Europas Wirtschaft hängt am seidenen Faden

1. Juli 2026von 8,7 Minuten Lesezeit

Europas, noch stärker Deutschlands Wirtschaft hängt an einem seidenen Faden. Nachdem sich die politische Führung von Atomkraft verabschiedete, Anlagen bewusst zerstörte, Kohleminen flutete und die in Jahrzehnten bewährte Lieferungen von Energie aus Russland sanktionierte, hängt sie an US-Lieferungen und denen aus Westasien. Und dort droht ein großer Krieg.

Nun, so lautet eine These, welche u.a. durch iranische Intellektuelle verbreitet wird, plane der Iran im Gegenzug, im Fall eines Kriegsneustarts, über eine durch die Straße von Hormus ausgelöste Weltwirtschaftskrise einen Regimewechsel in den USA zu erzwingen. Das hätte man noch vor zwei Jahren als „Größenwahnsinn“ abgetan. Aber nachdem der Iran der größten Militärmacht der Welt und der stärksten Militärmacht der Region, beide unterstützt von vielen Golfdiktaturen, getrotzt hatte, sollte man das nicht zu schnell von der Hand weisen. Spielen die USA Mühle, während der Iran GO praktiziert?

Derweil fliegen die USA so viel Kriegsmaterial in die Region wie seit dem letzten großen Krieg gegen den Irak nicht mehr. Angeblich sollen 60.000 US-Soldaten über den Irak in den Iran einmarschieren. Dort wird die Szene vorbereitet, indem pro-iranische Politiker per „Antikorruptions“-Kampagne entmachtet werden. Das Bild ist griffig – Mühle gegen Go, symmetrische Kriegsführung gegen asymmetrische Zermürbung. Was davon lässt sich mit Quellen unterlegen, was bleibt Spekulation?

Die Ausgangslage: Krieg, Waffenruhe, neue Verletzung

Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran begann am 28. Februar 2026 mit gezielten Angriffen, bei denen unter anderem der Oberste Führer Ali Chamenei getötet wurde; sein Sohn Mojtaba wurde daraufhin zum neuen Staatschef gewählt. Nach monatelangen Kämpfen unterzeichneten die USA und der Iran Mitte Juni 2026 eine Absichtserklärung (MoU) zur Beendigung des Konflikts. Diese Waffenruhe gilt als fragil: Ende Juni griffen die USA nach einem Angriff auf ein Frachtschiff in der Straße von Hormus, welches die Anweisungen des Iran missachteten, erneut iranische Ziele an, und der Iran erklärte die Straße nach israelischen Angriffen im Libanon zwischenzeitlich wieder für geschlossen. Der Chef der iranischen Diplomatie, Abbas Araghtschi, warnte zuletzt, jeder Alleingang bei der Öffnung der Meerenge werde die Spannungen weiter erhöhen. Genau in diesem Kontext – ein Bruch des MoU durch Israel und ein Wiederaufflammen des Krieges – ist der Hintergrund für das Szenario.

Was belegt ist: Der Hormus-Hebel als reales Druckmittel

Seit Kriegsbeginn hat der Iran die Straße, durch die im Normalbetrieb rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels läuft, weitgehend blockiert. Ab März 2026 führte Teheran ein System von „Transitgebühren“ ein – offiziell als Bezahlung für Navigations-, Sicherheits- und Umweltdienstleistungen deklariert, um dem völkerrechtlichen Vorwurf einer unzulässigen Maut zu entgehen. Nach Angaben eines iranischen Parlamentsmitglieds werden inzwischen zwischen 1,5 und 2 Millionen US-Dollar pro Schiff fällig, verwaltet über eine eigens geschaffene Behörde. Analysten halten kursierende Schätzungen von 40 bis 100 Milliarden Dollar Jahreseinnahmen für übertrieben; realistischer seien ein bis zwei Milliarden Dollar. Ökonomisch ist das System dennoch wirksam: Ein vor Anker liegender Tanker verliert durch Besatzungskosten, Kreditraten und Kriegsrisikoprämien täglich Geld, sodass für viele Reedereien die Zahlung an Teheran schlicht günstiger ist als das Warten.

Tatsächlich könnte diese „Sicherheitsgebühr“ als Ersatz für die niemals eintreibbaren Reparationszahlungen, welche zweifellos dem Iran auf Grund des Angriffskrieges zustehen angesehen werden. Ein Verfahren vor dem IGH würde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, und schließlich würden sich die USA einfach weigern zu zahlen, ähnlich wie im Nicaragua-Fall der Verurteilung.

Zurück zum GO-Spiel des Irans. Das Kalkül, wonach eine erneute Vollsperrung der Straße die Weltwirtschaft empfindlich treffen würde, ist also nicht aus der Luft gegriffen – ein UN-Sicherheitsratsentwurf zur erzwungenen Öffnung scheiterte bislang am Veto Russlands und Chinas. Da Russland sogar von einer Sperrung der Straße von Hormus auf Grund der steigenden Ölpreise profiziert, ist nicht anzunehmen, dass es kein Veto einlegen wird, sollte der Sicherheitsrat die Öffnung erzwingen wollen. Und geschickterweise erklärt der Iran ja auch selektiv Tanker die Erlaubnis zu erteilen, welche nicht Ländern zuzuordnen sind, welche die angreifende Koalition unterstützen.

Der Irak: Eine reale Antikorruptions-Kampagne – mit ungeklärter Stoßrichtung

Eine „Antikorruptions“-Kampagne im Irak läuft seit Ende Juni 2026 tatsächlich. Der eigentlich gewählte Premierminister musste auf Druck der USA auf sein Amt verzichten. Der neue, von den USA akzeptierte, erst am 16. Mai 2026 vereidigte Regierungschef Ali al-Zaidi ließ in einer nächtlichen Operation (Operation Fajr) die schwer gesicherte Grüne Zone in Bagdad stürmen; Eliteeinheiten des Counter-Terrorism Service verhafteten binnen weniger Tage rund 47 Politiker, Abgeordnete und Beamte, mehreren Parlamentariern wurde zuvor die Immunität entzogen. Auslöser war ein Schmuggelfall um den wegen Beihilfe zur Umleitung irakischen Öls in Richtung Iran sanktionierten Vize-Ölminister Ali Maarij. Nach Angaben von Iran International befanden sich unter den Festgenommenen auch mehrere Politiker aus dem iran-nahen schiitischen Lager.

Damit hat die im Ausgangstext genannte „Antikorruptions“-Kampagne einen realen Kern – zeitlich fällt sie zudem mit einem für Juli geplanten Washington-Besuch al-Zaidis zusammen, bei dem er die Entwaffnung iran-naher Milizen zusichern soll. Allerdings warnen Beobachter vor einer zu einfachen Lesart: Die Jerusalem Post berichtete, anders als vielfach angenommen richteten sich die Razzien nicht ausschließlich gegen iran-nahe Figuren, sondern quer durch das politische Spektrum, auch gegen sunnitische Politiker. Ein Kommentar in The National wiederum wies darauf hin, dass am selben Tag auch der iranische Außenminister Araghtschi in Bagdad empfangen wurde und sich „beide Parteien zufrieden“ zeigten – ein Befund, der eher für eine symbolische Machtdemonstration der neuen Regierung als für eine gezielte, von Washington gesteuerte Säuberung spricht, falls es nicht eine rein diplomatische Ausflucht war.

Die behauptete konkrete Verbindung – eine Säuberung als Vorbereitung für den Durchmarsch von rund 60.000 US-Soldaten – wird vor allem von Kommentatoren vertreten, welche sich lediglich auf Angaben über extrem intensive militärische Transportaktivitäten basieren.

Bessents „economic statecraft

US-Finanzminister Scott Bessent sagte am 5. Februar 2026 vor dem Bankenausschuss des US-Senats wörtlich, man habe „a dollar shortage in the country“, also einen Mangel an Dollars erzeugt, was im Dezember 2025 im Kollaps einer großen iranischen Bank gipfelte: Die Zentralbank habe Geld drucken müssen, der Rial sei abgestürzt, die Inflation explodiert – „and hence we have seen the Iranian people out on the street“, und das habe die iranischen Menschen auf die Straßen getrieben.

Bereits am 20. Januar hatte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos ähnlich formuliert und das Vorgehen als „economic statecraft – no shots fired“, als de facto Führen eines Wirtschaftskrieges, ohne Schüsse abzufeuern, bezeichnet. Grundlage war eine bereits im März 2025 am Economic Club of New York gehaltene Rede, in der er das Ziel offen benannte, Irans Wirtschaft kollabieren zu lassen. Diese Aussagen sind durch Senatsprotokolle sowie Berichte von NPR, Al Jazeera und den Faktencheck von PolitiFact mehrfach belegt. Damit ist die Behauptung– gezielte Finanzoperationen als Vorstufe zu einem angestrebten Regimewechsel – für den aktuellen Iran-Konflikt keine Spekulation, sondern eine öffentlich eingeräumte US-Strategie, die zeitlich direkt vor den Massenprotesten im Dezember 2025/Januar 2026 und dem Kriegsbeginn Ende Februar 2026 lag.

Die zweite Stufe: bewaffnete Gruppen und Proteste, die eskalierten

Erst Finanzdruck, dann bewaffnete Gruppen, um Proteste in Gewalt umschlagen zu lassen. Für Stufe eins liefert Bessent selbst den Beleg. Für Stufe zwei ist die Quellenlage gemischt, aber nicht ohne Substanz. Ein iranischer Regierungsvertreter behauptete öffentlich, „Israel und bewaffnete Gruppen im Ausland“ hätten Demonstrierende unterstützt und ausgerüstet – das ist allerdings eine Behauptung der iranischen Regierung selbst, das ein Interesse daran hat, die Proteste als fremdgesteuert darzustellen, und lässt sich, wie man im Westen so gern sagt „unabhängig nicht verifizieren„.

Unabhängig dokumentiert ist dagegen, dass ein mit dem Mossad verbundenes Social-Media-Konto in persischer Sprache Iraner zur Teilnahme an den Protesten aufrief und Unterstützung „vor Ort“ versprach, dass Ex-CIA-Direktor Mike Pompeo öffentlich „jeden Mossad-Agenten, der neben ihnen geht“ grüßte, und dass Donald Trump per Truth-Social-Post ein Eingreifen der USA ankündigte, sollte die Regierung auf Demonstrierende schießen lassen. Das belegt gezielte Einflussnahme und offene Sympathiebekundungen westlicher Geheimdienstkreise. Tatsache ist, dass ca. 214 Mitglieder der Sicherheitskräfte durch Bewaffnete getötet wurden, dass die namentlich bekannten Opfer insgesamt zwischen 3000 und 3600 beträgt, und dass es zahlreiche Videobeweise gibt, wie Bewaffnete willkürlich in Menschenansammlungen, aber auch gegen Sicherheitskräfte das Feuer eröffnet hatten. Außerdem waren Gruppen von Bewaffneten, welche über die Grenze aus dem Irak einsickern wollten, durch die Grenzbehörden in Feuergefechten getötet worden.

Was weiterhin offen bleibt: das Regimewechsel-Szenario für die USA

Unverändert unbelegt bleibt dagegen, dass der Iran nun seinerseits gezielt plane, über eine durch Hormus ausgelöste globale Wirtschaftskrise einen Regimewechsel in Washington zu erzwingen. Dafür findet sich – anders als bei Bessents Aussagen zum eigenen Vorgehen gegen den Iran – keine offizielle iranische Position und keine Einschätzung westlicher Geheimdienste in den ausgewerteten Quellen. Belegt ist, dass Teheran die Straße von Hormus demonstrativ als Verhandlungsmasse und Souveränitätssymbol nutzt und mit dem Mautsystem ein dauerhaftes wirtschaftliches Druckinstrument geschaffen hat. Dass daraus die strategische Absicht folgt, gezielt eine US-Regierungskrise herbeizuführen, bleibt eine plausible, aber unbewiesene Zuspitzung.

Dagegen spricht, dass es in den USA nicht wirklich eine politische Alternative gibt. Letztlich wird die US-Außenpolitik in Bezug auf Westasien im Kongress über israelische Einflussorganisationen wie AIPAC bestimmt.

Mühle und Go – aber mit Fußnoten

Das Bild vom symmetrischen Kriegsspiel Mühle gegen das strategische Umzingelungsspiel Go trifft die reale Asymmetrie zwischen amerikanischer Feuerkraft und iranischer Zermürbungstaktik durchaus – und mehrere Bausteine der Ausgangsthese sind besser belegt, als eine erste Lesart nahelegte.

Aber egal ob der Iran den Masterplan eines Regime-Change in den USA verfolgt, sollte der Krieg wieder aufflammen und/oder die USA eine Bodeninvasion starten, wird Europa vor den USA leiden. Während in Asien derzeit wieder die Öltanks gefüllt werden, und China sogar nach wie vor gefüllte Vorräte besitzt, und die USA immerhin eigene Ölvorkommen haben, obwohl die auch nicht ausreichen, um den eigenen Bedarf zu decken, und dank Kapitalismus die Preise auch in den USA explodieren werden, sollte die Ölversorgung längerfristig behindert werden.

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9 Kommentare

  1. Jochen Mitschka 1. Juli 2026 um 19:16 Uhr - Antworten

    Eine Wirtschaftskrise, ausgelöst durch die Sperrung der Straße von Homburg durch den Iran wäre reine Selbstverteidigung. Wenn die Welt das Völkerrecht gegen die USA nicht bereit sind durchzusetzen, und nichts gegen den Angriffskrieg unternehmen, dann soll die Welt halt leiden, könnte ich mir als Denke dort gut vorstellen.

  2. Jurgen 1. Juli 2026 um 18:54 Uhr - Antworten

    Ach wenn die deutsche Wirtschaft (der Mittelstand) doch eine kleine Spinne wäre, dann könnte sie einen langen dünnen Faden spinnen, der sie in die ganze Welt trüge… völlig kostenlos, nur durch den eigenen Auftrieb des Fadens (Reynolds Zahl), getragen von der Luft und dem Wind und der Sonne als Energieträger… der seidene Faden eben…

    • Jurgen 1. Juli 2026 um 19:00 Uhr - Antworten

      Damit läßt sich sogar kostenlose Energie gewinnen.

  3. Waldgaengerin 1. Juli 2026 um 17:30 Uhr - Antworten

    Aktuelle Ölreserven der Brd sind nicht bekannt. Laut Ernst Wolff waren es am 10.Mai noch 67 Tage.

    Turner dazu – er bezieht sich im gesamten Artikel auf die USA: „Goldman Sachs berichtete von globalen Lagerbeständen, die die Nachfrage für 101 Tage decken, und prognostizierte einen Rückgang auf 98 Tage bis Ende Mai. HFI Research schätzte, dass die US-Rohölreserven in zwei Wochen aufgebraucht sein könnten. Die US-Ölreserven könnten in acht Wochen erschöpft sein. Die einzigen verbleibenden globalen Reserven sind die kommerziellen Lagerbestände der USA und Chinas strategische Reserve.“

    Irans Plan wird dann schon aufgehen. Wobei es unmöglich ist, zu sagen, ob dies der allgemeine Plan dahinter ist: die Weltwirtschaft so zusammen brechen zu lassen, ob die Kriegsbeteiligten nicht, wie auch in der Ukraine und anderswo, hinter den Kulissen zusammen arbeiten um die Weltwirtschaft erstens auszubluten und dann kollabieren zu lassen.

    • Jurgen 1. Juli 2026 um 18:57 Uhr - Antworten

      Ein Nato Lager liegt über die Grenze im Elsaß in Frankreich und Pipelines kommen vom Atlantik und vom Mittelmeer. Das ist doch alles öffentlich bekannt. Nur um Berlin rum ist es etwas mau.

      • Waldgaengerin 1. Juli 2026 um 20:49 Uhr

        Ist die Frage, wie lange das hält. Klar ist, man zehrt überall von den Reserven und die sind irgendwann alle. Darüber wird nicht öffentlich kommuniziert.

  4. Jurgen 1. Juli 2026 um 13:26 Uhr - Antworten

    Die USA spielen immer Poker. Die Briten schauen ihnen dabei ins Blatt. Der Iran hat das verbrannte Weltwirtschaft Schach erfunden. Und letztlich ziehen sie weltweit alle am gleichen Strang, um als nächstes Digital-Fiat und Überwachung zu installieren…

  5. Jochen Mitschka 1. Juli 2026 um 11:15 Uhr - Antworten

    Europäer, zieht euch warm an: „JD VANCE gibt beiläufig zu, dass der einzige Zweck des fingierten „Waffenstillstands“ mit dem Iran darin besteht, Öl- und Mineralvorräte aufzufüllen, damit sie den Krieg für Israel wieder von vorne beginnen können“ https://x.com/Partisan_12/status/2072159638771098072/video/1

  6. 1150 1. Juli 2026 um 10:23 Uhr - Antworten

    europas wirtschaft ist nach 1945 nur wegen des kalten krieges wiedererstanden,
    ohne diesen, hätte die ach so freundlichen usa schon damals europa als konkurrenten
    kalt lächelnd erwürgt und keinen müden cent in den marshallplan gesteckt.
    patente wurden, wie schon 1918 gestohlen und 1945 holte man sich noch das passende personal

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