn es in analogen System, diese dazu befähigt. Aber es reicht eben auch schon das KI irgendwas digitale verhaut.
Einer KI also Verantwortung zu übertragen, selbstständig zu entscheiden, muss maximal begrenzt und wirklich nur bei den Dingen zugelassen werden, wo es schon eine Vorauswahl an A, B, C durch den Menschen gab.
Ich möchte keinen Roboter erleben mittels KI autark diesen über Lebensbereiche entscheiden zu lassen, wo man lebendig sein muss, um überhaupt entscheiden zu können.
Das gleiche gilt natürlich im digitalen Bereichen.
Aber.. das sagen wir hier so.. Die Macht hat da ganz andere Pläne.. und wie immer stellt sich die Systemfrage, wie sogut wie immer..
Thomas Moser
12. August 2026 um 14:45 Uhr
„Kurzum: Menschen denken semantisch, KI „denkt“ numerisch … KI ist Musterverarbeitung ohne Bedeutung …“
Das ist – entgegen dem plakativen Vergleich von Giorgio Agamben – ein großer Unterschied zum averroistischen ‚intellectus agens‘, der in einer platonisierenden Interpretation von Aristoteles‘ Schrift „De anima“ („Über die Seele“) die höchste Stufe der menschlichen Seele, des menschlichen Intellekts darstellt, eine überindividuelle Teilhabe am göttlichen Wissen. Diese Vorstellung widerspricht allerdings dem christlichen Glauben an die den Tod überdauernde Einheit jedes Individuums, wie Thomas von Aquin in seiner Entgegnung „Über die Einheit des Intellekts gegen die Averroisten“ herausgearbeitet hat, ebenfalls in enger Anlehnung an die erwähnte Schrift des Aristoteles.
Die mystifizierte „KI“ hat dagegen mit „I“ gar nichts zu tun, sondern ist ein mächtiges statistisches Werkzeug, das allerdings nur dann Nutzen bringt, wenn man das nötige Wissen darum, was man sucht, mitbringt, also zu recherchieren gelernt hat, wie ein Kommentator oben treffend feststellt (@Andreas_Sch., 12. August 2026 um 19:02 Uhr) …
Zum Averroismus fällt mir der sog. „Analytische Idealismus“ ein …