Skip to content
Wirtschaft

Bargeldabschaffung Schritt für Schritt

11 Kommentare 31. August 2026 3 Minuten Lesezeit von Thomas Oysmüller

Die EU-Verhandlungen über den digitalen Euro entscheiden auch über die Zukunft des Bargelds. Denn seine Abschaffung kommt nicht mit einem Verbot. Sie kommt mit Ausnahmen, Gebühren, geschlossenen Automaten und dem Satz, alles sei doch „nur ergänzend“.

In einem aktuellen Video warnt der Wirtschaftsprofessor Christian Rieck vor dieser Entwicklung und ruft – basierend auf der Dokumentation der Initiative Bargelderhalt – zum Handeln auf. Denn die Pläne in Brüssel sind weit fortgeschritten.

Im Sommer 2026 steckt das sogenannte Single-Currency-Package im Trilog: Kommission, Parlament und Rat verhandeln die Verordnung zum gesetzlichen Zahlungsmittel Euro-Bargeld und parallel den digitalen Euro, der bereits beschlossen ist. Offiziell sollen beide nebeneinander existieren. Praktisch, so Rieck, droht Bargeld der Status eines Restprodukts.

Offiziell sollen beide nebeneinander existieren. Praktisch, so Rieck, droht dem Bargeld der Status eines Restprodukts.

Der ursprüngliche Kommissionsvorschlag vom 28. Juni 2023 behandelte Bargeld und digitalen Euro ungleich: Der digitale Euro sollte weitgehend angenommen werden müssen, Bargeld nicht. Nach drei Jahren Verhandlungen gibt es Fortschritte. Supermärkte, Cafés und Restaurants sollen Bargeld grundsätzlich akzeptieren. Einseitige „Kein Bargeld“-Schilder und AGB-Klauseln sollen eingeschränkt werden. Bargeld und der digitale Euro gelten als gesetzliches Zahlungsmittel; der Zahler soll wählen dürfen.

Das klingt nach Schutz. Rieck nennt es einen Teilerfolg – und zugleich eine Beruhigungspille.

Denn in den Ausnahmen finden sich entscheidende Hebel: Unbemannte Verkaufsstellen – Parkautomaten, Busse, Bahnen, Toiletten, Schwimmbäder, Selbstbedienungsläden – dürfen Bargeld ablehnen, wenn digital gezahlt werden kann. Wer dort bar zahlen will, hat keine Chance. Und das trocknet den Geldkreislauf Schritt für Schritt aus: Weniger Bargeld bedeutet weniger Einzahlungen bei Händlern, weniger Bedarf an Automaten und somit weniger Bargeld im Umlauf.

Auf staatlicher Ebene ist das Bild ähnlich. Eine Bundesbank-Auswertung, die Rieck zitiert, fand bei acht von 30 Behördenstellen keine Barzahlung. Die Verordnung erlaubt den nationalen Staaten Einschränkungen aus „öffentlichem Interesse“: Geldwäschebekämpfung, Steuererhebung, Effizienz. Interne Ratsdokumente nennen ausdrücklich Verwaltungseffizienz. Der ehemalige Bundesbank-Vizepräsident Franz-Christoph Zeitler warnte, große Ausnahmen könnten den Kipppunkt markieren, ab dem Bargeld verschwindet. Mahr dazu unter Bargeldverbot.info.

Geldautomaten werden ohnehin immer weniger. Es gibt keine harte EU-Regel, wie nah ein Geldautomat sein muss. In Schweden gilt teils eine Entfernung von 25 Kilometern als ausreichend. Banken dürfen Automaten abbauen und Gebühren verlangen; Händler tragen steigende Kosten für Einzahlungen. Der Handelsverband warnt vor dem Kollaps der Infrastruktur. Der digitale Euro hingegen soll kostenlos und jederzeit verfügbar sein – ein asymmetrischer Standard.

EZB-Chefin Christine Lagarde versichert gemeinsam mit anderen Eurokraten regelmäßig, dass das Bargeld erhalten bleibe. Doch viele wollen ihr das nicht recht glauben. Auch Rieck ist skeptisch. Die Freiheit der Vertragsgestaltung hat bereits dazu geführt, dass Bäckereien, Restaurants, Parkuhren und Ämter Barzahlung ablehnen. Wenn der Staat selbst digital bevorzugt, setzt er das Signal: Bargeld ist umständlich. Die Nachfrage sinkt, das Angebot folgt, die Rechtfertigung für weitere Ausnahmen wächst.

Die Initiative hat konkrete Forderungen: uneingeschränkte Annahme bei Behörden mit persönlichem Kontakt; Barzahlung an Automaten für wesentliche Dienste wie ÖPNV, Parken und Grundversorgung; verbindliche Nähe von Geldautomaten (Zielvorstellung: 90 Prozent der Bevölkerung in kurzer Distanz); Gebührenfreiheit und Gleichbehandlung mit dem digitalen Euro. Ohne das, so das Argument, bleibt der gesetzliche Schutz auf dem Papier.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter. 

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇



Der Digitale Euro ist beschlossen (1)

Der digitale Euro ist beschlossen (2)

Der digitale Euro: Brüssels neue Macht

Teile diesen Artikel

11 Kommentare

  1. alter Mann
    Antworten

    Zahle in der Regel bar außer berufliche Pflichtausgaben (Dienstkonto Thema Finanzamt). Habe oft genug IT Ausfälle an Tankstellen und Supermärkten erlebt. Haben ja die Menschen während der Plandemie richtig angemacht mit der „kontaktlosen“ Bezahlerei und mich schief angeschaut. War dies Zufall oder Impfbeigabe aber ohne Bratwürstel. Wer in Krisengebieten gearbeitet hat, hat immer genug Bargeld in verschiedenen Währungen bei.

  2. Christine
    Antworten

    Ich erinnere mich an eine berufliche Reise nach Hongkong 2013. Die haben dort die Octopus Card, mit der man kontaktlos bezahlen kann. Ich habe sie mit Begeisterung genutzt, denn man konnte sie anonym erwerben und an jedem U-Bahnhof anonym mit Bargeld aufladen.

    Wäre das in Deutschland eingeführt worden statt der Totgeburt Geldkarte (die ja null anonym war), hätte ich keinerlei Probleme damit, an einem Parkautomaten oder in einem Restaurant damit zu zahlen.

    DAS wäre eine schicke Möglichkeit gewesen – gibt Gründe, warum das nicht gewollt war ;-)

    1. Informationsbefreier
      Antworten

      Wenn die Bezahlkarte mit einem zentral geführten Konto verbunden ist – was der Normalfall sein dürfte – dann ist sie nicht wirklich anonym. Denn alle Zahlungen werden mit diesem einen Konto verknüpft und es genügt eine einzige Transaktion, die dich identifiziert, zum Beispiel die Bezahlung der Miete, und damit sind alle Buchungen de-anonymisiert.
      Ein digitales Bezahlmittel, das wirklich anonym ist, erfordert einiges an kryptografischen Tricks. Der GNU-Taler leistet so etwas, kommt aber nicht so richtig in die Gänge. Die GLS-Bank wollte ihn unterstützen, scheint aber seit Wero das Interesse verloren zu haben.

      1. Christine

        Von einer Mietzahlung war nicht die Rede. Sondern davon, unterwegs mal eine Flasche Wasser zu kaufen, die U-Bahn zu zahlen, Parkgebühren usw. Das ist alles anonym dort möglich. Natürlich gibt es die Möglichkeit, sich diese Oyster Card auch über sein Konto automatisch aufladen zu lassen, das ist aber dann halt für die Leute, die es gut finden, wenn sie überwacht werden können.
        Ich hab das Ding sehr gerne und äußerst anonym genutzt.

        Der GNU-Taler kann nicht anonym in die Wallet geladen werden und damit ist er (für mich) genauso inakzeptabel wie Bitcoin und Co.

  3. Waldgaengerin
    Antworten

    Es gibt keinen Widerstand gegen die Bargeldabschaffung.
    Hier z.b. wurde der letzte Geldautomat Postbank / deutsche Bank entfernt, einen Schalter gab es schon lange nicht mehr.
    Da kann man ja nur auf Kartenzahlung umsteigen.
    KLar im Mom. kann man noch Geld an der Supermarktkasse bekommen, fragt sich nur, wie lange noch.
    Bank wechseln bringt dann auch nichts weil die anderen Banken nachziehen werden.

    Wenn man aber sieht, wie fleißig der Michel mit Karte bezahlt, und das schon jahrelang, denkt man sich auch: Wozu sich aufregen. Der Michel will das doch alles so.

    1. Informationsbefreier
      Antworten

      Während des Lockdowns durften wir bereits erleben, dass Geld abheben an der Supermarktkasse auch seine Grenzen hat: Als wir dort Geld abheben wollten, hieß es öfter: Wir haben nicht genügend Geld in der Kasse, weil die Leute alle mit Karte bezahlen.
      Soll heißen: Man bekommt an der Supermarktkasse nur dann Bargeld, wenn zuvor jemand bar bezahlt hat.

  4. Glass Steagall Act
    Antworten

    An mir soll es nicht liegen, ich zahle fast zu 90% bar! Allerdings bemerkt man auch, wie die Banken selbst die Anzahl der Geldautomaten überall reduzieren! Sie versuchen uns systematisch vom Bargeld abzubringen! Allerdings kann und sollte man immer einen Bargeldvorrat für etwa drei Monate zuhause haben! Das ist ein permanenter Tipp von Finanzexperten. Denn es wird der Tag kommen, an dem die elektronischen Bezahlmittel nicht funktionieren werden! Bei einem Blackout oder wenn mal wieder das Bankensystem schief hängt. Dann ist derjenige fein raus, der noch Bargeld hat! Alle anderen können dann mit ihren elektronischen Karten oder Handys nichts mehr zahlen!

    1. 1150
      Antworten

      voriges jahr gab es einmal einen längeren, österreichweiten systemausfall.
      gerade da stand ich bei der supermarktkasse, als die karten nicht wollten.
      blöderweise hatten die beiden atemlufträuber vor mir kein bargeld, er zu ihr geh schnell zum bankomaten,
      an der sich schon eine schlange bildete, in meiner netten art fragte ich ihn, wie lange er noch die kasse blockieren wolle? für ihn blieb nur, alles zurück in den wagen und wieder zurück in den markt.
      der sture bankomat wollte aber auch keine bedruckte versprechen herausrücken, wohl pech gehabt …

  5. Daisy
    Antworten

    Jo, viele lehnen Barzahlungen schon ab, zB Heizöl/Lagerhaus…andere: Sowas machen wir nicht, glaubt der Handwerker, es sei ein unsittliches Angebot. Dass man auch mit Rechnung bar zahlen kann, kommt in der Welt des kl. Klempnerburschen nicht vor…etc. aber ich konnte jüngst auch große Summen bar zahlen, sodass es nun Zeit wird, mir wieder einen Polster heimzulegen. Wie ich die doofen Leute verachte, die im Supermarkt für eine Wurstsemmel ihr Smartphone über den Scanner ziehen…die sind hin in der Birn, denn zum Barzahlen musst Rechnen können. Mir machts Spaß, der Kassierin auch das Kleine hinzulegen. Hier am Land, in den Bergen, da zahlen die meisten noch bar und sie wissen auch, warum!

  6. wolfferth
    Antworten

    „Einseitige „Kein Bargeld“-Schilder und AGB-Klauseln sollen eingeschränkt werden.“

    Der war gut: Im Familypark St. Margareten, mittlerweile im Besitz eines französischen Konzerns, ist es gar nicht mehr möglich bar zu bezahlen. Jeder Schlecker, jeder Drink, jedes Eis und sämtlich Jetons müssen dort mit Karte bezahlt werden, nach dem Schema „Kein Bargeld“.

  7. Hello
    Antworten

    Danke für den Artikel

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.