Merz, der Yuan und die Grenzen der Plaza-Analogie

21. Juni 2026von 6,3 Minuten Lesezeit

Die EU unter der „Führung“ von Bundeskanzler Merz glaubt, China zu einer Veränderung seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik zwingen zu können, und erklärt sogar, wie das passieren soll. Ein Fall von Größenwahn, oder clevere Geopolitik?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in den vergangenen Wochen wiederholt eine historische Parallele bemüht: das Plaza-Abkommen von 1985, mit dem Washington seinerzeit eine Aufwertung des japanischen Yen erzwang. Beim G7-Treffen im französischen Evian und erneut beim EU-Gipfel am 19. Juni 2026 in Brüssel forderte er internationale Gespräche über die Bewertung des chinesischen Yuan, den er für bis zu 30 Prozent unterbewertet hält – deutlich mehr als die rund 16 Prozent, von denen der Internationale Währungsfonds ausgeht. Kritische Stimmen, darunter aus dem linken und antiimperialistischen Spektrum, ziehen daraus den Schluss, Merz wolle gegenüber Peking wiederholen, was Washington 1985 Tokio antat – und werde damit scheitern, weil China heute ein souveräner Wettbewerber sei und kein untergeordneter Verbündeter wie das Japan der achtziger Jahre. Schauen wir uns an, wie die Situation tatsächlich ist.

Was 1985 in New York tatsächlich beschlossen wurde

Am 22. September 1985 einigten sich die Finanzminister der USA, Japans, Westdeutschlands, Frankreichs und Großbritanniens im New Yorker Plaza Hotel auf eine koordinierte Abwertung des Dollar, vor allem gegenüber dem Yen. Hintergrund war ein massives US-Handelsdefizit gegenüber Japan und die Sorge, die amerikanische Industrie könne gegen japanische Exporteure nicht mehr konkurrieren.

Die Wirkung war drastisch: Der Dollar fiel gegenüber dem Yen bis Ende 1987 um annähernd die Hälfte. Japans Exportwirtschaft geriet unter Druck, die Bank von Japan reagierte mit einer extrem lockeren Geldpolitik, und das überschüssige Kapital floss in Aktien- und Immobilienspekulation. Als diese Blase 1990/91 platzte, begann das, was als „verlorenes Jahrzehnt“ in die Wirtschaftsgeschichte einging – von manchen Ökonomen inzwischen auf zwei oder gar drei verlorene Jahrzehnte ausgedehnt.

Dass Tokio dem Abkommen zustimmte, lag wesentlich an seiner sicherheitspolitischen Abhängigkeit von Washington: Japan war im Kalten Krieg ein zentraler, aber militärisch von den USA abhängiger Außenposten gegen den Kommunismus in Ostasien und hatte gegenüber seinem Schutzpatron wenig Verhandlungsmasse.

China hat aus diesem Präzedenzfall gelernt

Die Episode liefert tatsächlich eine historische Lehre – und China hat sie früh gezogen. Als die USA Mitte der 2000er-Jahre ähnlichen Druck auf Peking ausübten, gab die chinesische Notenbank die feste Dollar-Anbindung des Yuan am 21. Juli 2005 auf und ließ die Währung in einem kontrollierten, langsamen Tempo aufwerten: Bis zum Sommer 2008 stieg der Yuan um rund 21 Prozent gegenüber dem Dollar, bevor die globale Finanzkrise die Aufwertung erneut stoppte.

Das war eine gezielte, selbstbestimmte Anpassung – kein Diktat von außen, und in jedem Fall weit entfernt vom Tempo und Ausmaß der Yen-Aufwertung nach 1985. Diese kontrollierte Vorgehensweise unterstreicht, warum eine Wiederholung des Plaza-Szenarios mit China schon aus technischen Gründen kaum möglich ist: Der Yuan ist bis heute nicht frei konvertibel, Pekings Kapitalverkehrskontrollen sind streng, und die Steuerung des Wechselkurses liegt vollständig in den Händen der chinesischen Führung.

Eine Volkswirtschaft, die ihre Währung nicht den Finanzmärkten überlässt, lässt sich nicht über Nacht „plazen“.

Was Merz tatsächlich vorschlägt – und was nicht

Merz hat bislang keinen Zwangsmechanismus nach dem Vorbild von 1985 gefordert, sondern einen „Währungsdialog“ ins Spiel gebracht – eine deutlich vagere Formulierung, die eher auf diplomatischen Druck als auf eine erzwungene Neubewertung zielt, jedenfalls wenn man der taz folgt). Bezeichnend ist zudem, dass ausgerechnet Deutschland und Spanien beim Gipfel in Brüssel härtere Vergeltungsmaßnahmen wie US-ähnliche Strafzölle vorerst blockierten, während andere Mitgliedstaaten – etwa Belgien – auf eine schärfere Gangart drängten. Merz positioniert sich damit eher als Bremser eines offenen Handelskriegs denn als dessen Architekt, auch wenn seine Rhetorik zur Währungsfrage stellenweise konfrontativ klingt.

Der Hinterhalt von 1985, der nicht zweimal funktioniert?

Hinzu kommt eine gewisse Volatilität in seiner China-Politik: Bei seinem Antrittsbesuch in Peking im Februar 2026 hatte er noch von einer „Vertiefung der strategischen Partnerschaft“ gesprochen und sich für offenen, fairen Handel starkgemacht, kann man in Meldungen der Bundesregierung nachlesen. Wenige Wochen später brachte er im Bundestag überraschend ein langfristiges EU-China-Handelsabkommen ins Spiel – ein Vorstoß, den die EU-Kommission prompt zurückwies und stattdessen „sinnvolle“ Reformen der chinesischen Wirtschaftspraktiken einforderte. Der China-Experte Benjamin Reichenbach wertete diesen Kurswechsel als Ausdruck der tiefen deutschen Verflechtung mit dem chinesischen Markt, weniger als kohärente Strategie.

Die „Überkapazitäts“-Debatte: nicht nur eine Frage der Schuldzuweisung

Kritiker der EU-Politik erklären, der Vorwurf chinesischer „Überkapazität“ sei in Wahrheit nichts als das Eingeständnis westlichen Wettbewerbsversagens nach Jahrzehnten von Deindustrialisierung. Diese These hat einen wahren Kern – Europas Industriepolitik war über lange Phasen tatsächlich zurückhaltend, während China gezielt staatlich gelenkte Skaleneffekte in Sektoren wie Elektrofahrzeugen, Solartechnik und Stahl aufgebaut hat. Sie blendet aber aus, dass auch internationale Institutionen wie der IWF die chinesische Industriepolitik und die damit verbundenen Subventionen als eigenständigen Verzerrungsfaktor benennen, unabhängig von westlichem Eigenverschulden. Die Realität dürfte eine Mischung beider Erklärungen sein: strukturelle Subventionspolitik in China einerseits, jahrzehntelange Vernachlässigung industriepolitischer Instrumente in Europa andererseits, und Fokussierung auf Sanktionen, um „Russland in die Knie zu zwingen“, statt Wirtschaftsentwicklung.

Das EU-Warenhandelsdefizit mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, ein Anstieg von etwa 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr; allein auf Deutschland entfielen davon rund 90 Milliarden Euro, ein Plus von 33 Prozent. Gleichzeitig sind deutsche Autoexporte nach China seit ihrem Höhepunkt 2022 um rund zwei Drittel eingebrochen.

Eine EU, die sich selbst nicht einig is

Die größere Schwäche der Plaza-Analogie liegt vielleicht weniger in Chinas Stärke als in Europas Uneinigkeit. Anders als 1985, als sich fünf Staaten mit einer Stimme einigten, ringt die EU derzeit sichtbar um eine gemeinsame Linie. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vertritt einen konfrontativeren Kurs und warnte, man könne Chinas exportorientiertes Wachstumsmodell nicht länger hinnehmen; der belgische Regierungschef Bart De Wever drängt auf härtere Vergeltungsmaßnahmen, selbst auf das Risiko von Gegenmaßnahmen hin. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez positionierte sich beim Brüsseler Gipfel dagegen als pragmatische Stimme: Europa müsse Brücken bauen, sowohl zu potenziellen Partnern wie China als auch zu traditionellen Verbündeten wie den USA, mahnte er gleichzeitig aber, der Dialog mit Peking müsse auch zu konkreten Ergebnissen führen.

Diese Spannung zwischen Dialog und Konfrontationskurs zieht sich auch innerhalb der Bundesregierung durch: Während Merz beim Gipfel selbst eine Eskalation in einen offenen Handelskrieg ablehnte, signalisierte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zuletzt größere Offenheit für Strafzölle.

Hinzu kommt diplomatisches Kontra aus Peking: China sagte Mitte Juni kurzfristig zwei hochrangige technische Treffen mit Brüssel ab, ohne dies offiziell zu begründen – ein Signal, das viele Beobachter als bewusste, aber kontrolliert dosierte Verschärfung des Konflikts werten.

Wie sind die Aussichten?

Wer die erzwungene „Eindämmung“ Japans von 1985 ausschließlich als Blaupause für 2026 liest, übersieht sowohl die strukturellen Unterschiede zwischen Tokio damals und Peking heute als auch die Tatsache, dass Europa selbst weit von jener geschlossenen Front entfernt ist, die einst überhaupt erst die Voraussetzung für das Plaza-Abkommen war. Aber überhaupt so, ÜBER China zu sprechen, statt kooperierend MIT China, zeugt davon, dass die EU-Politiker noch lange nicht im Gedanken des Multipolarismus angekommen sind.

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3 Kommentare

  1. Der Zivilist 21. Juni 2026 um 19:49 Uhr - Antworten

    Westeuropa verschwendet sein Potential in einem Krieg gegen Russland.

    China vermeidet solche Dummheiten.

  2. 1150 21. Juni 2026 um 17:44 Uhr - Antworten

    friedrich merz ist wohl der schwanztragende annalena baerbock …..

    • 1150 21. Juni 2026 um 17:45 Uhr - Antworten

      das, nicht der, meinte ich

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