
Neue Sicherheitsarchitektur in Westasien?
Wie eine verhinderte Kurden-Operation gegen Iran den Riss zwischen Ankara, Washington und Tel Aviv offenlegt und die Frage aufwirft, ob sich in Westasien, von Kolonialmächten „Naher Osten“ genannt, langsam von den USA als „Sicherheitspartner“ lösen und eine eigene Sicherheitskonfiguration entwickeln.
Nach israelischen Medienberichten soll die Türkei eine gemeinsame US-israelische Operation vereitelt haben, mit der kurdische Milizen entlang der iranisch-irakischen Grenze bewaffnet und für einen Vorstoß gegen den Iran mobilisiert werden sollten. Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe US-Präsident Donald Trump massiv unter Druck gesetzt, den Plan zu stoppen – so berichtet unter anderem der israelische Sender i24News. Die Episode ist mehr als eine Randnotiz aus dem Schattenkrieg gegen Teheran: Sie fällt in eine Phase, in der sich am Golf und in der weiteren Region tatsächlich Konturen einer neuen, von Washington und Israel unabhängigen Sicherheitsordnung abzeichnen.
Die Meldung im Detail
Dem Bericht zufolge zielte der Plan darauf, iranisch-kurdische bewaffnete Gruppen zu stärken, einen Bodenvorstoß zu ermöglichen und damit Bedingungen für einen Aufstand gegen die Führung in Teheran zu schaffen. Vorgesehen gewesen sein sollen Waffenlieferungen, militärische Ausbildung, Logistik und Finanzhilfe. Auffällig: Ein Teil der Waffen soll aus Beständen stammen, die Israels Armee zuvor der Hamas und der Hisbollah abgenommen hatte – dieses Detail berichtet auch das Nachrichtenportal The Cradle. Kurdische Milizen sollen kurz vor dem geplanten Angriff bereits Waffen erhalten haben, bevor Washington die Initiative stoppte.
Pikant ist die Frage, wer Erdoğan warnte. Israelische Quellen behaupten laut Middle East Eye, Personen aus dem Umfeld von US-Vizepräsident JD Vance hätten Ankara informiert. Vances Sprecher wies das als „kategorisch falsch“ zurück, wie der Tagesspiegel unter Berufung auf Recherchen der Jerusalem Post berichtet. Selbst innerhalb israelischer Geheimdienstkreise ist demnach umstritten, ob tatsächlich ein Leck aus dem Weißen Haus oder schlicht diplomatischer Druck Erdoğans den Ausschlag gab.
Was die Meldung nicht sagt
Die israelischen Berichte präsentieren die Episode als Konflikt zwischen zwei Verbündeten – Ankara gegen Washington/Tel Aviv – über taktische Fragen der Kurdenpolitik. Ausgeblendet bleibt der größere Kontext: Der Plan war Teil eines erklärten Ziels, die iranische Regierung zu stürzen, wie es auch frühere Berichte von New York Times, CNN und Reuters zu CIA- und Mossad-Kontakten mit kurdischen Gruppen nahelegten. Es handelt sich damit nicht um eine begrenzte Geheimdienstaktion, sondern um einen Baustein eines Regimewechsel-Projekts, das seit Beginn des völkerrechtswidrigen US-israelischen Angriffskriegs gegen Iran im Februar 2026 verfolgt wird.
Ebenfalls unterbelichtet: Erdoğans Motiv wird meist auf Sicherheitsinteressen reduziert – die Furcht vor kurdischer Autonomie an der Grenze zur Türkei. Das trifft zweifellos einen realen Punkt, doch es blendet aus, dass Ankara zugleich eine eigene regionale Führungsrolle beansprucht, die mit einer von Israel dominierten Nachkriegsordnung kollidiert. Das Magazin zenith beschreibt, wie die Türkei den Krieg von Beginn an als klaren Völkerrechtsbruch verurteilte und Vermittlung anbot – eine Position, die sich schwer mit der Rolle eines stillen Komplizen bei einem Regimewechsel-Versuch vereinbaren lässt.
Auch die Bevölkerung der Türkei sieht die Menschen des Irans eher als Partner auf Grund der religiösen Verbindungen, wenn auch wie im Christentum, mit konkurrierenden Strömungen. Gegenüber dem aggressiven Zionismus, der sich zur „Unterwerfung“ aller „Goyim“ erklärte. Weshalb z.B. im politischen Diskurs, unter anderem in großen Medien wie dem Spiegel, Finanzminister Bezalel Smotrich als „Minister für Unterwerfung“ bezeichnet wird. Hintergrund ist sein sogenannter „Unterwerfungsplan“ (Decisive Plan) für das Westjordanland.
Die wichtigste Frage
Das ist die eigentlich relevanteste Frage, die sich aus den Meldungen ergibt: Ist diese Episode ein Einzelfall – oder ein weiteres Symptom dafür, dass sich die Sicherheitsarchitektur der Region tatsächlich neu sortiert, mit der Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und zunehmend auch Pakistan als eigenständigem Machtblock, der versucht sich mit dem Iran zu arrangieren, ja sogar gute Handelsbeziehungen mit ihm aufzubauen?
Was oft übersehen wird in der Berichterstattung
Genau hier liegt der eigentliche Befund. Der gescheiterte Kurden-Plan ist eingebettet in eine Serie von Entwicklungen, die auf eine schrittweise Ablösung von der US-israelischen Sicherheitsgarantie hindeuten. Die taz beschreibt, wie Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan bereits heute ein Bündnis für eine regional gesteuerte Sicherheitsordnung bilden – ausdrücklich unter Einschluss, nicht Ausschluss, Irans, weil man dessen komplette Ausklammerung für gefährlich hält. Nach den iranischen Vergeltungsschlägen auf Golfstaaten im Frühjahr 2026 wuchs dort das Misstrauen gegenüber amerikanischen Sicherheitsgarantien spürbar; die IPG Journal-Analyse spricht von einem dreifachen Schock für das golfarabische Geschäftsmodell aus Handel, Investorenvertrauen und Deeskalationsdiplomatie.
Auch der jüngste NATO-Gipfel in Ankara Anfang Juli 2026 wird von US-nahen Thinktanks selbst als Beleg dafür gelesen, dass sich Golf- und euro-atlantische Sicherheitsfragen neu verschränken, gerade weil Bahrain, Kuwait, Katar und die Emirate dort als eigenständige Akteure auftraten. Die NZZ zitiert einen Nahostexperten der Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Einschätzung, den arabischen Nachbarstaaten gehe es primär um eine „postamerikanische Sicherheitsarchitektur“ – während Israel parallel versucht, mit den Emiraten, Zypern und Griechenland eine eigene Gegenachse zu schmieden.
Der blinde Fleck der israelischen Berichterstattung über die verhinderte Kurden-Operation besteht also darin, den Vorfall als bilaterale Verstimmung zwischen Verbündeten darzustellen, statt ihn als das zu benennen, was er im größeren Bild ist: ein weiteres Datenpunkt dafür, dass zentrale Regionalmächte – Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten, zunehmend auch die Golfstaaten – nicht länger bereit sind, sich US-israelischen Regimewechsel-Projekten unterzuordnen, selbst wenn sie formal im westlichen Bündnissystem verankert bleiben.
Aussichten
Ob daraus tatsächlich eine kohärente, institutionalisierte Sicherheitsarchitektur ohne die USA und Israel entsteht, ist offen. Die Golfstaaten balancieren weiterhin zwischen Diversifizierung Richtung China und Russland und dem Festhalten an amerikanischen Garantien; ein vollständiger Bruch gilt selbst in kritischen Analysen als unwahrscheinlich, ein schrittweiser Abbau der US-Rolle dagegen als plausibel. Der verhinderte Kurden-Einsatz zeigt jedoch exemplarisch, wo die Bruchlinien verlaufen: Washington und Tel Aviv können sich nicht mehr darauf verlassen, dass regionale Partner wie die Türkei ihre Iran-Politik widerspruchslos mittragen – ein Kontrollverlust, der weit über die Kurdenfrage hinausreicht.
Bild: Screenshot aus I24news
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Die syrische Kurdenfrage oder geht es um den Iran?
Der Mossad-„Aufstand“ im Iran und die NYT
„nicht länger bereit sind, sich US-israelischen Regimewechsel-Projekten unterzuordnen“
Ein Scherz? Wann war ein Land jemals zu einem „Regimewechsel-Projekt“ bereit?
Es handelt sich um eiskalte Machtpolitik, um Zwang. Die genannten Länder distanzieren sich ein wenig von den USA, weil der Iran seinerseits eine Drohkulisse aufbaut, um „Westasien“ zu einen. Zwang gegen Zwang. Nicht Küchenpsychologie: Trump hat sich die große Zehe gestoßen, daher ändert er Weltpolitik!
Bevor der Iran türkische Häfen bombardiert, überlässt man dem Nachbarn ein paar Äpfel. Außerdem ist ein Erstarken der Kurden für die Türkei ein Risiko.
Und warum besteht derzeit „ein Kontrollverlust“? Weil die Amerikaner bis zu den Zwischenwahlen den Krieg nicht eskalieren wollen.
Das die Amis 150 Jahre Einigungskrieg der Muslime zwecks Emanzipation und Nationbuilding und „Souveränität der Völker“ durch „schrittweisen Abbau“ fördern werden, ist eher nicht so. Schließlich kommt von dort 1/5 der Energie.
Die Amis verhandeln derzeit mit dem Sudan, bzw. mit abtrünnigen Provinzen des Sudan über eine „Heimstatt“ der Palästinenser.
Die diesbezüglichen Schlagworte lassen wir dem Algorithmus zuliebe aus.
Wenn das gelingt, können die Türken die Kurdenfrage lösen, Leyen die Roma-, AfD- und Schwurblerfrage, China die Uigurenfrage und die USA die hohe Kriminalitätsrate der Schwarzen.
Ziel wird sein, das Gebiet von Israel bis in die Kurdengebiete so zu stabilisieren, dass die Pipelines ans Mittelmeer geführt werden können und die Erpressung in Hormus und im Roten Meer entfällt.
Logischerweise wird man dazu die iranischen Proxies entfernen. Und natürlich werden die Nato-Partner alle mitziehen. Und Russland und China ebenso.
Donald hat wieder mal ein Ultimatum rausgehauen. Die Str.v.H ist freizugeben, sonst Bombing.
Und sollte ein Attentat auf ihn verübt werden, wird der Iran in die Steinzeit gebombt.
Die Kurden tun mir als alte May-Leserin leid. Ich wünsche ihnen, dass sie endlich ihr Kurdistan erhalten, aber der Sultan vom Bosporus mag das nicht leiden. Ähnlich wie Israhell von Großirahell träumt er vom Osmanischen Großreich. Erdowahn hat a) eine strategisch wichtige Position und b) ist er bei der NATO. Mit ihm legt „der Westen“ sich nicht an. Beim letzten NATO-Treffen war Trump ausgesprochen freundlich zu ihm. Erdowahn ignorierte das. Aber nun, der ist auch vermutlich schon senil…