Denken und Einbildungskraft: Noch einmal über die künstliche Intelligenz

12. August 2026von 2,6 Minuten Lesezeit

Vielleicht besteht das wahre Problem der künstlichen Intelligenz darin, dass sie durch einen allgemeinen Verlust der Einbildungskraft möglich wurde, als sei ihrem Aufkommen die Errichtung einer allgegenwärtigen künstlichen Einbildungskraft vorausgegangen.

Das Problem der künstlichen Intelligenz, über das man heute nicht immer mit natürlicher Intelligenz diskutiert, hatte in der Geschichte der westlichen Philosophie – wie wir hier bereits Gelegenheit hatten zu zeigen – einen Vorläufer: den einen und abgetrennten Intellekt des lateinischen Averroismus. Die Analogie ist so zwingend – ein einziger und abgetrennter Intellekt, der außerhalb der einzelnen Individuen denkt –, dass sie sogar in der Abkürzung, die sie ausdrückt, zusammenfallen kann: Künstliche Intelligenz – Intellectus Agens (wie die Averroisten den abgetrennten Intellekt nannten). Für die mittelalterlichen Philosophen, die in diesem Punkt scharfsichtiger waren als unsere Zeitgenossen, bestand das entscheidende Problem in der Weise, wie sich der eine und abgetrennte Intellekt mit den einzelnen Menschen verbindet (copulatur), damit das Denken vom Individuum erworben (adeptus) wird und man sagen kann hic homo intelligit – dieser Mensch denkt. Das Mittel, das diese Verbindung ermöglichte, war für Averroes die Einbildungskraft, an der es unseren Zeitgenossen hingegen völlig zu mangeln scheint. In der künstlichen Intelligenz gilt nämlich: hic homo non intellegit – der einzelne Mensch verzichtet darauf zu denken und delegiert die kostbarste seiner Fähigkeiten an eine Maschine, die an seiner Stelle und besser als er denken soll. Um den Anweisungen dieses unerbittlichen Meisters zu folgen, ist die Einbildungskraft von keinerlei Nutzen (auch wenn selbst zur Anwendung einer Norm irgendeine Form von Einbildungskraft notwendig sein könnte). Vielleicht besteht das wahre Problem der künstlichen Intelligenz darin, dass sie durch einen allgemeinen Verlust der Einbildungskraft möglich wurde, als sei ihrem Aufkommen die Errichtung einer allgegenwärtigen künstlichen Einbildungskraft vorausgegangen. Eine Menschheit, die die Einbildungskraft verloren hatte, war bereit, sich auch des Denkens zu berauben (das übrigens, wie schon Aristoteles lehrte, ohne Einbildungskraft schlichtweg nicht möglich ist).

Das Erste, was man tun muss, um der Herrschaft der KI entgegenzuwirken, ist daher eine geduldige, akribische und methodische Suche nach der verlorenen Einbildungskraft. Und da das Denken nichts anderes ist als die vollendete Form der Einbildungskraft, wird man der künstlichen Intelligenz dann nicht mehr bedürfen.

Bild „Buddha’s Birds“ by h.koppdelaney is licensed under CC BY-ND 2.0.

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Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der von Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Pensiero e immaginazione
Ancora sull’intelligenza artificiale
erschien  am Blog von Agamben auf Italienisch.



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